Ein weites Feld. Der Roman von Günther Grass im Licht der Kontroversen über DDR Literatur


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
20 Seiten, Note: 2

Leseprobe

1 Inhaltsverzeichnis

2 Einleitung

3 Zum Roman
3.1 Konzeption
3.1.1 Ansichten des Günther Grass
3.2 Zum Text
3.2.1 Textstrategie
3.2.2 Konstellationen
3.2.2.1 „Wir vom Archiv“
3.2.3 Wenderoman?

4 Rezeption

5 Zusammenfassung

6 Bibliographie
6.1.1 Primärliteratur
6.1.2 Sekundärliteratur

2 Einleitung

Als im Jahr 1989 die Massen nicht mehr „Wir sind das Volk!“ riefen, sondern „Wir sind ein Volk!“ war das nicht nur ein Grund für die führende Politikerriege sich in der Einheit Deutschlands zu profilieren, sondern auch ein Grund um nachdenklich zu werden und diese Gedanken in Form von Literatur auf Papier zu bringen. Nicht nur dass viele DDR- Intellektuelle und Teile der damaligen Opposition sich gegen eine Einheit Deutschlands aussprachen, es gab diese Stimmen auch im Westen. Allerdings gingen diese im Getöse des Einheitsjubels unter oder sie wurden sogar als Vaterlandsverräter[1] gestempelt. Viel allerdings scheint an ihren Bedenken wahr zu sein; die Korruption in der in Eile hervorgestampften Treuhand, die Schwärme westdeutscher Politiker, Beamter oder Geschäftsleute im Osten, der auch bald die neuen Länder, Neufünfland und anders gerufen wurde. Es wurden blühende Landschaften und gesunder Wohlstand versprochen, die dann doch etwas auf sich warten ließen.

Natürlich war der politische Wille damals dann doch die Einheit Deutschlands, nicht zuletzt unter den sich abzeichnenden politischen Unruhen in der damaligen Sowjetunion. Schien doch Gorbatschow als mächtigster Mann und Erfinder von Perestroika die Garantie für diese Einheit zu sein, mehr noch als der Wille der anderen Siegermächte, so eben Washington neben London und Paris. Deshalb und natürlich politisches Kalkül der CDU, welcher die Wende gerade zur rechten Zeit kam, ließ man sich nicht auf eine Verzögerung der Verhandlungen ein. Die D-Mark musste her und damit auch die politische Einheit Deutschlands.

Unter diesen Umständen nahm auch Grass’ Roman „Ein weites Feld“ Form an, mehr noch sie gaben dem Autor die Chance, ein lange mit sich geführtes Thema, nämlich einen Roman über Fontane und sein Verhältnis zu Deutschland zu schreiben, diese Zeit und diesen Raum im Thema zu verankern. Genau dies gibt Grass im Gespräch mit Stephan Lohr anlässlich des Fontane-Jahres, zu verstehen: „[Die] Grundeinfälle lagen lange zurück, hingen aber wie abstrakt in der Luft, hatten keinen Ort, keine Zeit.“[2] Erst die Wende und die darauffolgende Wiedervereinigung gaben Grass die Möglichkeit sich zu äußern und zwar in heftiger Form, wie man den Schriftsteller auch schon vorher kannte, als Grass aus der Berliner Akademie der Künste aus Protest, wegen ihrer Haltung zu Salman Rushdie, austrat. Die Haltung des geborenen Danzigers war deutlich, nicht zuletzt in seinen Reden zur deutschen Einheit, die entweder seine Haltung beglaubigen, lieber als vaterlandsloser Geselle zu gelten, als den Ausverkauf des Ostens zuzulassen, was er im „Schnäppchen namens DDR“[3] anzuprangert.

„Wir vom Archiv nannten ihn Fonty“ leitet Günther Grass seinen Roman ein, ein Stück Literatur, wie es wohl nicht heftiger in den Feuilletons diskutiert werden konnte, im Literarischen Quartett verrissen, als ob Reich-Ranicky eine persönliche Rechnung mit Grass zu begleichen hätte, und welches schließlich dann doch noch zum Bestseller wurde. Wie konnte es zu dieser Reaktion kommen? War es die Reaktion des Publikums auf Grass’ Bild von der DDR oder seine Haltung zur Vereinigung beider deutscher Staaten?

Schon allein das Wort vom „Schnäppchen namens DDR“[4] und seine Zweifel an der verfassungstechnischen Rechtmäßigkeit der Vereinigung forderten dies heraus. War es seine Haltung zum Ost-West Konflikt, seine Opposition zur Vereinigung? Oder provozierte der Schriftsteller durch die Beschreibung des Stasi-Agenten Hoftaller, übernommen von Schädlichs Tallhover[5] ? War es die Schaffung von Fonty, dem Gedächtnisgenie, der alles über Fontane weiß, welcher Fontane ist und welcher gleichzeitig aber auch seinem Schaffer täuschend ähnlich sieht?

Günther Grass ist mit dem Anspruch angetreten, einen Wenderoman zu schreiben, aber auch einen Roman über sich und über seine Neigung zu Fontanes Texten, vielleicht aber auch „Literatur über Literatur“, wie sich Herbert Glossner im Sonntagsblatt[6] ausdrückt, oder mehr noch Literatur über den Umgang mit Literatur, in Ost und West gleichermaßen, die den Utopieverlust nach der deutschen Einheit schildert, das Problem sich zurechtzufinden in der neuen Welt und die Identitätskrise ostdeutscher Schriftsteller, denen das Thema abhanden gekommen zu sein schien. Insofern will der Roman auch Wenderoman sein, und die Frage lautet ob er das auch wirklich ist. Ungefähr sieben Jahre nach Erscheinen des Romans scheint es nun wichtig diese Kontroverse und die Stellung des Romans darin zu beleuchten. Wichtig dabei ist vor allem die Grass’sche Konzeption im Auge zu behalten, die Stellung des Schriftstellers, im Kontrast zu Fonty und Hoftaller zu finden. Welche Stränge durchziehen den Roman und was scheint wichtig, um das Geschichtsbild des Romans zu erkennen, wobei Konstellation und Metaphorik reichlich Aufschluß bieten.

3 Zum Roman

Der Roman, welcher in der Zeit zwischen Wende und Vereinigung stattfindet, nämlich der Zeit zwischen 1989 und 1991, behandelt nicht nur eben jene Zeit, sondern auch die Gründungszeit Kaiserdeutschlands 1870 und 1871 durch Bismarcks Einigungsstrategie „von oben“, eine Zeit, welche Fontane begeistert miterlebte. Zentrales Thema ist nicht nur die Wiederkehr der „Raffkes und Schofelinskys“[7], die Rückkehr der „Ewig Gestrigen“, sondern der Autor behandelt auch die Brüche in Fontanes und damit auch in Wuttkes, genannt Fonty, Leben. Die Frage nach einem Schwanken zwischen einem absoluten Geschichtspessimismus, der die immerwährende Wiederkehr des Schlechten beschwört, in Form von Fontys Haltung zur Vereinigung Deutschlands, oder der Aufbruch zu Neuem, zum Guten, einer positivistischen Fortschrittshaltung, die Madelaines Optimus ausmacht, steht dabei im Vordergrund. In diesem Zusammenhang bekommt bei Grass auch die Frage nach der Schuld der Stasi und ihrer Spitzel eine neue Dimension, wobei Grass das Thema in Form von Hoftallers Charakter aufzubrechen sucht.

3.1 Konzeption

3.1.1 Ansichten des Günther Grass

Grass wollte, wie er selber zugab, einen politischen Roman schreiben:

„Mir, dem erklärten Verfassungspatrioten war der politische und die Gesellschaft umschichtende Vorgang der deutschen Einheit wichtig genug gewesen, um mich, länger als eine Legislaturperiode dauert, ans Manuskript zu binden.“[8]

Ein unverkennbares Kind seiner schriftstellerischen Laune sei der Roman, gibt der Autor dabei zu verstehen, aber auch ein Balg, dem der Geruch der Zeitgeschichte anhängt. Natürlich gibt es auch einen klaren Hinweis auf Fontane, durch dessen Einsichten Grass zum Entschluss gelangt war, den „chronologischen Zeitverlauf aufzuheben und die Vergangenheit gegenwärtig zu machen[,...] die Geschichte und Geschichten der deutschen Einheit, die des Jahres 1871, die des Jahres 1990 in aller Breite verwoben und bis in die Nebensächlichkeiten hinein zu erzählen;[...]“[9] So kann man den Roman eben auch als Grass-Tagebuch seiner politischen Ansichten lesen.

Ihm geht es dabei um die Schilderung einer Vereinigung, die seiner Meinung nach auf einem bewussten Lügengebäude aufgebaut sei, wie er in einem anderen Interview mit Harro Zimmermann vom Radio Bremen sagt, als er auf Kanzler Kohls Aussagen von „blühenden Landschaften“ und „keinem soll es schlechter gehen“[10] verweist. Im Roman verzweifelt Fonty dann an den Raffkes und Schofelinskys, die nach „Quelle-Mentalität“[11] die wirtschaftliche und kulturelle Struktur zerstören, weil weder investiert noch produziert wird: da gibt es den Paternoster – bezeichnenderweise im Haus der Ministerien, das zum Sitz der Treuhand wird – der zwar brav seinen Dienst tut, dennoch soll er abgewickelt werden, weil er nicht modern genug ist, genau wie das ostdeutsche Volkseigentum. So jedenfalls sieht das Grass und lässt Fonty genau wie Fontane rufen: „Viel Geschrei und wenig Wolle“, scheut den Vergleich zur 48er Revolution nicht, die daran scheiterte, weil sich die Leute mehr für Lebertran als für die Freiheit interessierten.

Deutlicher wird Grass im Falle des Bauunternehmers, der Mete heiratet, Fontys blasse Tochter, welcher ganz Schwerin aufkauft, um wenig später zu Tode zu kommen, praktisch ein Mann, der ganz wie die „regierende Masse“ nicht hält, was er verspricht, denn er stirbt ja, obwohl er ja klotzen und nicht kleckern möchte. Fontys Schwiegersohn macht Mete zur Wendehälsin, indem sie vom Marxismus zum Katholizismus wechselt, ein Umstand, der ihr nicht schwer zu fallen scheint, denn Grass schildert ausführlich und genau, wie Marx einem Heiligenbild der Maria weicht. Es scheint, als ob Grass uns das Dogmenhafte beider Richtungen beibringen möchte. Nur leider macht ein Autounfall dem Leben vom klotzenden West-Schwiegersohn ein Ende, es passierte eben nicht das was er versprach.

Ein ganz entgegengesetzter Fall scheint dafür die Romanfigur des Detlef Rohwedder[12] zu sein, der rollschuhfahrend und sich unterhaltend mit Fonty einer derjenigen Vertreter des Westens zu sein, die Verständnis für die Probleme des Ostens aufzubringen scheint, nichtsdestotrotz diesen „abwickelt“ aber dafür Fontys Liebling, den Paternoster schützt. Dennoch kommt Rohwedder, ganz wie der Schwiegersohn, durch die Geschehnisse um das Leben, wenn auch diesmal kein Autounfall dahintersteht.

[...]


[1] Vgl. Grass. Schnäppchen.

[2] Grass/Lohr.

[3] Grass, Schnäppchen.

[4] Grass, Schnäppchen.

[5] Schädlich. Tallhover.

[6] Glossner. Sonntagsblatt IN: Negt.

[7] Vgl. WF.

[8] Grass. Aus der Dresdner „Rede über den Standort“. Vgl. Schnäppchen.

[9] ebd.

[10] Zimmer/Grass Interview Radio Bremen

[11] „Es ist eine Art Quelle-Mentalität: Wir haben soviel im Angebot, wir produzieren soviel, wir brauchen das doch drüben, die versorgen wir mit. Das ist ein Klacks für uns. [...] reicht doch aus auf verlängerter Werkbank da diese sechzehn Millionen mit Büchern zu beliefern.“ Ebd.

[12] Grass hat diesen Mann sehr mitfühlend geschildert, fast ein bisschen unglaubwürdig, denn sollte ein Managertyp, wie Rohwedder wirklich mit diesem bedeutsamen Posten versehen worden sein, wenn dieser so einfühlend und verständnisvoll gewesen ist?

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Ein weites Feld. Der Roman von Günther Grass im Licht der Kontroversen über DDR Literatur
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Germanistik)
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V15015
ISBN (eBook)
9783638202619
ISBN (Buch)
9783638758246
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Feld, Roman, Günther, Grass, Licht, Kontroversen, Literatur
Arbeit zitieren
Markus Nowatzki (Autor), 2003, Ein weites Feld. Der Roman von Günther Grass im Licht der Kontroversen über DDR Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15015

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