"Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte von Klassenkämpfen"
Diese Aussage von Karl Marx und Friedrich Engels am Beginn des Manifests der Kommunistischen Partei setzt einen bestimmten Klas-senbegriff voraus. Die politische Bedeutung des von den beiden Theoretikern entwickelten Modells und die daraus entstandenen gesellschaftlichen Folgen sind noch heute, 150 Jahre später wirksam.
Die vorliegende Arbeit stellt den Versuch dar, ausgehend vom Begriff der Klasse im Sinn von Marx und Engels, einen Vergleich zwischen einem herkömmlichen soziologischen Theorieansatz und neueren Modellen und Methoden zur Untersuchung sozialer Un-gleichheiten herzustellen. Auf eine umfangreiche Beleuchtung des zweiten Schwerpunktes bisheriger Konzeption von Sozialstruktur-analyse, das vor allem von Max Weber geprägte Schichtmodell, wird an dieser Stelle bewusst verzichtet.
Zunächst wird die Frage zu stellen sein, wie Marx und Engels den Begriff der Klasse definieren (Kapitel 2). Dies geschieht hier anhand einer Analyse des eingangs zitierten Manifests. Die Begrenzung auf eine Quelle des umfangreichen Gesamtwerkes der beiden Autoren erscheint für den Rahmen dieser Arbeit notwendig und auch angemessen, da hier der Kern des zu untersuchenden Klassenbegriffs sehr deutlich herausgearbeitet werden kann.
Im Folgenden (Kapitel 3 u. 4) ist dann zu untersuchen, ob und in-wieweit die Marxsche Theorie in der aktuellen Soziologiediskussion noch Gültigkeit hat, mit welchen Kategorien und Indikatoren beispielsweise neomarxistische Wissenschaftler bei der Analyse von Gesellschaftsstrukturen arbeiten. Es wird aber auch zu fragen sein, ob es sich bei den neueren Theorieansätzen nicht nur um eine Modifikation der herkömmlichen Modelle handelt, die einer sehr stark differenzierten Gesellschaft dadurch gerecht zu werden vorgeben, dass sie alte Begriffe durch komplexere Terminologien ersetzen, die letztendlich das gleiche Phänomen beschreiben.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITENDE VORBEMERKUNG
2. DER KLASSENBEGRIFF BEI KARL MARX UND FRIEDRICH ENGELS
2.1. DAS MANIFEST DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI
2.2. DIE ENTSTEHUNG VON KLASSEN
2.2.1. Die Geschichte von Klassenkämpfen
2.2.2. Polarisierung und innere Unterscheidung
2.3. DAS KLASSENBEWUSSTSEIN
2.3.1. Das Klassenbewusstsein „an und für sich“
2.3.2. Die Rolle des Individuums innerhalb seiner Klasse
2.4. DER KLASSENKAMPF UND DIE KLASSENLOSE GESELLSCHAFT
3. VERSUCH EINER ANALYSE DER THEORETISCHEN WEITERFÜHRUNG DES KOMMUNISTISCHEN KLASSENBEGRIFFS
3.1. NEOMARXISTISCHEN KLASSENANALYSE BEI ERIC OLIN WRIGHT
3.1.1. Diskussionsstand in der marxistisch orientierten Wissenschaft
3.1.2. Das Problem einer Einordnung der Mittelschicht
3.1.3. Die beiden Klassenmodelle von Wright
3.2. EMPIRISCHE UNTERSUCHUNGSERGEBNISSE AUS DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND
4. MARXISTISCHE SOZIALSTRUKTURTHEORIE IN DER AKTUELLEN SOZIOLOGIEDISKUSSION: EIN VERGLEICH ZWISCHEN EINEM HERKÖMMLICHEN UND NEUEREN ANSÄTZEN
4.1. KERNPUNKTE DER NEUEREN THEORIEANSÄTZE IM VERGLEICH ZUM KOMMUNISTISCHEN KLASSENMODELL
4.2. KRITIK AN DEN HERKÖMMLICHEN, VERTIKALEN THEORIEANSÄTZEN ZUR SOZIALEN UNGLEICHHEIT
4.2.1. Gemeinsame Grundlagen der traditionellen Theorieansätze und deren Unzulänglichkeit
4.2.2. Bedingungen für die Kritikresistenz vertikalerGesellschaftsmodelle
5. ZUSAMMENFASSUNG UND ABSCHLIEßENDE STELLUNGNAHME
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Klassenbegriff ausgehend von Karl Marx und Friedrich Engels im Kontext der aktuellen Sozialstrukturanalyse. Das zentrale Ziel ist es, den klassischen Begriff der Klasse mit neueren soziologischen Modellen und Methoden zu vergleichen, um deren heutige Gültigkeit und analytische Relevanz zu bewerten.
- Historische Analyse des Marxschen Klassenbegriffs im Manifest der Kommunistischen Partei
- Diskussion der neomarxistischen Klassenanalyse, insbesondere der Ansätze von Eric Olin Wright
- Vergleichende Betrachtung von herkömmlichen vertikalen und neueren Modellen sozialer Ungleichheit
- Empirische Untersuchung der Klassenstruktur in der Bundesrepublik Deutschland
- Kritische Reflexion der Anwendbarkeit klassentheoretischer Modelle auf moderne, differenzierte Gesellschaften
Auszug aus dem Buch
2.3.1. Das Klassenbewusstsein „an und für sich“
Marx und Engels unterscheiden zwischen dem Begriff der Klasse 'an und für sich'. Ersteres bezeichnet den objektiven Bestand einer Gruppe mit bestimmten Merkmalen (hier Besitz/Nichtbesitz von Produktionsmitteln). Anhand dieser Merkmale kann jedes Individuum objektiv entweder der Klasse der Bourgeoisie oder der des Proletariats zugeordnet werden. Hierbei muss sich das Individuum dieser Zugehörigkeit aber nicht bewusst sein, es bedarf also keines Bewusstseins für das 'Kollektiv' der Klasse. Die Verschärfung der sozialen Situation allerdings, z.B. niedrige Löhne, ungeregelte Arbeitszeit, fehlende staatliche Sozialhilfemaßnahmen, etc. führen zu einer Bewusstwerdung der sozialen Situation des einzelnen Proletariers. Hierbei entwickelt sich, so Marx, ein Gefühl für die Klassenzugehörigkeit, ein bestimmtes 'Wir-Gefühl' ist die Folge. Daraus wächst ein Bedürfnis zur Veränderung der Lage, der (kollektive) Wunsch nach Veränderung des jeweiligen Systems. Das Klassenbewusstsein 'für sich' beinhaltet demzufolge eine Einsicht in die Notwendigkeit einer Änderung der bestehenden Verhältnisse. Die Arbeiterklasse erkennt ihre Ausbeutung und schließt sich zu einer Bewegung mit praktischen politischen Interessen zusammen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITENDE VORBEMERKUNG: Einleitung in den Klassenbegriff nach Marx und Engels und Skizzierung des Vorhabens, diesen mit modernen sozialstrukturellen Ansätzen zu vergleichen.
2. DER KLASSENBEGRIFF BEI KARL MARX UND FRIEDRICH ENGELS: Darstellung der zentralen Marxschen Kategorien wie der Entstehung von Klassen, dem Klassenbewusstsein und der Vision einer klassenlosen Gesellschaft.
3. VERSUCH EINER ANALYSE DER THEORETISCHEN WEITERFÜHRUNG DES KOMMUNISTISCHEN KLASSENBEGRIFFS: Untersuchung der neomarxistischen Weiterentwicklung des Klassenbegriffs, fokussiert auf die Arbeiten von Eric Olin Wright und empirische Ergebnisse aus der Bundesrepublik.
4. MARXISTISCHE SOZIALSTRUKTURTHEORIE IN DER AKTUELLEN SOZIOLOGIEDISKUSSION: EIN VERGLEICH ZWISCHEN EINEM HERKÖMMLICHEN UND NEUEREN ANSÄTZEN: Vergleich klassischer vertikaler Gesellschaftsmodelle mit neueren, horizontaler orientierten Ansätzen und deren theoretische Kritik.
5. ZUSAMMENFASSUNG UND ABSCHLIEßENDE STELLUNGNAHME: Kritische Reflexion darüber, inwiefern klassische Modelle trotz ihrer begrenzten Anwendbarkeit in modernen Gesellschaften noch zur Analyse und politischen Gestaltung beitragen können.
Schlüsselwörter
Klassenbegriff, Karl Marx, Friedrich Engels, Sozialstrukturanalyse, Neomarxismus, Eric Olin Wright, soziale Ungleichheit, Arbeiterklasse, Bourgeoisie, Klassenbewusstsein, Produktionsmittel, Industriegesellschaft, vertikale Schichtung, empirische Forschung, Klassenkampf
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung und Relevanz des Klassenbegriffs von den theoretischen Grundlagen bei Karl Marx und Friedrich Engels bis hin zur modernen soziologischen Diskussion.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind die historische Herleitung des Klassenbegriffs, die neomarxistische Weiterführung durch Eric Olin Wright sowie der Vergleich zwischen klassischen vertikalen Modellen und neueren Ansätzen der Ungleichheitsforschung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu prüfen, ob und inwieweit die klassische Marxsche Theorie in der aktuellen Soziologiediskussion noch Gültigkeit besitzt und welche Bedeutung ihr für die heutige Sozialstrukturanalyse zukommt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die durch die Betrachtung empirischer Untersuchungsergebnisse zur Klassenstruktur in der Bundesrepublik Deutschland ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretische Weiterführung des kommunistischen Klassenbegriffs, diskutiert das Problem der Mittelschicht sowie die Klassenmodelle von Wright und vergleicht diese mit aktuellen Ansätzen der Ungleichheitsforschung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Klassenbegriff, soziale Ungleichheit, neomarxistische Klassenanalyse, Produktionsmittel, Klassenbewusstsein und die Schichtungsmodelle moderner Gesellschaften.
Wie unterscheidet sich die "neomarxistische" von der klassischen Sichtweise?
Die neomarxistische Sichtweise versucht, insbesondere durch Ansätze wie jene von Eric Olin Wright, den klassischen Klassenbegriff zu präzisieren, um komplexe Phänomene wie die Mittelschicht oder widersprüchliche Klassenlagen in modernen Industriegesellschaften abzubilden.
Welche Rolle spielt die empirische Untersuchung in diesem Kontext?
Die empirische Untersuchung verdeutlicht, wie entscheidend die Definition der Ausgangspunkte für die Datenerhebung ist und dass das Ergebnis der Analyse einer Gesellschaftsstruktur stark vom jeweils zugrundeliegenden theoretischen Konzept abhängt.
- Quote paper
- Helmut Schäfer (Author), 1992, Der Klassenbegriff von Karl Marx bis heute, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149943