Die Forschungsfrage dieser Masterarbeit erörtert, inwieweit der eindeutige neurowissenschaftliche Nachweis der Dissoziativen Identitätsstörung in der weiteren Folge eine Relevanz für die Aussagepsychologie und damit für die Rechtsprechung haben kann. Könnte die Glaubhaftigkeitsbegutachtung neben der Befragung vor allem auch durch eine neurowissenschaftliche Untersuchung eine höhere Validität erhalten? Damit soll der Versuch unternommen werden, die Klinische und die Forensische Psychologie durch das Einbeziehen der Neurowissenschaft einander anzunähern und damit den Opfern sexualisierter Gewalt den straf- und sozialrechtlichen Weg zu ermöglichen, ohne befürchten zu müssen, dass damit deren Trauma verschlimmert wird.
Einschränkend sei hier erwähnt, dass sich diese Masterarbeit auf die Dissoziative Identitätsstörung nach organisierter sexualisierter Gewalt fokussiert. Aufgrund der aktuellen Diskussion um den Vorwurf der fehlenden empirischen Evidenz für rituelle satanistische Gewalt-strukturen und Mind Control Techniken wird, trotz entsprechender Stellungnahmen des Betroffenenrats und der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs diese Thematik bewusst und explizit aus-genommen. Zudem sind diese strittigen Punkte für die Forschungsfrage nicht dezisiv. Doch zeigt die aktuelle Diskussion einmal mehr die Bedeutung dieses auch gesellschaftlich wichtigen Themas.
Das Verständnis der Dissoziativen Identitätsstörung ist erst in jüngster Vergangenheit mit den Fortschritten der neurowissenschaftlichen Forschung und einer verbesserten Aussagekraft bildgebender Verfahren gewachsen. So zeigen Studien, dass die einzelnen Persönlichkeitszustände einer Dissoziativen Identitätsstörung neurobiologisch völlig unterschiedliche Aktivitätsmuster aufweisen, die sich zudem eindeutig von denen von Simulanten unterscheiden. In die Aussagepsychologie haben die Erkenntnisse jüngster Studien zur Neurobiologie der Dissoziativen Identitätsstörung noch nicht den entsprechenden Eingang gefunden. Vonseiten der Justiz wird daher an den seit fast 25 Jahre bestehenden Standards festgehalten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Dissoziative Identitätsstörung
2.1 Definition
2.2 Prävalenz
2.3 Trauma und Traumafolgestörung
2.4 Pathogenese
2.4.1 Entstehung der DIS
2.4.2 Theorie der strukturellen Dissoziation der Persönlichkeit
2.4.3 Wechsel der Persönlichkeitszustände
2.5 Diagnostik
2.6 Komorbiditäten
2.7 Therapie
2.8 Trauma-Modell versus Nicht-traumabasiertes-Modell
3 Neurobiologie der Dissoziativen Identitätsstörung
3.1 Neurobiologische Erkenntnisse
3.1.1 Strukturelle Auffälligkeiten
3.1.2 Funktionelle Auffälligkeiten
3.1.3 Genetische Auffälligkeiten
3.1.4 Biomarker
3.2 Kritik
4 Aussagepsychologische Glaubhaftigkeitsbegutachtung
4.1 Einführung in die Aussagepsychologie
4.2 Glaubhaftigkeitsbegutachtung
4.3 Aussagebegutachtung bei Personen mit Dissoziativer Identitätsstörung
5 Forschungsfrage und Erkenntnisinteresse
6 Methodik
6.1 Methodik des leitfadengestützten Experteninterviews
6.1.1 Leitfadenentwicklung
6.1.2 Expertenauswahl
6.2 Interviewdurchführung
6.3 Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring
7 Ergebnisse
7.1 Kategorienüberblick
7.2 Darstellung der Hauptkategorien
7.2.1 Hauptkategorie 1: Fehlendes Wissen / Vorurteile
7.2.2 Hauptkategorie 2: Akzeptanz der Diagnostik nach ICD-11
7.2.3 Hauptkategorie 3: Potenzial neurobiologischer Diagnostik
7.2.4 Hauptkategorie 4: Potenzial epigenetischer Diagnostik
7.2.5 Hauptkategorie 5: Kriterien der Glaubhaftigkeitsbegutachtung
7.2.6 Hauptkategorie 6: Suggestibilität
7.2.7 Hauptkategorie 7: Organisation des Untersuchungs- und Befragungsdesigns
7.2.8 Hauptkategorie 8: Methodik der Glaubhaftigkeitsbegutachtung
7.2.9 Hauptkategorie 9: Therapie versus Aussagepsychologie
7.2.10 Hauptkategorie 10: Lösungsansätze
8 Diskussion
8.1 Ergebnisse der Untersuchung und deren Bedeutung
8.2 Limitationen des Untersuchungsdesigns
9 Fazit
9.1 Fazit der vorliegenden Arbeit
9.2 Ausblick für weitere Forschung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit neurowissenschaftliche Erkenntnisse, insbesondere der Nachweis von Biomarkern, die aussagepsychologische Glaubhaftigkeitsbegutachtung bei Personen mit Dissoziativer Identitätsstörung (DIS) stützen und unterstützen können, um die rechtliche Validität ihrer Aussagen zu verbessern.
- Neurobiologische Grundlagen und anatomische Auffälligkeiten bei DIS
- Methodik der aussagepsychologischen Glaubhaftigkeitsbegutachtung
- Kritische Analyse der forensischen Anwendung bei Traumafolgestörungen
- Empirische Untersuchung mittels leitfadengestützter Experteninterviews
- Interdisziplinärer Diskurs zwischen Neurowissenschaft und Forensik
Auszug aus dem Buch
3 Neurobiologie der Dissoziativen Identitätsstörung
Nach herrschender wissenschaftlicher Meinung wird es als erwiesen angesehen, dass sich psychiatrische Erkrankungen durch das Zusammentreffen genetischer Veranlagung und ungünstiger Umwelteinflüsse entwickeln. Entscheidend ist dabei, dass vor allem Kinder und Jugendliche besonders angreifbar sind, da die Plastizität des Gehirns in jungen Jahren hoch ist und die Entwicklung erst mit dem 20. Lebensjahr abgeschlossen ist. Strüber und Roth verweisen in diesem Zusammenhang auf sensible Perioden der Gehirnentwicklung, in denen das Gehirn besonders sensitiv auf Umwelteinflüsse reagiert. Erkenntnisse der Neurobiologie und Untersuchungen an Waisenkindern legen nahe, dass die frühe Kindheit hinsichtlich der sozialen, emotionalen und kognitiven Entwicklung eine sensible Periode darstellt.
Epidemiologische Studien zeigen, dass „… Gewalt das Risiko eben für psychiatrische Erkrankungen enorm erhöht…“ (Binder, 2021, 2:16). Vor allem in der frühkindlichen Entwicklung zeigt das Gehirn im Rahmen einer frühen Programmierung (Heim & Binder, 2012) eine hohe Sensibilität und Vulnerabilität (Knop et al., 2020). „Abnorme Erfahrungen in diesem frühen Lebensabschnitt (z. B. traumatische Vernachlässigung, Gewalterfahrungen) nehmen hier direkten Einfluss auf die Herausbildung der physischen Mikroarchitektur des Gehirns, der basalen, subliminalen Funktionsmechanismen, insbesondere jedoch der höheren assoziativen, frontokortikalen Steuerungskompetenzen …“ (Naumann-Lenzen, 2007, Abs. 7).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das DIS-Phänomen und die problematische Schnittstelle zwischen klinischer Störung und Rechtssystem.
2 Dissoziative Identitätsstörung: Theoretischer Überblick über Definition, Epidemiologie, Pathogenese und aktuelle Klassifikationsstandards.
3 Neurobiologie der Dissoziativen Identitätsstörung: Analyse neurobiologischer, struktureller und funktioneller Besonderheiten, die mit DIS assoziiert sind.
4 Aussagepsychologische Glaubhaftigkeitsbegutachtung: Darstellung der forensischen Standards und Herausforderungen bei der Glaubhaftigkeitsbewertung.
5 Forschungsfrage und Erkenntnisinteresse: Darlegung der vier zentralen Dilemmata, die der Forschungsarbeit zugrunde liegen.
6 Methodik: Beschreibung des qualitativen Forschungsdesigns und der methodischen Durchführung der Experteninterviews.
7 Ergebnisse: Präsentation und induktive Zusammenfassung der Expertenmeinungen in zehn Hauptkategorien.
8 Diskussion: Interpretation der Ergebnisse vor dem theoretischen Hintergrund und kritische Reflexion des Studiendesigns.
9 Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Ausblick auf notwendige interdisziplinäre Entwicklungen.
Schlüsselwörter
Dissoziative Identitätsstörung, Neurobiologie, Biomarker, Aussagepsychologie, Glaubhaftigkeitsbegutachtung, Trauma, Nullhypothese, Psychotraumatologie, Experteninterview, Kindesmissbrauch, Frühkindliche Entwicklung, Rechtspsychologie, Suggestibilität, Forensik, Qualitative Inhaltsanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit?
Die Arbeit beleuchtet die Rolle der Neurobiologie bei der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) und deren Auswirkungen auf die juristische Glaubhaftigkeitsbegutachtung von Betroffenen.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die neurobiologische Forschung zur DIS, die rechtspsychologische Begutachtungspraxis sowie die Interdisziplinarität zwischen Klinik und Justiz.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist zu erörtern, ob neurowissenschaftliche Befunde, wie zum Beispiel Biomarker, die Glaubwürdigkeit von Opfer-Zeugen mit DIS stärken und die Begutachtungsstandards modifizieren können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wendet eine qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring auf teilstrukturierte Experteninterviews an.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die klinische Definition der DIS, die aktuellen neurobiologischen Erkenntnisse hierzu sowie eine kritische Analyse des aussagepsychologischen Begutachtungsprozesses.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Dissoziative Identitätsstörung, Biomarker, Glaubhaftigkeitsbegutachtung, Nullhypothese und Rechtspsychologie.
Warum fordern die Experten einen angstfreien Rahmen für Betroffene?
Experten betonen, dass das bestehende standardisierte Begutachtungssetting bei DIS-Betroffenen oft Trigger für Retraumatisierungen setzt, was die psychische Stabilität und damit die Aussagequalität negativ beeinflusst.
Wie stehen die interviewten Experten zur Anwendung der Nullhypothese?
Ein Großteil der Experten kritisiert die einseitige Anwendung der Nullhypothese in der aktuellen Begutachtung als eine enorme Hürde, die das Leid der Betroffenen vergrößert und eine vorurteilsfreie Wahrheitsfindung behindern kann.
- Citar trabajo
- Lisa Krause (Autor), 2023, Neurobiologie der Dissoziativen Identitätsstörung und mögliche Auswirkungen auf die Aussagepsychologie. Eine qualitative Inhaltsanalyse teilstrukturierter Experteninterviews, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1499623