In seinem Live Art Projekt im Rahmen der Wiener Festwochen kritisierte Christoph Schlingensief im Jahr 2000 nicht nur die immer noch starke Fremdenfeindlichkeit in Gestalt der FPÖ und Jörg Haider, die das erste Mal als Koalitionspartner der ÖVP die Regierung übernahm, sondern spielt vor allem mit der Frage, wie viel von seinem Projekt echt ist und wie viel nur „Show“.
Zwölf als echt bezeichnete Asylbewerber zogen zu Beginn der Aktion in einen Container. Zuschauer konnten entweder per Internet TV oder über die „Peep Show“ das Geschehen im Container beobachten. „Der von der europäischen Union >als recht eingestufter Österreicher<“ konnte seinen Lieblingskandidaten dann über Telefon oder Internet direkt aus dem Land wählen.
In dieser Hausarbeit möchte ich mich vornehmlich mit den grenzüberschreitenden Mitteln und Inszenierungselementen beschäftigen die Schlingensief gebraucht. Dazu gehören in erster Linie die Zuschauerpartizipation und die Koketterie. Dadurch schafft er eine neue Realität sowohl in der Kunst als auch der Wirklichkeit.
Weiter werde ich einige Begrifflichkeiten klären und mich mit dem gewählten Rahmen, der Containersituation, beschäftigen, einige Inszenierungsmittel neben den oben genannten herausarbeiten die Schlingensief benutzt um die Echtheit seines Projekts selbst in Frage zu stellen.
Er lässt (u.a. durch kokettieren) immer wieder Zweifel an der Echtheit der Aktion aufkommen, stiftet so Verwirrung unter den Rezipienten.
Immer wieder erklärt er zwar echt zu sein, aufgrund dieser fast schon ungeheuerlichen Vermischung aus Politik und Unterhaltung, Kunst und Realität, stellt sich die Frage über Authentizität dennoch. Diese ungläubigen Reaktionen sind bei Schlingensief Aktionen fast schon Programm.
Allerdings: Abschiebungslager in Containern und Fremdenhass ( im Jahre 2000 sogar innerhalb der Österreichischen Regierung) existieren unleugbar, Big Brother boomte im selben Jahr und war ungemein populär und allgegenwärtig. Aber kann es so öffentliche „Abschiebungsshows“ wirklich geben? Ist so etwas überhaupt legal?
Ich arbeite hauptsächlich mit der Dokumentation über die Aktion von Matthias Lilienthal und Claus Philipp. Sie bietet über alles einen sehr guten Überblick und hat eine DVD mit Material zur Aktion (Videoausschnitte und Interviews etc.) beiliegen: Auch der dokumentierende Film von Paul Poet ist mir eine wichtige Quelle.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Container Aktion „Ausländer raus! – Bitte liebt Österreich“
2.1 Erster Tag 12.06
2.2 Zweiter Tag 13.06
2.3 Dritter Tag 14.06
2.4 Vierter Tag 15.06
2.5 Fünfter Tag 16.06
2.6 Sechster Tag 17.06
3. Koketterie
3.1 Koketterie und Wahrhaftigkeit
3.2 Koketterie schafft Realität
4. Der Aktionsraum
4.1 Das Life- Event am Container
4.2 Die Aktion im Internet
4.3 Das Projekt in den Medien
5. Verwischung der Grenze zwischen Kunst und Realität
5.1 Zuschauerpartizipation
5.1.2 Interaktion mit dem Zuschauer bei Fischer- Lichte
5.1.2. Zuschauerpatizipation bei Schechner
5.2 Weitere Elemente der Grenzüberschreitung
5.2.1. Das Auto
5.2.2. Das Plakat der Wiener Festwochen
5.2.3. Plakate der FPÖ und Kronenzeitung
6. Resümee
7. Bibliographie
7.1 Diskographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Christoph Schlingensiefs Live Art Projekt „Ausländer raus! – Bitte liebt Österreich“ aus dem Jahr 2000, um die Mechanismen seiner grenzüberschreitenden Inszenierung zu analysieren, die das Verhältnis zwischen Kunst, Realität und politischer Wahrnehmung gezielt destabilisiert.
- Analyse der Zuschauerpartizipation als Instrument der Realitätsverschiebung.
- Untersuchung der Koketterie als duales Gestaltungsmittel.
- Identifikation der Containersituation als performativen Aktionsraum.
- Dekonstruktion der Authentizitätsfiktion im Kontext von Politik und Medien.
Auszug aus dem Buch
3. Koketterie
Georg Simmel schreibt in seinem Buch Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung die Koketterie in erster Linie den weiblichen Verhaltensweisen zu. Frauen kokettieren, um der Männerwelt zu gefallen. Die Koketterie darf jedoch keineswegs mit „Gefallsucht“ verwechselt werden. Eine Frau kann alles tun um zu gefallen, das heißt nicht dass sie kokettiert. Denn der Koketterie „ist es eigen, durch Abwechslung oder Gleichzeitigkeit von Entgegenkommen und Versagen, durch symbolisches, angedeutetes, "wie aus der Ferne" wirksames Ja- und Nein- sagen, durch Geben und Nichtgeben [...] die sie gegeneinander spannt, indem sie sie doch wie mit einem Schlage fühlen lässt - es ist ihr eigen, durch diese einzigartige Antithese und Synthese Gefallen und Begehren zu wecken.“
Nur das kokettierende Objekt, nach Simmel also die Frau, kann die Koketterie völlig auflösen indem sie sich dem Objekt ihrer Koketterie entweder zu- oder abwendet, ihm entweder positiv oder negativ entgegen tritt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in Schlingensiefs Projekt und die Fragestellung zur Echtheit der künstlerischen Inszenierung im Kontext politischer Fremdenfeindlichkeit.
2. Die Container Aktion „Ausländer raus! – Bitte liebt Österreich“: Dokumentation und chronologischer Ablauf der sechstägigen Container-Aktion und ihrer unmittelbaren gesellschaftlichen Auswirkungen.
3. Koketterie: Theoretische Herleitung des Begriffs nach Georg Simmel und Übertragung auf Schlingensiefs duales Agieren.
4. Der Aktionsraum: Untersuchung des physischen und medialen Aktionsraums sowie der spezifischen Wirkung der Container-Situation auf das Publikum.
5. Verwischung der Grenze zwischen Kunst und Realität: Analyse der Zuschauerinteraktion und weiterer Inszenierungselemente wie Plakaten oder Fahrzeugen zur Auflösung ästhetischer Grenzen.
6. Resümee: Zusammenfassung der Erkenntnisse über Schlingensiefs Fähigkeit, durch provokative Dualität gesellschaftliche Diskurse anzuregen.
7. Bibliographie: Auflistung der verwendeten Literatur und Quellen zum Projekt.
Schlüsselwörter
Christoph Schlingensief, Ausländer raus, Wiener Festwochen, Koketterie, Authentizität, Zuschauerpartizipation, Performativität, Kunst und Realität, FPÖ, Container-Aktion, Georg Simmel, Erika Fischer-Lichte, Politische Performance, Inszenierung, Medienkritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert Christoph Schlingensiefs Kunstprojekt „Ausländer raus!“ und wie dieses durch gezielte Inszenierung die Grenzen zwischen Kunst, Politik und gesellschaftlicher Wirklichkeit verschwimmen lässt.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Koketterie, die Rolle des Aktionsraums sowie die Partizipation des Zuschauers an Schlingensiefs provokativer Performance.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die spezifischen Mittel aufzuzeigen, mit denen Schlingensief Zweifel an der Echtheit seines Projekts stiftet und dadurch das Publikum zur Auseinandersetzung zwingt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse von Dokumentationen zum Projekt und verwendet performanztheoretische Ansätze, insbesondere von Erika Fischer-Lichte und Richard Schechner.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte chronologische Darstellung der Aktion, die soziologische Fundierung der Koketterie und eine Analyse der Aktionsräume und Grenzüberschreitungen.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Schlingensief, Authentizitätsfiktion, Zuschauerpartizipation, politische Performance und Grenzüberschreitung charakterisiert.
Warum spielt das „Big Brother“-Format für die Analyse eine Rolle?
Es dient als Referenz für die bekannte Containersituation, um Schlingensiefs bewusste Nutzung dieser Authentizitätsfiktion zur Verwirrung der Rezipienten zu verdeutlichen.
Welche Bedeutung kommt der Koketterie bei Schlingensief zu?
Die Koketterie ermöglicht es ihm, widersprüchliche Haltungen einzunehmen – gleichzeitig echt und „Show“ zu sein –, um das Interesse der Öffentlichkeit zu binden und Diskurse auszulösen.
Wie reagierten die Passanten auf die Aktion?
Die Reaktionen reichten von heftiger Empörung über Unverständnis bis hin zur aktiven Teilnahme, da die Grenzen zwischen dem Kunstprojekt und der realen politischen Situation vor der Oper unkenntlich wurden.
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- Greta Schmidt (Author), 2009, Dualität und Zuschauerpartizipation: Schlingensiefs Koketterie und Spiel mit der Wirklichkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150156