Die Rolle der deutschen Hauptstadt Berlin in den Romanen "Die Mittagsfrau" (Julia Franck), "Mitte" (Norman Ohler) und "Böse Schafe"(Katja Lange-Müller)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

BERLIN VON DEN ROARING TWENTIES BIS HEUTE

DIE MITTAGSFRAU – HELENES BERLIN

BÖSE SCHAFE – SOJAS BERLIN IST HARRYS BERLIN

MITTE – IGORS VS. KLINGERS BERLIN

FAZIT

BIBLIOGRAPHIE

EINLEITUNG

Drei Romane, drei Geschichten, ein Ort. Auch wenn die drei Romane Die Mittagsfrau, Böse Schafe und Mitte von völlig unterschiedlichen Dingen berichten, so haben sie doch den gleichen Grundtenor: Die Protagonisten leben, lieben und verlieren alle in der deutschen Hauptstadt.

Berlin. Eine Stadt mit vielen Gesichtern und vielen Wendungen. Während wir in Die Mittagsfrau erfahren, wie Berlin sich aus den Roaring Twenties schleichend in einen nationalsozialistischen Staat verwandelt, sehen wir in Böse Schafe die Wende von einer geteilten zu einer wiedervereinten Stadt, eine Wende, die Igor, eine der Hauptfiguren aus Mitte bis heute nicht verwunden hat.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, erst die eben genannten Perioden zu skizzieren, diese dann mit den Erlebnissen der Hauptfiguren in Verbindung zu bringen und zu untersuchen, in wiefern die Hauptstadt Einfluss auf das Leben der Protagonisten und deren Handlungen hat um abschließend feststellen zu können, ob Berlin tatsächlich der „eigentliche dritte, sterbende [..] Körper“ in allen drei Romanen ist.

BERLIN VON DEN ROARING TWENTIES BIS HEUTE

Während der 20er Jahre ist Berlin eine Stadt, die auf einen Weltkrieg zurückblickt und dem Nationalsozialismus entgegensieht. Nichtsdestotrotz ist das Leben in der Großstadt, die im gleichen Atemzug wie London und Paris genannt wird, ein aufregendes. Berlin „revelled in its speed, its lights, its Americanism, its moral freedom, and its passion for experimentation” (Richie: 326). Der Slogan: „Schneid´ dir ab den alten Zopf - schneid´ dir einen Bubikopf“[1] evoziert das Bild einer intelligenten, emanzipierten Frau der Zwanzigerjahre die schicke Kleider trägt und studieren will. Auch Alkohol- und Drogenkonsum, homosexuelle Beziehungen, Theater- und Opernbesuche sowie wilde Nächte in den Bars der Stadt gehören zu Berlin wie das stetig wachsende Verkehrsaufkommen. Der Fehler dieser neuen Modernität ist jedoch, dass das Leben der Roaring Twenties nicht die Missstände in der Politik, wie die Weltwirtschaftskrise und die drohende Inflation kaschieren kann. Diese Instabilität auf der einen Seite und das Augen-Verschließen der Berliner Avantgardisten auf der anderen Seite legen schließlich den Grundstein für einen nationalsozialistischen Aufstieg.

“Mr. Gorbachev, open this gate!”[2]

Berlin 1961: Eine Stadt wird geteilt. Dies geschieht durch eine Mauer, die nicht nur Berlin, sondern ganz Deutschland in einen Ost- und einen Westteil einteilt. Westberlin wird zur Insel, „a vulnerable enclave locked deep within the Soviet zone which could be reached from the west only by a handful of exposed transit routes running through East German territory“(Richie: 770). Die zwei Staaten die entstehen heißen Bundesrepublik Deutschland und Deutsche Demokratische Republik. Die DDR ist ein sozialistischer Staat in dem der Kommunismus herrscht. Es gilt ein Ausreiseverbot für Bürger der DDR und auch die Einreise ist mit Kontrollen und Schikanen verbunden; die Staatsführung ist nur schein-demokratisch. Zwischen 1961 und 1989 wird Westberlin finanziell unterstützt und kulturell aufgebaut. Westberlin wird zur „world class city of culture“ (Richie: 791). Präsident Kennedy spricht den Berlinern durch sein Zitat „Ich Bin ein Berliner“ neuen Mut zu, der Unterdrückung zu strotzen und die Völker der Welt schauen auf diese Stadt.

In den 1980ern ist die Hauptattraktion Berlins die Mauer, die Touristen bestaunen und auf die Westberliner mit Demonstrationen, teilweise aber auch mit Ignoranz reagieren (vgl. Richie: 803). So genießt die neue „Weltstadt“ (Richie: 808) Berlin immer größeres Ansehen und kann mit unterstützenden Besuchern wie den Präsidenten Reagan und Mitterand auftrumpfen, während die DDR in sich zerfällt. Immer mehr DDR Bürger wehren sich gegen das Regime und die sich verschlechternden Lebensumstände; sie wollen Reisefreiheit, Demokratie und westliche Wirtschaftsformen. Am 09. November 1989 erfüllt sich der Traum vieler Ostberliner: Die Grenzen werden geöffnet und ein Leben in der Bundesrepublik ist endlich möglich. „East and West Berlin were about to dissapaer for ever“ (Richie: 812).

Nach der Wiedervereinigung am 03. Oktober 1990 geht es mit Berlin weiter aufwärts. Bis ins 21. Jahrhundert wird weiter in die Stadt investiert, der Regierungshauptsitz von Bonn nach Berlin verlegt und auch kulturell wird Berlin weiter aufgebaut. Museen und Denkmäler arbeiten die Berliner Historie auf und ermöglichen Deutschen wie Ausländern engen Kontakt mit den Geistern der Vergangenheit. Ganze Viertel werden renoviert und der Fortschritt ist überall deutlich zu spüren. Der deutsche Zeit-Journalist Wolfgang Siebeck stellt es treffend dar, wenn er erklärt: „Berlin habe ich mir als riesige Baustelle vorgestellt, wo man auf dem Kurfürstendamm von ausländischen Hütchenspielern beschupst wird, am Prenzlauer Berg als schlipstragender Hetero unangenehm auffällt, wo die Gastronomie aus tausend und einer Szenekneipe der unterschiedlichsten Folklore besteht und die wenigen Feinschmeckerlokale erst abends aufmachen wie in der Provinz. Was soll ich sagen - genauso ist es.“[3]

DIE MITTAGSFRAU – HELENES BERLIN

In einer Rezension im Spiegel Spezial beschreibt Anke Dürr die Rolle Berlins in Die Mittagsfrau als das Erleben der Roaring Twenties „mit allem Drum und Dran: Rauschende Partys, Theater- und Nachtclubbesuche, und Helenes Schwester kann endlich ihre lesbische Liebe leben. Helene lässt sich zur Krankenschwester ausbilden. Und sie findet ihre große Liebe Carl, Philosophiestudent aus großbürgerlichem Haus. Sein Unfalltod ist für Helene ein Schock, der dauerhaft nachwirkt“ (Dürr, 2007). Doch so einfach ist weder die Rolle Berlins noch der Handlungsstrang als solcher zu erklären.

Während Helene und ihre neun Jahre ältere Schwester Martha in Bautzen, „in der Provinz“ (Franck: 148) aufgewachsen sind bei einer Mutter, die ihren Töchtern keine Liebe zeigen kann und einem Vater, der aus dem Krieg als körperliches Wrack zurückkehrt, erträumen sie sich ein Leben in Berlin. Nach dem Tod des Vaters nehmen sie Kontakt auf zu einer Cousine der Mutter, Tante Fanny, in der Hoffnung nach Berlin eingeladen zu werden um dort ihre Hoffnungen „auf ein noch fremdes Leben jenseits der Bautzener Stadtgrenzen“ (Franck: 150) zu erfüllen. Martha, die schon in Bautzen drogenabhängig ist, erträumt sich ein freies Leben mit ihrer lesbischen Freundin Leontine, die nach Berlin geheiratet hat. Helene hingegen erträumt sich ein Leben als Medizinstudentin, spätere Ärztin, losgelöst von Bautzen und der Mutter. Diese Träume wären in Bautzen nie realisierbar. Die lesbische Liebe, die Toleranz gegenüber dem Drogenkonsum und das Studieren sind nur in einer Großstadt wie Berlin möglich.

Der Plan der Schwestern geht auf und sie werden eingeladen, bei Tante Fanny, „die ein großes Haus führt und weiß, wie man Partys feiert“ (Rüther, 7.10.2007) zu wohnen. So brechen die Mädchen schließlich in ein neues nach Berlin Leben auf.

Christoph Schröder behauptet man glaube die Szenen, die dann folgen, „schon mindestens einmal irgendwo gesehen und gelesen zu haben; sie wirken wie Abziehbilder, die Julia Franck in die Kulissen der Zwanzigerjahre hineingeklebt hat. [Doch die Erlebnisse Helenes und Marthas sind mehr als] ein ausschweifendes Bohème-Leben […] während im Hintergrund der Nationalsozialismus lauert“ (Schröder, 18.9.2007). Mit letzterem wurden die Schwestern bisher noch nicht konfrontiert und werden es auch nicht, bis Wilhelm einige Jahre später erscheint. Auch das Bohème-Leben der Tante geht nicht auf beide Schwestern über. Während Martha dieses Leben in vollen Zügen genießt, sich ihrer lesbischen Freundin Leontine hingibt, dem Drogenkonsum frönt und die Nächte mit Fanny und Leontine auf wilden Partys verbringt, erfährt Helene den Alltag in der Großstadt, „seine Größe, die vielen Passanten, Fahrräder, Droschken und Automobile“ (Franck: 167).

Schlagartig wird dann auch für Helene alles anders. Hat sie bisher ihre Nächte mit Lesen verbracht, während Fanny und Martha ausgegangen sind, steht die Welt auch ihr nun offen: An Helenes 19. Geburtstag befinden Martha und Fanny sie für alt genug, in das Berliner Nachtleben eingeführt zu werden und „sie das erste Mal mit in die Weiße Maus zu nehmen“ (Franck: 200), eine in Berlin bis heute bekannte Wilmersdorfer Bar. Plötzlich wird Helene also in das wirkliche Leben der Roaring Twenties aufgenommen. Fanny schenkt ihr einen Gymnasialkurs für Mädchen, der erste Schritt in Richtung Medizinstudium, Leontine schneidet ihr die Haare zum Bubikopf und Martha schenkt ihr ein „knielanges Kleid aus Seidenatlas und Chiffon“ (Franck: 201), was sie zur modernen, emanzipierten, reizvollen Frau der Zwanzigerjahre macht.

In der Nacht ihres Geburtstages lernt Helene zum ersten Mal den Rausch und die Liebe kennen. Sie ist berauscht vom vielen Tanzen um sie herum, von den Menschen und den Impressionen. Plötzlich lernt sie den Philosophiestudenten Carl Wertheimer kennen. Für Helene ist es Liebe auf den ersten Blick als sie ihn ansieht „wie einen, der zu ihr gehören könnte“ (Franck: 204). Auch Carl ist von Helene angetan. Er begleitet sie nach Hause, philosophiert, rezitiert Gedichte, ist charmant, höflich und zuvorkommend. Später sendet er ihr Blumen und sie treffen sich wieder. Er ist der erste Mann, der Helene wirklich verzaubert. Sie ist verliebt und er erwidert ihre Gefühle. Bald leben sie gemeinsam, genießen das Berliner Großstadtleben, gehen in die Oper, machen Ausflüge zum Wannsee und verloben sich schließlich. Helene zieht bei Carl ein und überlässt Leontine und Martha damit sich selbst. Das Paar führt ein glückliches Leben, zumindest eine zeitlang. Auch als Helene schwanger wird und das Kind abtreibt, ohne dass Carl, der sich Kinder von Helene wünscht überhaupt etwas davon mitbekommt, bleibt Helenes kleine Berliner Welt heil.

[...]


[1] Werbeslogan in den 1920ern

[2] Ronald Reagan , amerikanischer Präsident (1911-2004)

[3] Wolfram Siebeck, dt. Journalist ("Zeit"), Gourmet u. Schriftsteller (*1928),

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der deutschen Hauptstadt Berlin in den Romanen "Die Mittagsfrau" (Julia Franck), "Mitte" (Norman Ohler) und "Böse Schafe"(Katja Lange-Müller)
Hochschule
National University of Ireland, Maynooth  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Berlin in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V150203
ISBN (eBook)
9783640614264
ISBN (Buch)
9783640614387
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Berlin, Die Mittagsfrau, Böse Schafe, Mitte, Julia Franck, Katja Lange-Müller, Norman Ohler, Hauptstadt, Romanvergleich, Roman
Arbeit zitieren
Sabrina Middeldorf (Autor), 2008, Die Rolle der deutschen Hauptstadt Berlin in den Romanen "Die Mittagsfrau" (Julia Franck), "Mitte" (Norman Ohler) und "Böse Schafe"(Katja Lange-Müller), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150203

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