Im Folgenden werde ich die alttestamentliche Bibelstelle Rut 1,18–22 anhand von historisch-kritischen Methodenschritten analysieren. Beginnend mit der eigenen Übersetzung der Bibelstelle wird diese darauffolgend sprachlich untersucht, um die sprachliche Gestalt des Textes zu reflektieren. Durch diese Beobachtungen werden zugleich auch weitere Methodenschritte vorbereitet, wie die Textkritik. In dieser gilt es unabsichtliche und absichtliche Änderungen zu erkennen und ggf. zu revidieren. Woran die Literarkritik anschließt, welche versucht die literarische Einheitlichkeit oder die verschiedenen Schichten der Bibelstelle aufzuschlüsseln. Bei der Formkritik gilt es eine Gattungsbestimmung zu vollziehen und den „Sitz im Leben“ zu bestimmen. Da jeder Text von einem bestimmten Lebenskontext geprägt ist und dieser für das Textverständnis notwendig ist, wird dieser in der Traditionsgeschichte eingehender untersucht. Zuletzt werden durch redaktionelle Fragestellungen die Entstehung und die Datierung des Textes versucht nachzuzeichnen.
Das Buch Rut ist vor allem faszinierend für Leser*innen, da es eine sehr konsequente Frauenperspektive einnimmt und auch durch den Sprachgebrauch von der androzentrischen Sichtweise der Welt abweicht. Außerdem adaptiert es die primär für Männer begünstigten Rechte für Frauen, die die beiden weiblichen Hauptfiguren Noomi und Rut für sich wahrnehmen. Rut und Noomi überschreiten die ihnen zugeschriebenen Geschlechterrollen und vertreten so eine realistische Wahrnehmung von weiblicher Lebenswirklichkeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Übersetzung
3. Sprachliche Beschreibung
3.1 Syntaktische und semantische Analyse und deren Pragmatik
3.2 Gliederung
4. Textkritik
5. Literarkritik
5.1 Stellung im Kanon
5.2 Abgrenzung der Perikope
5.3 Kohärenz der Perikope
6. Formkritik
6.1 Gattungsbestimmung Idylle
6.2 Gattungsbestimmung Novelle/“short story“
7. Traditionskritik
7.1. Witwen, Fremde/Ausländer*innen, Moabiterparagraph
7.3 Die Leviratsehe
7.2 Der Gottesname Schaddaj
8. Redaktionskritik
9. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die alttestamentliche Bibelstelle Rut 1,18–22 mittels historisch-kritischer Exegese methodisch zu analysieren. Dabei wird insbesondere die literarische Gattung, die theologische Bedeutung des Gottesnamens Schaddaj sowie der Einfluss rechtshistorischer Hintergründe auf die Erzählung untersucht, um die Rolle der weiblichen Protagonisten und die Positionierung des Textes gegenüber dem Moabiterparagraphen kritisch zu beleuchten.
- Historisch-kritische Exegese der Rut-Perikope
- Gattungsbestimmung als Novelle versus Idylle
- Untersuchung von Rechts- und Erzähltexten
- Rolle von Frauen und Geschlechterrollen im Rutbuch
- Deutung der nachexilischen Entstehungszeit
Auszug aus dem Buch
3. Sprachliche Beschreibung
Das Rutbuch wird als „(…) ein Meisterwerk der Erzählkunst (…)“ beschrieben, welches mit detaillierten Erzählungen und einer durchdachten Struktur geschrieben worden ist. Dies spiegelt sich auch in den Versen Rut 1,18–22 wider. Beginnend im V.18 gibt es ein implizites Subjekt in der Verbform, welches aus dem vorherigen Kontext nur Noomi sein kann. Diese Vorkenntnis wird auch bei dem zweiten Verb vorausgesetzt, welches die Entschlossenheit Ruts zum Ausdruck bringt. Diese Entschlossenheit wird durch das einzige Partizip in den V.18–22 verdeutlicht, sodass Noomi Ruts Versprechen schweigend hinnimmt und sie Rut nicht mehr versucht umzustimmen. Vor allem die impliziten Subjekte und somit die Voraussetzung der Kenntnis des vorherigen Abschnittes, geben einen Hinweis auf die Gliederung des Rutbuches und diesen Abschnitt. Das finite Verb leitet in V.19 die wörtliche Rede der Öffentlichkeit der Stadt, welche durch die Frauen dargestellt wird, ein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert das methodische Vorgehen der historischen-kritischen Exegese und begründet die Relevanz des Rutbuches durch seine konsequente Frauenperspektive.
2. Übersetzung: Dieser Abschnitt bietet eine wörtliche deutsche Übersetzung der Bibelverse Rut 1,18–22 als Grundlage für die nachfolgende Analyse.
3. Sprachliche Beschreibung: Kapitel 3 untersucht syntaktische sowie semantische Besonderheiten, insbesondere die „sprechenden Namen“ und die Leitworte des Textes, und gliedert die Perikope strukturell.
4. Textkritik: Hier werden Abweichungen zwischen dem Masoretischen Text und der Septuaginta (LXX) analysiert, um die ursprüngliche Lesart durch Kriterien wie „lectio difficilior“ zu bestimmen.
5. Literarkritik: Dieses Kapitel erörtert die Stellung des Buches im Kanon, die methodische Abgrenzung der Perikope und ihre inhaltliche Kohärenz.
6. Formkritik: Es erfolgt eine Gattungsbestimmung, wobei das Rutbuch primär als Novelle und nicht als bloße Idylle eingeordnet wird, und der „Sitz im Leben“ wird reflektiert.
7. Traditionskritik: Zentrale Themen wie der Umgang mit Witwen, Fremden, der Moabiterparagraph, die Leviratsehe und die Bedeutung des Gottesnamens Schaddaj werden religionsgeschichtlich eingebettet.
8. Redaktionskritik: Die Argumentation zur Datierung des Textes wird diskutiert, wobei die Verfasserschaft in der nachexilischen Zeit als wahrscheinlichste These hervorgehoben wird.
9. Fazit: Das Fazit fasst die Analyseergebnisse zusammen und bestätigt das Rutbuch als literarische Gegenposition zur strengeren Fremdenpolitik der nachexilischen Zeit.
Schlüsselwörter
Rut, Altes Testament, Exegese, Historisch-kritische Methode, Novelle, Noomi, Schaddaj, Moabiterparagraph, Leviratsehe, Nachexilische Zeit, Frauenrechte, Fremdenpolitik, Textkritik, Literarkritik, Traditionskritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der exegetischen Analyse der Bibelstelle Rut 1,18–22, um anhand historisch-kritischer Methoden die Intention und den Kontext des Textes zu erschließen.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Untersuchung ab?
Die Untersuchung beleuchtet insbesondere die Rolle der Frau als Hauptfigur, die rechtliche Situation von Witwen und Fremden, die Verwendung von Namen sowie die Einbettung des Textes in die nachexilische Theologie.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Eigenart des Textes als Novelle zu belegen und zu zeigen, dass das Rutbuch eine bewusste Gegenposition zu restriktiven fremdenrechtlichen Bestimmungen der nachexilischen Zeit darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird die historisch-kritische Exegese angewandt, inklusive Text-, Literatur-, Form-, Traditions- und Redaktionskritik.
Was ist der Kerninhalt des Hauptteils?
Im Hauptteil werden der hebräische Urtext einer detaillierten sprachlichen und textkritischen Untersuchung unterzogen und der literarische sowie rechtsgeschichtliche Kontext (z.B. Moabiterparagraph) analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Exegese, Rut, nachexilische Entstehung, Frauenperspektive und Rechtsinstitutionen wie die Leviratsehe.
Warum spielt die Unterscheidung zwischen Idylle und Novelle eine Rolle?
Die Kategorisierung als Novelle erlaubt es der Autorin, die kritischen Untertöne, wie Noomis Klage und die sozio-ökonomische Not, gegenüber einer simplifizierenden Deutung als „Idylle“ hervorzuheben.
Welche Bedeutung hat der Gottesname „Schaddaj“ in diesem Kontext?
Schaddaj wird funktional eingesetzt, um Noomis tiefes Leid und ihre Klage über das vermeintlich strafende Handeln Gottes präziser darzustellen als mit dem allgemeinen Gottesnamen JHWH.
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- Aylin Sayin (Author), 2021, Exegese von Rut 1,18–22. Sprachliche Analyse, Text- und Literarkritik sowie Form- und Traditionskritik im Überblick, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1500759