Community-based Tourism im Spannungsfeld zwischen Partizipation und Machtstrukturen

"O turismo que nós quer"


Magisterarbeit, 2009
145 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

A. Theoretische Grundlagen zu den Themen Tourismus, Partizipation und Macht
1. Tourismus
1.1. Kritik am konventionellen Tourismus und touristische Alternativen
1.1.1. Alternativtourismus von ,sanft‘ bis ,sozialverträglich‘
1.1.2. Partizipativer Tourismus: Community-based Tourism als Tourismus der nativen Bevölkerung
1.2. Tourismus und Ethnologie
2. Partizipation
2.1. Partizipation im Entwicklungskontext
2.1.1. Partizipation in der Entwicklungszusammenarbeit
2.1.2. Partizipation und Entwicklungsethnologie
2.2. Partizipation in den Citizenship Studies
2.2.1. Allgemeine Implikationen zum Begriff citizenship
2.2.2. Citizenship in der brasilianischen Gesellschaft
3. Macht
3.1. Probleme mit dem Machtbegriff
3.2. Vorschläge für eine sinnvolle Definition des Machtbegriffs
3.3. Ressourcen und Modalitäten der Macht

B. Einführung in die Region
1. Die Küstenregion von Ceará
1.1. Geschichte der Küstenregion von Ceará
1.2. Tourismus in der Küstenregion von Ceará
1.3. Das Fischerdorf Prainha do Canto Verde
2. Die lokale Bevölkerung
2.1. Comunidades/populações tradicionais – traditionelle Gemeinschaften/ Bevölkerungsgruppen
2.2. Die Kultur der povos do mar – Völker des Meeres

C. Methodische Vorgehensweise
1. Feldforschung
1.1. Reflexion des Forschungsprozesses
1.2. Methoden

D. Feldforschung zum Community-based Tourism (CBT) im Fischerdorf Prainha do Canto Verde
1. Die Entwicklung des CBT-Projekts in Prainha do Canto Verde
2. Tourismus aus der Sicht der lokalen Bevölkerung
2.1. Vorstellungen von konventionellem Tourismus
2.2. Vorstellungen von CBT als touristische Alternative
2.3. Veränderungen durch das Tourismusprojekt
2.4. Zwischenfazit
3. Möglichkeiten und Praxis der Partizipation in Prainha do Canto Verde
3.1. Partizipation auf der Makroebene
3.2. Partizipation auf der Mikroebene
3.2.1. Interne und Externe: Partizipation am CBT-Projekt
3.2.2. Partizipation innerhalb des CBT-Projekts
3.3. Zwischenfazit
4. Machtverhältnisse in und um Prainha do Canto Verde
4.1. Machtverhältnisse auf der Makroebene
4.2. Machtverhältnisse auf der Mikroebene
4.2.1. Machtverhältnisse innerhalb des Dorfes
4.2.2. Machtverhältnisse innerhalb des CBT-Projekts
4.3. Kontinuen der Macht – eine vieldimensionale Problemanalyse
4.4. Zwischenfazit

Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang
1. Glossar der verwendeten Abkürzungen und portugiesischen Begriffe
2. Interviewausschnitt
3. Fragebogen zum Thema Tourismus in Prainha do Canto Verde
4. Interviewleitfäden
4.1. Leitfaden zu den Interviews mit Mitgliedern der Tourismuskooperative
4.2. Zusatzfragen an ehemalige und aktuelle Koordinatoren
4.3. Zusatzfragen an Leute, die im Kunsthandwerk arbeiten
4.4. Leitfaden zu den Interviews mit Leuten, die nicht im Tourismus arbeiten
4.5. Leitfaden zu den Interviews mit den Lebensmittelläden
4.6. Leitfaden zu den Interviews mit TouristInnen
Originale der zitierten Interviewpassagen

Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Partizipation und Machtverhältnissen in ei- nem brasilianischen Community-based Tourism -Projekt. Diese alternative Tourismus- form wird seit den 1990ern als Instrument zur Regionalentwicklung eingesetzt und soll eine direkte Teilnahme der betroffenen Bevölkerungsgruppen in den touristischen Gast- ländern ermöglichen. Wie die Partizipation tatsächlich vonstatten geht und welche Rolle dabei bestehende Machtverhältnisse spielen, soll am Beispiel des nordost-brasiliani- schen Fischerdorfs Prainha do Canto Verde gezeigt werden.

Innerhalb dieser Einleitung erfolgt zunächst ein Abriss über die Tourismusfor- schung unter Berücksichtigung der ethnologischen Beiträge. Daraufhin werde ich das Thema meiner Arbeit innerhalb der ethnologischen Tourismusforschung platzieren und erklären, wie ich auf das Thema und den Ort meiner Feldforschung aufmerksam wurde. Anschließend werde ich die Kernfrage dieser Studie erläutern und den Aufbau der Ar- beit, inklusive der wichtigsten von mir behandelten AutorInnen, vorstellen.

Obwohl das Reisen bereits in der Antike als soziale Praxis zum Zeitvertreib und zur Erholung breiter Bevölkerungsschichten der ägyptischen, griechischen und römi- schen Gesellschaften betrieben wurde, ist der Tourismus in den Wissenschaften – und vor allem unter den sozialwissenschaftlichen Disziplinen – ein verhältnismäßig junges Thema. In Deutschland erfolgte seit Beginn der 1920er Jahre eine erste, sehr ökono- misch orientierte Beschäftigung mit dem damals noch als Fremdenverkehr bezeichneten Phänomen. Im Jahre 1929 gründete Robert Glückmann das erste Forschungsinstitut für Fremdenverkehr an der Berliner Handelshochschule. Zur wirtschaftswissenschaftlichen Perspektive gesellte sich bald eine geographische Betrachtungsweise hinzu. Was über lange Zeit gänzlich fehlte, war zum einen eine theoriegeleitete Beschäftigung mit dem Thema Tourismus und zum anderen ein Miteinbeziehen der sozio-kulturellen Dimensi- on touristischer Entwicklungen. Ein vom Schweizer Fremdenverkehrsforscher Walter Hunziger im Jahre 1943 unternommener Versuch, die Fremdenverkehrslehre als „empi- rische Kulturwissenschaft“ (Spode 1998: 16) zu betreiben und den Tourismus dabei als kulturelles Phänomen zu betrachten, erzielte damals keine großen Erfolge. Eine erste kritische Auseinandersetzung mit den ökologischen und sozio-kulturellen Folgen des Tourismus lieferte der Schweizer Tourismuskritiker Jost Krippendorf mit seinem 1975 erschienenen Werk „Die Landschaftsfresser“. Im deutschen Raum trieb der Freizeit- und Tourismuswissenschaftler Horst Opaschowski seit Mitte der 1970er die Entwicklung von Tourismustheorien voran. Heute existiert die Tourismusforschung als Teilwissen- schaft diverser Fachrichtungen. So wird sie z. B. weiterhin von den Wirtschaftswissen- schaften und der Geographie untersucht, ist aber mittlerweile auch Gegenstand der So- ziologie, Geschichte, Politikwissenschaft, Psychologie und der Ethnologie. Seit den 1990er Jahren hat die Bezeichnung Tourismuswissenschaft in die akademische Diskus- sion um das Thema Tourismus Einzug gehalten und beschäftigt sich mit Bereichen wie Tourismusterminologie, -theorie, -kritik, -ethik, -psychologie, -geschichte und -politik. Noch fehlt dieser jungen, interdisziplinären Wissenschaft allerdings die Etablierung im Sinne einer eigenen akademischen Institution mit eigenen Methoden und Ansätzen.

Die Rolle der Ethnologie in der Tourismusforschung bezieht sich auf all diejeni- gen Themengebiete, die mit sozialen und kulturellen Auswirkungen des Tourismus auf die Beteiligten zu tun haben. Typische Forschungsthemen sind die – in den frühen Ar- beiten überwiegend als destruktiv bewerteten – Auswirkungen der touristischen Er- schließung auf die „Bereisten“, interkulturelle Kontakte zwischen Reisenden und der Bevölkerung in den Gastländern und die Gruppe der Reisenden selbst. Mit dem Auf- kommen alternativer Tourismusformen wie dem ,sanften‘, ,sozialverträglichen‘ und ,nachhaltigen‘ Tourismus, die sich aus der in den 1970er Jahren entstehenden Kritik am konventionellen Tourismus entwickelten, eröffnete sich ein neues, heute hochaktuelles Forschungs- und Betätigungsfeld für EthnologInnen. Auch wenn die Fragestellung oft dieselbe wie zuvor ist – schließlich ging und geht es immer noch darum, wie sich Tou- rismus auf die einheimische Bevölkerung auswirkt und wie diese das Phänomen be- trachtet, ob und wie Tourismus etwas zur Regionalentwicklung und Verbesserung der Lebensbedingungen beitragen kann, sowie ob und inwiefern Tourismus die interkultu- relle Verständigung fördert –, hat sich durch diese neuen Tourismusformen die Möglich- keit ergeben, positive Aspekte der touristischen Erschließung anzuerkennen. Jetzt muss allerdings untersucht werden, inwieweit die theoretischen Konzepte in der Praxis umge- setzt werden (können) und ob diese neuen Tourismusalternativen sich in Bezug auf so- zio-kulturelle Veränderungen und interkulturelle Kommunikation tatsächlich anders ge- stalten als die konventionelle touristische Erschließung.

Im Kontext der Untersuchung von touristischen Alternativen lässt sich auch die- se Arbeit ansiedeln, die sich mit Community-based Tourism – im Folgenden als CBT ab- gekürzt – als explizit partizipative Form des ,nachhaltigen‘ Tourismus beschäftigt. Den konkreten Anstoß für meine Beschäftigung mit dem Tourismusprojekt im Fischerdorf Prainha do Canto Verde – im Folgenden mit PCV abgekürzt – in Ceará lieferte eine TV- Reportage, die vom Kampf der dortigen EinwohnerInnen gegen Raubfischerei berichte- te und dabei das CBT-Projekt erwähnte. Die gesamte Nordostküste Brasiliens ist auf- grund ihrer attraktiven Strände mit Problemen rund um den Massentourismus konfron- tiert. Da es kaum möglich ist, solche Entwicklungen rückgängig zu machen, ist es mei- ner Meinung nach von großer Bedeutung, den Tourismus von Anfang an anders anzupa- cken und die Bevölkerung bei eigenen Tourismusprojekten zu unterstützen. Mein Vor- haben war es, zu untersuchen, wie das auf Partizipation der einheimischen Bevölkerung basierende CBT-Konzept in der Realität von PCV umgesetzt wird und welche mögli- chen Erfolge und Probleme sich dabei ergeben.

Um mit der Thematik vertraut zu werden, organisierte ich mir einen Praktikumsplatz beim Instituto Terramar1, einer brasilianischen Nichtregierungsorganisation (NRO), die mit Fischerdörfern in Ceará arbeitet und ihren Sitz in Fortaleza, der Hauptstadt des Bun- desstaates hat. Diese Organisation hat zusammen mit den Fischerdörfern – darunter auch PCV – ein CBT-Netzwerk mit dem Namen Rede Tucum2 entwickelt, das mittler- weile zwölf Projekte umfasst. Während meines Praktikums von Anfang Juli bis Ende September 2008 hatte ich die Gelegenheit, MitarbeiterInnen der NRO bei ihrer Arbeit in den CBT-Dörfern zu begleiten und konnte außerdem die institutsinterne Bibliothek zur Recherche nutzen. Im Anschluss an diesen Arbeitsaufenthalt führte ich von Anfang Ok- tober bis Ende Dezember 2008 eine Feldforschung in PCV durch. Schon zu Beginn meines Feldaufenthalts stellte sich heraus, dass das CBT-Projekt in PCV offensichtlich in einer Krise steckt, die laut Aussagen der lokalen Bevölkerung auf mangelnde (Mög- lichkeiten zur) Partizipation zurückzuführen sei. Im weiteren Verlauf der Forschung konzentrierte ich mich daher verstärkt auf dieses Thema und stellte fest, dass in diesem Zusammenhang auch die im Dorf bestehenden Machtverhältnisse analysiert werden müssten. Daraus ergab sich schließlich die Kernfrage meiner Forschung, die im Rahmen des CBT-Projekts untersuchen soll, wer partizipiert und wer nicht, wodurch diese Parti- zipation begünstigt oder unterbunden wird und inwieweit existierende Machtverhältnis- se dabei eine Rolle spielen. Auf den drei zentralen Begriffen CBT, Partizipation und Macht basiert auch der Titel dieser Arbeit – „O turismo que nós quer“ – Community-ba- sed Tourism im Spannungsfeld zwischen Partizipation und Machtstrukturen. „O turismo que nós quer“ bedeutet übersetzt „der Tourismus, den wir wollen“ und zitiert die Be- zeichnung vieler ins CBT-Projekt involvierter EinwohnerInnen für die Art von Touris- mus, die in PCV praktiziert wird.3 Der Titel soll verdeutlichen, dass CBT einerseits die von den (meisten) DorfbewohnerInnen präferierte Tourismusform ist, aber andererseits dennoch Probleme in Hinblick auf Partizipation und Machtverhältnisse bestehen.

Die Arbeit ist in vier Hauptteile aufgeteilt, wobei Teil A die theoretischen Grund- lagen zu den großen Themen Tourismus, Partizipation und Macht liefert, Teil B eine Einführung in die Region darstellt, Teil C das methodische Vorgehen vor, während und nach der Feldforschung erläutert und Teil D schließlich die Analyse meiner empirischen Daten unter Bezugnahme auf die in Teil A genannten theoretischen Aspekte vornimmt. Das erste Kapitel in Teil A beschäftigt sich mit den aus Kritik am konventionellen Tou- rismus entstandenen touristischen Alternativen, indem zunächst die gängigsten Konzep- te behandelt werden (A.1.1.1) und im Anschluss daran CBT als partizipative Tourismus- form genauer erläutert wird (A.1.1.2). Da Tourismus ein interdisziplinäres Thema ist, werden neben Ethnologinnen wie Corinne Neudorfer und Nicole Häusler auch Vertrete- rInnen anderer Fachrichtungen bei der Darstellung der Konzepte miteinbezogen, z. B. Fremdenverkehrsgeographen und -ökonomen, Tourismuswissenschaftler und -ethiker, Dozenten des Studienganges „Nachhaltiger Tourismus“ an der Fachhochschule Ebers- walde und natürlich Klassiker der Tourismusforschung und -kritik, wie die zuvor er- wähnten Autoren Krippendorf und Opaschowski. Außerdem werden mehr praxisbezo- gene Organisationen wie das Mountain Institute und REST (Responsible Ecological So- cial Tours Project) hinzugezogen. Im Anschluss daran erfolgt ein Abschnitt zu Touris- mus und Ethnologie, der erklärt, warum das Phänomen ein ethnologisches Thema ist und einen Abriss über die Tourismusforschung innerhalb der Disziplin liefert. Darin be- ziehe ich mich vor allem auf die zum Thema Tourismus aktiven EthnologInnen Dennis- on Nash, Peter Burns und Amanda Stronza sowie aus dem deutschsprachigen Raum auf Christoph Antweiler, Judith Schlehe und Publikationen von GATE – Netzwerk, Touris- mus, Kultur e.V.. Im zweiten Kapitel des A-Teils wird der Begriff der Partizipation zu- erst im Entwicklungskontext und dann in Zusammenhang mit den Citizenship Studies behandelt, die sich mit bürgerschaftlichem Engagement und zivilgesellschaftlichen Be- wegungen beschäftigen. Der erste Abschnitt (A.2.1.1) untersucht den Begriff hinsicht- lich seiner Verwendung in der Entwicklungszusammenarbeit (EZ), wobei die in den Entwicklungsprojekten und -programmen geläufigsten Partizipationsformen und die da- mit einhergehenden Probleme vorgestellt werden. Dabei stütze ich mich vorwiegend auf die Pädagogin Eva Kohl und Gabriele Beckmann vom Seminar für ländliche Entwick- lung (SLE) in Berlin, die Arbeiten zur Geschichte der Partizipation in der EZ verfasst haben. Der zweite Abschnitt (A.2.2) befasst sich mit dem Partizipationsgedanken im Kontext der Entwicklungsethnologie. Die wichtigsten zitierten Autoren sind in diesem Abschnitt die Entwicklungsethnologen Michael Schönhuth, Uwe Kievelitz und der be- reits erwähnte Christoph Antweiler. Im nächsten Abschnitt zu Partizipation in den Citi- zenship Studies wird der Begriff zuerst auf einer allgemeinen Ebene vorgestellt (A.2.2.1) und anschließend in seiner speziell brasilianischen Ausprägung behandelt. Im ersten Abschnitt werde ich mich vor allem auf die Lateinamerikawissenschaftler Fo- weraker und Landman berufen, die schwerpunktmäßig soziale Bewegungen und citizen- ship erforschen, sowie auf das Autorenteam bestehend aus Engin Isin, der als Professor of Citizenship an der britischen Open University arbeitet und dem Soziologen Bryan Turner. Mit bürgerschaftlichem Engagement in der brasilianischen Gesellschaft beschäf- tigen sich der Ethnologe James Holston und der brasilianische Soziologe und Politik- wissenschaftler Francisco Mesquita de Oliveira, deren Ideen ich unter A.2.2.1 vorstellen werde. Portugiesischsprachige Literatur – sowie die Zitate meiner Interviewpart- nerInnen in Teil D4 – werden stets von mir ins Deutsche übersetzt. Das letzte Kapitel in Teil A beschäftigt sich mit dem Begriff der Macht. Zuerst werden Probleme beim Defi- nitionsversuch des Phänomens erläutert (A.3.3.1), wobei soziologische Klassiker wie Weber und Foucault sowie ethnologische Beiträge skizziert werden. Der nächste Ab- schnitt (A.3.3.2) stellt einen Ansatz der Ethnologin Erdmute Alber vor, in dem sie eine Anleitung dazu liefert, wie man eine für ethnologische Arbeiten sinnvolle Definition des Machtbegriffs erarbeiten kann. Da die Autorin Ressourcen und Modalitäten von Macht als zentrale Elemente für das Erarbeiten einer Definition von Macht betrachtet, werden unter A.3.3.3 mit French/Raven und Kenneth Galbraith Autoren vorgestellt, die sich mit Quellen und Formen von Macht beschäftigt haben.

Bevor die genannten theoretischen Grundlagen in Teil D mit meinen empirischen Er- gebnissen zusammengeführt werden, erfolgt in Teil B eine Einführung in die Geschichte der Küstenregion des nordost-brasilianischen Bundesstaates Ceará. Im ersten Kapitel (B.1) wird die Region selbst beschrieben, im zweiten (B.2) die einheimische Bevölke- rung. Das erste Kapitel ist unterteilt in einen Abschnitt zur allgemeinen Geschichte der Küstenregion von Ceará (B.1.1), einen weiteren zur touristischen Erschließung der Re- gion (B.1.2) und einen dritten über das Fischerdorf PCV. Eine genaue Beschreibung des CBT-Projekts in PCV erfolgt an dieser Stelle noch nicht, sondern wird erst in Teil D vorgenommen. Die ersten beiden Abschnitte basieren auf Werken des brasilianischen Ethnologen Antônio Carlos Diegues, Publikationen des Instituto Terramar und weiteren universitären, veröffentlichten und unveröffentlichten Arbeiten von Mitarbeitern und Unterstützern der NRO. Der Abschnitt über das Dorf PCV beruht auf meinen eigenen Erhebungen in Form von Gesprächen mit VertreterInnen des Instituto Terramar und ein- heimischen DorfbewohnerInnen. In B.2 wird die lokale Bevölkerung vorgestellt, wozu im ersten Unterkapitel (B.2.1) brasilianische Konzepte über die comunidades/popu- lações tradicionais (traditionelle Gemeinschaften/Bevölkerungsgruppen) vorgestellt werden, die im Wesentlichen wieder auf den Werken des Ethnologen Diegues aufbauen. Im zweiten Abschnitt (B.2.2) wird anhand einer Arbeit des brasilianischen Erziehungs- wissenschaftlers Henrique Gomes das Konzept der povos do mar (traditionelle Küsten- bewohnerInnen; wörtlich: Völker des Meeres) vorgestellt. Sowohl in B.2.1 als auch in B.2.2 werde ich abschließend eine Übertragung der im Zusammenhang mit den comuni- dades/populações tradicionais bzw. povos do mar festgestellten Charakteristiken auf die von mir beobachteten EinwohnerInnen von PCV vornehmen.

Im anschließenden C-Teil wird die methodische Vorgehensweise vor, während und nach der Feldforschung geschildert. Zuerst (C.1.1) erfolgt die Reflexion des For- schungsprozesses, in der dargestellt wird, wie sich der Zugang zum sowie der Einstieg ins Feld gestalteten, welche Probleme auftraten, nach welchen Kriterien die Interview- partnerInnen ausgewählt wurden, wie die Interaktion mit den DorfbewohnerInnen von- statten ging, welche Rollenkonflikte sich durch mein Dasein als (europäische) Forsche- rin ergaben und wie ich selbst meine Rolle als Ethnologin verstehe. Anschließend wer- den die von mir verwendeten Methoden vorgestellt.

In Teil D werden die in der Feldforschung empirisch erhobenen Daten ausgewertet. Das erste Kapitel liefert eine Beschreibung des CBT-Projekts in PCV und der Geschehnisse, die sich während meines Feldforschungsaufenthalts ereigneten. Einige meiner Inter- viewpartnerInnen wurden auf Wunsch anonymisiert. Im zweiten Kapitel (D.2) wird das Phänomen Tourismus aus der Sicht der einheimischen Bevölkerung dargestellt. Zu- nächst werden Vorstellungen der DorfbewohnerInnen von PCV über konventionellen Tourismus (D.2.1) und CBT präsentiert. Daraufhin wird gezeigt, ob und in welcher Form die lokale Bevölkerung Veränderungen durch die touristische Erschließung im ei- genen Dorf beobachtet hat. Das dritte Kapitel (D.3) beschäftigt sich mit Möglichkeiten und Praxis der Partizipation in PCV. Dabei soll Partizipation zum einen auf einer Ma- kroebene untersucht werden, auf der das Dorf als Akteur auf einer breiteren politischen, bundesweiten Ebene analysiert wird (D.3.1). Zum anderen soll Partizipation auf einer Mikroebene untersucht werden, die Prozesse innerhalb des Dorfes beschreibt (D.3.2) und dabei in einem zweiten Schritt die noch kleinere Einheit des CBT-Projekts analy- siert (D.3.2.2). Konkret bedeutet dies, dass untersucht werden soll, wer überhaupt in das CBT Projekt integriert ist und weiterhin, wer innerhalb des Projekts in welchem Maße partizipiert. Außerdem sollen Faktoren, die Partizipation begünstigen oder verhindern, festgestellt werden. Um eine vollständige Analyse über die Probleme bei der Partizipati- on zu liefern, müssen auch die bestehenden Machtverhältnisse beachtet werden, was im vierten Kapitel (D.4) geschieht. Auch hierbei wird das Phänomen wiederum auf einer Makroebene (D.4.1) und auf einer Mikroebene (D.4.2) auf externe und interne Macht- verhältnisse hin untersucht. Im ersten Fall geht es um Mächte, die von außen auf das Dorf einwirken, sowie um die Macht, die das Dorf auf andere ausüben kann. Im zweiten Fall geht es um gemeindeinterne (D.4.2.1) und schließlich wieder um CBT-Projekt-in- terne Machtverhältnisse. Dabei wird unter Berufung auf die Ressourcen und Modalitä- ten von Macht nach Alber, French/Raven und Galbraith untersucht, wer Macht ausübt, auf welchen Quellen diese beruht und in welcher Form sie umgesetzt wird. Im daran an- schließenden Abschnitt (D.4.3) werden die behandelten Machtverhältnisse mit Hilfe von Albers Konzept weiter analysiert.

Im abschließenden Kapitel werden die wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit kurz zusam- mengefasst und ein Ausblick auf mögliche Entwicklungen wird gegeben. Dabei soll noch einmal auf die Themen Ethnologie und Tourismus sowie Entwicklungsethnologie Bezug genommen werden.

Durch die Arbeit ziehen sich die folgenden Leitfragen: (1) Inwieweit wird der partizipa- torische Anspruch des CBT-Konzepts im Tourismusprojekt von PCV umgesetzt?

(2) Welche Rolle spielen gemeindeinterne Machtverhältnisse dabei? (3) Wie kann die Ethnologie zur Minimierung der durch Partizipationsprobleme und ungleiche Machtver- hältnisse entstehenden Spannungen beitragen?

A. Theoretische Grundlagen zu den Themen Tourismus, Partizipation und Macht

In diesem Teil der Arbeit soll der theoretische Hintergrund für mein empirisch unter- suchtes Thema dargestellt werden.

1. Tourismus

1.1. Kritik am konventionellen Tourismus und touristische Alternativen

Der aktuelle Trend zu ökologischen und sozialverträglichen Tourismusalternativen hat seine Ursprünge in den 1980er Jahren mit dem „Aufstand der Bereisten“ (Krippendorf 1988: 21, Opaschowski 2002: 132) und der verstärkt auftretenden Kritik an den (sozio-)ökonomischen, ökologischen sowie sozio-kulturellen Folgen des konventionel- len Tourismus.5 Die damals entstehende Forderung nach umweltverträglichen und sozial wie auch finanziell gerechteren touristischen Alternativen setzte die Entwicklung neuer Konzepte von einer ,sanften‘, ,sozialverträglichen‘ und ,nachhaltigen‘ touristischen Er- schließung in Gange. Im folgenden Abschnitt (1.1.1) werde ich die geläufigsten Formen des Alternativtourismus erläutern, um dann spezieller auf den CBT als partizipative Tourismusform einzugehen (1.1.2).

1.1.1. Alternativtourismus von ,sanft‘ bis ,sozialverträglich‘

Den als Gegenkonzept zum konventionellen Tourismus entwickelten alternativen Tou- rismus beschreiben der Wirtschaftswissenschaftler William Eadington und die Ethnolo- gin Valene Smith als „(...) forms of tourism that are consistent with natural, social, and community values and which allow both hosts and guests to enjoy positive and worth- while interaction and shared experiences“ (Smith/Eadington 1992: 3) beschreiben. Die Erwähnung verschiedener Tourismusformen verweist auf die Variabilität des Phäno- mens, sodass es angemessener wäre, nicht von alternativem Tourismus zu sprechen, sondern von touristischen Alternativen, die sich seit den 1970er Jahren entwickelt haben und heute nebeneinander bestehen oder in einander übergehen. Als frühe Idee eines al- ternativen Tourismuskonzepts gilt das „sanfte Reisen“, das der Publizist und Zukunfts- forscher Robert Jungk in einem GEO-Artikel mit dem Titel „Wieviele Touristen pro Hektar Strand?“ im Jahr 1980 als Alternative zum Massentourismus beschreibt (Jungk 1980 in Fahrenholtz/Lorenz 1986: 60). Durch eine stärkere Betonung der sozio-kulturel- len und ökologischen Aspekte sollte sich diese neue Art von Tourismus vom bisherigen, eher destruktiven „harten Reisen“ unterscheiden (ebda). Diese Idee wurde vom Touris- musforscher und -kritiker Jost Krippendorf weiterentwickelt. Dieser versteht unter sanf- tem Tourismus:

„Formen des Tourismus, die einen möglichst hohen (ökonomischen) Nutzen für alle Betei- ligten bringen – den Touristen, den Touristenunternehmungen und der einheimischen Be- völkerung – bei gleichzeitiger Minimierung der Nachteile (Kosten), seien sie ökonomi- scher und vor allem ökologischer oder sozialer Art“ (Krippendorf 1988: 27).

Damit diese Art von Tourismus möglich ist, bedarf es laut Krippendorf einerseits einer „ganzheitlich-orientierte[n]6 Tourismuspolitik“ (ebd.: 25) und andererseits eines „neue[n] Tourist[en]“ (ebd.: 66). Da dieser seine Entscheidungen sorgfältig und eigen- verantwortlich trifft – wobei er stets die Folgen seines Handelns auf die natürliche Um- welt und die Realität der Bevölkerung in den Reiseländern bedenkt und auf deren Be- dürfnisse eingeht – spricht der Autor weiterhin von einem „bewußte[n] Reisen“7 (Krip- pendorf 1984: 206) sowie von einem „menschen-orientierte[n]“ (Krippendorf 1988: 23) und „angepaßte[n]“ (ebd.: 27) Tourismus. Neuere Auseinandersetzungen mit dem Be- griff des sanften Tourismus befinden sich in umweltwissenschaftlichen, geographischen und tourismuswirtschaftlichen Werken bei Ingo Mose (1998), Jürgen Hasse (1990) und Torsten Kirstges (1992).

Eine weitere alternative Tourismusform, die seit 1965 im englischsprachigen Raum un- ter dem Namen ecotourism aufgetaucht war und sich ab 1995 im Deutschen als Ökotou- rismus etablierte, betont ebenfalls die Umwelt- und Sozialverträglichkeit8 von Reisen, wobei als Urlaubsziele naturnahe Gebiete und als Urlaubsmotiv der Reisenden das Na- turerlebnis im Fokus stehen (Friedl 2001: 50). Der Ökotourismus kann neben anderen naturbezogenen Tourismusarten unter dem Oberbegriff Naturtourismus zusammenge- fasst werden, wobei letzterer die Natur lediglich als Urlaubskulisse- und Erlebnis be- trachtet, währen das erste Konzept auf umweltverträgliches Reisen9 und den Erhalt von Ökosystemen10 Wert legt. Die beiden Konzepte unterscheiden sich laut Strasdas daher nur „durch ihre Auswirkungen“ (Strasdas 2001: 113) voneinander. Die häufige Durch- mischung der beiden Konzepte und der seit den 1970er Jahren aufflammenden Öko- Trend führten dazu, dass viele vermeintlich ökologisch wertvolle Tourismusangebote ih- rem Namen nicht gerecht wurden, sodass häufig Buggy-Fahrten durch die Dünen unter dem Begriff Ökotourismus erfolgreich vermarktet und mit gutem Gewissen konsumiert werden. Doch selbst wenn Ökotourismus im Sinne von tatsächlichem Naturschutz statt- findet, geschieht dies oft nicht völlig reibungslos. Der Tourismusethiker Harald Friedl zeigt dies am Beispiel von Tourismus als Finanzquelle zum Erhalt von Naturparks. Da- bei sei es oft dazu gekommen, dass die ansässige Bevölkerung entweder nicht mehr ih- rer gewohnten Lebens- und Wirtschaftsweise nachgehen konnte oder sogar von ihrem Land vertrieben wurde (Friedl 2001: 53). Als spezielle Form des Naturtourismus ordnet Friedl neben dem Tourismus als „Konsum einer als unberührt empfundenen Naturland- schaft“ (ebd.: 54) den Ethnotourismus (indigenous tourism) 11 ein, welcher dem Wunsch der – vor allem westlichen und wohlhabenderen – TouristInnen nach einer authentischen Begegnung mit „Ureinwohnern“ oder „Naturvölkern“, die „unverdorben“, naturver- bunden und weit entfernt von der westlichen Zivilisation ihre Indigenität leben, ent- springt. Das von Krippendorf und anderen geforderte Interesse an der bereisten Bevöl- kerung führt auf diese Weise oft dazu, dass indigene Gruppen Teile ihrer Kultur und Traditionen nur für die TouristInnen inszenieren und verkaufen, was man negativ als kulturelle Prostitution und Werteverlust oder im positiven Sinne als intelligente Marke- tingstrategie bewerten kann. Fest steht jedenfalls, dass es schwierig ist, auf diese Weise einen wirklichen sozialen Kontakt zwischen Reisenden und Bereisten herzustellen, da die erste Gruppe die Indigenen oft primär als ExotInnen und nicht einfach als Menschen sieht, während diese wiederum die TouristInnen häufig vor allem als Einnahmequelle betrachten.

Das neue Trendwort im Tourismus ist der Begriff der Nachhaltigkeit12, der mit der UN- Umweltkonferenz in Rio de Janeiro im Jahre 1972 seinen Weg in die Tourismusdebatte fand. Laut dem Freizeit- und Tourismuswissenschaftler Horst Opaschowski wurde der sanfte Tourismus mit der World Conference on Sustainable Tourism im Jahre 1995 end- gültig durch den nachhaltigen Tourismus mit seinen Forderungen nach langfristiger ökologischer Tragbarkeit, wirtschaftlicher Machbarkeit und ethischer/sozialer Gerech- tigkeit für die lokale Bevölkerung abgelöst (Opaschowski 2001: 43). Häufig zitiert wird heute die Definition des Netzwerks „Forum Umwelt und Entwicklung“,13 die besagt:

„Nachhaltiger Tourismus muss soziale, kulturelle, ökologische und wirtschaftliche Verträg- lichkeitskriterien erfüllen. Nachhaltiger Tourismus ist langfristig, d.h. in Bezug auf heutige wie auf zukünftige Generationen, ethisch und sozial gerecht und kulturell angepasst, öko- logisch tragfähig sowie wirtschaftlich sinnvoll und ergiebig.“ (Forum Umwelt und Ent- wicklung 1998: 7).

Anders als bei den Vorgängerkonzepten wird der nachhaltige Tourismus nicht nur als eine Aktivität betrachtet, die es umwelt- und sozialverträglich umzusetzen gilt, sondern als gezielt einzusetzendes Instrument für eine nachhaltige Regionalentwicklung der be- troffenen Gebiete. Das Konzept des nachhaltigen Tourismus ist weitsichtiger und um- fassender als die Vorgängeridee des sanften Tourismus. Der Fremdenverkehrsgeograph Christoph Becker merkt dazu an, dass dem sanften Tourismus der „zeitliche Weitblick, die Berücksichtigung räumlicher Verflechtungen sowie die stringente vernetzte Sicht der drei Dimensionen [Umwelt, Wirtschaft und Kultur]“ (Becker et al. 1996: 9) fehlen. Gemäß Hans Elsasser und weiterer Geographenkollegen Beckers steht nachhaltiger Tourismus im Gegensatz dazu „für umfassende Neukonzeptionen einer ökologisch trag- baren, ökonomisch machbaren und sozio-kulturell akzeptablen touristischen Entwick- lung auf Dauer“ (Elsasser et al. 1995: 17, ähnlich bei Beyer 2006: 130). Der Blick in die Zukunft und die Rücksichtnahme auf kommende Generationen haben die bisherigen al- ternativen Tourismusformen um ein wesentliches Element erweitert.

In diesem Sinne kann sanfter Tourismus nachhaltige Elemente enthalten, ist des- wegen aber nicht zwangsläufig in seiner Gesamtkonzeption als nachhaltig zu bezeich- nen. Vom Ökotourismus ist der nachhaltige Tourismus laut Strasdas insofern abzugren- zen, als dass ersterer sich lediglich auf „naturbezogene Tourismusarten“ beziehe, wäh- rend der letzte alle Tourismusformen betreffe (Strasdas 2001: 7). Ökotourismus ist als nachhaltige Variante des Naturtourismus somit eine Subkategorie des nachhaltigen Tou- rismus.

1.1.2. Partizipativer Tourismus: Community-based Tourism als Tourismus der nativen Bevölkerung

Als Schlüsselfaktor zur erfolgreichen Umsetzung nachhaltiger Tourismusprojekte gilt heute die Partizipation der lokalen Bevölkerung. Lange Zeit hatte Partizipation in der Tourismusbranche überhaupt nicht stattgefunden. Tourismusprojekte wurden über die Köpfe der lokalen Bewohner hinweg geplant, die entweder gar nicht involviert wurden – nicht einmal als Angestellte, da es ihnen an Qualifikationen fehlte – oder als billige Arbeitskräfte zum Bau von Hotels oder zur Reinigung der Zimmer eingesetzt wurden. In den 1960er und -70er Jahren wurden zwar die ersten touristisch orientierten EZ-Pro- jekte implementiert, jedoch gegen Ende der 1980er Jahre bereits wieder abgesetzt, da man die negativen Auswirkungen des Tourismus in den betroffenen Ländern fürchtete und jede weitere Involviertheit daher inakzeptabel erschien (Beyer 2006: 137). Zu Be- ginn der 1980er Jahre forderte Krippendorf mit seinem „Konzept einer Tourismusent- wicklung im Gleichgewicht“ (Krippendorf 1984: 186) unter anderem „die Kontrolle über Grund und Boden in einheimischen Händen“ (ebd.: 191), das „Einheimische und Landestypische [zu] betonen und kultivieren“ (ebd.: 195) und dass unter verbesserter Qualität der Arbeitsplätze die „Entwicklung auf einheimische Arbeitskräfte“ ausgerich- tet werden solle (ebd.: 194). Die Forderung nach Tourismus als einem entwicklungspoli- tischen Instrument unter aktiver Teilhabe der Menschen in den Zielländern kehrte erst Mitte der 1990er Jahre mit der Forderung nach einem nachhaltigen Tourismus zurück und stützt sich auf diverse Gründe. Einerseits wird Partizipation von den Machern tou- ristischer Projekte genutzt, um deren Erfolg durch eine größere Akzeptanz bei der loka- len Bevölkerung zu sichern. In diesem Fall spielen vor allem ökonomische Aspekte eine Rolle und die Partizipation kommt mehr den TourismusunternehmerInnen zugute als der lokalen Bevölkerung. Andererseits kann die Teilnahme der nativen Bevölkerung Impul- se für den Natur- und Ressourcenschutz in ihrer Region liefern, weil die Existenz- grundlage der Bewohner oft auf einer intakten Natur basiert. Schließlich wird eine parti- zipative Tourismusentwicklung auch aus sozialen, ethischen und politischen Gründen, zur Förderung von selbstbestimmtem Handeln und der Verbreitung demokratischer Strukturen gefordert. Durch die Teilnahme der betroffenen Bevölkerungsgruppen kön- nen negative sozio-kulturelle Auswirkungen minimiert und eine selbstbestimmte Ent- wicklung der Region gefördert werden, sodass Tourismus nicht mehr zwangsläufig als neo-kolonialistisches, imperialistisches Produkt betrachtet werden muss, sondern als In- strument zur Umsetzung von Community Development 14 eingesetzt werden kann (Palm 2000: 15). Als Subkategorie des nachhaltigen Tourismus, die besonders auf die Partizi- pation der lokalen Bevölkerung und sozio-kulturelle Nachhaltigkeit bedacht ist,15 wurde daher das Konzept des CBT entwickelt. Der Begriff Community-based beinhaltet einer- seits, dass Planung und Durchführung von der lokalen Gemeinschaft teilweise oder im Idealfall komplett übernommen werden und folglich die durch das Tourismusprojekt er- zielten Einnahmen der nativen Bevölkerung zugute kommen und die kommunale Ent- wicklung fördern. Durch das Schaffen neuer Beschäftigungsmöglichkeiten und Ar- beitsplätze soll eine Abwanderung der (jungen) Bevölkerung in die Städte verhindert werden (Neudorfer 2007: 48). Andererseits impliziert der Begriff auch, dass die commu- nity selbst in den meisten Fällen ein Dorf – mitsamt ihrer spezifischen Lebensweise und Kultur zur touristischen Attraktion wird (ebd: 45). Ein wichtiger Bestandteil des Konzeptes ist daher auch der Kontakt zwischen den Reisenden und der nativen Bevöl- kerung, der nicht als einerseits exotisierende, neo-kolonialistische und andererseits pri- mär ökonomisch interessante Begegnung ablaufen soll, sondern als „two-way, interact- ive relationship in which the hosts are not at the command of the tourists and (…) [the tourists] are not treated as mere instruments of organized consumerism“ (Bartholo et al. 2008: 110). Gegenseitiger Austausch und das Kennenlernen der alltäglichen Lebenswelt der lokalen Bevölkerung sind wichtige Elemente eines CBT-Projekts und tragen zu ei- ner „positiveren Bewertung der eigenen kulturellen Identität“ (Neudorfer 2007: 45) bei.

Das Responsible Ecological Social Tours Project (REST) definiert CBT als „managed and owned by the community, for the community, with the purpose of en- abling visitors to increase their awareness and learn about the community and local ways of life.“ (REST 1997 unter: www.cbt-i.org/travel.php?&lang=en). Ein Schwach- punkt innerhalb dieser Definition findet sich in der ungenauen Verwendung des Begriffs community. 16 So sind es nämlich häufig die Annahme einer homogenen Interessenge- meinschaft und die mangelnde Beachtung von Machtstrukturen innerhalb der lokalen community, an der CBT-Projekte in der Praxis scheitern (Blackstock 2005: 42 f.). Diese führen häufig dazu, dass ohnehin schon mächtige Eliten ihre Interessen durchsetzen, während schwächere Gruppen dabei übersehen werden. Ein erfolgreiches CBT-Projekt sollte daher Subgruppierungen erkennen und marginale Gruppen wie Arme und Frauen aktiv miteinbeziehen. Ein weiterer Definitionsversuch von Nicole Häusler, Ethnologin und selbständige Beraterin für nachhaltigen Tourismus und Regionalentwicklung, und dem bereits genannten Wolfgang Strasdas versucht dieses Problem folgendermaßen zu entschärfen:

„a form of tourism in which a significant number of local people has substantial control over, and involvement in its tourism development and management. The major proportion of the benefits remains within the local economy. Members of the community, even those who are not indirectly [sic] involved in tourism enterprises, gain some form of benefit as well“ (Häusler/ Strasdas 2003 unter: www.cic-wildlife.org/uploads/media/Haeusler_Com- munity_based_tourism_2005_eng.pdf ).

Damit wird verdeutlicht, dass nicht die ganze (Dorf-)Gemeinschaft beteiligt sein muss, dass aber andererseits auch diejenigen Mitglieder einer Gemeinschaft profitieren kön- nen, die nicht direkt in touristische Aktivitäten involviert sind. Die Partizipation der Be- völkerung kann laut Häusler und Strasdas verschieden stark ausgeprägt sein, wobei von der Beteiligung der gesamten (Dorf-)Gemeinschaft über eine partielle Partizipation der- selben bis hin zu Joint Ventures zwischen (Teilen) der Bevölkerung und anderen Ge- schäftspartnern alles möglich ist (ebda).17 Der Definitionsvorschlag des Mountain Insti- tutes vereint die bisher genannten Kriterien ökologische, sozio-kulturelle und wirt- schaftliche Nachhaltigkeit, unterschiedlich ausgeprägte Partizipation der community und Beziehung zwischen TouristInnen und lokaler Bevölkerung in der folgenden Aufzäh- lung von CBT-Charakteristiken:

„1. Community-based Tourism must contribute to increasing and/or improving conserva- tion of natural and/or cultural resources, including biological diversity, water, forests, cul- tural landscapes, monuments, etc;
2. Community-based Tourism must contribute to local economic development through in- creasing tourism revenues and other benefits to community participants, and ideally to an increasing number of participants;
3. Community-based Tourism must have a level of participation (…) ideally progressing toward self-mobilization, but not always necessarily so; and
4. Community-based Tourism has a duty to the visitor to provide a socially and environ- mentally responsible product.“ (The Mountain Institute 2000: 4f.).

Neben den Schwierigkeiten in Zusammenhang mit dem community- Begriff sieht die Ethnologin Corinne Neudorfer ein Problem in der Tatsache, dass für die touristische Ar- beit eine hohe Spezialisierung der Bevölkerung erforderlich ist (Neudorfer 2007: 42). Petra Palm sieht dies in ihrer Arbeit zu CBT in kommunalen Gebieten Namibias im Rahmen eines entwicklungspolitischen Begleitprogramms von GTZ und BMZ jedoch als Vorteil, da extern angeleitete CBT-Projekte die Qualifikation der Bevölkerung als in- tegralen Bestandteil betrachten und die lokale Bevölkerung somit durch konkrete Bil- dungsmaßnahmen gefördert wird (Palm 2000: 18). Neudorfer bemerkt außerdem, dass selbst ein CBT-Projekt kaum alle negativen Effekte einer touristischen Erschließung verhindern könne (Neudorfer 2007: 48). In der Regel entsprechen diese – bis auf das zu- letzt genannte – und alle weiteren CBT-typischen Probleme den Schwierigkeiten, die ebenfalls bei partizipativen EZ-Projekten in anderen Bereichen auftreten und von mir in Abschnitt A.2.1.1 behandelt werden. In meiner empirischen Untersuchung des CBT- Projekts in PCV werde ich darauf eingehen, welche Probleme sich in Bezug auf die Par- tizipation und die touristische Erschließung des von mir untersuchten Dorfes während meines Aufenthalts feststellen ließen.

1.2. Tourismus und Ethnologie

Auch in der ethnologischen Tourismusforschung sind alternative Tourismuskonzepte heute ein beliebtes Thema und es gibt gute Gründe den Tourismus als „legitimate sub- ject for anthropological inquiry“ (Nash 1981: 461) zu betrachten: Erstens, weil es sich dabei stets um einen Kontakt zwischen Kulturen und/oder Subkulturen dreht; zweitens aufgrund der Verbreitung des Phänomens in allen Gesellschaften und auf allen „levels of social complexity“ (ebda) und drittens da Tourismus oft mit der Transformation eines traditionell ethnologischen Territoriums, der Regionen der EL, einhergeht (vgl. auch Stronza 2001: 264, Burns 1999: 81, Nash 1981: 461). Allerdings ist der Tourismus an sich ein relativ junges Thema der Ethnologie, das erst in den letzten 40 Jahren näher be- handelt wurde. Zuvor wurde die sozio-kulturelle Bedeutung des Phänomens unter-

schätzt, da Tourismus als ein westliches Phänomen betrachtet wurde, das nichts mit den traditionellen Bevölkerungen als genuin ethnologischen Forschungsobjekten zu tun hat- te: „Tourism was thought to be about economics and tourists, not about the local eco- nomy or host.“ (Burns 2004: 7). Außerdem galt die Beschäftigung mit einem Freizeit- vergnügen wie dem touristischen Reisen als unangemessen und als seriösEr Wissen- schaftlerIn versuchte man, nicht damit in Verbindung gebracht zu werden. Aufgrund der Ähnlichkeit zwischen einer ethnologischen Feldforschung und einer touristischen Reise war es für EthnologInnen besonders wichtig, sich von den reisenden Massen abzugren- zen (ebd.: 6, Wallace 2005: 5, Errington 1989: 37, Crick 1985).

Die ersten ethnologischen Arbeiten18 entsprangen in den 1970er Jahren diesem unvermeidbaren und für letztere lästigen Kontakt zwischen TouristInnen und Ethnolo- gInnen, als die touristischen „Horden“ in Bereiche vordrangen, die bisher den Ethnolo- gInnen und „ihren“ Indigenen vorbehalten waren. Diese frühen ethnologische Arbeiten zu den sozio-kulturellen Folgen betrachteten die touristische Erschließung der EL über- wiegend als negativ und befürchteten, dass Akkulturationsprozesse bei der einheimi- schen Bevölkerung zu Identitätsverwirrungen führen könnten und dass deren Kultur zu einem käuflichen Objekt (commoditisation) degradiert würde (Selwyn 1992: 358, Burns 2004: 10). Ein weiteres Motiv war die Interpretation von Tourismus als imperialistische, neo-kolonialistische Praxis, welche die wirtschaftspolitische Dominanz des Nordens über den Süden aktiv reproduziere (Nash 1989: 38ff, Crick 1989: 324, Burns 2004: 10). Diese Analysen gelten mittlerweile als zu einseitig, da als Folge des ethnologischen Be- wahrungsdranges missachtet wurde, dass Kulturwandel nicht allein durch Tourismus sondern durch weitere Globalisierungstendenzen wie etwa die Verbreitung von Medien, Migrationsbewegungen, Industrialisierungs- und Urbanisierungsprozesse bewirkt wird und außerdem nicht zwangsläufig und ausschließlich negative Folgen haben muss. Au- ßerdem wurde die Sichtweise der lokalen Bevölkerung – der eine völlig passive Opfer- rolle zugeteilt wurde – in Hinblick auf Kulturwandel und sozio-kulturelle Veränderun- gen nicht berücksichtigt und mögliche Handlungsspielräume ausgeblendet.19 In den 1980er Jahren verschob sich der Fokus ethnologischer Forschungen, sodass die Reisen- den und deren Motivationen und Rollen, verschiedene Touristentypen und die Bedeu- tung der Reise für diese Individuen in den Mittelpunkt des Forschungsinteresses rück- ten. Die Reise wurde in Hinblick auf die frühe Tourismuskritik Hans Magnus Enzens- bergers als Flucht aus dem Alltag20 (vgl. Burns 1999: 82, Stronza 2001: 266) sowie als Ritual und Pilgerreise (Graburn 1983, 1989) gedeutet, die den Charakter einer Suche des entfremdeten, städtischen Menschen nach sich selbst im Authentischen (McCannell 1989) haben kann. Auch diese Forschungen sind als einseitig zu bezeichnen, indem sie lediglich die Reisemotive untersuchen, nicht aber die Motivation der lokalen Bevölke- rung, ins touristische Geschäft einzusteigen (Stronza 2001: 262). Die Ethnologin Judith Schlehe fordert in diesem Zusammenhang, dass „Tourismus längst als Bestandteil loka- ler Realitäten und als mit konstituierender Faktor kultureller Identitäten“ gesehen werden muss, denn: „Tourismusindizierter Kulturwandel ist ein komplexer, dynamischer und beidseitiger Prozess!“ (Schlehe 2003: 36). Ein drittes großes Thema der Ethnologie ist der interkulturelle Kontakt zwischen TouristInnen und Einheimischen. Innerhalb dieser Thematik wurde auch die Bedeutung von Guides als VermittlerInnen zwischen den Kul- turen untersucht.

Ein junges und momentan sehr bedeutsames Feld ethnologischer Tourismusforschung ist die erwähnte Beschäftigung mit alternativen Tourismusformen21 (Burns 2004: 12, Stronza 2001: 274 ff.). Nachdem erkannt wurde, dass Tourismus auch positive Effekte haben kann, liegt es nun in der Verantwortung der Ethnologie, diese zu untersuchen und zu fördern: „If tourism can have both positive and negative effects on development, the practical-minded question is how to accentuate the positive.“ (Nash 1981: 466). Der Tourismus avancierte vom Instrument der Zerstörung zu einem Allheilmittel. Weitere aktuelle und zukünftige Forschungsfelder sind eine stärkere Konzentration auf den Bin- nentourismus (Antweiler 2004: 20, vgl. Schlehe 2004: 43), Lokalisierungsstudien, die „Tourismus als lokalisierten Teil kultureller Globalisierung“ (Antweiler 2004: 23, vgl.: Schlehe 2003: 42) sehen, „Zusammenhänge mit anderen Mobilitäten und Konsumfor- men“ (Schlehe 2003: 43), Orts- und Landschaftsbezug der touristischen Reise unter dem Aspekt der „De-Territorialisierung“ (Antweiler 2004: 22) und „Körpererfahrungen“ sowie sinnliche Erlebnisse der Reisenden (ebd.: 21). Schlehe betont außerdem die Be- deutung von Gestaltungspotenzialen, Innovationen und neuen „kreolisierten“ Identitä- ten, die der Tourismus auslöst, aber auch von Machtbeziehungen und Ungleichheiten im globalen Kontext (Schlehe 2003: 42). Auf der praktischen Ebene sind EthnologInnen vor allem für eine vermittelnde und beratende Tätigkeit zwischen Einheimischen, Rei- senden und touristischen Unternehmen anhand von Bedürfnisanalysen und der Ermitt- lung von Schnittstellen zwischen den Interessen der einzelnen Akteure prädestiniert (GATE 2004: 84). Häusler betont in diesem Zusammenhang die Arbeit in CBT-Projek- ten (Häusler 2004: 53). Bei touristischen Großprojekten können EthnologInnen im Sin- ne der Advocacy Anthropology die indigene Bevölkerung informieren und im Kampf um ihr oft bedrohtes Land unterstützen (ebd.: 52). Außerdem ist die Aufklärung von Touris- tInnen ein mögliches Betätigungsfeld. Durch das Erstellen kultursensibler Reiseliteratur sowie entsprechende Fremdenführungen können Reisende sensibilisiert werden.

2. Partizipation

Nachdem im vorherigen Kapitel der Begriff der Partizipation im Zusammenhang mit CBT schon öfters gefallen ist, werde ich ihn in diesem Kapitel genauer erläutern. „Parti- zipation“ setzt sich aus den lateinischen Worten „pars“ (Teil) und „capere“ (nehmen, er- greifen) zusammen und bedeutet demnach „Teilnahme“ (Kluge 2002: 683). Allerdings wird der Begriff in diversen Kontexten für ganz unterschiedliche Formen und Ausprä- gungen von Teilnahme angewandt und wurde bereits im Sinne von aktiver Bewusst- seinsbildung und Teilnahme an der Gestaltung der eigenen Umwelt, als (Schein-)Inte- gration marginalisierter Gruppen, im Zusammenhang mit Demokratisierungsprozessen, als Umverteilung von Planungs- und Entscheidungskompetenzen und schließlich als kosteneffiziente Strategie der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit, um den Einsatz personeller und finanzieller Ressourcen in den Verantwortungsbereich der Betroffenen hinein zu verlagern, definiert (Hanak 1997: 2f.). Dieses Kapitel wird den Partizipations- begriff zunächst im Entwicklungskontext und anschließend im Rahmen von politischer, bürgerlicher Teilhabe im Sinne von citizenship behandeln.22

2.1. Partizipation im Entwicklungskontext

2.1.1. Partizipation in der Entwicklungszusammenarbeit

Bis in die 1980er Jahre war im Kontext der Entwicklungshilfe23 eine wirkliche Partizi- pation der betroffenen Bevölkerung kaum möglich, da der eurozentristische Glaube an den trickle-through 24 -Effekt (Kohl 1999: 16, Krummacher 2004: 8) sowie die top-down entworfenen Projekte lediglich eine passive Beteiligung der Betroffenen als Arbeitskräf- te bei der Implementierung der extern geplanten und beschlossenen Aktionen vorsahen. Zwar etablierte sich ab den 1950ern im Kontext der Kommunalentwicklungsstrategie mit dem Community Development eine neue Art von Projektarbeit, die die Selbsthilfe der lokalen Bevölkerung unter externer Bereitstellung von technischen und finanziellen Diensten in den Mittelpunkt stellte (Nohlen 2000: 157 f., Kohl 1999: 63 ff). Jedoch re- sultierten diese Projekte aus mangelnder Beachtung der lokalen Machtverhältnisse häu- fig in der Förderung örtlicher Eliten und verstärkten bestehende soziale Ungleichheiten (Krummacher 2004: 9). Die Auseinandersetzung mit diesen gescheiterten partizipativen Projekten führte in den 1970ern zu der so genannten integrierten Entwicklung, bei der den „Ländern des Südens (…) vermehrt Verantwortung zur Lösung ihrer Probleme übertragen“ (Kohl1999: 21) wurde. Dieser Fokus auf das Mitspracherecht klingt zu- nächst positiv nach tatsächlicher Partizipation, bedeutete jedoch in Wirklichkeit eine verstärkte Nutzung lokaler Ressourcen und Dienstleistungen sowie die damit einherge- hende Entlastung des Staates. Partizipation wurde in diesem Kontext im Interesse des Staates und des Neoliberalismus instrumentalisiert und nicht primär als Zugeständnis von Selbstbestimmung an die lokale Bevölkerung verstanden. Heftige Kritik und neue Lösungen lieferten vor allem BewohnerInnen des Südens selbst, darunter überwiegend Mitglieder von Basisorganisationen (grassroots organizations) und lateinamerikanische Vertreter der Dependenztheorie25, welche die Beschäftigung mit benachteiligten, von der Partizipation weiterhin ausgeschlossenen Bevölkerungsgruppen fokussierten (Kohl 1999: 27). Diese Kritiker wollten unter Partizipation nicht den Einsatz von lokalen Res- sourcen und Arbeitskräften in extern entwickelten Projekten verstehen, sondern die Teil- nahme der Betroffenen unter Beachtung ihres spezifischen Wissens und ihrer Fähigkei- ten als aktives, gestaltendes anstatt passives Partizipieren (ebd. 29). Mit dieser Paradig- menverschiebung zum Menschen hin ebneten sie den Ansätzen der partizipativen Ent- wicklung der 1980er und -90er den Weg, die mit bottom-up- Ansätzen und der Idee des „putting people first“ (Cernea26 1985) die Interessen der lokalen Bevölkerung in den Mittelpunkt stellten. Partizipation wurde zur aktiven Teilnahme an Planung und Durch- setzung. Außerdem wurde sie nicht mehr als Mittel für einen bestimmten Zweck (z. B. zur erfolgreichen Durchsetzung eines Projekts), sondern als Prozess der Bewusstseins- bildung und Veränderung von Strukturen gesehen. In diesem Kontext – Kohl bezeichnet diese Art von Beteiligung als „Partizipation als Prozess der Stärkung“ (Kohl 1999: 57) – wurden an die Partizipationsidee die Begriffe empowerment 27 und ownership geknüpft. Empowerment steht als Voraussetzung für erfolgreiche Partizipation und gleichzeitiges Ergebnis derselben für eine Stärkung im Sinne von Ermutigung und Befähigung der Be- troffenen, ihre Möglichkeiten zu realisieren und Fähigkeiten zu nutzen, um die von ih- nen gewünschten Ziele zu erreichen. Mit dem Begriff wurden oft die NROs in Verbin- dung gebracht, welche im Rahmen der partizipativen Methoden ebenfalls an Bedeutung gewannen und denen die „ability to empower individuals and communities“ (Willis 1995: 102) zugestanden wurde. Willis verweist jedoch darauf, dass empowerment von innen kommen muss und nicht von außen gewährt oder zugeteilt werden kann, sodass NROs lediglich die Rahmenbedingungen schaffen können, in denen empowerment statt- findet: „NGOs can provide a context28 in which a process of empowerment is possible, but only individuals can choose to take and use opportunities, they have to want to par- ticipate and to use their skills.“ (ebd.: 103). Es geht also um ein „active taking of power“ (Lagos 1992: 82). Außerdem muss laut Kohl unter empowerment stets eine Kombination aus „Reflexion, Entscheidung und Aktion“ (Kohl 1999: 91) verstanden werden. Ownership bezeichnet die Identifizierung mit den Projekten und somit die Übernahme von Verantwortung. Beide gelten im Zusammenhang mit Partizipation mitt- lerweile als notwendige Voraussetzung für eine erfolgreiche und nachhaltige Umsetzung von EZ-Projekten.

Während partizipatorische Ansätze zu Beginn von den radikaleren VertreterInnen einer zielgruppenorientierten EZ gefordert wurden, sind sie seit den 1990ern in den Grundsät- zen aller großen EZ-Organe (vgl. BMZ 1999, World Bank 1996, www.gtz.de/de/doku- mente/de-SVMP-partizipation.pdf) verankert und gehören zum guten Ton. In einer Branche, die aus ethischen Gründen auf Gleichheit, Gleichbehandlung und Gleichbe- rechtigung pocht, kann der Begriff der Partizipation nicht mehr ignoriert werden. Gleichzeitig führte diese zwangsläufige Verwendung dazu, dass „Partizipation“ zu ei- nem inhaltsleeren, beliebigen und dehnbaren Begriff wurde, unter den verschiedenste Vorstellungen von Teilnahme zusammengefasst werden, die von bloßer Information der Beteiligten bis hin zu vollständiger Selbstbestimmung und -verwaltung unter Bereitstel- lung der nötigen Ressourcen und/oder Rahmenbedingungen reichen. Gabriele Beck- mann unterscheidet dabei zwischen unverbindlicher und verbindlicher Partizipation so- wie Selbstverwaltung (Beckmann 1997: 7). Die unverbindliche Partizipation lässt sich unterteilen in eine passive, lediglich auf die Transparenz von Entscheidungen und das Informationsrecht der Betroffenen ausgerichtete und eine aktive, auf Mei- nungsäußerungen basierende Form. Während bei der unverbindlichen Partizipation die- se Meinungsäußerung lediglich zur „Erstellung eines Meinungsbildes, der Feststellung der allgemeinen Akzeptanz (…) oder der Gewinnung relevanter Informationen“ (ebda) dient, ist sie bei der verbindlichen Partizipation entscheidungsweisend, d.h. die Betrof- fenen treffen die Entscheidungen zusammen mit den Projektplanern. Bei der Selbstver- waltung werden Entscheidungen von den Betroffenen eigenständig gefällt.

Aufgrund dieser unterschiedlichen Ansätze kann Partizipation weiterhin pro- blemlos zur Manipulation der Betroffenen und der Durchsetzung politischer Ziele ver- wendet werden. Doch selbst wenn Partizipation im Sinne von Mitentscheidung stattfin- det, ist dies nicht die Lösung aller Probleme. Partizipationskritische Stimmen sind der Meinung, dass die Möglichkeit der aktiven Teilnahme mit einer Verstärkung des sozia- len Ungleichgewichts einhergehe, bei dem reich über arm – sei es in Bezug auf Eigen- tum, Zeit oder Bildung – und aktiv über passiv gewinnt29 (Bachrach 1992: 34, Laverack/ Wallerstein 2001: 180). Die Afrikawissenschaftlerin Irmi Hanak betont, dass Partizi- pation in Bezug auf Frauen meist nicht bedeutet “daß Frauen gleichberechtigt partizipie- ren, sondern bestenfalls, daß Frauen in irgendeiner Weise von dem jeweiligen Pro- gramm betroffen sind“ (Hanak 1997: 6), jedoch unter der Dominanz der Männer leiden. Oft wird auch vergessen, welch zusätzlichen Zeit- und Energieaufwand die Beteiligung für die Betroffenen bedeutet und dass sich eventuell nicht jedes Individuum beteiligen möchte bzw. wie schwierig es bei einer vollständigen Partizipation der betroffenen – keinesfalls homogenen – Bevölkerung ist, zu einem Konsens zu kommen (Dudley 1993: 160). Außerdem steht fest, dass oktroyierte Partizipation nicht funktionieren kann, da es ihr an Identifizierungsmöglichkeiten im Sinne von ownership mangelt. In Bezug auf die Partizipation als Eigenverantwortung und Selbstbestimmung stellt sich das Problem, dass EZ-Projekte stets an zeitliche Begrenzungen gebunden sind. Wenn Partizipation als Prozess der Bewusstseins- und Strukturbildung gesehen wird, ist es jedoch kaum mög- lich, einen genauen Zeitrahmen dafür abzustecken (Kohl 1999: 74).

2.1.2. Partizipation und Entwicklungsethnologie

Auch wenn die deutsche Völkerkunde im Vergleich zu anderen ethnologischen Schulen (z. B. in Großbritannien30 sowie Nord31- und Lateinamerika32) traditionell als praxisfern gilt und eine Beschäftigung mit dem Thema Entwicklung bis in die 1980er fast nur als „Ethnologie der Entwicklung“ (Prochnow 1996: 21) in theoretischer Form erfolgte, se- hen Vertreter der so genannten Entwicklungsethnologie mittlerweile gewisse Parallelen zwischen partizipativen Ansätzen und den Methoden und Grundsätzen der Ethnologie. Die Entwicklungsethnologie steht für die institutionalisierte Aufnahme ethnologischer Ansätze in die Planung, Durchführung und Evaluierung von EZ-Projekten, welche die noch bestehenden Defizite vor allem durch die verstärkte „Berücksichtigung kultureller Faktoren“ (ebd.: 23) beheben sollen. Einsatz von EthnologInnen in der EZ wird als un- erlässlich für eine verbesserte Situation der Bevölkerung vor Ort gesehen. Eine dritte ethnologische Position, die Aktionsanthropologie (Action Anthropology), ist in ihrer Ar- gumentation „explizit politisch“ und geht davon aus, dass die „Beteiligung von Ethnolo- gen in der Entwicklungshilfe (…) der Aufrechterhaltung ausbeuterischer postkolonialer Verhältnisse“ (Schönhuth 1998: 12) diene. Ihre VertreterInnen stellen sich daher aktiv in den Dienst der lokalen Bevölkerung, indem sie sich als neutrale, nicht-manipulierende BeraterInnen „in ständiger Interaktion mit der Gruppe, auf die Ermittlung bzw. Klärung und Verdeutlichung von Wahlmöglichkeiten in Bezug auf das formulierte Problem so- wie die Mittel, mit denen es bewältigt werden kann“ (Prochnow 1996: 30) konzentrie- ren.

Wie also gestaltet sich das bereits erwähnte Verhältnis zwischen partizipativen Ansätzen der EZ und Entwicklungsethnologie? Der an Entwicklungsthemen interessierte Eth- nologe Michael Schönhuth stellt fest, dass VertreterInnen des Fachs durch ihren holisti- schen und emischen Ansatz bei der Erforschung von Kultur(en) und der damit einherge- henden Wertschätzung des lokalen Wissens einen besonderen Zugang zur lokalen Be- völkerung haben, der sie für die Rolle des „Anwalt[s] der Gruppe“ oder „kulturellen Vermittlers (cultural broker) “ (Schönhuth 2004: 106) befähigt. Dabei kommen ihnen die lernende Herangehensweise sowie die grundsätzliche Relativierung33 von Werten und Normen zugute, aufgrund derer sie die diversen involvierten Gruppen verstehen und so- mit an den „Schnittstellen von Entwicklung“ (ebda) – also zwischen den EZ-Organen und der lokalen Bevölkerung – aber auch innerhalb der Zielgruppe den Dialog erleich- tern können (Antweiler 1993: 46, Kievelitz 1997: 61). In diesem Sinne können Ethnolo- gInnen als ExpertInnen für das Phänomen „Kultur“ im Allgemeinen und bestimmte Kulturen im Speziellen sowie für interkulturelle Kommunikation Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Partizipation schaffen. Mit der Feldforschung und ihrer Königsdis- ziplin der teilnehmenden Beobachtung praktizieren EthnologInnen seit Malinowskis Aufenthalt bei den Trobriandern außerdem eine partizipative Forschungsmethode, bei der die Teilnahme an Alltagsprozessen wesentlicher Bestandteil ist (Schönhuth 2004: 110). Es lassen sich also gewisse Übereinstimmungen zwischen der ethnologischen For- schungsweise und den partizipativen Methoden der EZ finden: Beide arbeiten mit loka- lem Wissen und der „Innenperspektive“ (Schönhuth 2002: 47) der lokalen Bevölkerung, beide legen Wert auf einen „guten, möglichst machtfreien“ (ebda, ähnlich bei Kievelitz 1997: 60) Kontakt mit den Gruppen, beide müssen im Idealfall ein „Stadium der Depro- fessionalisierung“ (ebda) durchlaufen, um sich in die Situation von Lernenden zu ver- setzen und um sich für lokale Werte und Strategien zu öffnen und schließlich verwenden beide ähnliche Methoden wie z. B. Beobachtung, Interviews, „das Nachzeichnen von Dorfgeschichte und Einzelbiographien, und das Arbeiten mit lokalen Klassifikationen und Kategorien“ (ebda). Diese Übereinstimmungen ermöglichten es der Ethnologie bei der Entwicklung von Monitoring- und Evaluierungsverfahren tätig zu sein, die Partizi- pation ermöglichen sollen (Antweiler 1993: 49)34. 2.2. Partizipation in den Citizenship Studies In diesem Abschnitt möchte ich mich vom Entwicklungskontext entfernen und den Par- tizipationsbegriff im Sinne von politischer Teilnahme und bürgerschaftlichem Engage- ment behandeln, wie es seit den 1990ern in den Citizenship Studies35 üblich ist.

2.2.1. Allgemeine Implikationen zum Begriff citizenship

Der Begriff citizenship umfasst nach der Stanford Encyclopedia of Philosophy drei Di- mensionen. Zum einen bezeichnet er einen legalen Status, der dem Individuum soziale, politische und zivile Rechte gewährt. Der Bürger/die Bürgerin wird als „legal person free to act according to the law and having the right to claim the law’s protection“ ver- standen (http://plato.stanford.edu/entries/citizenship/). Im Falle dieses „liberal model“ (ebda) kommt dem Staat als Gewährleister dieser Gesetze eine bürgerschützende Funk- tion zu. Zweitens steht der Begriff für eine aktive, partizipierende Bürgerschaft, die an gesellschaftlichen, politischen Entscheidungen teilnimmt und in den entsprechenden Or- ganisationen engagiert ist. Auf diese Weise können BürgerInnen die vom Staat verübten Aktivitäten durch ihre Partizipation beeinflussen, bestimmte Rechte einfordern und die Lösung von Problemen anstreben, die vom Staat vernachlässigt oder in den Augen der BürgerInnen nicht zufriedenstellend behandelt werden. Hier („republican model“) tritt der Staat nicht als Garantie für die erforderlichen Rechte auf, sondern als potenzielle Bedrohung derselben (ebda). Das Verhältnis zwischen Staat und Bürgerschaft ist in diesem Sinne ein höchst ambivalentes, denn: „citizenship both depends on and is threatened by the state, because what the state gives it can also take away.“ (Foweraker/ Landman 1997: 3). Der dritte Aspekt bezieht sich auf die Mitgliedschaft des Individu- ums in einer politischen Gemeinschaft und steht somit in Zusammenhang mit Identitäts- bildungsprozessen und der Frage nach (sozialer) Inklusion bzw. Exklusion. Alle drei Vorstellung sind eng miteinander verbunden, denn in der Regel führt erst der Kampf um die sozialen, politischen und zivilen Rechte, soziale Inklusion und Partizipationsmög- lichkeiten zur Sicherung des legalen Status als BürgerIn und einem Zugehörigkeitsge- fühl oder – bei erfolglosem Ausgang – zu einem Erfahren von Exklusion und Ungleich- heit. In Bezug auf diese Problematik der marginalisierten Gruppen gibt es sowohl uni- versalistische Tendenzen, die gleiche Rechte für alle BürgerInnen einfordern, als auch differenzialistische Stimmen, die angepasst an die gesellschaftliche Situation differen- zierte Rechte für bestimmte Gruppen postulieren: „Universal rights cannot correct his- torical wrongs, so special rights are also required. If society is socially different, then citizenship should be so as well“ (Foweraker/Landman 1997: 29). Im Laufe der Zeit ha- ben marginalisierte Gruppen ihre spezifischen Rechte zunehmend eingefordert. Isin und Turner schreiben in diesem Zusammenhang z. B. von „sexual citizenship“36, „ecological citizenship“37 und „aboriginal citizenship“ (vgl. Cairns 2002), auch als indigenous citi- zenship bezeichnet (Isin/Turner 2002: 2).

Bedeutend für ein erfolgreiches Erkämpfen von citizenship rights ist nach Isin und Tur- ner die Frage „how the ‚thickness‘ of identities of members should be comprehended and accommodated.“ (ebd.: 4). Dabei geht es um den Zusammenhalt der entsprechen- den, marginalisierten Gruppe. Die Schaffung einer sozialen Identität und die Zugehörig- keit zu einer politischen community sind dabei wichtige Elememte.38 Oft fungieren so- ziale Bewegungen als identitätsbildende Faktoren.

[...]


1 Genauere Informationen zur NRO befinden sich unter: www.terramar.org.br.

2 Rede bedeutet Netz oder Netzwerk und t ucum ist eine Pflanzenfaser, aus der Hängematten hergestellt werden. Weitere Informationen zum Rede Tucum unter: www.tucum.org.

3 Im brasilianischen Hochportugiesich heißt es eigentlich „ O turismo que nós queremos “. Die EinwohnerInnen von PCV und andere ländliche Bevölkerungsgruppen verwenden nach dem Wort nós (wir) jedoch häufig das Verb in der dritten Person Singular anstatt Plural.

4 Die Übersetzung der Interviewpassagen sind sehr nahe am Gesprochenen und daher teilwei- se umgangssprachlich. Die Originale der von mir übersetzen Abschnitte befinden sich als Endnoten im Anhang dieser Arbeit unter Abschnitt 6. Dabei wurden nur längere Zitate wie Satzteile oder ganze Sätze angegeben, jedoch keine einzelnen Worte.

5 Zum Thema Tourismuskritik siehe Enzensberger 1964, Krippendorf 1984/1988, Opaschowski 2002, Friedl 2001, Backes/Goethe 2003, Backes 2009.

6 Den Begriff der Ganzheitlichkeit verwendet auch der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung (www.studienkreis.org/deutsch/wer/main_wer.html).

7 Von bewusstem Reisen spricht auch der Schweizer Arbeitskreis Tourismus und Entwicklung (www.akte.ch).

8 Auch der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung verwendet den Begriff des „umwelt- und sozialverträglichen Tourismus“ (www.studienkreis.org/deutsch/wer/main_wer. html).

9 Ein Streitpunkt ist in diesem Zusammenhang die Verwendung von Flugreisen. Ein Versuch, Fernreisen ökologischer zu gestalten, ist die Idee des Emissionsausgleichs, bei dem als Entschä- digung für die verursachten Flugzeugabgase ein finanzieller Beitrag zur Finanzierung von Um- weltprojekten entrichtet wird (vgl.: www.atmosfair.de).

10 Das Bundesamt für Naturschutz nennt neben dem Ökotourismus außerdem den „umwelt- verträglichen/umweltfreundlichen Tourismus“ als Vorläufer desselben. Während dieser Touris- mus den Umweltschutz primär aus anthropozentrischer Perspektive verstand, kam beim Ökotourismus die Beachtung der Ökosysteme hinzu (www.bfn.de/0323_iyeoeko.html).

11 Mit indigenous tourism haben sich u. a. die Sozialanthropologin Claudia Notzke (2006), Chris Ryan und Michelle Aicken (2005) vom Tourismusprogramm der University of Waikato, Neuseeland und die Tourismuswissenschaftler Richard Butler (2007) und Tom Hinch (1996) be- schäftigt.

12 Der Begriff der Nachhaltigkeit wurde zum ersten Mal Im Jahr 1713 innerhalb der Forstwis- senschaften im Zusammenhang mit der nachhaltigen Nutzung der Wälder genannt und besagte, dass nicht mehr Bäume gefällt werden sollten, wie im gleichen Zeitraum wieder nachwachsen würden (www.agenda21-treffpunkt.de/info/nachhalt.htm). In die Entwicklungspolitik fand das Konzept erst im Jahr 1983 durch die Arbeit der Brundtlandkommission Eingang und steht seit- dem für eine Entwicklung, welche die Bedürfnisse der aktuellen Generationen befriedigt, wäh- rend sie gleichzeitig darauf bedacht ist, die Bedürfnisse zukünftiger Generationen durch ihr Handeln nicht zu beeinträchtigen (www.nachhaltigkeit.info/artikel/brundtland _report_ 1987 _728.htm).

13 Sowohl Wolfgang Strasdas, Professor für das Gebiet „Nachhaltiger Tourismus“ an der Fachhochschule Eberswalde wie auch Matthias Beyer, Gastdozent für Nachhaltiges Destinati- onsmanagement an der selben FH und selbständiger Berater für nachhaltigen Tourismus und Regionalentwicklung berufen sich darauf.

14 Community Development bezeichnet eine Art von EZ-Projektarbeit, die die Selbsthilfe als Strategie zur Regionalentwicklung in den Mittelpunkt stellt (Nohlen 2000: 157).

15 Dennoch wird in den CBT-Projekten auch eine ökonomische und ökologische Nachhaltig- keit angestrebt. Die Ethnologin Corinne Neudorfer merkt an, dass das CBT-Konzept als Reakti- on auf diejenigen Ökotourismusprojekte gesehen werden kann, die wie bereits erwähnt keine Rücksicht auf die lokale Bevölkerung nehmen (Neudorfer 2007: 39).

16 Zur genaueren Beschäftigung mit dem Begriff der community siehe Mayo 2000, Tönnies 1979, Bell/ Newby 1978.

17 Unterschiedliche Grade und Formen der Partizipation sind natürlich nicht tourismusspezi- fisch sondern ein zentrales Thema aller partizipativen privaten oder staatlichen EZ-Projekten. Daher werde ich diesen Punkt unter A.2.1.1 genauer behandeln.

18 Als erste ethnologische Arbeit zum Thema Tourismus wird allgemein Nuñez’ Studie aus dem Jahr 1963 zu Wochenendtourismus in Mexiko genannt (Nash 1996: 1, Burns 2004: 10). Als Wegbereiterin gilt auch Valene Smith, die 1974 das erste Symposium der American Anthropolo- gical Association zum Thema Tourismus organisierte, wozu drei Jahre später der Sammelband „Hosts and Guests. The Anthropology of Tourism“ veröffentlicht wurde (Burns 1999: 80).

19 Gerade in Bezug auf die Vermarktung von Kultur merkt der Tourismusethnologe Tom Sel- wyn an, dass indigene Gruppen häufig strikt zwischen kulturellen Präsentationen für TouristIn- nen und tatsächlichen Ritualen, die unter Ausschluss der touristischen Öffentlichkeit stattfinden, trennen und auf diese Weise Traditionen bewahren und gleichzeitig neue Kunstformen schaffen können (Selwyn 1992: 358, Cohen 1988: 382).

20 Claude Lévi-Strauss merkte allerdings in Anbetracht der Zerstörung der ehemals unberühr- ten Regionen unseres Planeten durch eine „wuchernde, überreizte Zivilisation“ bereits in seinem 1955 erschienen Klassiker „Traurige Tropen“ an, dass „die angebliche Flucht einer Reise (..) [nichts] anderes bedeuten [könne], als uns mit den unglücklichsten Formen unserer historischen Existenz zu konfrontieren.“ (Lévi-Strauss 1978: 31).

21 Zu nennen wären hier Corinne Neudorfer (2007) mit ihrer Forschung zu CBT bei den Akha in Laos und Beiträgen zum nachhaltigen Tourismus (2006) sowie Sophie Elixhauser (2006) und Amanda Stronza (2001, 2005, 2008) zum Ökotourismus.

22 Das Thema der Partizipation im Tourismus wird an dieser Stelle nicht mehr behandelt, da es bereits unter A.1.1.2 erläutert wurde.

23 Ich verwende an dieser Stelle den Begriff der Entwicklungshilfe weil die Bezeichnung

„Entwicklungszusammenarbeit“ erst in den 1990ern aufkam (Off 2008: 55).

24 Trickle-through steht für „durchsickern“ und bezeichnet die evolutionistisch geprägte Vor- stellung, dass die EL durch das Durchsickern von Knowhow und Technologien aus den Industri- eländern mit der Zeit eine ebenso hohe Entwicklungsstufe erreichen würden (Kohl 1999: 16).

25 Diese marxistisch geprägte Theorie stellt sich gegen die Modernisierungstheorien und be- sagt, dass für die Unterentwicklung von nicht-westlichen Ländern nicht die unzureichende Mo- dernisierung, Industrialisierung und Durchsetzung des Kapitalismus verantwortlich sei, sondern dass sie erst als Folge dieser Faktoren entstünde. Durch Machtausübung gelinge es den Industri- eländern, die EL wirtschaftlich abhängig zu machen und weiterhin arm zu halten (Brumann 1999: 76, Friedl 200: 106).

26 Als erster Soziologe bei der Weltbank plädierte Michael Cernea für die Aufnahme soziolo- gischer und ethnologischer Forschungsmethoden in die EZ (vgl.: www.cultureandpublicacti- on.org/pdf/cernealet.pdf).

27 Kohl und Hanak verweisen auf die Bedeutung des brasilianischen Befreiungspädagogen Paulo Freire, der schon um 1960 mit seiner „Pädagogik der Unterdrückten“ die Bewusstseins- bildung (conscientização) über soziale Ungleichheiten aber auch Potenziale und die Entschei- dungsnahme der armen (ländlichen) Bevölkerung betonte und somit als Vorreiter des empower- ment- Gedankens betrachtet werden kann (Hanak 1997, Kohl 1999, Freire 1972).

28 Der angesprochene Kontext kann die Stärkung demokratische Strukturen und sozialer Be- wegungen sowie anderer zivilgesellschaftlicher Elemente bedeuten. Es gibt jedoch auch kriti- sche Stimmen aus dem Lager der Post-Development-Theorien, die Partizipationsförderung in Richtung Demokratieentwicklung als neo-kolonialistischen Akt sehen (Sülberg 1988).

29 Dies gilt auch in Bezug auf den Begriff empowerment: Während dieser eigentlich die Neu- strukturierung von Machtverhältnissen bezeichnen sollte, wird er in der Realität oft als „kon- fliktvermeidende Strategie“ zu einer Ermächtigung im Rahmen der bestehenden Machtverhältnisse reduziert, bei der die Privilegien anderer nicht in Frage gestellt werden (Hanak 1997: 3).

30 In Großbritannien erfolgte die Beschäftigung mit dem Thema Entwicklung bereits im Zu- sammenhang mit der Kolonialethnologie und wurde in den 1950er Jahren durch die Manchester School unter Max Gluckman mit ihren Studien zum Kulturwandel in Afrika etabliert. Seit 1953 ist die Entwicklungsethnologie dort an elf ethnologischen Instituten vertreten (vgl.: Schönhuth 1998, Antweiler 1993).

31 In den USA ist die allgemeine Ethnologie als Teil der Anthropologie sehr praktisch orien- tiert und als Entwicklungsethnologie ähnlich wie in Großbritannien akademisch etabliert. Den- noch wird sie wenig für konkrete Entwicklungsmaßnahmen genutzt (vgl.: Antweiler 1993).

32 Die lateinamerikanische Entwicklungsethnologie beschäftigt sich sowohl theoretisch als auch praktisch mit Themen rund um den Entwicklungsbegriff, wobei eine explizite Orientierung an einheimischen Themen dominiert und die Grenzen zu anderen Sozialwissenschaften wie z. B. der Entwicklungssoziologie fließend sind. Außerdem werden ähnlich wie bei der europäi- schen regimekritische Ansätze verfolgt und marginalisierte Gruppen aktiv unterstützt, was ver- gleichbar ist mit dem Ansatz der europäischen Action Anthropology (vgl.: Schröder 2004).

33 Seit der Begründung des Kulturrelativismus durch Boas, Herskovits u. a. werden kulturelle Elemente im ethnologischen Verständnis als Phänomene betrachtet, die nur in ihrem eigenen Kontext verstanden und bewertet werden können (Stagl 1999: 226).

34 So hatte die Ethnologie z. B. einen erheblichen Einfluss auf die Entstehung des Participato- ry Rural Appraisal-Ansatzes (PRA).

35 Die Citizenship Studies sind zwar keine institutionalisierte Wissenschaft, aber laut Isin und Turner seit den 1990ern ein „ de facto field“ in den Sozialwissenschaften, das eng mit den Post- modernisierungs- und Globalisierungstheorien verbunden ist und die Rolle des Bürgers als poli- tischem Akteur unter diesen veränderten Bedingungen erforscht (Isin/Turner 2002: 1).

36 Laut Lister umfasst sexual citizenship einerseits das Konzept des gendered citizenship, das mit der Frauenrechtsbewegung entstanden ist und gleiche soziale, politische und zivile Rechte für Männer und Frauen fordert und das tatsächliche, jüngere sexual citizenship, welches explizit sexuelle Rechte und für homo-, bi-, und transsexuelle Minderheiten fordert (Lister 2002).

37 Die Beschäftigung mit e cological citizenship- Rechten ist eine Reaktion auf den so genann- ten Umweltrassismus (environmental racism), der laut Boyle „eine Form der gesellschaftlichen Verteilung von Umweltbelastungen, die hauptsächlich die Lebensräume von Minderheiten trifft“ (Boyle 2006: 37) beschreibt. Zur weiteren Lektüre siehe Curtin 2002.

38 Über die Bedeutung der Gemeinschaft in den citizenship studies gibt es kontroverse An- sichten. Während die Liberalisten das Individuum als Subjekt des politischen Lebens betrachten und Bürgerschaft als Interaktion desselben mit dem Staat definieren, gehen Kommunitaristen davon aus, dass jedes Individuum in einen sozialen Kontext und bestimmte Gemeinschaften verankert ist und daher die community als Basis des bürgerschaftlichen Engagements zu be- trachten ist (Yashar 2005: 42ff, Delanty 2002). Dabei ist der Begriff community allerdings nicht unproblematisch, da er theoretisch oft mit dem Ideal einer homogenen Interessengemeinschaft gleichgesetzt wird.

Ende der Leseprobe aus 145 Seiten

Details

Titel
Community-based Tourism im Spannungsfeld zwischen Partizipation und Machtstrukturen
Untertitel
"O turismo que nós quer"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für Völkerkunde)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
145
Katalognummer
V150074
ISBN (eBook)
9783640610648
ISBN (Buch)
9783640611034
Dateigröße
1191 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nachhaltiger Tourismus, Partizipation, Machtstrukturen, Entwicklungszusammenarbeit, Entwicklungsethnlogie, Brasilien, Prainha do Canto Verde
Arbeit zitieren
Carolin Brugger (Autor), 2009, Community-based Tourism im Spannungsfeld zwischen Partizipation und Machtstrukturen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150074

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Community-based Tourism im Spannungsfeld zwischen Partizipation und Machtstrukturen


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden