Gegenstand kontroverser Diskussionen: Die staatliche Altersvorsorge in der BRD


Projektarbeit, 2008

39 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

A Staatliche Altersvorsorge in der BRD
1 Grundsätzliche Unterscheidungsmerkmale von Sozialpolitik
2 Staatliche Altersvorsorge in Deutschland
2.1 Funktionsweise der staatlichen Altersvorsorge bis zur Reform 2001
2.1.1 Grundsätzliche Entstehung der Rente
2.1.2 Prinzipielle Berechnung der individuellen Rentenhöhe
2.2 Staatliche Altersvorsorgeleistungen im weiteren Sinne
3 Resümee

B Herausforderungen für die Zukunft
1 Demografische Entwicklung als unmittelbare Herausforderung für das Umlageverfahren
2 Weitere Problemfelder aus makroökonomischer Sicht
2.1 Auswirkungen auf den Faktor Arbeit und den Arbeitsmarkt
2.2 Prozyklische Wirkung des Umlageverfahrens
3 Weitere Kritikpunkte außerhalb des Umlageverfahrens
4 Fazit

C Reform der staatlichen Altersvorsorge
1 Inkrementelle Reformen
1.1 Rentenreform von 2001
1.2 Kritische Würdigung der Reformen
2 Reformvorschläge zum Rentensystem
2.1 Reformen im System
2.1.1 Erhöhung der Beitragsbasis durch Einbeziehung aller Einkommen
2.1.2 Erhöhung der Beitragsbasis durch Zuwanderung
2.2 Reformen des Systems unter Bezugnahme auf Modelle anderer Länder
2.2.1 Schwedisches Modell
2.2.1.1 Vorteile
2.2.1.2 Nachteile
2.2.2 Schweizer Modell
3 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Krankheitskosten nach Alterskohorten

Abbildung 2: Entwicklung von SV-Beiträgen und der Sozialquote

Abbildung 3: Auswirkungen von Beitragserhöhungen auf den Arbeitsmarkt

Einleitung

In der vorliegenden Projektarbeit haben sich die Autoren mit dem Thema der staatlichen Altervorsorge in der BRD auseinandergesetzt. Diese ist seit vielen Jahren Gegenstand häufiger und kontroverser Diskussionen. Gerade in der über die Medien ausgetragenen Auseinandersetzung werden hier von Vertretern aus Legislative und Exekutive und erst recht von Interessengruppen oftmals sehr plakative Forderungen und vordergründig einfache Lösungen postuliert. Den unmittelbar Betroffenen, also den Beitragszahlern und (zukünftigen) Rentenempfängern, kann dabei schnell der Überblick verloren gehen, zumal die Grundlagen der Argumentation oftmals nicht benannt werden oder nicht verifiziert werden können. Manche Aussagen scheinen auch in einem krassen Widerspruch zur wahrgenommenen Wirklichkeit zu stehen. Als Beispiel sei hier die Debatte um die Verlängerung der Lebensarbeitszeit, konkret die Verschiebung des Regelrenteneintrittsalters um zwei Jahre (vgl. § 235 SGB VI), genannt. In der Realität ist zu verzeichnen, dass die Menschen nicht nur immer älter werden, sondern dabei auch länger aktiv und gesund sind. Dies ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auf bessere Arbeitsbedingungen und Gesundheitsdienstleistungen zurückzuführen. Gleichzeitig wird von verschiedensten Seiten angebracht, viele Arbeiten könnten bereits heute nicht mehr bis zum 65. Lebensjahr ausführt werden, geschweige denn, dass dies bis zum 67. Lebensjahr möglich wäre. Insgesamt ist festzuhalten, dass die Debatte abseits der Wissenschaft häufig vor allem emotional und ohne konkreten Bezug zu nachprüfbaren Fakten geführt wird.

Ziel dieser Arbeit soll es daher sein, diese Diskussion auf einem sachlichen Niveau zu begleiten. Hierzu werden zunächst die geschichtliche Entwicklung und der derzeitige Stand der staatlichen Altersvorsorge beschrieben, um diesen anschließend insbesondere vor dem Hintergrund der absehbaren demografischen Entwicklung einer kritischen Würdigung zu unterziehen. Anschließend werden die Modelle zweier benachbarter Länder vorgestellt, die Anregungen zur Lösung der erkannten Herausforderungen liefern können. Die Autoren werfen in der Arbeit auch Fragen und stellen Thesen auf, ohne in jedem Einzelfall tiefer gehende Untersuchungen durchzuführen. Dies soll insbesondere für nachfolgende Studenten Anreiz sein, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen und einzelne Aspekte gründlicher zu erforschen.

Im Ergebnis der vorliegenden Arbeit kommen die Autoren zu dem Schluss, dass es einer grundlegenden Veränderung, und zwar nicht nur der sozialen Sicherung im Alter, bedarf. Insbesondere die Finanzierungsform und -basis machen es notwendig, dass es in diesem Kontext auch darauf ankommt den Arbeitsmarkt und alle anderen Elemente der Sozialpolitik zu berücksichtigen und in eine Reform einzubeziehen.

A Staatliche Altersvorsorge in der BRD

Im Folgenden ersten Abschnitt wird nach einer kurzen Einleitung zu Sozialpolitik im Allgemeinen ein geschichtlicher Abriss zur Entwicklung der sozialen Sicherungssysteme in Deutschland bis hin zur den Reformen des Jahres 2001 dargestellt. Anschließend werden die besonderen Merkmale der gesetzlichen Altersvorsorge im Speziellen näher beschrieben und kurz weitere Elemente neben der Rentenversicherung vorgestellt. Wenn im Folgenden die Begriffe staatliche Altersvorsorge und gesetzliche Rentenversicherung verwendet werden, so sollen diese jeweils als Synonyme verstanden werden, wenn nicht explizit auf eine andere Bedeutung hingewiesen wird.

1 Grundsätzliche Unterscheidungsmerkmale von Sozialpolitik

Heutzutage besitzen alle entwickelten Industriestaaten soziale Sicherungssysteme als Instrumente der Sozialpolitik. Jedoch herrschen verschiedene Vorstellungen darüber vor, was Sozialpolitik bewirken soll und wie diese Ziele erreicht werden können. BREYER / BUCHHOLZ unterscheiden die Intention, was mit der Sozialpolitik erreicht werden soll, in zwei Grundfunktionen. Einmal kann als Ziel eine Umverteilung (einer als sozial „ungerecht“ angesehenen Allokation) von Einkommen und Vermögen gelten. Zum Anderen kann das Ziel staatlichen Handelns die Absicherung Existenz gefährdender Risiken sein. Diese Zielsetzungen korrespondierten dann mit einer weiteren Einteilung, die verschiedene Bereiche der Sozialpolitik gegeneinander abgrenzt, nämlich in steuerfinanzierte staatliche Transfers für bestimmte Bevölkerungsgruppen im Rahmen einer Fürsorge-, Sozialhilfe- und Familienpolitik oder beitragsfinanzierte Versicherungen mit Zwangsmitgliedschaft und teilweise impliziter Umverteilung zwischen den Versicherten im Rahmen einer Sozialpolitik (vgl. Breyer / Buchholz 2007, S. 3). Weiterhin weisen sie darauf hin, dass eine Einteilung nach diesen eher als abstrakt zu bezeichnenden Grundprinzipien auch nach der Fragestellung vorgenommen werden könnte, wie die Leistungen der sozialen Sicherung konkret organisiert seien (vgl. ebenda, S. 4 f.).

Danach kann eine Einteilung nach den drei Kriterien Zwang (Freiwilligkeit - Zwang), Organisation (privat - staatlich) und Finanzierung (Kapitaldeckung vs. Umlageverfahren) erfolgen.

Betrachtet man nun die BRD unter diesen Gesichtspunkten, so kann konstatiert werden, dass dort ein vielfältiger Mix der Grundfunktionen und Instrumentarien existiert. Auch für den Bereich der staatlichen Altersvorsorge ist dieser Mix zu erkennen. Die Absicherung erfolgt derzeit für die Mehrheit noch überwiegend in der gesetzlichen Rentenversicherung. Hierbei handelt es sich um eine öffentlich-rechtlich organisierte, beitragsfinanzierte Versicherung mit Zwangsmitgliedschaft und Umlageverfahren. Eine stärker detaillierte Beschreibung erfolgt in den nächsten Kapiteln.

2 Staatliche Altersvorsorge in Deutschland

Die staatliche Altersvorsorge in der oben beschrieben Form blickt in Deutschland inzwischen auf eine über 100jährige Tradition zurück. Nachdem 1881 („Kaiserlichen Botschaft“) mit der Arbeit an Sozialgesetzen begonnen worden war, wurden bereits 1883 die Krankenversicherung und sukzessive weitere Zweige der sozialen Sicherung eingeführt. Für den Bereich der Altersvorsorge sind hier vor allem die Alters- und Invalidenversicherung für Arbeiter (1889) und die Rentenversicherung für Angestellte (1911) zu nennen (vgl. Knorr /Gönner /Lind 1993, S. 453). Diese mit dem Namen Bismarcks verbundenen Reformen zielten anfangs darauf ab, zunächst die drückende Not der im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung entstandenen Schicht der Fabrikarbeiter zu lindern. Anfangs stand vor allem die Existenzsicherung bei (Arbeits-) Einkommensverlust infolge von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Unfall oder Alter im Fokus. Ein „Relikt“ dieser Zeit ist etwa die sog. Beitragsbemessungsgrenze in der Kranken- und Pflegeversicherung. Bei Renten- und Arbeitslosenversicherung hat sie durchaus noch ihre Berechtigung, da die Leistungsausgaben in der Masse primär Einkommensersatz darstellen und vom jeweiligen (Arbeits-)Einkommensniveau des Mitgliedes abhängen. Dieser explizite Bezug ist bei der Krankenversicherung jedoch längst nicht mehr gegeben. Der größte Teil der Einkommensersatzleistungen im Krankheitsfall wird inzwischen direkt vom Arbeitgeber getragen (i.d.R. die ersten sechs Wochen vgl. §3 Entgeltfortzahlungsgesetz). Erst danach zahlt die Krankasse ein sogenanntes Krankengeld (vgl. § 47 SGB V). Die Aufwendungen für die medizinische Versorgung machen jedoch den weitaus größten Teil aus. Ein direkter Bezug zum Einkommensniveau ist bei dieser Leistung nicht gegeben. Später, in der BRD, erfolgte eine zunehmende Akzentverschiebung dahingehend, dass es als Aufgabe angesehen wurde, dem Einzelnen nicht mehr nur eine Existenzsicherung sondern eine weitgehende Beibehaltung des erreichten sozialen Standards (dauerhaft) zu gewährleisten. Dies wird neben deutlich gestiegenen Beitragseinnahmen (absolut und auch relativ) durch inzwischen erhebliche staatliche Zuschüsse ermöglicht (vgl. Knorr / Gönner / Lind 1993, S. 454).

2.1 Funktionsweise der staatlichen Altersvorsorge bis zur Reform 2001

Für die Betrachtung in dieser Arbeit beschränken sich die Verfasser vornehmlich auf die staatliche Rentenversicherung, obwohl daneben eine Reihe von weiteren staatlichen Versorgungssystemen, etwa für Beamte, Soldaten und Richter existieren. Deren Finanzierung erfolgt jedoch grundsätzlich aus dem Steueraufkommen und folgt auch anderen Berechnungsnormen (hierzu sei auf die jeweils einschlägigen Gesetze etwa das Beamtenversorgungsgesetz (BeamtVG) und weiterführende Vorschriften verwiesen). Gleichwohl zwängt sich hierbei geradezu die Frage auf, warum der Staat für seine eigenen Bediensteten ein anderes Modell wählt als jenes, in das er die meisten anderen Bewohner zwingt.

Der kurze geschichtliche Abriss zeigte bereits zwei Grundintentionen, was staatliche Altersvorsorge leisten kann. Während anfangs die Sicherung der Existenz im Vordergrund stand, wurden später die Akzente zunehmend in Richtung Standardsicherung verschoben. Die 1957 eingeführte Dynamisierung der Rentenzahlungen führt darüber hinaus zu einer Anpassung der Rentenzahlungen an die allgemeine Einkommensentwicklung, sodass nicht nur der bei Renteneintritt erreichte nominelle Standard abgesichert ist. Offenbar wurde es als sozial gerecht angesehen, dass ein einmal erreichter Stand innerhalb des Einkommensgefüges dauerhaft zu erhalten ist (vgl. Knorr / Gönner / Lind 1993, S. 454). Umverteilung ist demnach kein explizites Ziel dieser Form der sozialen Sicherung, vielmehr werden damit im Erwerbsleben vorhandene Ungleichheiten auch für das Alter fortgeschrieben.

2.1.1 Grundsätzliche Entstehung der Rente

Die staatliche Altervorsorge ist nach diversen, nachfolgend beschriebenen, Prinzipien aufgebaut. Diese Prinzipien haben einen Einfluss auf die Beitragsbasis, den Empfängerkreis und nicht zuletzt auf die jeweils individuelle Rentenhöhe. Für die jeweils gültigen Bestimmungen sei hier zunächst lediglich auf die gesetzlichen Bestimmungen der Sozialgesetzbücher hingewiesen. Neben den allgemeinen Bestimmungen für alle SV-Zweige ist dies das SBG VI für die Rentenversicherung.

Solidaritätsprinzip: Die gesetzliche Rentenversicherung ist wie die anderen Sozialversicherungszweige auch, auf dem Prinzip der Selbsthilfeorganisation aufgebaut. Gleichzeitig ist sie eine Zwangsversicherung, für bestimmte Gruppen von Beschäftigten bestimmter Einkommensverhältnisse. Auf diese speziellen Gruppen wird später noch näher eingegangen werden.

Umlageprinzip: Allen SV-Zweigen immanent ist der Umstand, dass die eingenommenen Beitragszahlungen einer Periode in der gleichen Periode an die Leistungsempfänger weitergegeben werden. Für die Rentenversicherung bedeutet dies also, dass keine Kapitalbildung stattfindet, sondern aus den Beiträgen der heute Versicherten die Renten der jetzigen Rentner bezahlt werden. Zu Beginn war eine Kapitaldeckung vorgesehen. Dieses Verfahren wurde jedoch mehrfach durchbrochen, aufgeweicht und später ganz aufgegeben (vgl. § 153 SGB VI).

Äquivalenzprinzip: Für jedes Jahr wird ein Durchschnittseinkommen à Durchschnittsbeitrag aller rentenversicherungspflichtig Beschäftigten festgestellt. Für Beitragszahler, die exakt diesen Beitrag abgeführt haben, wird ein Punkt dem Versichertenkonto gutgeschrieben. Abweichende Beitragszahlung führen zu einer im Verhältnis angepassten Punktegutschrift. Der Wert aller angesammelten Punkte ist zunächst unsicher und wird erst im Jahr des Renteneintritts vollständig offenkundig. Im Wesentlichen ist es damit dem Äquivalenzprinzip geschuldet, dass Einkommensunterschiede im Erwerbsleben auf die Rentenphase fortgeschrieben und kein Transfer in größerem Umfang von „reich“ nach „arm“ stattfindet. Dieser findet insbesondere im Rahmen der Rentenversicherung auch deshalb nicht statt, da gerade besonders hohe Einkommen gar nicht erst einbezogen werden (vgl. §§ 64 ff. SGB VI).

Ein weiteres oft angeführtes kennzeichnendes Element der Sozialversicherungen ist die sog. paritätische Beitragszahlung. Allgemein wird damit postuliert, dass sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber die Beiträge zur Sozialversicherung teilten. Nachdem mit der gesetzlichen Einführung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall (vgl. § 3 Entgeltfortzahlungsgesetz) zunächst eine zusätzliche Belastung der Arbeitgeber einherging, hat es im Bereich der Pflege- und Krankenversicherung in letzter Zeit Akzentverschiebungen zu „lasten“ der Arbeitnehmer gegeben, so dass diese inzwischen einen etwas höheren Beitrag als der Arbeitgeber leisten (siehe etwa für die Krankenversicherung SGB V).

Exkurs: Paritätische Beitragszahlung

Die Verfasser halten dieses Element allerdings nicht für ein besonderes Merkmal bzw. die Bezeichnung für irreführend, da je nach Standpunkt der Arbeitnehmer bzw. der Arbeitgeber die Beiträge komplett selbst trägt. Für einen potentiellen Arbeitgeber stellt der Gesamtaufwand, also Bruttolohn zzgl. „Arbeitgeberanteil“, die relevante Größe dar, um abschätzen zu können, ob der Wertschöpfungsbeitrag eines Arbeitnehmers ausreicht, um diesen neben einem angemessenem Gewinn zu erwirtschaften. Aus dieser Sicht zahlt also der Arbeitgeber alle Beiträge.

Aus Arbeitnehmersicht könnte argumentiert werden, dass von seiner geleisteten Arbeit/Wertschöpfung die kompletten Sozialabgaben abgezogen werden. Für diese recht einfache Betrachtung soll angenommen werden, dass der „Wert“ der Versicherung, der auf versicherungsmathematischem Weg sicherlich beziffert werden könnte, bei diesem Kalkül vom Arbeitnehmer nicht berücksichtigt wird bzw. werden kann. Er betrachtet also jeweils nur die aktuelle Periode und nicht eventuell zu einem späteren Zeitpunkt zufließende Zahlungen aus der Versicherung (vgl. § 168 SGB VI).

Beispielrechnung (Annahme: SV-Beitragssatz gesamt = 40%, sowie hälftige Aufteilung)

Bruttoarbeitslohn lt. Lohnzettel: 1.500,00€

Arbeitgeberanteil SV gesamt: 300,00€

Arbeitnehmeranteil SV gesamt: 300,00€

Nettoarbeitslohn (vor Steuer): 1.200,00€

Letztlich steht einem Gesamtaufwand (Arbeitgeber) von 1.800,00€ ein verfügbares Nettoeinkommen von 1.200€ gegenüber. Der rationale Arbeitnehmer dürfte der Wahl zwischen 1.800€ brutto bei 600€ SV-Beiträgen und 1.500€ bei 300€ SV-Beiträgen indifferent gegenüberstehen. Möglicherweise empfindet jedoch die Mehrheit der Betroffenen bei der aktuellen Darstellung einen geringeren relativen und/oder absoluten „Verlust“, da im ersten Fall die „Entzugsrate“ bei 331/3% (600€) und im zweiten Fall bei „nur“ 20% (300€) liegt.

Nebenbei sei auf einen besonderen Aspekt der einkommenssteuerlichen Behandlung der Rentenbeiträge im Einkommenssteuerrecht hingewiesen. Nach §3 Nr. 62 EStG zählen die Arbeitgeberbeiträge zu den Einnahmen des Arbeitnehmers! Allerdings sind diese einkommenssteuerfrei. Hier wird also festgestellt, dass der Arbeitnehmer alle Beiträge trägt, jedoch nur die eine Hälfte („sein“ Anteil) steuerpflichtig ist.

2.1.2 Prinzipielle Berechnung der individuellen Rentenhöhe

Zur Berechnung der Altersente werden die angesammelten Entgeltpunkte mit dem aktuellen Rentenwert multipliziert. Für Witwen- und Erwerbsminderungsrenten sind sogenannte Renten art faktoren (derzeit 0,55 bzw. 0,5) zu berücksichtigen. Die persönlichen Entgeltpunkte tragen der Dauer der Beitragszahlung sowie der relativen Lohnposition innerhalb dieser Perioden Rechnung. Die Rentenhöhe errechnet sich als Produkt aus der Summe der erworbenen Entgeltpunkte, dem Rentenzugangsfaktor und dem aktuellem Rentenwert. Pro Jahr der Beitragszahlung wird das beitragspflichtige Einkommen durch das Durchschnittseinkommen aller Arbeitnehmer dividiert, so dass bei überdurchschnittlichem Einkommen mehr als ein Entgeltpunkt erworben wird, während Arbeitnehmer mit Einkommen unter dem Durchschnitt weniger als einen Entgeltpunkt erhalten und damit je nach relativer Einkommenssituation die Rentenansprüche steigen oder fallen. Unter Umständen können noch weitere Entgeltpunkte, etwa durch Kindererziehungszeiten ohne Erwerbstätigkeit, erworben werden. Mit dem Rentenzugangsfaktor wird die Höhe der Rentenzahlung an den Zeitpunkt des Renteneintritts angepasst. Derzeit müssen Arbeitnehmer, welche die gesetzliche Altersgrenze für den Renteneintritt unterschreiten, Abschläge in Höhe von 0,3% pro Monat des verfrühten Renteneintritts hinnehmen (frühester möglicher vorzeitiger Rentenbeginn ab 62 Jahren). Der Rentenwert ergibt sich im Wesentlichen aus der Entwicklung der beitragspflichtigen Einkommen der Beitragszahler. Anpassungen werden regelmäßig zum 01.07. eines Jahres vorgenommen (vgl. §§ 64 ff. und § 235 SGB VI).

2.2 Staatliche Altersvorsorgeleistungen im weiteren Sinne

Neben der GRV als derzeitigen Hauptträger der staatlichen Altersvorsorge sehen die Autoren eine Reihe weiterer Sozialleistungen mit einem mehr oder weniger expliziten Bezug zur Altersvorsorge.

a) Grundsicherung im Alter

Analog zum sog. Arbeitslosengeld II („Hartz 4“) ist im SGB XII für Bedürftige im Rentenalter eine steuerfinanzierte Grundsicherung vorgesehen. Im Grunde bietet diese das gleiche Leistungsniveau wie das Arbeitslosengeld II für Erwerbsfähige. Die Bezugsberechtigung knüpft dem Grunde nach an das Lebensalter und der Höhe nach an die gleichen Vorraussetzungen wie das Arbeitslosengeld II. Insbesondere werden, bis auf diverse Freibeträge, das gesamte Vermögen und alle privaten Vorsorgeaufwendungen bzw. die Erträge hieraus vollständig auf den persönlichen Bedarf angerechnet und die Leistungen entsprechend gekürzt. Die Bezugsberechtigung knüpft damit weder an die Mitgliedschaft in der gesetzlichen Rentenversicherung an, noch wird hierbei berücksichtigt, ob und ggf. wie lange jemand gearbeitet hat. (vgl. §§ 41 ff. SGB XII).

b) Wohngeld

Allen Berechtigten steht ein Zuschuss zu den Wohnkosten nach dem Wohngeldgesetz zu. Die Höhe ist von diversen Parametern abhängig. Diese ebenfalls steuerfinanzierte Sozialleistung richtet sich nicht explizit an Sozialrentner. Da diese jedoch tendenziell ein geringeres Einkommen haben können, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass diese Leistung in Anspruch genommen werden kann. Näheres kann den aktuellen Fassungen des Wohngeldgesetzes (WoGG) und der Wohngeldverordnung (WoGV) entnommen werden.

c) gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung

Die Leistungen der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung müssen ebenfalls als eine staatliche Sozialleistung (oder Transferleistung) für Rentner eingestuft werden, gleichwohl dies weder ihr einziger Zweck noch explizites Ziel ist. Tatsächlich handelt es sich auch weniger um einen Einkommenstransfer zu den Rentnern. Wenn man so will, handelt es sich um einen Ausgabentransfer von den Rentnern hin zu den aktiv Beschäftigten.

Die Leistungen der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung sind grundsätzlich unabhängig von der Höhe und Dauer der Beitragszahlungen, wenn von Lohnersatzleistungen im Krankheitsfall abgesehen wird, welche i.d.R. für Rentner eher weniger relevant sind. Da Menschen im Alter jedoch tendenziell geringere beitragspflichtige Einkommen haben, also auch weniger Beiträge zahlen, liegt hier faktisch bereits bei gleichem Leistungsempfang ein Transfer vor. Wird auch Alter als eines der größten Risiken krank und/oder pflegebedürftig zu werden berücksichtigt, so wird der eigentliche Transfer offenkundig. In 2006 betrugen die Krankheitskosten in der BRD je Einwohner im Durchschnitt 2.870 €. Bis zum Erreichen des 45. Lebensjahres liegen diese Kosten erwartungsgemäß unter diesem Durchschnitt und bewegen sich im Bereich zwischen 1.190€ bis 1.610€. Bereits in der Gruppe der 45 - bis 65jährigen ist eine Verdopplung zu konstatieren. Für die Gruppe der 65 - unter 85jährigen ist dann nochmals eine Verdopplung der Kosten festzustellen. Für die Generation 85+ ist wiederum mehr als eine Verdopplung der Kosten zu verzeichnen, so dass deren Krankheitskosten beinahe 9-mal so hoch wie die der 30 - 45jährigen liegen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Gegenstand kontroverser Diskussionen: Die staatliche Altersvorsorge in der BRD
Hochschule
Hochschule Anhalt - Standort Bernburg
Note
2,0
Autoren
Jahr
2008
Seiten
39
Katalognummer
V150129
ISBN (eBook)
9783640622054
ISBN (Buch)
9783640621941
Dateigröße
662 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gesetzliche Rentenversicherung, demografischer Wandel, Erwerbsbeteiligung
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Marco Seibold (Autor)Steffen Straubel (Autor), 2008, Gegenstand kontroverser Diskussionen: Die staatliche Altersvorsorge in der BRD, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150129

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Gegenstand kontroverser Diskussionen: Die staatliche Altersvorsorge in der BRD



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden