Der Katholikentag 1968 in Essen - Und die Schwierigkeit moderne Entwicklungen in die Kirchenarbeit zu integrieren


Hausarbeit, 2003

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

0. Vorbemerkung

1. Zum Aufsatz „Kirchliche Zeitgeschichte“ von Prof. W. Damberg

2. Kleine Geschichte und Sinn des Katholikentages

3. Der Katholikentag in Essen
3.1 Pressereaktionen
3.2 Die Themen des Katholikentages
3.3 Beispiele zu den abgehaltenen Forumsdiskussionen
3.3.1 Die Mischehen-Frage
3.3.2 „Ratlose Eltern – rebellische Jugend“
3.3.3 Die Frau im Spagat zwischen Familie und Beruf
3.4 Zusammenfassung

4. Von der Schwierigkeit moderne Entwicklungen in die Kirchenarbeit zu integrieren (Schlußbemerkung )

Das Vorgehen bei der Textrecherche

Anhang

Weiterführende Literatur

Bestätigung der eigenständigen Arbeitsleistung

0. Vorbemerkung

Diese Hausarbeit stützt sich hauptsächlich auf den Aufsatz „Kirchliche Zeitgeschichte im Bistum Essen mit einem Werkstattbericht“ von Professor Wilhelm Damberg, veröffentlicht in „Kreuzungen; Christliche Existenz im Diskurs“ herausgegeben von Baldur Hermans und Günter Berghaus (Edition Werry, 2002) zum Anlass des 75. Geburtstages des Bischof Dr. Hubert Luthe und auf das Buch „82. Deutscher Katholikentag Essen 1968“, herausgegeben vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken im Verlag Bonifacius-Druckerei, Paderborn 1968.

Ich möchte hier vor allem aber auch darstellen in wie weit es sich als Problem erweist moderne gesellschaftliche Entwicklungen (wie z.B. die Dezentralisierung der Familienstruktur, die Möglichkeit der Abtreibung und Empfängnisverhütung, die Erlaubnis an Homosexuelle eine staatlich anerkannte Lebenspartnerschaft zu bilden etc.) in die tägliche bzw. allgemeine Kirchenarbeit zu integrieren. Hierfür werde ich vor allem Kommentare zum 26. Evangelischen Kirchentag 1995 in Hamburg hinzuziehen.

1. Zum Aufsatz „Kirchliche Zeitgeschichte“ von Prof. W. Damberg

Professor Damberg greift in seinem Aufsatz vor allem das Problem der eher ungleichmäßig vollzogenen Geschichtsforschung der katholischen Kirche auf. Er kritisiert das gerade in der neuen Geschichtsschreibung oft nur verschiedene Schwerpunkte gelegt wurden, anstatt sich mit allen aufkommenden Ereignissen und Themen auseinander zu setzen. So sei zum Beispiel das „Dritte Reich“ lange ein Hauptinteresse von christlichen Historikern gewesen, danach gab es eine Hinwendung zur Nachkriegsgeschichte, diesmal mit dem Schwerpunkt der Besatzungszeit in den 50er, 60er Jahren. Die allgemeine Öffentlichkeit verlangte außerdem lange Zeit nach Berichten über das Verhalten und die Reaktionen der Kirche während des Nationalsozialismus und dem zweiten Weltkrieg, die viele Forscher gerne lieferten. Darüber hinaus wurde kaum etwas über die Weiterentwicklung der Kirche geschrieben oder mit historischen Auge tiefgründig erforscht.

Grund genug dies doch zu tun hätte es nach Damberg aber auf jeden Fall gegeben, vor allem nach dem Beschlüssen des II. Vatikanischen Konzils, also der 21. Allgemeinen Kirchenversammlung von 1962 bis 1965. In jener Zusammenkunft der Bischöfe und anderer Würdenträger der Kirche zur Beschlußfassung in kirchlichen Angelegenheiten wurde heftig über die Erweiterung der bischöflichen und landeskirchlichen Rechte und die Anpassung der Kirche an die Moderne diskutiert .[1]

Zwar hätten sich einige Wissenschaftler inzwischen auch diesem Thema verschrieben, allerdings fehle es weiterhin an deutlichen Darstellungen der Schwierigkeit der Kirche sich den modernen gesellschaftlichen Entwicklungen gerade in den 70er Jahren anzupassen. Diese Problematik offenbarte sich gleichfalls auf dem Essener Katholikentag 1968. Die Diskussion wie die Kirche nun zu welchen Veränderungen (z.B. der neu aufkommenden Möglichkeit der Empfängnisverhütung) Stellung zu nehmen hätte, stellte die Dialogfähigkeit zwischen Laien und Kirchlichen Würdenträgern auf eine ganz besondere Probe.

Um dieses zeitgeschichtliche Dunkel zu erhellen bot Professor Damberg den Studenten der Ruhr-Universität-Bochum im Wintersemester 2000/ 2001 eine „Geschichtswerkstatt“ an und ließ sie in Gruppenarbeit diverse geschichtliche Themen erarbeiten und durchleuchten (z.B. „Ehe und Familie, insbesondere die so genannte „Mischehen“-Frage, vor und nach dem II. Vatikanischen Konzil (1962 – 1965), Jugendverbandarbeit, Kirchenbau und Liturgieform, der Katholikentag 1968 in Essen“ [2] etc.).

Vielleicht hat er mit diesem Seminar und seinem hier bearbeiteten Aufsatz das Interesse einiger Personen geweckt. Spätestens wenn die kirchliche Vergangenheit bezüglich des Dritten Reiches, des Nationalsozialismus und der Nachkriegszeit vollständig ausgeschöpft ist wird sich der Großteil der Bemühungen verschiedener Geschichtsforscher in der Neuentdeckung der nahen bzw. nur kurz zurück liegenden Kirchenvergangenheit entladen und die jetzt noch vorhandenen Lücken füllen.[3]

2. Kleine Geschichte und Sinn des Katholikentages

Die Tradition der Katholikentage hat inzwischen eine über hunderffünfzigjährige Geschichte. Der erste Katholikentag fand bereits 1848 in Mainz statt und war damals eine Art Laienversammlung, „um ihre Arbeit zu koordinieren, gemeinsame Positionen zu diskutieren und ihre Anliegen öffentlich zu vertreten“[4]

Zunächst fanden diese Versammlungen jedes Jahr statt, dann ergab sich der immer noch übliche zweijährige Rhythmus. Dabei werden die Katholikentage heute noch vom „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“ (ZdK) getragen, welches 1968 gegründet wurde. Die Aufgabe des Zentralkomitees war von Anfang an die kontinuierliche Kirchenarbeit auch zwischen den Versammlungen zu organisieren.

Nachdem kirchliche Würdenträger und vor allem Bischöfe den Veranstaltungen lange fern blieben oder nur bedingtes Interesse zeigten sind sie dort nun wie selbstverständlich vertreten und „wirken [mit] bei den großen Gottesdiensten und Kundgebungen, in den Foren und Arbeitskreisen [...] und suchen das Gespräch mit den anderen Teilnehmern“[5]

Es treffen hier demnach Bischöfe, andere Mitglieder der Kirche, Jugendliche, Studenten, ältere Christen aus allen Berufsschichten und interessierte Anhänger anderer Glaubensrichtungen aufeinander mit dem „Anliegen, gesellschaftliche, politische und kirchliche Fragestellungen miteinander und mit Vertretern aus Gesellschaft und Kirche zu diskutieren und in der Öffentlichkeit zu vertreten“.[6]

Dieser Wunsch, auch über die eigene Konfession hinaus die Konfrontation zu suchen, Sachfragen zu diskutieren, den Glauben zu prüfen, neue Hoffnung zu schöpfen, sich für den Frieden und weitere weltliche Ziele einzusetzen sowie eventuell damit verbundene politische Forderungen zu stellen spiegelt sich deutlich wider in dem für 2003 geplanten Ökumenischen Kirchentag in Berlin .[7]

Ein sehr schönes Beispiel für den Sinn der Kirchentage im allgemeinen lieferte die weltweit erste evangelisch-lutherische Bischöfin Maria Jepsen, die seit August 1992 in Hamburg das entsprechende Amt besetzt, in ihrem Vorwort des Buches „Gut so? Ansichten zum Kirchentag 1995“ (Näheres siehe „Weiterführende Literatur“) :

„Da gibt es Differenzen und eigene Unsicherheiten, mal größerer Art, mal nur geringen Ausmaßes. So ganz klar ist es uns nicht, was gut ist, nach biblischer Sicht, nach unseren Glaubensvorstellungen. Wir haben eine lohnende Aufgabe vor uns: gemeinsam danach zu fragen und auch – in Offenheit – zu streiten, was biblisch-christlich gut ist für mich, für uns. [...] Es ist gut, daß die Diskussion über das Gute mit so vielen Stimmen aus ganz verschiedenen Ecken unserer Gesellschaft geführt wird. So kommen wir dem, was Gut ist, wohl am nächsten. [...] Ich sehne den Tag herbei, wo Gott wieder einmal sagen kann über seine Schöpfung: es ist gut. Daß es soweit komme, dabei mitzuhelfen, braucht er auch uns, jeden einzelnen, jede einzelne.“[8]

3. Der Katholikentag 1968 in Essen

3.1 Pressereaktionen

Der besagte Katholikentag rief enorme Reaktionen in der deutschen Presse hervor. Zum Beispiel schrieb „Die Welt“

„`Von einem Katholikentag der Rebellion` [fügte dem jedoch hinzu, ...] doch kann die katholische Kirche nach wie vor auf ihre Gläubigen zählen. [...] Denn die Rebellion erwies sich nicht als Aufstand der Neinsager, der Antiautoritäten, sondern als ein Aufbegehren von erstaunlich einmütigen Priestern wie Laien, die ihre Kirche glaubwürdiger erleben möchten.“[9]

Um einiges kritischer äußerte sich damals „Die Zeit“, denn sie

„stellte in Frage, ob die Kirche in Deutschland bereits mündiger geworden sei. Sie müsse doch, wenn sie die Lehren von Essen verstanden habe , ihre bisherige Bistumspresse und die Traktatpostillen auf den Müll werfen, ihre Gebet- und Gesangbücher einstampfen, ihre gottesdienstlichen Praktiken, die Verkündigung wie die Feier der Eucharistie, auf den Menschen unserer Zeit, auf seine Sprache, seine Denkkategorien, auf sein Engagement und seine Glaubensinhalte, auf seinen Alltag und sein soziales Gewissen, auf sein verändertes Kirchenbewußtsein und seine Endzeitvorbereitung einrichten. `Wird sie`, so fragt „Die Zeit“ weiter, `Demokratie in der Kirche verwirklichen und die freie Meinungsbildung ermöglichen – wird sie den Menschen tatsächlich sehen wie der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz bekannte: in der Mitverantwortung des Volkes Gottes, jeden auf seine Weise?`“[10]

Solche heftigen Reaktionen der Presse, die nicht weniger als 424 Journalisten aus aller Welt nach Essen geschickt hatte, deren Berichte mittlerweile die Zahl von 2538 überstiegen hat und dem Übertragungs-Pensum des Fernsehens mit 17 Stunden Live-Berichten, Aufzeichnungen etc. , werfen die Frage auf , was denn nun passiert sei auf dem 82. Deutschen Katholikentag der vom 4. Bis 8. September 1968 in Essen stattgefunden hatte.[11] Welche Themen wurden so rege diskutiert, wo wurden die auseinander gehenden Meinungen am deutlichsten und zu welchen Lösungen fanden die Teilnehmer, konnten sie sich überhaupt einigen?

3.2 Die Themen des Katholikentages

Der 82. Katholikentag fand statt unter der Losung „Mitten in dieser Welt“. Nun sah aber die Welt in den Zeiten der vielzähligen studentischen Demonstrationen, der aufkommenden Forderung nach Gleichberechtigung für Männer und Frauen etc. anders aus als noch ein Jahrzehnt zuvor. Die Gesellschaft hatte sich rasch gewandelt, sah sich nun einem ganzen Pool neuer Möglichkeiten gegenüber und die Kirche mußte sich nun endlich ebenfalls entscheiden welche Position sie beziehen möchte.

In dem Rundschreiben „Humane Vitae“ z. B. bezog sie deutlich Stellung zu ihrer Meinung über die neu aufgekommene Chance der künstlichen Empfängnisverhütung: Sie lehnte diese ab und löste damit heftige Diskussionen aus. Da änderte sich in den 70er Jahren die Grundhaltung der deutschen Bevölkerung grundlegend, wurde die sexuelle Freiheit (neu) entdeckt, wurden alte, strenge konventionelle Einstellungen überholt von massenweise demonstrierenden Jugendlichen, und dann zog die Kirche nicht mit, dämpfte hart die allgemeine Euphorie indem sie die neuen Möglichkeiten rundheraus ablehnte.

Da stieg die Zahl der von der Kirche eigentlich nicht gewünschten Mischehen (d.h. Ehen mit Partnern verschiedener Konfession oder unterschiedlicher Herkunft) deutlich an und die Kirche mußte plötzlich ihre Machtlosigkeit eben diese Ehen zu unterbinden einsehen. Das tat sie tatsächlich und suchte nun nach Mitteln genau diese Ehepaare im Rahmen der kirchlichen Seelsorge sachgerecht und sinnvoll zu unterstützen und zu beraten.

Da kamen selbst Schüler und forderten mehr Mitspracherecht und Einflußmöglichkeiten im Bereich Kirche und Schule. Natürlich fühlten sich dadurch Eltern und Lehrer angesprochen und aufgefordert sich zu verteidigen oder, soweit wie möglich, einzulenken und beim Ausbau der schülerischen Mitsprachemöglichkeit zu helfen.

Da begannen Frauen sich eine Existenz im Berufsleben auch ohne eine familiäre finanzielle Notsituation im Rücken aufzubauen und die Kirche muß für sich entscheiden ob sie darin die Gefahr der Vernachlässigung ihrer Rollen als Hausfrau, Mutter und Ehefrau sieht, ob die Frau nicht überfordert würde durch solche Doppelbelastungen und wie sie den Frauen in derartigen Situationen helfen kann und möchte.

Weitere Themen, die jeweils in Referaten vorgetragen und dann zwischen den Podiumsmitgliedern und den Zuhörern diskutiert wurden waren u.a.: „Kommt das Reich Gottes durch Evolution?“, „Biblische Modelle des Weltverhaltens“, „Naturwissenschaft und Glaube“, „Die evangelischen Räte – Provokation der Welt?“, „Familie zwischen Beruf und Freizeit“ sowie „Wer macht unsere Meinung“ und „Verfassungspolitik in Bewegung“ usw .[12]

Näher erläutern möchte ich im Folgenden die Diskussion und die Lösungsvorschläge betreffend der Mischehen-Frage, zur Forderung der Schüler nach mehr Mitspracherecht und die Problematik der Frau zwischen Familie und Beruf.

[...]


[1] „Goldmann Lexikon“, Hrsg. Bertelsmann Lexikographisches Institut, Wilhelm Goldmann Verlag, München 1998, Band 12. S. 5491, Eintrag „Konzil „

[2] Aufsatz „Kirchliche Zeitgeschichte im Bistum Essen mit einem Werkstattbericht“ von Professor Wilhelm Damberg, veröffentlicht in „Kreuzungen; Christliche Existenz im Diskurs“ herausgegeben von Baldur Hermans und Günter Berghaus (Edition Werry, 2002)

[3] vgl. zu diesem Abschnitt Aufsatz Damberg

[4] http://www.katholikentag.de/rueckblick/hamburg/be01113.html

[5] http://www.katholikentag.de/rueckblick/hamburg/be01113.html

[6] http://www.katholikentag.de/rueckblick/hamburg/be01113.html

[7] vgl. zu diesem Abschnitt http://www.katholikentag.de/rueckblick/hamburg/be01113.html

[8] „Gut so? Ansichten zum Kirchentag 1995“, Hrsg. Anne Christiansen im Auftrag der Nordelbischen Arbeitsstelle Kirchentag, Lutherische Verlagsgesellschaft Kiel, 1994. S. 10f

[9] zitiert nach Franz-Maria Elsner in „82. Deutscher Katholikentag Essen 1968“, Hrsg. Zentralkomitee der deutschen Katholiken, Verlag Bonifacius-Druckerei, Paderborn 1968, S. 17

[10] zitiert nach Franz-Maria Elsner in „82. Deutscher Katholikentag Essen 1968“, Hrsg. Zentralkomitee der deutschen Katholiken, Verlag Bonifacius-Druckerei, Paderborn 1968, S. 16

[11] Daten aus „82. Deutscher Katholikentag Essen 1968“, S. 15

[12] Diskussionstitel entnommen aus dem Inhaltsverzeichnis : „82. Deutscher Katholikentag Essen 1968“

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Der Katholikentag 1968 in Essen - Und die Schwierigkeit moderne Entwicklungen in die Kirchenarbeit zu integrieren
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Die Zukunft des Ruhrgebiets unter dem Einfluss der Kirchen
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V15008
ISBN (eBook)
9783638202541
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Katholikentag, Essen, Schwierigkeit, Entwicklungen, Kirchenarbeit, Zukunft, Ruhrgebiets, Einfluss, Kirchen, Katholisch, Religion, Kirche, Christentum, Christen
Arbeit zitieren
Conny Meyer (Autor), 2003, Der Katholikentag 1968 in Essen - Und die Schwierigkeit moderne Entwicklungen in die Kirchenarbeit zu integrieren, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15008

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