Einfluss der neuen Medien auf Sprache

Eine exemplarische Darstellung an Hand von Chat- und SMS-Kommunikation


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Medienbegriff

3. Kommunikative Gattung vs. Kommunikationsform
3.1 Kommunikative Gattungen
3.2 Kommunikationsformen

4. Mediale und konzeptionelle Mündlichkeit und Schriftlichkeit

5. Kommunikationsformen der neuen Medien
5.1 Merkmale, Typen und Kennzeichen von Sprache in SMS und Chat
5.1.1 Chatkommunikation
5.1.2 SMS-Kommunikation

6. Abschließendes

7. Literaturangaben

1. Einleitung

In wenigen Bereichen der aktuellen Forschung in der angewandten Linguistik ist vermutlich ein ähnlicher Nachholbedarf an deutscher Literatur nötig wie auf dem Feld der medienwissenschaftlichen Kommunikationslinguistik. Noch immer sind hier weite Teile nicht ausreichend beschrieben, häufig werden antiquierte Konzepte auf neue Medien zu übertragen versucht. Eine uneinheitliche Flut an Einzeltexten und Aufsätzen ist hierbei die Folge, doch gerade in dieser Zeit scheint die Dringlichkeit zur Analyse und Beschreibung auftretender Phänomene massiv an Interesse und Gewicht zu gewinnen.

Ziel dieser Arbeit ist es, einen Einblick in die Methoden und zu Grunde liegenden Konzepte zu gewähren, mit deren Hilfe Sprache in den neuen Medien beschreibbar gemacht werden kann. Hierzu wird zunächst der Medienbegriff erläutert, der für die Arbeitsweise angewendet werden kann, ehe die Kategorisierungen der kommunikativen Gattungen und Kommunikationsformen erläutert werden. Dieser Abschnitt (3) legt dabei nahe, unter welchen Umständen die Kommunikation der neuen Medien gesehen werden kann. Ein zentrales Thema der Beschreibung von medialer elektronischer Kommunikation ist dabei auch das Verständnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, der sich der darauf folgende Abschnitt widmet. Für eine Einordnung und die Behandlung spezifischer Beispiele ist es wichtig, zunächst diesen theoretischen Rahmen zu spannen, bevor darauf aufbauend eine Behandlung exemplarischer Beispiele an Hand der Chat- und SMS-Kommunikation angewendet werden kann. Hierbei werden linguistische Kennzeichen isoliert, die das Sprachkonzept in den präsentierten medialen Varianten näher bringt und die Funktionsweise der Kommunikation in eben diesen Bereichen regelt. Abschließend wird es möglich sein, den Einfluss, den mediale Konstellationen auf die Sprache der Nutzer ausüben, näher zu beschreiben und Gründe zu liefern, aus welchen Motiven dies geschieht. Somit ist garantiert, dass die Besonderheiten erklärbar gemacht werden können.

2. Der Medienbegriff

Spätestens seit dem Beginn der 1990iger Jahre findet sich der Begriff ‚Medium‘ in gar unaufhaltsamen öffentlichem Diskurs. Themen sind der Umgang mit Medien, die Entwicklung von Medien und Medienkompetenz, ebenso wie die kritische Auseinandersetzung von Einfluss und Chancen der Medien auf die Gesellschaft. Der Terminus scheint sich inzwischen so verselbständigt zu haben, dass seine ursprüngliche Definition zusehends verschwimmt. Der Alltagsgebrauch des Begriffes wird weitaus moderner aufgefasst, als seine klassische Definition des Mediums als Übermittler.

Posner differenziert 1986 zwischen verschiedenen Medienkonzepten (293-297), darunter führt er biologische, physikalische, technologische, soziologische, kulturbezogene und kodebezogene Konzepte an. Da sich an dieser Stelle mit elektronischen Medien auseinandergesetzt wird und hierunter eben moderne, auf den technologischen Fortschritt bezogene ‚neue‘ Medien und ihr Einfluss auf Sprache beobachtet werden sollen, wird an dieser Stelle das technologische Medienkonzept nach Holly (1997) und Haberscheid (2000) vorgestellt, dem sich auch Dürscheid (2005) anschließt.

Hiernach sind Medien zu verstehen als

„materiale vom Menschen hergestellte Apparate zur Herstellung/Modifikation,

Speicherung, Übertragung oder Verteilung von sprachlichen (und nicht-sprachlichen)

Zeichen.“

Diese Definition ist in erster Linie auf sekundäre Medien ausgelegt, bei denen zur Herstellung ein Apparat benötigt wird, jedoch nicht zwingend zur Rezeption. Es ist allerdings ohne weiteres möglich, eine solche Definition auf tertiäre Medien zu erweitern, bei denen sowohl Sender als auch Empfänger über technisches Gerät verfügen müssen, um Kommunikation herstellen zu können. Der technologische Fortschritt ermöglicht auf dieser Basis immer neuer geartete Wege zur Kommunikation, bei denen jeder gleichzeitig Produzent und Rezipient in einem sein kann. Seltener wurde der Begriff des Mediums als Überbrückung von Distanzkommunikation offensichtlicher wie in der globalisierten und technologisierten Welt der Gegenwart.

An dieser Stelle bleibt zusätzlich festzuhalten, dass es sich bei Medien um Kommunikationsmittel handelt und dass ihre technischen Bedingungen bestimmte Kommunikationsformen zur Folge haben. In der Literatur kommt es bei einer Unterscheidung von Medien, Kommunikationsformen und kommunikativen Gattungen zu teils kontroversen Auseinandersetzungen bezüglich der Trennung, aber auch der Verschmelzung der Begrifflichkeiten. Es ist daher sinnvoll, neben dem Medienbegriff eben diese Komponenten einzeln näher zu erläutern, um eine Vorbereitung auf spezifische Beispiele gewährleisten zu können.

3. Kommunikative Gattung vs. Kommunikationsform

Wie bereits angesprochen, ist eine Kategorisierung von bestimmten kommunikativen Handlungen selten einfach, was zur Folge hat, dass Kontroversen der Definitionen entstehen können. Zu einem besseren Verständnis auf welcher Basis überhaupt Kategorisierungen von sprachlichen Handlungen in medienbezogenem Rahmen möglich sind, werden an dieser Stelle zwei Konzepte medienwissenschaftlicher Kommunikationskategorisierung vorgestellt, definiert und gegenübergestellt.

3.1 Kommunikative Gattungen

Nach Luckmann werden kommunikative Gattungen verstanden als

„historisch und kulturell spezifische, gesellschaftlich verfestigte und formalisierte Lösungen

kommunikativer Probleme, deren Funktion in der Bewältigung, Vermittlung und Tradierung

intersubjektiver Erfahrungen der Lebenswelt besteht“ (Günthner 1995:197).

Es handelt sich hierbei also um kommunikative Vorgänge, in denen bestimmte kommunikative Elemente zusammengefügt und in ihren Anwendungsmöglichkeiten vorgezeichnet sind (Günthner 1995:198). So liegen sich beispielsweise in der Gattung ‚Prüfungsgespräch‘ ganz bestimmte Erwartungshaltungen der Interaktanten gegenüber, auf die sich beide Partien einlassen und Konventionen einhalten. Die Auswahl einer kommunikativen Gattung liegt allein bei der sprachlichen Situation, die Interaktanten wahren die Erwartungshaltungen des Gegenübers oder passen sich an (receipient design). Dabei sind die Gattungen nach Günthner „sozial abgeleitet“ (1995:198) und werden nicht ständig neu ausgehandelt, vielmehr bedienen sich die Interaktanten am gesellschaftlichen Wissensvorrat (man vergleiche z.B. Kommunikation mit Behörden mit Kommunikation unter Freunden/Fremden in bestimmten Kontexten).

Desweiteren unterteilen Luckmann, wie auch Günthner und Dürscheid, kommunikative Gattungen in zumindest zwei weitere strukturelle Ebenen: Zur Außenstruktur kommunikativer Gattungen gehört das soziale Umfeld, in dem die Kommunikation stattfindet, sowie die Gruppe (z.B. Studenten), die Institution (z.B. Finanzamt), die Geschlechterkonstellation (z.B. Gespräch unter Männern), also alles, was den Kontext der Kommunikation regelt. Die zweite Ebene wird von der Binnenstruktur konstituiert. Hierzu zählen verbale und non-verbale Bestandteile (z.B. gesprochen-/schriftsprachliche Zeichen, Gestik, Mimik, Prosodie etc.). Zusätzlich führt Günthner eine Interaktionsebene ein, die sich mit der Sprecherorganisation auseinandersetzt (Turn-Taking, Sprecherwechsel, Rederecht etc.).

3.2 Kommunikationsformen

Unter der Kommunikationsform versteht man lediglich die kommunikative Konstellation, die über ein Hilfsmittel (Medium) erst möglich gemacht wird, jedoch auch kommunikative Konstellationen, die ohne Hilfsmittel möglich sind (wie face-to-face-Kommunikation).

Man sagt, dass Kommunikationsformen den „äußeren Rahmen“ des kommunikativen Geschehens bilden (Dürscheid 2005). Kommunikationsformen werden durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet, wie den Zeichentyp oder die Kommunikationsrichtung. Im Vergleich zu kommunikativen Gattungen ist die Kommunikationsform zum Teil auch eher als eine Vorstufe oder gröbere Vorkategorisierung ohne in Betracht ziehen sozialer Realität anzusehen. Denn handelt es sich beispielsweise bei der Kommunikationsrichtung um einen Dialog, kann weiter beurteilt werden, ob verfestigte, konventionalisierte Handlungsmuster vorliegen und der Dialog somit auch als kommunikative Gattung einzuordnen ist.

Kommunikationsformen lassen sich zudem danach unterscheiden, ob sie „medienvermittelt oder nicht-medienvermittelt sind, dialogisch oder nicht-dialogisch sind“ (Dürscheid 2005).

Dürscheid erläutert die Unterscheidung von kommunikativen Gattungen und Kommunikationsformen dadurch, dass sie Chat als Kommunikationsform isoliert. Nach ihrer Ansicht ist Chatkommunikation nicht durch verfestigte vorgegebene Handlungsmuster gekennzeichnet, denn der dialogische Rahmen, die kommunikative Konstellation, kann auf verschiedene Weise realisiert werden. So lässt sich ein moderierter Chat (wie er häufig im Anschluss an beispielsweise politische TV-Formate als Expertenchat angeboten wird) in keiner Weise mit dem so genannten Freizeitchat, wie es über Programme wie IRC möglich ist, vergleichen. Sie kommt zu dem Schluss, dass Chatkommunikation somit lediglich als Kommunikationsform anzusehen ist, jedoch nicht als kommunikative Gattung.

4. Mediale und konzeptionelle Mündlichkeit und Schriftlichkeit

Setzt man sich mit neuen elektronischen Medien auseinander und versucht dabei, die sprachlichen Äußerungen in klassischer Weise in Mündlichkeit und Schriftlichkeit zu kategorisieren, so wird man rasch an definitorische Grenzen kommen, gerade wenn man die strukturellen Merkmale von beispielsweise SMS- oder Chatkommunikation beschreibt. Beide Formen sind eindeutig durch das Medium schriftlich realisiert, der Duktus jedoch spiegelt Nähekommunikation (Richtung face-to-face-Interaktion) wieder und lässt das Kommunikat somit nur schwerlich als rein schriftlich beschreiben. Abhilfe vor dieser Problematik findet man in einem Konzept, das von Koch/Oesterreicher vorgeschlagen wurde: Die Autoren klären derartige Schwierigkeiten damit, dass sie den doppelten Sinn der Termini ‚mündlich‘ und ‚schriftlich‘ unterkategorisieren (1994:587). Zum einen beziehen sich hierbei ‚mündlich‘ und ‚schriftlich‘ rein auf das Medium, also die mediale Repräsentation, wobei ‚mündlich‘ schlicht die Realisierung phonischer Zeichen bedeutet, während ‚schriftlich‘ rein die Realisierung graphischer Zeichen bedeutet. Dem gegenüber steht die mündliche bzw. schriftliche Konzeption einer Äußerung. Hierdurch wird dem Duktus, der Modalität der Äußerungen sowie der verwendeten Varietäten Rechnung getragen. Äußerungen können also auch danach kategorisiert werden, ob eine konzeptionelle Mündlichkeit bzw. Schriftlichkeit vorliegt, was auf die Aspekte sprachlicher Variation abzielt, die „in der Forschung häufig unscharf als Umgangssprache/Schriftsprache, informell/formell, Grade der Elaboriertheit usw. erfaßt werden“ (Koch/Oesterreicher 1994:587).

Eine solche Form der Betrachtungsweise ist sehr nützlich und hilfreich, um eine Vielzahl von Kommunikationsformen, die aus den neuen Medien resultieren, beschreiben zu können. So werden hier in einer Vielzahl von Fällen medial schriftliche sprachliche Zeichen konzeptuell mündlich präsentiert. Mentale konzeptionell mündliche Zeichen werden dabei häufig verschriftlicht, also mündliches wird schriftlich dargestellt. Da jedoch bei einer derartigen Repräsentation mündlichen ‚Gedankengutes‘ typische mündliche Merkmale wegen der Distanzkommunikation wegfallen, versuchen die Produzenten durch Zeichenketten und einer Reihe anderer Stilmittel den Wegfall von Einheiten der zu Grunde liegenden face-to-face-Kommunikation zu kompensieren. Mündlich synchrone Sprache ist (abgesehen von Telefongesprächen) stark gekennzeichnet von Gestik und Mimik, von teils subtiler Übermittlung von Emotionen, und grammatischen Eigenheiten, die nicht mit schriftsprachlicher Grammatik vergleichbar sind[1]. In den folgenden Abschnitten soll unter anderem eben auf diese Formen von Sprache eingegangen werden, die durch neue Medien rasant angestiegen sind. Zusätzlich werden weitere typische Merkmale präsentiert, die darauf schließen lassen, dass sich Sprache an ihr Medium anpasst.

[...]


[1] Man muss vielmehr eine eigenständige „Grammatik der Interaktion“ annehmen, die zu weiten Teilen auch Einzug in konzeptionelle Mündlichkeit bei medialer Schriftlichkeit gehalten hat.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Einfluss der neuen Medien auf Sprache
Untertitel
Eine exemplarische Darstellung an Hand von Chat- und SMS-Kommunikation
Hochschule
Universität Potsdam  (Germanistik)
Veranstaltung
Typen, Modelle und Merkmale elektronischer Kommunikation
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V150273
ISBN (eBook)
9783640616930
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medienwissenschaft, Kommunikationswissenschaft, kommunikative Gattung, kommunikative Gattungen, Kommunikationsform, Schriftlichkeit, Mündlichkeit, Koch/Oesterreicher, mediale Mündlichkeit, mediale Schriftlichkeit, konzeptuelle Mündlichkeit, konzeptuelle Schriftlichkeit, konzeptionelle Mündlichkeit, konzeptionelle Schriftlichkeit, SMS, Chat, SMS-Kommunikation, Chat-Kommunikation, medial, elektronisch, mediale Konstellation, neue Medien
Arbeit zitieren
B.A. David Spitzl (Autor), 2010, Einfluss der neuen Medien auf Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150273

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