In wenigen Bereichen der aktuellen Forschung in der angewandten Linguistik ist vermutlich
ein ähnlicher Nachholbedarf an deutscher Literatur nötig wie auf dem Feld der
medienwissenschaftlichen Kommunikationslinguistik. Noch immer sind hier weite Teile nicht
ausreichend beschrieben, häufig werden antiquierte Konzepte auf neue Medien zu übertragen
versucht. Eine uneinheitliche Flut an Einzeltexten und Aufsätzen ist hierbei die Folge, doch
gerade in dieser Zeit scheint die Dringlichkeit zur Analyse und Beschreibung auftretender
Phänomene massiv an Interesse und Gewicht zu gewinnen.
Ziel dieser Arbeit ist es, einen Einblick in die Methoden und zu Grunde liegenden Konzepte
zu gewähren, mit deren Hilfe Sprache in den neuen Medien beschreibbar gemacht werden
kann. Hierzu wird zunächst der Medienbegriff erläutert, der für die Arbeitsweise angewendet
werden kann, ehe die Kategorisierungen der kommunikativen Gattungen und
Kommunikationsformen erläutert werden. Dieser Abschnitt (3) legt dabei nahe, unter welchen
Umständen die Kommunikation der neuen Medien gesehen werden kann. Ein zentrales
Thema der Beschreibung von medialer elektronischer Kommunikation ist dabei auch das
Verständnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, der sich der darauf folgende Abschnitt
widmet. Für eine Einordnung und die Behandlung spezifischer Beispiele ist es wichtig,
zunächst diesen theoretischen Rahmen zu spannen, bevor darauf aufbauend eine Behandlung
exemplarischer Beispiele an Hand der Chat- und SMS-Kommunikation angewendet werden
kann. Hierbei werden linguistische Kennzeichen isoliert, die das Sprachkonzept in den
präsentierten medialen Varianten näher bringt und die Funktionsweise der Kommunikation in
eben diesen Bereichen regelt. Abschließend wird es möglich sein, den Einfluss, den mediale
Konstellationen auf die Sprache der Nutzer ausüben, näher zu beschreiben und Gründe zu
liefern, aus welchen Motiven dies geschieht. Somit ist garantiert, dass die Besonderheiten
erklärbar gemacht werden können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Medienbegriff
3. Kommunikative Gattung vs. Kommunikationsform
3.1 Kommunikative Gattungen
3.2 Kommunikationsformen
4. Mediale und konzeptionelle Mündlichkeit und Schriftlichkeit
5. Kommunikationsformen der neuen Medien
5.1 Merkmale, Typen und Kennzeichen von Sprache in SMS und Chat
5.1.1 Chatkommunikation
5.1.2 SMS-Kommunikation
6. Abschließendes
7. Literaturangaben
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Einfluss der neuen Medien auf die Sprache unter Verwendung eines medienlinguistischen theoretischen Rahmens. Das Ziel ist es, durch die Analyse der Chat- und SMS-Kommunikation aufzuzeigen, wie mediale Rahmenbedingungen die sprachliche Gestaltung durch Phänomene wie konzeptionelle Mündlichkeit und syntaktische Reduktion beeinflussen.
- Grundlagen des Medienbegriffs und medienwissenschaftliche Kategorisierung
- Unterscheidung zwischen kommunikativen Gattungen und Kommunikationsformen
- Konzepte der medialen und konzeptionellen Mündlichkeit und Schriftlichkeit
- Linguistische Analyse der Chatkommunikation (Phonetik, Syntax, Lexik)
- Untersuchung spezifischer Merkmale der SMS-Kommunikation
Auszug aus dem Buch
5.1.1 Chatkommunikation
Bei Chatkommunikation handelt es sich, nach Dürscheid (2005), um eine quasisynchrone Kommunikation. Das bedeutet, dass die präsentierten Äußerungen das oder die Gegenüber zeitnah und nur durch eine geringe Verzögerung gekennzeichnet erreichen. Hierdurch wird eine schriftliche Kommunikation ermöglicht, die der synchronen face-to-face-Interaktion oder dem Telefonat nahe steht. Außerdem ist Chatkommunikation insbesondere gekennzeichnet durch interaktive, dialogische, textlich-verbale, optisch dargestellte, nicht-akustische und linear-dynamische Elemente (Schmidt 2000:112). Offenbar wird durch eben diese genannten Effekte konzeptionelle Mündlichkeit bei medialer Schriftlichkeit begünstigt. Wilde (2002:9) hält zudem fest, dass „schon die Bezeichnung „Chat“ [erkennen lässt], dass diese Kommunikationsform von den Nutzern dem Gespräch zugeordnet […] wird“, so bedeutet to chat im Englischen doch plaudern, quatschen, schnattern etc.
Um sprachliche Merkmale der Chatkommunikation zu verdeutlichen, soll hier ein Überblick über einige der markantesten und typischsten Charakteristika präsentiert werden.
Phonetik und Phonologie
Wie bereits festgehalten, simuliert Chat in gewisser Weise Nähekommunikation und gebraucht dadurch eine Reihe typisch gesprochensprachlicher Merkmale. Besonders auffällig wirkt hier die häufig stark phonetisch geprägte Schreibweise, die zugleich ein Transmitter regionaler Herkunft darstellt. So lässt sich ein gesteigerter Gebrauch von Regionalismen feststellen („ick sach ma“/“wo hasch des glesen?“/“der fracht mich nam loginname“). Ebenso auffällig sind Endungstilgungen („is doch nich so wild!“), Kontraktionen („sone“, „kommste?“ „aufm“), die sich auch als Klitika beschreiben lassen, da sich das schwächere Zweitglied an den Stamm anlehnt und Elisionen (Apokopen/Synkopen) des Schwa-Lautes [ə] („morgn!“).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung umreißt den Nachholbedarf in der medienwissenschaftlichen Kommunikationslinguistik und legt das methodische Ziel der Arbeit dar.
2. Der Medienbegriff: Dieses Kapitel diskutiert verschiedene Medienkonzepte und setzt sich für ein technologisches Verständnis von Medien ein.
3. Kommunikative Gattung vs. Kommunikationsform: Es erfolgt eine theoretische Abgrenzung der beiden Begriffe anhand der Konzepte von Luckmann und Dürscheid.
4. Mediale und konzeptionelle Mündlichkeit und Schriftlichkeit: Das Kapitel führt die Differenzierung von Koch/Oesterreicher ein, um sprachliche Variationen in digitalen Medien greifbar zu machen.
5. Kommunikationsformen der neuen Medien: Hier werden Chat- und SMS-Kommunikation als exemplarische Fallbeispiele linguistisch analysiert.
6. Abschließendes: Das Fazit fasst zusammen, dass die digitale Kommunikation zu einer Ausweitung mündlicher Sprachmerkmale in schriftliche Medien führt.
7. Literaturangaben: Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Quellen.
Schlüsselwörter
Medienlinguistik, Chatkommunikation, SMS-Kommunikation, konzeptionelle Mündlichkeit, mediale Schriftlichkeit, Kommunikationsform, kommunikative Gattung, Elisionen, Syntax, technologische Medienkonzepte, Sprachwandel, Digitalisierung, Online-Kommunikation, Sprachgebrauch, Interaktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der linguistischen Analyse der Auswirkungen elektronischer Medien auf die deutsche Sprache am Beispiel von Chat und SMS.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen der Medienbegriff, die Differenzierung zwischen Kommunikationsformen und -gattungen sowie die Untersuchung von Mündlichkeit innerhalb schriftlicher digitaler Kommunikation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Methoden und Konzepte vorzustellen, mit denen Sprache in elektronischen Medien beschrieben werden kann, und den Einfluss dieser Medien auf den Sprachgebrauch zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen theoretischen Rahmen aus der medienwissenschaftlichen Kommunikationslinguistik, um linguistische Kennzeichen wie Syntax, Phonetik und Lexik in exemplarischen digitalen Kommunikationsformen zu isolieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der theoretischen Basis (Medienbegriff, Gattung vs. Form, Mündlichkeit/Schriftlichkeit) und der praktischen Anwendung durch die detaillierte Analyse von Chat- und SMS-Kommunikation.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind konzeptionelle Mündlichkeit, mediale Schriftlichkeit, Chatkommunikation, SMS-Kommunikation, technologische Medienkonzepte und linguistische Reduktionsphänomene.
Warum wird im Chat häufig klein geschrieben?
Die Kleinschreibung ist eine Folge der hohen Kommunikationsgeschwindigkeit und des Drucks, den Anschluss an die laufende Interaktion nicht zu verlieren, wobei orthographische Konventionen zugunsten der Effizienz vernachlässigt werden.
Was unterscheidet SMS von der Chatkommunikation?
Während Chat oft als quasi-synchron und potenziell massenmedial (one-to-many) verstanden wird, ist die SMS primär auf interpersonale Kommunikation (one-to-one) ausgerichtet und durch Eingabebeschränkungen wie die T9-Software geprägt.
Was sind "Inflektive" in der Chatkommunikation?
Inflektive sind Verbstämme, die prädikativ gebraucht und meist in Asterisken gesetzt werden (z.B. *seufz*), um emotionale Zustände zu transportieren, die in rein schriftlicher Form schwer vermittelbar wären.
- Quote paper
- B.A. David Spitzl (Author), 2010, Einfluss der neuen Medien auf Sprache, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150273