Ist der Dativ dem Genitiv sein Tod?

Eine linguistische Beurteilung populärer Sprachkritik am Beispiel Bastian Sick


Seminararbeit, 2010

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Linguistische Beurteilung populärer Sprachkritik am Beispiel Bastian Sick
2.1 Bastian Sick – Entertainer oder Sprachexperte?
2.2 Linguistische Beurteilung der Sick‘schen Methodik

3 Zum Verhältnis von Sprachwissenschaft und Sprachkritik
3.1 Sprachwissenschaft vs. Sprachkritik
3.2 Gründe für eine linguistisch-begründete Sprachkritik

4 Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Sprachliche Themen, Fragen und Probleme sind auch hierzulande brandaktuell. Egal, ob im Rahmen privater Gespräche, des Schulunterrichts, in Fernsehsendungen oder bei Vorträgen: Sprache stellt einen markanten Diskussionspunkt dar. Nicht nur aufgrund der Orthographiereform sind daher sprachliche Verwirrungen und Fragen nach sprachlicher Korrektheit keine Seltenheit mehr. Sie manifestieren sich in Äußerungen wie: „Heißt es: wegen Dir oder Deinetwegen ?“, „sagt man: hierher oder nach hier, diesen Jahres oder dieses Jahres ?“. Zudem die Klagen über den grässlichen Einfluss der englischen Sprache auf die einstige Sprache der großen Dichter und Denker: Alle sprechen nur noch von chatten, downloaden, updaten, switchen und chillen. Was ist nur aus der Sprache Goethes, Schillers, Hölderlins und Kants geworden? Nicht zu vergessen die verkommene Jugendsprache mit ihren voll krassen und fett geilen Ausdrücken, ihrer SMS-Kurzsprache und Internetkommunikation: Was bedeutet eigentlich Lzs?, gn8, J4F oder LOL ? Fragen über Fragen, welche im alltäglichen Leben von Menschen, spätestens ab dem mittleren Alter, gegenwärtig häufig gestellt werden.

Die Beliebtheit und Allgegenwärtigkeit von Fragen zu derartigen sprachlichen Zweifelsfällen zeigt sich nicht zuletzt an dem immensen Erfolg populärer Sprachkritiker, wie beispielsweise „Sprachpapst“ Wolf Schneider und der Kolumnist Bastian Sick im Besonderen. Von diesen öffentlich anerkannten „Sprachautoritäten“ glaubt ein Großteil der Bevölkerung, adäquate und insbesondere „richtige“ Antworten auf ihre verzweifelten Fragen zu bekommen. Üblicherweise lautet die „Diagnose“ populärer Sprachkritiker über die „krankhaften Symptome“ des aktuellen deutschen Sprachgebrauchs wie folgt: Sprachverfall, Sprachverwässerung, Sprachverlotterung oder Sprachniedergang.

Doch wie plausibel ist der Topos vom Sprachverfall? Beschwert sich nicht jede Generation über die „verlotterte“ Jugendsprache, in dem Glauben, früher sei alles besser gewesen? Wann kann von sprachlicher Richtigkeit gesprochen werden? Ist die Sprache Goethes richtiger als die heutige? – Oder muss vielleicht doch sprachgeschichtlich weiter zurückgegangen werden, um den „richtigen“ Sprachgebrauch zu identifizieren? Ist es ferner möglich, diese sprachlichen Entwicklungstendenzen zu bewerten – und wenn ja: wie?

Eine interessante Frage ist es daher in diesem Zusammenhang, welche Position die Wissenschaft, d.h. vor allem die Sprachwissenschaft, zu diesen Fragen bzw. zu den Thesen populärer Sprachkritiker einnimmt. Aus diesem Grund ist es das Ziel dieser Arbeit, der folgenden Fragestellung nachzugehen: Wie ist die populäre Sprachkritik aus sprachwissenschaftlicher Perspektive zu beurteilen und welche Gründe sprechen in diesem Zusammenhang für eine grundsätzliche Auseinandersetzung der Sprachwissenschaft mit Sprachkritik?

Zur Beantwortung dieser Frage orientiert sich die Arbeit an der folgenden Struktur: Zunächst stehen im Rahmen dieser Untersuchung ausgewählte Beispiele der Kolumnen Bastian Sicks im Mittelpunkt des Interesses. Daher wird in 2.1 zuerst eine kurze Darstellung der Person und des öffentlichen Status des populären Sprachkritikers erfolgen, um anschließend anhand einiger Beispiele der Kolumnen Sicks eine linguistische Einschätzung der populär-sprachkritischen Methodik und Analyse zu demonstrieren (vgl. 2.2).

Unter Berücksichtigung der im zweiten Kapitel erarbeiteten Ergebnisse wird im Zuge des dritten Kapitels das Verhältnis zwischen Sprachkritik und Sprachwissenschaft genauer diskutiert. Zu diesem Zweck wird unter 3.1 ein kurzer Überblick darüber gegeben, welches Verhältnis seit Begründung der modernen Linguistik zwischen Sprachwissenschaft und Sprachkritik besteht, mit dem Ziel, daran anknüpfend wesentliche Gründe zu nennen, die für eine sprachkritische Auseinandersetzung von linguistischer Seite sprechen (vgl. 3.2).

Mit Rückgriff auf die eingangs gestellte zentrale Frage endet die Untersuchung mit einer abschließenden Schlussbetrachtung, welche die erarbeiteten Ergebnisse nochmals zusammenfasst.

2 Linguistische Beurteilung populärer Sprachkritik am Beispiel Bastian Sick

Im Rahmen dieses Kapitels soll eine linguistische Beurteilung der populären Sprachkritik, welche seit einigen Jahren Hochkonjunktur zu haben scheint[1], erfolgen. Demonstriert wird diese Beurteilung am Beispiel des populären Sprachkritikers Bastian Sick, wobei die argumentative Grundlage einige Texte des Sprachwissenschaftlers Jan Georg Schneider bilden. Zuvor jedoch wird der folgende Abschnitt einen Überblick zur Person Sicks geben sowie zeigen, welches Ansehen Sick in der Öffentlichkeit derzeitig genießt.

2.1 Bastian Sick – Entertainer oder Sprachexperte?

Der Spiegel-Online -Kolumnist und Autor Bastian Sick, welcher in den letzten Jahren insbesondere durch seine Zwiebelfisch -Kolumnen zunehmende öffentliche Bekanntheit und Popularität erlangt hat, stellt eine der zentralen Personen der gegenwärtigen populären, d.h. journalistischen bzw. feuilletonistischen oder publizistischen Sprachkritik dar.

Im ersten Band seines 2004 veröffentlichten Bestsellers Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod (inzwischen vier Bände), einer Sammlung ungefähr fünfzig seiner Kolumnen, befasst sich Sick kritisch mit Phänomenen des aktuellen deutschen Sprachgebrauchs.[2] Bereits 2006 erlangte Sick den Status eines Unterhaltungskünstlers, der es versteht, ein Massenpublikum anzuziehen. Dies wurde insbesondere durch sein Bühnenprogramm Die große Bastian-Sick-Schau deutlich, mit welchem der Kolumnist im selben Jahr auf Tournee ging und welches sogar einen integralen Bestandteil des Deutschunterrichts mancher Lehrkräfte darstellte, die mit ihren Schülern zusammen diese Größte Deutschstunde der Welt besuchten.[3] Aber kann Sick wirklich nur als ein Unterhaltungskünstler und Entertainer angesehen werden? Es scheint nicht so; denn in seinen Veranstaltungen bzw. Lesungen geht es dem Journalisten insbesondere darum, zu zeigen, „[…] was richtig und was falsch ist, was gutes Deutsch ist und was man lieber vermeiden sollte.“[4] Beispielsweise „[…] lässt er über die Richtigkeit von sprachlichen Ausdrücken abstimmen: Heißt es gewinkt oder gewunken? etc.“[5] Sein selbstgesetztes Ziel ist es, den Leuten Sprachrichtigkeit zu vermitteln[6], wobei er sich selber in einer Rolle als Sprachpfleger sieht.[7] Sicks öffentlich wahrgenommener Expertenstatus geht bereits soweit, dass seine Kolumnen im Saarland schon als Pflichtlektüre im schulischen Grammatikunterricht verwendet werden, und er zudem in seinen Fernsehauftritten immer wieder von den jeweiligen Moderatoren als „Experte“ der deutschen Sprache bezeichnet wird.[8]

Wie berechtigt ist jedoch sein vermeintlicher Expertenstatus bzw. die Sprachrichtigkeitsanalyse seiner Kolumnen aus sprachwissenschaftlicher Sicht? Interessanterweise macht Sick selber zu Beginn von Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod folgende Erklärung:

„Eine lebende Sprache lässt sich nicht auf ein immergültiges, fest zementiertes Regelwerk reduzieren. Sie ist in ständigem Wandel und passt sich veränderten Bedingungen und neuen Einflüssen an. Darüber hinaus gibt es oft mehr als eine mögliche Form. Wer nur die Kriterien richtig oder falsch kennt, stößt schnell an seine Grenzen, denn in vielen Fällen gilt sowohl das eine als auch das andere.“[9]

Im Folgenden soll aus linguistischer Perspektive gezeigt werden, wie häufig Sick dieser oben zitierten Erkenntnis innerhalb seiner Analysen widerspricht und dabei wesentliche Bereiche der Sprachwissenschaft, wie u.a. Syntax, Logik und Semantik, Sprachwandel, Anglizismenkritik, Etymologie, Metapherntheorie, berührt.[10]

2.2 Linguistische Beurteilung der Sick‘schen Methodik

Bastian Sicks Sprachkolumnen stellen ein geradezu paradigmatisches Beispiel populärer Sprachkritik dar, da sie typisch methodische Merkmale derselben enthalten.[11] Dieser Abschnitt wird am Beispiel der Kolumnen Bastian Sicks insgesamt fünf dieser charakteristischen Merkmale populär-sprachkritischer Analysen erarbeiten und aus sprachwissenschaftlicher Sichtweise beurteilen.

Das erste Merkmal betrifft die dogmatische begriffliche Trennung zwischen Hochsprache und Dialekt: Zwei häufig angeführte Beispiele populärer Sprachkritik zur Bekräftigung ihrer Sprachverfalls-Ideologie betreffen u.a. das aktuelle syntaktische Phänomen[12] der „[…] Verwendung der Präposition wegen mit dem Dativ.“[13] In diesem Zusammenhang führt Sick das überregional erfolgreiche Lied Wegen dir der bayerischen Schlagersängerin Nicole aus den 1980er Jahren als beispielhaften Beitrag zur Entstehung der Wegen-Dativ-Verwendung an und stellt diesem die Platte Deinetwegen des seiner Meinung nach hochdeutschen Sängers Udo Jürgens als richtige sprachliche Form gegenüber. Während Sick dabei Nicoles sprachlichen Fehler aufgrund der vermeintlichen Verfassung des Textes im bayerischen Dialekt für einigermaßen verzeihbar hält, betrachtet er die zunehmende Veröffentlichung hochdeutscher Lieder in den 1990er Jahren, welche wegen dir im Titel enthielten, als unverzeihbaren Beitrag zur „Verflachung“ der Hochsprache.[14] Diese Auffassung vermittelt ein verzerrtes Bild des alltäglichen Sprachgebrauchs. Sick verkennt die Tatsache, dass Hochdeutsch als standardsprachliche Norm ein bloßes idealisiertes Konstrukt darstellt, welches nur von den wenigsten in allen Lebenssituationen gesprochen wird. Den empirischen Normalfall bilden hingegen regionale und gruppenbezogene sprachliche Prägungen. Im Übrigen sind die Texte Nicoles entgegen Sicks Darstellung nicht im bayerischen Dialekt verfasst, sondern in einem Regiolekt, einem regional geprägten Hochdeutsch.[15] Des Weiteren formuliert Sick bezüglich des Wegen-Dativs an keiner Stelle ein Kriterium für Sprachrichtigkeit bzw. Sprachverflachung. Merkwürdigerweise betrachtet er sogar an anderer Stelle die heutige Verwendung des Genitivs nach der Präposition trotz, welche früher mit dem Dativ gebraucht wurde, als ein Beispiel des Sprachwandels.[16] Dies zeigt, dass für Sick generell eine Zeitspanne zu existieren scheinen muss, in der sich sprachliche Regularitäten durchsetzen und nicht länger als Fehler gelten. Wann dieses Stadium allerdings erreicht ist, lässt Sick im Verborgenen.[17] Bereits an diesem Punkt wird die Unstimmigkeit zu seiner oben zitierten „liberal anmutenden Formulierung über Sprachwandel“[18] deutlich, da er einerseits Beispiele für allgemeine sprachliche Entwicklungstendenzen des heutigen Deutsch als Sprach verfall wertet und andererseits einen Fall von Sprach wandel diagnostiziert.

[...]


[1] Vgl. Schneider, Jan Georg (2005): Was ist ein sprachlicher Fehler? Anmerkungen zu populärer Sprachkritik am Beispiel der Kolumnensammlung von Bastian Sick. In: Aptum 2005/2, S.154.

[2] Vgl. ebd., S.154, 156.

[3] Vgl. Schümann, Michael (2007): Wer hat Angst vor Bastian Sick? Das Verhältnis der Sprachwissenschaft zu einem Bestsellerautor und Unterhaltungskünstler. In: Der Sprachdienst 2007/5, S.205.

[4] Schneider, Jan Georg (2005): a.a.O., S. 154.

[5] Schneider, Jan Georg (2008a): Das Phänomen Zwiebelfisch. Bastian Sicks Sprachkritik und die Rolle der Linguistik. In: Der Sprachdienst 2008/4, S.173.

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. Schneider, Jan Georg (2008b): Warum die populäre Sprachkritik oft auf dem Holzweg ist. In: Lehmanski, Dirk / Braun, Michael [Hgg.]: Das Schreibbuch. Das Handbuch für alle, die professionell schreiben. Waltrop: ISB, S.212.

[8] Vgl. Schneider, Jan Georg (2008a): a.a.O., S.173, S.177.

[9] Sick, Bastian (2004): Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Ein Wegweiser durch den Irrgarten der deutschen Sprache. 6. Auflage. Köln: Kiepenheuer und Witsch, S.12.

[10] Vgl. Schneider, Jan Georg (2005): a.a.O., S.155f.

[11] Vgl. Schneider, Jan Georg (2008a): a.a.O., S.175.

[12] Vgl. Schneider, Jan Georg (2008b): a.a.O., S.212.

[13] Schneider, Jan Georg (2005): a.a.O., S.158.

[14] Vgl. Schneider, Jan Georg (2008b): a.a.O., S.212f.

[15] Vgl. Schneider, Jan Georg (2005): a.a.O., S.158f, S.173.

[16] Vgl. Schneider, Jan Georg (2008b): a.a.O., S.213.

[17] Vgl. ebd.

[18] Schneider, Jan Georg (2008a): a.a.O., S.175.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Ist der Dativ dem Genitiv sein Tod?
Untertitel
Eine linguistische Beurteilung populärer Sprachkritik am Beispiel Bastian Sick
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V149998
ISBN (eBook)
9783640627448
ISBN (Buch)
9783640627684
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachkritik, populäre Sprachkritik, linguistische Sprachkritik, Bastian Sick, Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod
Arbeit zitieren
Christian Reimann (Autor), 2010, Ist der Dativ dem Genitiv sein Tod?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149998

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