Politainment

Politik als Entertainment - eine theoretische Analyse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

35 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Politik und Unterhaltung - Zusammenhänge
2.1 Begriffsdefinition von Politainment und Unterhaltung
2.2 Politainment und Unterhaltung - gegenseitige Einflüsse

3. Politische Diskussionsrunden und Politikvermittlung
3.1 Optimale Politikvermittlung in den Medien. Emotionalisierung, Personalisierung, Mediendemokratie und die vierte Gewalt
3.2 Politainment in Talkshows - Politik- und Politikervermittlung

4. Entertainisierung = Entpolitisierung? (Schlussbetrachtung)

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Politik partizipiert bei Gefühlsqualitäten des Unterhaltungsfernsehens: bunt, spielerisch: politi­sche Welt kann auch anders sein: intensiv, energiegeladen, transparent und gemeinschaftlich" (Dörner 1999:21).

Gerade zu Wahlkampfzeiten werden Politiker zu gern gesehenen Talkshowgästen. Es beginnt die routinierte „Erklärphase" des eigenen Schaffens und Tuns der vergangenen Wahlperiode. Geändert hat sich hierbei vor allem die Darstellungsform von Politik. Andreas Dörner spricht im erwähnten Zitat bereits eine spannende und vor allem verfrühte Form einer Mischung aus Politik und Unterhaltung an. Die Verknüpfung der beiden Begriffe hin zum sogenannten Politainment ist in der heutigen Zeit nicht nur durch politische Wahlkämpfe so interessant geworden, sondern auch, weil wir durch die Medien zusehends auf sie aufmerksam werden. Medien haben sich verändert, Fernsehen hat sich verändert und in einem mehr oder minder schleichenden Prozess haben sich auch Politikdarstellung und -vermittlung verändert. Talk­shows, TV-Duelle und Personality-Talks im Fernsehen prägen unser heutiges Politikverständnis. Der breiten Bevölkerung zugänglich gemacht wurde dies durch Massenmedien, in denen sich Politik und Unterhaltung zusehends aneinander orientiert haben. Politainment, als Vermi­schung von Politik und Entertainment, ist in aller Munde. Gerade auch, weil Politik selbst nicht im Stande zu sein scheint, sein politisches Programm unterhaltend zu transportieren, wobei der Anspruch an Politik auch weniger die Unterhaltung ist, sondern sich eher auf Informations­vermittlung und Analyse beschränkt. Anlass genug also sich der Wortschöpfung Politainment einmal analytisch zu nähern.

Zuerst erfolgt ein geschichtlich orientierter Diskurs über die Verschmelzung von Politik und Unterhaltung. Im Zentrum steht die Frage, wie Politainment zustande kommt und wo die historischen Wurzeln liegen. Nachfolgend wird auf den Begriff der Unterhaltung näher einge­gangen. Wie wird Unterhaltung in der Literatur gesehen, welche Definitionen existieren und welche sind allgemein anerkannt. Im nächsten Schritt wird die Begriffserklärung von Politainment erläutert. Es soll anhand der Definitionen geklärt werden, was diese beiden Be­griffe zusammenbringt und warum sich Politik- und Unterhaltungsbranche gegenseitig stimu­lieren und behilflich sein können. Dabei wird zwischen politischer Unterhaltung und unterhal­tender Politik unterschieden. Gerade im Bereich der Unterhaltung wird eine theoretische Ana­lyse des Begriffs im Vordergrund stehen, während Politainment anhand von Talkshows exemp­larisch dargestellt werden kann.

Grundlegende Literatur für diese Arbeit sind unter anderem die Werke von Werner Früh und Jens Tenscher, sowie Andreas Dörner, dessen Veröffentlichung „Politainment" als Grundlage und Anstoß für diese Arbeit gesehen werden kann.

2. Politik und Unterhaltung - Zusammenhänge

Politik in Unterhaltungsformaten ist seit längerem Kernpunkt einer Debatte, die sich mit den Zusammenhängen von Politik und Medien beschäftigt. Um die Zusammenhänge zwischen Poli­tik und Unterhaltung zu verstehen, bedarf es einer Begriffsdefinition. Das folgende Kapitel dient der Begriffsklärung von Politainment. Neben einer Definition wird hier auch auf die Ur­sprünge und den Kern des Begriffes eingegangen: Politik und Entertainment.

2.1 Begriffsdefinition von Politainment und Unterhaltung

Die sprachliche Synthese der Begriffe Politik und Entertainment verdeutlicht bereits die gegenseitige Beeinflussung (Mayer 2002:8). Besonders deutlich wird die Erscheinung des „Phänomens" Politainment im Massenmedium Fernsehen. Bild und Ton, verknüpft mit ent­sprechend aufgepeppten Inhalten, verleihen den Akteuren im Fernsehen die Möglichkeit, Emotionen auszulösen und den Zuschauer zu beeinflussen. Währenddessen garantiert die Visualisierung eine scheinbare Authentizität. Die politischen Akteure haben die Chance sich zu vermarkten - gut „rüberzukommen" - unterhaltende Politik also. Zwei Ebenen verdeutlichen die Interdependenz von Politik und Medien: (1) Politik nutzt die Medien strategisch um die Kommunikation mit dem Volk auszubauen - so der Idealfall. Böse Zungen sprechen auf der anderen Seite von Instrumentalisierung der Medien, Beeinflussung der Bevölkerung, Selbst­darstellung der Politiker und Medien als PR-Maschinerie zu Wahlkampfzeiten. (2) Ganz uninte­ressiert und unbedarft sind die Medien hierbei natürlich nicht. Auch sie haben ein Interesse an der Vermarktung von Politik, schließlich gibt es von Seiten der Zuschauer die Nachfrage, wel­che sich in Einschaltquoten bemerkbar macht. Politik soll möglichst unterhaltsam dargestellt werden - hier wird also von politischer Unterhaltung gesprochen. Um diese zu maximieren, bedarf es der Aufarbeitung politischer Themen um diese möglichst salonfähig zu machen. Schließlich wären die Föderalismusreform oder eine Debatte um die Errichtung einer Bad Bank für viele Zuschauer ohne Elemente der Unterhaltung völlig uninteressant. Die einfache Rech­nung der Medienbranche lautet daher: Einschaltquoten maximieren, sprich die Erhöhung der Marktanteile, durch unterhaltende Elemente. Als deutsches Musterbeispiel und Startschuss dieser Symbiose wird oft der Besuch Guido Westerwelles in der ersten Staffel von Big Brother 2000 erwähnt. Hier lag das politische Interesse auf der Hand: Stimmengewinn unter Jugendli­chen und jungen Erwachsenen. Gleichzeitig erhoffte sich der Sender RTL II mit einer solch „sensationellen" Aktion erhöhte Aufmerksamkeit und Einschaltquote.

Theoretisch befasst hat sich mit dem Thema Politainment im deutschsprachigem ins­besondere Andreas Dörner. Er definiert Politainment wie folgt: „Politainment bezeichnet eine bestimmte Form der öffentlichen, massenmedial vermittelten Kommunikation, in der politi­sche Themen, Akteure, Prozesse, Deutungsmuster, Identitäten und Sinnentwürfe im Modus der Unterhaltung zu einer neuen Realität des Politischen montiert werden" (Dörner 2001a:31). Dörner versteht unter dem Begriff Politainment folglich eine zunehmende Verwendung des „Unterhaltungsmodus" durch politische Akteure. Gleichzeitig erschafft die Unterhaltungsbran­che eine „neue Realität", formt also eine mediale Welt des Politischen, um Inhalte und Bot­schaften an die entsprechenden Zielgruppen zu senden. Dörner nennt diese Realität einen Erfahrungsraum „in dem den Bürgern heutzutage typischerweise Politik zugänglich wird" (Dör­ner 2001a:31). Dementsprechend, so Dörner, sei das Bild, das sich Mediennutzer (und gleich­zeitig Wähler) von der Politik machen, maßgeblich geprägt durch die Strukturen und Funktio­nen des Politainment.

Bereits angeklungen waren die zwei unterschiedlichen Ausprägungen, die Politainment annehmen kann. Unterhaltende Politik (1) und politische Unterhaltung (2) werden hierbei von der Wissenschaft unterschieden. Unterhaltende Politik (1) bedeutet dabei, dass jegliche Stil­mittel und Methoden der Unterhaltungsbranche von politischen Akteuren genutzt werden um ihre politischen bzw. nicht-politischen Botschaften zu gestalten und ihre Ziele zu realisieren. „Unterhaltende Politik dient also dazu, politische Macht zu erwerben und stabil auf Dauer zu stellen" (Dörner 2001a:32). Politische Unterhaltung (2) hingegen beschreibt die Seite der Me­dien. Diese benutzen politische Akteure, politische Themen und Konflikte zur Gestaltung der von Dörner erwähnten neuen Realität - zur Erstellung einer fiktionalen politischen Welt. „Die Unterhaltungsindustrie verwendet gezielt politische Figuren, Themen und Geschehnisse als Material zur Konstruktion ihrer fiktionalen Bildwelten, um so ihre Produkte interessant und attraktiv zu gestalten" (Dörner 2001a:32). Medien bzw. die Unterhaltungsindustrie überneh­men die Kontrolle über Politik und ihre Inhalte. (Dörner 2001a; Nieland & Kamps 2004)

Wer Politainment versucht zu verstehen, der wird zwangsläufig über die Genese des Begriffs stolpern. Während das Wort „Politik" wesentlich greifbarer scheint, ist es gerade in der Medien- und Kommunikationsforschung äußert umstritten, was eigentlich unter dem Be­griff der „Unterhaltung" zu verstehen ist. Schließlich ist sie als „Entertainment" in Politainment ein fester Bestandteil des Begriffs. Werner Früh und Carsten Wünsch resümieren dazu süffi­sant: „Nach wie vor scheint die größte Einigkeit in Bezug auf Unterhaltung in dessen Undefinierbarkeit zu liegen" (Früh & Wünsch 2007:31). Gerhard Maletzke hingegen verein­facht, indem er klarstellt: „Unterhaltung ist, was unterhält" (Maletzke 1995:58). Maletzke ver­deutlicht, dass jedes mediale Angebot als Unterhaltung klassifiziert werden kann, wenn es aus Sicht des Rezipienten als unterhaltend wahrgenommen wird. Im Bezug auf politische Unterhal­tung weist Anette Fahr darauf hin, dass Unterhaltungselemente gerade in Fernsehshows gerne Verwendung finden könnten, unter der Bedingung der Informationsvermittlung (Fahr 2008). Louis Bosshart sieht Unterhaltung in erster Linie als ein Rezeptionsphänomen. Unterhaltung bedeutet hier: (1) Abkoppelung (Abwechslung, Entspannung), (2) Aktivierung (Anregung, Spaß, Spannung) und (3) Stimmung (Atmosphäre, Freude, Genuss). Neben diesen Aspekten wird Unterhaltung als Auslöser für verschiedenste Phänomene gesehen: (1) Emotionalität (Spaß, Entspannung, Spannung, Abwechslung), (2) Orientierung (Anregung, neue Information, Lern­möglichkeiten, Gesprächsstoff), (3) Ausgleich (Beruhigung, Ablenkung), (4) Zeitvertreib (Ge­wohnheit, Vertreibung der Langeweile), (5) soziales Leben (Teilnahmemöglichkeit, Anschluss­kommunikation). (Bosshart 2007)

Interessant bei der Analyse von Unterhaltung ist aber vor allem ihre enge Verknüpfung mit Informations- und Wissensvermittlung. Deutlich wird dies in den Begriffsschöpfungen Info­tainment und Edutainment (Information/ Education + Entertainment). Eine klare Trennung scheint in vielen der heutigen Formate unmöglich. Früh und Wünsch führen dies vor allem auf eine stärkere Beschäftigung mit Unterhaltung seit den 1980er Jahren zurück. Mit Einführung des dualen Rundfunksystems und einer zunehmend freizeitorientierten Gesellschaft nahm Freizeitgestaltung und Unterhaltung eine neue Dimension des Alltags an (Früh & Wünsch 2007).

Verschiedene Merkmale von Unterhaltung lassen sich bei genauerer Analyse finden: Zum einen wird Unterhaltung als Merkmal von Medienangeboten ganz pragmatisch gesehen. Hier entscheiden Filmemacher, Programmchefs der Fernsehanstalten, Rundfunkveranstalter, Autoren, Regisseure was Unterhaltung ausmacht. Zum anderen unterteilt sich Unterhaltung nach Hans-Jürgen Weiß und Joachim Trebbe in Information, fiktionale Unterhaltung und nicht- fiktionale Unterhaltung (Weiß & Trebbe 2000). Früh und Wünsch verdeutlichen hingegen, dass ein Kriterium von Unterhaltung in einer bestimmten Form des Erlebens zu suchen ist. Schließ­lich gäbe es zum Beispiel im Fernsehen viele Unterhaltungsangebote, die nicht zwingend jede Person auch als unterhaltend empfinde (Früh & Wünsch 2007). Joachim Westerbarkey unter­teilt seine Definition von Unterhaltung in vier Teile: (1) Unterhaltung als Konversation, zum Beispiel als Small Talk. Hierbei liegt der Fokus auf dem Beisammensein und den Beziehungen unter den Gesprächspartnern. (2) Gleichsetzung von Unterhaltung mit Spielen. Hierbei dient Unterhaltung der reinen Animation. (3) Unterhaltung im Mediensektor. Hierbei wird dem Be­griff ein bestimmtes Medium (Fernseher, Radio, Kino) zugeordnet, oder aber ein TV-Sender (MTV) bzw. eine Sparte (Krimis, Quizsendungen, Sportevents). (4) Als vierten und letzten Punkt nennt Westerbarkey die nonverbale Unterhaltung wie zum Beispiel die Beobachtung von All­tagssituationen, Fantasie oder instrumentale Betätigungen (Westerbarkey 2001).

Nachdem nun die Vielfältigkeit des Begriffs Unterhaltung ansatzweise aufgezeigt wur­de, sollen im folgenden Abschnitt verschiedene theoretische Perspektiven[1] vorgestellt werden.

(1) Der Anthropologische Ansatz sieht Unterhaltung als ein naturgegebenes Wesens­merkmal des Menschen.
(2) Die kulturkritische Perspektive, unter anderem von Max Horkheimer und Theodor Adorno (1947) geprägt, legt den Fokus auf die sozialen Funktionen von Unterhaltung. Als Produkt der Kulturindustrie dient Unterhaltung zur Etablierung der Machtverhält­nisse. Erreicht werde dies, so argumentieren Horkheimer und Adorno, durch die Flucht der Rezipienten in die Scheinwelt der Unterhaltung, in der sie von „systembedingten" Alltagssorgen abgelenkt werden.
(3) Die rezeptionszentrierte Perspektive betrachtet Unterhaltung primär auf Seiten der Empfänger. Unterhaltung wird als intrinsisch angesehen, also „von innen heraus".
(4) Der Uses-and-Gratifications-Ansatz verortet Unterhaltung auf der Liste möglicher Mo­tive für die Mediennutzung. Medien können Unterhaltungsbedürfnis befriedigen und werden deshalb von den Menschen genutzt.
(5) Psychologisch orientierte Auseinandersetzungen mit Unterhaltung sehen Unterhaltung vor allem als „positive Emotionen".
(6) Ganz ähnlich schaut die Mood-Management-Theorie von Dolf Zillmann und Jennings Bryant (1985; 1999) auf Unterhaltung. Sie unterstellt einen hedonistischen Rezipien­ten, der stets angenehme Stimmungen sucht und unangenehme beseitigen will. Oft­mals ist hier auch die Rede von Stimmungsoptimierung.

Früh und Wünsch kritisieren hierbei, dass alle Theorien und Ansätze durchgehend nur einzelne Aspekte des Gesamtphänomens Unterhaltung beleuchten. Der gleiche Begriff wird also in vie­len Ansätzen sehr unterschiedlich gedeutet und dementsprechend auch unterschiedlich ver­wendet. Aufbauend auf der Verschiedenheit der Ansätze versucht Früh ein neues Gesamtkon­strukt zu erstellen, das den Großteil der bereits bestehenden Ansätze umfasst. Er nennt dieses die Triadisch-Dynamische Unterhaltungstheorie (TDU), eine Rahmentheorie, die „auf einem relativ hohen Abstraktionsniveau die wichtigsten Bausteine und den operativen Grundmecha­nismus, der die Zusammenhänge und Prozesse von Unterhaltung definiert und erklärt" (Früh & Wünsch 2007:37). Frühs Ziel ist die Erklärung von Unterhaltung als Kommunikationsphänomen indem das Bedingungsgefüge erklärt wird, das die Voraussetzung für Unterhaltung bzw. „un­terhalten sein" darstellt.

[...]


[1] Diese sind Grundlage für die von Früh eingeführte Triadisch-Dynamische Unterhaltungstheorie (TDU). Dazu aus­führlicher: Früh et al. (2002) und Früh (2003).

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Politainment
Untertitel
Politik als Entertainment - eine theoretische Analyse
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Kommunikationswissenschaften - Abteilung Medienwissenschaft)
Veranstaltung
Unterhaltung
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
35
Katalognummer
V150178
ISBN (eBook)
9783640613410
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politainment, Politik, Entertainment, Analyse
Arbeit zitieren
Pascal Rossol (Autor), 2009, Politainment, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150178

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