Vergleich der Vater-Sohn-Beziehung in Jurek Beckers Romanen Der Boxer und Bronsteins Kinder


Seminararbeit, 2001
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Hauptpersonen
2.1. Die Väter
2.2. Die Söhne

3. Probleme in der Vater-Sohn-Beziehung
3.1. Zuneigung/Abneigung
3.2. Kommunikation
3.3. Erwartungen

4. Abschlußbemerkung

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Jurek Becker beschäftigt sich in seinem dritten Roman „Der Boxer“, der 1976 erschien, mit der Frage, wie ein jüdisches Opfer des Nationalsozialismus im Nachkriegsdeutschland mit seiner Vergangenheit und den daraus resultierenden Erfahrungen leben kann. Besonderes Augenmerk richtet Becker auf die Erziehung des Sohnes des Opfers und das Verhältnis zwischen Vater und Sohn.

1986 greift Becker dieses Thema in seinem sechsten Roman „Bronsteins Kinder“ nochmals auf. Wieder geht es um ein Opfer des Faschismus in Deutschland und das Verhältnis zu dessen Sohn. Der wesentliche Unterschied liegt in der Zeit, in der die beiden Romane spielen. Während „Der Boxer“ in der unmittelbaren Nachkriegszeit und den darauffolgenden Jahren angesiedelt ist, spielt „Bronsteins Kinder“ in den Siebziger Jahren.

Die zentrale Problematik besteht in beiden Romanen jedoch in dem schwierigen Verhältnis, in dem Vater und Sohn zueinander stehen. Die schwierigen Charaktereigenschaften sowohl der Väter als auch der Söhne führen immer wieder zu Schwierigkeiten und gegenseitigem Unverständnis, was im weiteren Verlauf dieser Arbeit zu zeigen sein wird.

Ausgehend von Charakteranalysen der Hauptpersonen in den beiden Romanen und deren Vergleich sollen weiterhin die wesentlichen Punkte in den beschriebenen Vater-Sohn-Verhältnissen untersucht werden, um deren Schwachstellen aufzuzeigen.

2. Die Hauptpersonen

2.1. Die Väter

Jurek Becker stattet die Figur des Arno Bronstein mit vielen Eigenschaften aus, die er zuvor bereits Arno Blank zuteilte. Er unterstreicht diese Parallelen völlig offensichtlich dadurch, daß beide Männer den gleichen Vornamen tragen, wenngleich Arno Blank ursprünglich Aron hieß und seinen Namen eigenmächtig änderte, um dadurch seine Zugehörigkeit zum Judentum zu verstecken. Dieses Leugnen der eigenen Identität ist ebenfalls beiden Männern eigen. Bronstein versucht, sich dem deutschen Leben so gut es geht anzupassen. Er geht sogar so weit, daß er eine jüdische Identität generell abstreitet:

Es gebe überhaupt keine Juden. Juden seien eine Erfindung, ob eine gute oder eine schlechte, darüber lasse sich streiten, jedenfalls eine erfolgreiche. Die Erfinder hätten ihr Gerücht mit so viel Überzeugungskraft und Hartnäckigkeit verbreitet, daß selbst die Betroffenen und Leidtragenden, die angeblichen Juden, darauf hereingefallen seien und von sich behaupteten, Juden zu sein.[1]

Ein großer Widerspruch in der Figur des Arno Bronstein besteht darin, daß er zum einen zwar die o.g. Theorie äußert, auf der anderen Seite jedoch mittels Selbstjustiz versucht, den ihm zugeführten Schaden im KZ durch die Folter eines ehemaligen KZ-Aufsehers zu vergelten. Grund für diesen Schritt ist mangelndes Vertrauen in die Justiz:

Wer stark genug sei, könne diesem deutschen Gesindel seine Überzeugung diktieren, ob er nun Hitler oder sonstwie heiße. Darum hätten sie beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Wenn es ein Gericht gäbe, das von ihnen anerkannt würde, wären sie nie auf eine solche Idee gekommen.[2]

Arnos Sohn Hans belauscht an einem Abend ein Gespräch, das sein Vater mit seinen Freunden in der Küche führt. Die Tatsache, daß dieses Gespräch auf Jiddisch geführt wird, ist ebenso eine Tatsache, die nicht ganz in Bronsteins Theorie paßt. Wäre er konsequent, so würde er die jiddische Sprache, wo sie doch einen Teil der jüdischen Kultur darstellt, ablehnen.

Bronstein, und das ist eine weitere Parallele zu Arno Blank, muß in den Nachkriegsjahren als Schieber tätig gewesen sein. Das jedenfalls erfährt der Leser durch seinen Sohn Hans, der es „aus Bemerkungen, aus Unvorsichtigkeiten, die ihm (Arno) über Jahre hin unterliefen“[3] geschlußfolgert hat. Die Schiebertätigkeit muß dem Mann damals ein kleines Vermögen eingebracht haben, das jedoch mittlerweile verbraucht ist. Lediglich der Besitz des Waldhäuschens, in dem der ehemalige KZ-Aufseher gefangen gehalten wird, läßt noch auf das Vermögen schließen.

Als ´Opfer des Faschismus´ mag Bronstein sich nicht sehen. Sein Plan, selber für Gerechtigkeit in seinem Sinne und für Vergeltung zu sorgen, läßt vermuten, daß ihn vor allem die Opferrolle mißfällt. Opfer zu sein ist passiv, defensiv. Es bedeutet, einem Täter ausgeliefert zu sein und seine Befehle und Drohungen hinzunehmen. Genau dieses Entgegennehmen von Befehlen ist das, was er den Deutschen vorwirft:

Sie können ihn deshalb nicht aus Überzeugung verurteilen, weil sie keine haben. Sie kennen nur Befehle. Viele bilden sich ein, daß die Befehle, die man ihnen gibt, ihrer eigenen Meinung entsprechen. Aber wer kann sich darauf verlassen? Befiehl ihnen, Hundedreck zu essen, und wenn du stark genug bist, werden sie Hundedreck bald für eine Delikatesse halten.[4]

Bronsteins Tod während eines neuerlichen Verhörs in seinem Waldhaus macht ihn letztlich doch zu einem Opfer des Faschismus. Seine Todesursache wird nicht genau erwähnt, wahrscheinlich ist jedoch, daß sein immer selbstzerstörerischer Lebenswandel mit zu diesem plötzlichen Tod beigetragen hat. Dieser Lebenswandel, mit viel Alkohol, Streß und wenig Schlaf, war eine Folge der übermäßigen Anspannungen, denen Bronstein während der letzten Monate ausgesetzt war. Somit hat ihm der Zustand, ein Opfer des Faschismus zu sein, das Leben gekostet. Wenn nicht direkt, dann zumindest indirekt durch die Rolle des Richters, in die er selbst geschlüpft war, und in der er sich zum Teil ähnlicher Methoden bediente wie einst seine Peiniger.

Bronsteins Verhältnis zu seinem Sohn ist sehr angespannt. Immer wieder kommt es zu verbalen Auseinandersetzungen. Die wesentlichen Schwachstellen im Verhältnis der beiden zueinander sollen an späterer Stelle noch genauer untersucht werden. Im Gegensatz zu Arno Blank sind bei Bronstein keine übermäßigen fürsorglichen Gefühle für seinen Sohn erkennbar. Spätestens ab dem Moment, in dem Hans ihm eröffnet, er wisse von den Vorgängen im Waldhaus, scheint Arno ihn mehr als mögliche Gefahr und als Gegner zu sehen. Dieses Gefühl äußert er völlig unverblümt während eines gemeinsamen Essens mit seinen Freunden:

...wir sahen uns herausfordernd in die Augen, und Vater fragte: „Wie soll ich dich nicht behandeln?“ - „Wie einen Feind.“ - „Aber du bist mein Feind.“[5]

Dieser kurze Wortwechsel zwischen den beiden sagt mehr über ihre Beziehung aus als die meisten anderen Gespräche. Er ist in diesem Sinne eine Art Höhepunkt aller bisherigen Streitgespräche.

Wie bereits eingangs erwähnt, entwickelt sich Arno Bronstein während des Romans nicht zum Sympathieträger für den Leser. Ähnlich ist es auch bei Arno Blank, dem Vater in Jurek Beckers Roman Der Boxer, der genau zehn Jahre vor Bronsteins Kinder erschien.

Arno Blank wird ebenfalls vom Opfer zum Täter, wenn auch in einer völlig anderen Perspektive. Er nimmt keine Rache an seinen Peinigern während des KZ-Aufenthalts, sondern er nimmt seinem Sohn Mark durch umfassendes Verschweigen aller Dinge, die seine jüdische Vergangenheit betreffen, die Chance der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und Identität.

Arno Blank, der durch die Änderung seines Vornamens Aron in Arno bereits zu Beginn des Romans klarmacht, daß er nicht auf den ersten Blick als Jude erkannt werden möchte, wird zunächst als sehr zurückgezogener und skeptischer Mensch vorgestellt.

Beispielsweise beobachtet er in seiner neuen Wohnung durch den Türspion seine Mitbewohner, nachdem er sämtliche Möbelstücke aus der Wohnung entfernt hat, die seiner Meinung nach früher „dem spezifischen Wohlbehagen eines Nationalsozialisten gedient haben“.[6]

Ein weiteres herausragendes Charakteristikum ist seine Passivität. Er nimmt zwar Kontakt zu der amerikanischen Hilfsorganisation JOINT auf, um seinen im Krieg verlorenen Sohn Mark wiederzufinden, nimmt aber danach eine abwartende Haltung an.

[...]


[1] Jurek Becker, Bronsteins Kinder, Frankfurt am Main 1986, S. 48. Im folgenden zitiert als BK.

[2] BK, S. 80

[3] BK, S. 17

[4] BK, S. 130

[5] BK, S.184

[6] Jurek Becker, DER BOXER, Frankfurt am Main 1976, S. 27. Im folgenden zitiert als DB.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Vergleich der Vater-Sohn-Beziehung in Jurek Beckers Romanen Der Boxer und Bronsteins Kinder
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Germanistisches Seminar)
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
17
Katalognummer
V14989
ISBN (eBook)
9783638202381
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergleich, Vater-Sohn-Beziehung, Jurek, Beckers, Romanen, Boxer, Bronsteins, Kinder
Arbeit zitieren
Michael Müllers (Autor), 2001, Vergleich der Vater-Sohn-Beziehung in Jurek Beckers Romanen Der Boxer und Bronsteins Kinder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14989

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