Psychoanalytische Annäherung an die Räuberthematik in Schillers "Die Räuber"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Massenpsychologie und Ich-Analyse
2.1 Hintergrund
2.1 Massenbegriff
2.2 Die libidinöse Konstruktion einer Masse

3. Die Räuber
3.1 Zum Werk
3.2 Inhalt des Stücks

4. Interpretation
4.1 Das Räuberbündnis (I, 2)
4.2 Karl als Hauptmann
4.3 Das Räuberlied (IV, 5)

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

7. Quellen

1. Einleitung

Enthusiastisch, idealistisch und selbstherrlich: Karl Moor, der Hauptakteur des Dramas Die Räuber[1] von Schiller, ist mit sämtlichen Attributen versehen, die ihn zu seiner Posi­tion als Räuberhauptmann qualifizieren. Doch hadert er zusehends mit seinem Schicksal und kann sich nicht vollends mit dem Bösen identifizieren, während seine Gefolgsleute auf monströse Weise morden. In dieser Arbeit soll die Räuberthematik in Schillers Werk untersucht werden. Methodisch liegt hierbei ein psychoanalytischer Interpretationsansatz zu Grunde. Daher sollen Freuds Errungenschaften psychoanalytischen Denkens für die Erklärung der aufgezeig­ten Phänomene fruchtbar gemacht werden. Im Speziellen dient seine Schrift Massen­psychologie und Ich-Analyse[2] als Grundlagentext, da einige Ähnlichkeiten zwischen der dort von ihm beschriebenen Masse und der Räuberbande bestehen.

Um eines relationalen Überblicks gerecht zu werden, gliedert sich die Interpretation in drei Abschnitte. Erstens soll das Bündnis als solches und Karls Entschluss zur Führer­schaft näher beleuchtet werden. Zweitens gilt es, Karl ein psychoanalytisches Profil zu verleihen, vor dem er versucht, seiner Aufgabe als Führer gerecht zu werden. Und drit­tens darf die Masse an sich nicht außer Acht bleiben. Das Selbstverständnis der Räuber wird im Räuberlied des vierten Akts offenbar.[3] Autoren wie Hinderer bemerken, dass das Drama „in nuce die problematischen Erfah­rungen wider[spiegelt], die Schiller als Zögling von Herzog Carl Eugens Militärakade­mie, der ‚Hohen Carls-Schule’, machte.“[4] In der Regel berücksichtigt die psychoanaly­tisch orientierte Literaturwissenschaft auch die Psyche und die Beweggründe des Au­tors.[5] Da dies aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, bleiben die Beobachtun­gen auf das Drama an sich beschränkt.

2. Massenpsychologie und Ich-Analyse

2.1 Hintergrund

1921 veröffentlichte Freud seine Schrift Massenpsychologie und Ich-Analyse[6]. Unter den damaligen Rahmenbedingungen des ersten Weltkrieges war es eine der wichtigen Fragen Freuds, wie der Aggressionstrieb auf Dauer bezähmbar sei. Das veranlasste ihn letztlich auch dazu, über Masse und Macht zu schreiben. Lohmann und Pfeiffer bemerken, dass es die einzige Schrift von Freud sei, die ihrem Gegenstand nach eng an die Soziologie gekoppelt sei, und erinnern an die eigentliche Unkenntnis Freuds über die soziologischen Theorien der damaligen Zeit.[7] So stellte bei­spielsweise schon Max Weber die Frage nach der Legitimationsgrundlage, die eine Herrschaft für sich in Anspruch nimmt. Und die von ihm formulierte „charismatische Herrschaft[sform]“[8] zeigt in gewisser Hinsicht Ähnlichkeiten mit dem bei Freud be­schriebenen Führertypus auf. Doch richten wir den Blick weg von der soziologischen, hin zur massenpsychologischen Ebene.

2.1 Massenbegriff

Wenn man sich anschickt, die Räuberthematik in Schillers Werk psychoanalytisch zu in­terpretieren und dabei Freuds Massenpsychologie und Ich-Analyse[9] als Grundlagentext heranziehen möchte, kommt man nicht umhin, zunächst eine Begriffsbestimmung von ‚Masse’ im Sinne von Freud vorzunehmen. Unter ‚Masse’ ist demnach eine Vielheit von Einzelnen zu verstehen. Sie ist die Entindividualisierung von Einzelnen, welche dann als Kollektiv wahrgenommen werden. Das heißt, dass der Einzelne nicht mehr im Hinblick auf Individualisierung in Betracht kommt, sondern lediglich als Teil einer anonymen Masse. Als Bedingung für die Zu­sammensetzung einer Masse gilt,

daß diese Einzelnen etwas miteinander gemein haben, ein gemeinsames Interesse an einem Objekt, eine gleichartige Gefühlsrichtung in einer gewissen Situation und (ich würde ein­setzen: infolgedessen) ein gewisses Maß von Fähigkeit, sich untereinander zu beeinflussen. [...] Je stärker diese Gemeinsamkeiten [...] sind, desto leichter bildet sich aus den Einzel­nen eine psychologische Masse und desto auffälliger äußern sich die Kundgebungen einer „Massenseele“.[10]

Freud sagt ihr eine regelrechte ‚Führersehnsucht’ nach[11] und betont den Unterschied zwischen zwei Arten von Massen: Den führerlosen Massen und solchen mit einem Füh­rer an ihrer Spitze.[12] Da Karl in Schillers Die Räuber der Hauptmann seiner Truppe ist und somit als Führer fungiert, soll im nächsten Schritt die Bindung in einer solchen Masse kurz skizziert werden.

2.2 Die libidinöse Konstruktion einer Masse

Was hält eine Masse zusammen? Es handele sich, wie Freud argumentiert, um eine Art der Doppelbindung, bei der der Einzelne sowohl an den Führer als auch an die anderen Massenindividuen libidinös gebunden sei.[13] Jedoch habe man es hier mit Liebestrieben zu tun, die von ihrem ursprünglichen sexuellen Ziel abgelenkt seien.[14] Lohmann und Pfeiffer betonen, dass sich gerade diese Zielgehemmtheit für die Dauerhaftigkeit von Massenbildungen verantwortlich zeige.[15] Sie fassen den Bindungsvorgang wie folgt zu­sammen:

1) Identifizierung der Massenindividuen untereinander, 2) Identifizierung mit dem Führer (oder der Idee, Ideologie), 3) Projektion (Abtretung) des individuellen Ich-Ideals auf die Idee oder den Führer, die hierdurch magisch überhöht und gestärkt werden, und 4) Erset­zung des individuellen Ich-Ideals durch das ‚Objekt’, also den Führer oder die nun ‚kollek­tiv’ gewordene Idee (Ideologie).[16]

Aufgrund der libidinösen Bindung zur Masse und zum Führer, der nun zum ‚Vorbild’ genommen wurde, erfährt der Einzelne zwangsläufig eine Veränderung (gar Einschrän­kung) seiner Persönlichkeit, die in der ‚Massenseele’ sichtbar wird. Freud bestätigt die bereits von Le Bon aufgezeigten Phänomene: Zum einen die Steigerung der

Affektivität, zum anderen die Herabsetzung der intellektuellen Leistung.[17] Beides stellt sich ein, da die anderswo notwendigen Triebhemmungen unter diesen abweichenden Rahmenbedingungen aufgehoben werden (müssen). Im Schutz der anonymen Masse fühlt und handelt der Einzelne anders, als er es alleine täte. Das Gewissen ist außer Kraft gesetzt, denn die Masse hat die sonst strafende Gesellschaft als Autorität indes nicht zu fürchten. Die Masse ist die Autorität.

3. Die Räuber

3.1 Zum Werk

Noch lange bevor sich Sigmund Freuds Errungenschaften der Psychoanalyse nieder­schlagen konnten, erschien Schillers Werk Die Räuber[18]. Es ist in die Endphase des Sturm und Drang einzuordnen und war das erste Drama des jungen Schiller, dessen konzeptuelle Anfänge bis in sein fünfzehntes Lebensjahr zurückreichen.[19] Als eigentliche Entstehungszeit werden die Jahre 1779/80 gesehen, in denen Schiller noch Medizin studierte. 1781 ließ er Die Räuber zunächst anonym erscheinen und war auf der Suche nach einem Verleger. Dieser stellte Kontakt zu einem Mannheimer Inten­danten her und Schiller sah sich nun vor die Aufgabe gestellt, Die Räuber als Bühnen­stück umzuarbeiten.[20] Zuerst wehrte er sich heftig dagegen, mit der Begründung, dass das Stück für die Bühne untauglich sei.[21] Sah er doch selbst sein Werk eher als einen „dramatischen Roman“[22]. Dennoch konnte er sich zu einer Überarbeitung durchringen und schließlich wurde das Stück am 13. Januar 1782 in Mannheim mit gigantischem Erfolg uraufgeführt.[23] Mann bestätigt, dass im Werk mehr epische als dramatische Elemente zu finden sind: „Episch ungemessene Zeit herrscht, wie auf den Wanderungen des Odysseus, so auch auf Karl Moors Irrfahrten; im epischen Bericht seiner ungeheuerlichen Taten – oder in der eigenen Reflexion – wird Karls ‚Größe’ [...] anschaulich.“[24] Es finden häufige Orts­wechsel und Zeitsprünge statt, die gesamte Handlunge erstreckt sich über zwei Jahre. Somit ist ein Bruch mit der Aristotelischen Einheit von Ort, Zeit und Handlung erkenn­bar.

3.2 Inhalt des Stücks

I. Franz, der jüngere der beiden Söhne des Grafen von Moor, neidet seinem Bruder Karl alles, woran es ihm selbst fehlt: Schönheit, Anerkennung, väterliche Liebe und letztlich auch das zukünftige Erbe, da er als Zweitgeborener darauf kein Anrecht hat. Er hält sich seit jeher im väterlichen Schloss auf, während Karl in Leipzig studiert und einem aus­schweifenden Lebenswandel nachgeht. Karl schreibt einen Brief an den Vater, in dem er ihn um Vergebung für seine moralischen Fehltritte bittet. Er ahnt aber nicht, dass Franz den Inhalt verfälschen wird und Karl als Verbrecher darstellt, um Vater und Sohn zu ent­zweien und um sich selbst vorm Grafen zu profilieren. Schockiert über die Nachricht lässt sich der alte Moor unter dem intriganten Einfluss Franzens dazu hinreißen, Karl seine väterliche Gunst zu entziehen und ihm das mitzuteilen. Jedoch hofft er immer noch auf einen Sinneswandel seines geliebten Karls und mahnt Franz, der die Nieder­schrift übernimmt, den Brief nicht zu heftig werden zu lassen. Aber Franz wandelt die Botschaft wieder heimlich um, lässt Karl in dem Glauben, der Vater habe ihn verbannt und eine Heimkehr sei undenkbar.

[...]


[1] Schiller, Friedrich von: Die Räuber. Ein Schauspiel. Husum: Hamburger Lesehefte Verlag 2008, S. 2-123.

[2] Freud, Sigmund: Massenpsychologie und Ich-Analyse [1921], in: Ders.: Studienausgabe, hg. v. Alex­ander Mitscherlich [u.a.], Bd. IX: Fragen der Gesellschaft. Ursprünge der Religion. 9., korrigierte Aufl. Frankfurt a. M.: S. Fischer 2003, S. 61-134.

[3] Das Räuberlied liegt dieser Arbeit im Anhang bei.

[4] Hinderer, Walter: Die Räuber, in: Ders. (Hg.): Interpretationen. Schillers Dramen. Stuttgart: Reclam 2002, S. 11.

[5] Vgl. Berg, Henk de: Freuds Psychoanalyse in der Literatur- und Kulturwissenschaft. Eine Einführung. Tübingen/Basel: Francke 2005, S. 96.

[6] Freud 2003, S. 61-134.

[7] Vgl. Lohmann, Hans-Martin/Pfeiffer, Joachim (Hg.): Freud-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart/Weimar: Metzler 2006, S. 171.

[8] Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Besorgt von Johan­nes Winckelmann, Studienausgabe, 5., rev. Aufl. Tübingen: Mohr 1980, S. 124.

[9] Freud 2003, S. 61-134.

[10] Freud 2003, S. 79.

[11] Vgl. Freud 2003, S. 75.

[12] Vgl. Freud 2003, S. 88.

[13] Vgl. Freud 2003, S. 90.

[14] Vgl. Freud 2003, S. 97.

[15] Vgl. Lohmann/Pfeiffer 2006, S. 172.

[16] Lohmann/Pfeiffer 2006, S. 172.

[17] Vgl. Freud 2003, S. 77.

[18] Schiller 2008, S. 2-123.

[19] Vgl. Oberlin, Gerhard: Goethe, Schiller und das Unbewusste. Eine literaturpsychologische Studie. Gießen: Psychosozial-Verlag 2007, S. 118.

[20] Vgl. Schiller 2008, S. 121.

[21] Vgl. Mann, Michael: Sturm- und Drang-Drama. Studien und Vorstudien zu Schillers „Räubern“. Bern/München: Francke 1974, S. 75.

[22] Hinderer 2002, S. 17.

[23] Vgl. Hinderer 2002, S. 11.

[24] Mann 1974, S. 76.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Psychoanalytische Annäherung an die Räuberthematik in Schillers "Die Räuber"
Hochschule
Universität Hamburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V150132
ISBN (eBook)
9783640613045
ISBN (Buch)
9783640612963
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literaturinterpretation, Schiller Die Räuber, Psychoanalyse, Sigmund Freud, Anne-Kathrin Hasse
Arbeit zitieren
Anne-Kathrin Hasse (Autor), 2009, Psychoanalytische Annäherung an die Räuberthematik in Schillers "Die Räuber", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150132

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