Wie lassen sich scheinbare Widersprüche und Unklarheiten in der Perikope Markus (PMk) erklären, wie zum Beispiel der Bezug der Zeugnisformel in Vers 44, der Subjektwechsel in Vers 45, der Inhalt des Schweigegebots und der Verkündigung des Hautkranken? Liegt eine Reinigung oder Heilung vor und wie wird diese bewirkt? Wie wird Jesus in der PMk dargestellt, sowie die Beziehungen der Akteure? Ist Markus (Mk) eine intendierte Textwirkung zu unterstellen, und welche sozialgeschichtliche Bedeutung haben Reinheit und Aussatz? Bedient sich Mk alttestamentlicher Motive?
Die Exegese lohnt ich für diejenigen, die einen Überblick über die angewandte Methodik der Exegese haben wollen. Sie eignet sich als Beispiel, wie diese auf Mk 1,40-45 angewendet werden kann, da die Methodenschritte nach einander erfolgen. Natürlich ist die Arbeit auch für diejenigen interessant, die sich für Mk 1,40-45 interessieren.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Übersetzung von Mk 1,40-45
III. Textkritik
III.1 Äußere Kritik
III.2 Innere Kritik
IV. Textanalyse
IV.1 Textabgrenzung
IV.2 Texteinordnung
IV.3 Syntaktische Analyse
IV.4 Semantische Analyse
IV.5 Narrative Analyse
IV.5.1 Handlungsablauf
IV.5.2 Beziehungen und Funktionen
IV.6 Pragmatische Analyse
V. Synoptischer Vergleich
VI. Gattungsanalyse
VII. Motivkritik
VIII. Sozialgeschichte
IX. Redaktionskritik
X. Hermeneutische Reflexion und Ausblick
XI. Anhang
XI.1 Abkürzungsverzeichnis
XI.2 Wortanalyse und Syntax von Mk 1,40-45
Zielsetzung & Forschungsschwerpunkte
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, durch eine umfassende exegetische Analyse der Perikope Mk 1,40-45 Interpretationsschwierigkeiten und narrative Spannungen innerhalb des Markusevangeliums aufzulösen und die soziale sowie theologische Bedeutung von Krankheit, Reinigung und dem markinischen Schweigegebot zu ergründen.
- Textkritische Überprüfung der entscheidenden Lesarten.
- Strukturelle Analyse von Syntax, Semantik und Narration.
- Synoptischer Vergleich zur Herausarbeitung redaktioneller Eigenheiten des Markusberichts.
- Untersuchung der Motivgeschichte von ritueller Reinheit und Aussatz im Kontext des antiken Judentums.
- Herausarbeitung der pragmatischen Textwirkung auf die Adressaten.
Auszug aus dem Buch
III.2 Innere Kritik
Da die Anwendung der lectio brevior potior hier ungeeignet ist, hat die lectio difficilior potior mehr Gewicht. Beide LA stehen im Ptz. Aor. Pass. Nom. Sg. M., keine der beiden ist daher formal einfacher. σπλαγχνισθείς ist zu attestieren, dass es narr. betrachtet, leichter fällt anzunehmen, dass Jesus Mitleid empfindet, bzw. sich erbarmt,13 denn er verhielte sich damit konkludent zu seinem Mitleid. σπλαγχνισθείς ist also inhaltlich kompatibel mit den Verben ἐκτείνας und ἥψατο. Jesus lässt sich emotional berühren, streckt die Hand aus, berührt und spricht mit dem Bittenden aus Mk 1,40. Dass er stattdessen – wie ὀργισθείς nahelegt – voller Zorn ist, stellt eine schwerere LA dar, da sie in Spannung zu seinem folgenden Hilfehandeln steht. Dies würde aufgrund ihrer Schwere für ὀργισθείς als ursprüngliche LA sprechen. Trotzdem stehen wiederum gewichtige Argumente der inneren Kritik für σπλαγχνισθείς als ursprüngliche LA. So argumentiert Collins, dass ὀργισθείς sekundär und von ἐμβριμησάμενος αὐτῷ aus Mk 1,43 inspiriert sei.14 Nach Gnilka kann ἐμβριμησάμενος αὐτῷ mit „[...] er fuhr ihn an [...]“ übersetzt werden. Dann wäre – um das Bild Jesu als zürnend zu erhalten bzw. zu vereinheitlichen – das ursprüngliche σπλαγχνισθείς nachträglich in ὀργισθείς geändert worden. Ehrman gesteht zu, dass Jesu ἐμβριμησάμενος als anschaubendes Herauswerfen besser zu ὀργισθείς passt, aber dass dies ein Argument für die Ursprünglichkeit des Zürnens sei.16 Diese Argumentation kann relativiert werden, da ὀργισθείς somit als die einfachere – weil kompatiblere – LA im Gesamtzusammenhang wäre.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Vorstellung der leitenden Forschungsfragen hinsichtlich der Textkohärenz und der sozialen Bedeutung von Aussatz im Markusevangelium.
II. Übersetzung von Mk 1,40-45: Präsentation einer präzisen deutschen Übersetzung des untersuchten Textabschnitts.
III. Textkritik: Untersuchung der handschriftlichen Varianten, insbesondere des Konflikts zwischen den Lesarten σπλαγχνισθείς (Mitleid) und ὀργισθείς (Zorn).
IV. Textanalyse: Detaillierte Durchführung einer syntaktischen, semantischen und narrativen Untersuchung der Perikope.
V. Synoptischer Vergleich: Analyse der Abweichungen und Gemeinsamkeiten zwischen dem Markus-Bericht und den parallelen Fassungen bei Matthäus und Lukas.
VI. Gattungsanalyse: Einordnung des Textes in die Gattung der Wunder- bzw. Heilungserzählungen unter Berücksichtigung markinischer Besonderheiten.
VII. Motivkritik: Herleitung der Bedeutung von Reinheit und Unreinheit aus dem alttestamentlichen und antik-jüdischen Kontext.
VIII. Sozialgeschichte: Historische Kontextualisierung der Isolation Aussätziger und deren Auswirkung auf das Verständnis der Heilungsperikope.
IX. Redaktionskritik: Untersuchung, wie die markinische Redaktion das Textmaterial gestaltete, um theologische Akzente, etwa zur Christologie, zu setzen.
X. Hermeneutische Reflexion und Ausblick: Zusammenführung der Ergebnisse und Reflexion über die Bedeutung der Erzählung für das heutige Verständnis des markinischen Christusbildes.
XI. Anhang: Bereitstellung ergänzender Hilfsmittel, inklusive Abkürzungsverzeichnis sowie einer detaillierten wort- und satzanalytischen Tabelle.
XII. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Markusevangelium, Mk 1,40-45, Exegese, Historisch-kritische Methode, Textkritik, Heilungswunder, Aussatz, rituelle Reinheit, Schweigegebot, Christologie, Synoptiker, neutestamentliche Wissenschaft, Semantik, Syntax, antikes Judentum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Hausarbeit widmet sich einer exegetischen Untersuchung der markinischen Perikope über die Heilung eines Aussätzigen (Mk 1,40-45) und analysiert deren inhaltliche sowie formale Strukturen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Fragen nach der ursprünglichen Textgestalt, der Bedeutung ritueller Reinheit, dem markinischen Schweigegebot und der Darstellung Jesu als machtvoller, aber auch emotionaler Heiler.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die narrativen Spannungen im Text zu verstehen und zu klären, wie der Evangelist Markus die Heilung darstellt, um sie als "Markenzeichen" seiner Theologie zu profilieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Die Arbeit nutzt die historisch-kritische Methode, bestehend aus Textkritik, syntaktischer, semantischer und narrativer Analyse, ergänzt durch synoptische Vergleiche und sozialgeschichtliche Einordnung.
Was wird im umfangreichen Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte textkritische Exkursion zur Emotionsdarstellung Jesu, eine akribische syntaktische Wortanalyse sowie eine Untersuchung der gattungs- und motivgeschichtlichen Hintergründe.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Markusevangelium, Textkritik, rituelle Reinheit, Aussatz, Schweigegebot, Exegese und Wundererzählung.
Warum ist die Unterscheidung zwischen "Mitleid" (σπλαγχνισθείς) und "Zorn" (ὀργισθείς) so bedeutsam?
Die Entscheidung für eine Lesart beeinflusst unmittelbar das Christusbild der Erzählung: Während "Mitleid" eine milde Zuwendung Jesu betont, wirft "Zorn" Fragen bezüglich der emotionalen Spannung auf und deutet auf eine komplexere redaktionelle Absicht hin.
Welche Rolle spielt das Schweigegebot in dieser Perikope?
Das Schweigegebot dient laut der Arbeit nicht nur als literarischer Kniff, sondern verknüpft die Heilung mit dem "Offenbarungsgeheimnis" Jesu und unterstreicht die Spannungen zwischen Jesu Weisung und dem Verhalten der Heilungsadressaten.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2023, Exegese von Markus 1,40-45. Textkritik, Analyse und theologische Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1500955