Die Geschwisterbeziehung in Kindheit und Jugend


Hausarbeit, 2008

19 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Geschwisterforschung

3. Einflussfaktoren auf die Geschwisterbeziehung
3.1 Geburtsrangplatz
3.1.1 Die erstgeborenen Kinder
3.1.2 Die nicht-erstgeborenen Kinder
3.2 Geschlecht
3.3 Elterliche (Un-)gleichbehandlung von Geschwistern

4. Veränderung der Geschwisterbeziehung im Lebenslauf
4.1 Frühe Kindheit
4.2 Mittlere und späte Kindheit
4.3 Jugend
4.4 Erwachsenenalter

5 . Bedeutung der Geschwisterbeziehung
5.1 Rivalität und Macht
5.2 Geschwister und Erziehung
5.3 Funktionen der Geschwisterbeziehung nach PARENS

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ungefähr zwei Drittel aller Kinder[1] (und Erwachsenen) sind in einer ähnlichen Situation. Sie wachsen gemeinsam mit Geschwistern auf.

Dennoch wurden und werden in den meisten Studien zum Thema Familie oder Sozialisation fast ausschließlich die Eltern-Kind-Beziehungen untersucht und da wiederum liegt das Hauptaugenmerk auf der Mutter-Kind-Bindung.

Ich werde mich in dieser Arbeit mit den Geschwisterbeziehungen in Kindheit und Jugend beschäftigen, da die Beziehungen zu Geschwistern eine sehr stark prägende Beziehung ist, die die Persönlichkeitsentwicklung und das Sozialverhalten des Menschen entscheidend beeinflusst.

Zuerst werde ich einen Überblick über den aktuellen Stand der Forschung zum Thema Geschwisterbeziehungen geben. Daran anknüpfend beschäftige ich mich mit einigen Faktoren, die die Geschwisterbeziehung beeinflussen. Aus der Vielzahl dieser Faktoren habe ich drei exemplarisch ausgewählt, Geburtsrangplatz, Geschlecht und elterliche Ungleichbehandlung, mit denen ich mich näher befassen möchte. Hier werde ich auch näher auf die erst- und zweitgeborenen Kinder und ihre jeweilige spezielle Situation, eingehen. Diese Faktoren bestimmen die Geschwisterbeziehungen das ganze Leben hindurch. Dennoch bleibt die Beziehung zwischen den Geschwistern nicht konstant, sie verändert sich in jeder Lebensphase. Im folgenden Kapitel werde ich mich mit der Entwicklung der Geschwisterbeziehung im Laufe eines Lebens befassen. Der Schwerpunkt liegt hier auf der Veränderung während der Kindheit und Jugend, auf die Phase des Erwachsenseins werde ich nur am Rande eingehen.

Abschließend werde ich noch einige Bedeutungen der Geschwisterbeziehung darstellen, die in fast allen Familien mehr oder weniger stark vorkommen. Hier werden Begriffe wie Rivalität und Nähe aufgegriffen, die in jeder Geschwisterbeziehung eine entscheidende Rolle spielen.

2. Geschwisterforschung

Die neuere Geschwisterforschung existiert seit den 1970er Jahren.

Trotz der oft verschiedenen fachlichen Blickrichtungen der ForscherInnen entwickelten sich mit der Zeit Merkmale der Geschwisterbeziehung, die von nahezu allen als gültig anerkannt werden[2]. Bereiche wie Intimität oder Ambivalenz rückten stärker in den Blickpunkt der ForscherInnen. Die Soziologin GOETTING orientierte sich an dem Konzept von HAVIGHURST und formulierte im Jahr 1986 verschiedene Entwicklungsaufgaben, welche die Geschwister im Laufe ihres Lebens bewältigen[3].

Das Nähe / Distanz Verhältnis zwischen Geschwistern wurde mit Hilfe von Längsschnittuntersuchungen und Beobachtungen, an Menschen unterschiedlichen Alters (vornehmlich aber an Kindern im Vorschulalter), untersucht.

Es wurden also sowohl positive, als auch negative Aspekte der Geschwisterbeziehungen erforscht. Dennoch bleiben viele Fragen bis heute unbeantwortet. Interessante, unbeantwortete Aspekte sind z.B. die Stabilität der Geschwisterbeziehungen im Vergleich zu Freundschaften oder auch der intensivere Vergleich mit Einzelkindern[4]. Auffällig ist auch, dass viele Untersuchungen nicht im deutschsprachigen Raum durchgeführt wurden.

Das Thema Geschwisterbeziehungen bietet also noch viele weitere Forschungsbereiche, denen sich die Wissenschaft noch widmen kann.

Im folgenden Kapitel werde ich nun detaillierter auf Faktoren eingehen, welche die direkte Beziehung der Geschwister untereinander beeinflussen.

3. Einflussfaktoren auf die Geschwisterbeziehung

Die Beziehung zwischen Kindern einer Familie wird von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst. Die Faktoren können sich ständig verändern und sind auch nicht immer für alle Kinder gleich. Die Situation der Eltern (Erwerbsleben, Partnerschaft), die Schule (oder Kindergarten), das Wohnumfeld, die Peers, die Medien, usw., wirken sich auf die Beziehungen der Kinder innerhalb einer Familie aus. Auf diese „äußeren“ Faktoren werde ich hier nicht näher eingehen können.

Im folgenden Teil der Arbeit werde ich mich mit einigen ausgewählten Faktoren beschäftigen, welche die Geschwisterbeziehung unmittelbar betreffen, wie z.B. der Geburtsrangplatz, das Geschlecht oder die elterliche Ungleichbehandlung. Andere Faktoren, wie bspw. der Altersabstand, die Konstellation der Geschwisterreihe oder die Anzahl der Geschwister können hier nicht vertiefend berücksichtigt werden.

3.1 Geburtsrangplatz

Zu den Faktoren, welche die Geschwisterbeziehung innerhalb einer Familie beeinflussen gehört u.a. der Geburtsrangplatz. Bei den Betrachtungen der Reihenfolge der Geschwister sollte man aber berücksichtigen, dass dies nicht der einzige Faktor ist, der die Beziehung der Kinder beeinflusst. Man sollte keine voreiligen Schlüsse ziehen und allen Erstgeborenen die gleichen Eigenschaften zuschreiben, oder eben allen „Nesthäkchen“ die gleichen Eigenschaften.

„Es ist nicht die Geschwisterposition an sich- wie unterstellt wird-, die eine Wirkung ausübt, sondern es sind die mit der Geschwisterposition (mehr oder weniger regelmäßig) verbundenen sozialen, ökologischen, ökonomischen, zwischenmenschlichen und individuellen Verhältnisse, welche letztlich bestimmen, was für Persönlichkeitseigenschaften entwickelt werden.“[5]

Da aber bestimmte Positionen in einer Geschwisterreihe mit typischen Erziehungseinflüssen verbunden sind, werde ich mich im Folgenden nun dennoch zunächst „den Erstgeborenen“, und den „Nicht- Erstgeborenen“ widmen.

3.1.1 Die erstgeborenen Kinder

Ein einschneidendes Erlebnis für bisherige Einzelkinder ist selbstverständlich die Geburt des zweiten Kindes seiner Eltern.

Alfred ADLER, Begründer der Individualpsychologie, bezeichnet dieses Erlebnis der Erstgeborenen als Entthronungstrauma[6], welches die Beziehung zu den Eltern, wie auch zu dem neugeborenen Familienmitglied belasten wird.

Das erstgeborene Kind wird von diesem Zeitpunkt an, besonders der Mutter gegenüber, auf der einen Seite Zuneigung und anderseits auch Misstrauen empfinden. Die nun bestehende Haltung gegenüber den Familienmitgliedern wird beibehalten und auch auf Personen außerhalb der Familie übertragen.

Andere Gegebenheiten wie z.B. der Altersabstand zum Geschwister oder das Geschlecht spielen eine Rolle bei der Bewältigung dieses Entthronungstraumas, werden es aber niemals ganz auflösen können.

Der Begriff des Entthronungstraumas ist stark geprägt von Sigmund FREUD, der als ältester Sohn die Wut und die Rivalität der Erstgeborenen nachempfinden konnte[7]. Diese Wut und Rivalität führte FREUD auf den Familienkomplex, eine Erweiterung des Ödipuskomplexes zurück.

„Da in seinen Augen die frühe Kindheit von der unerfüllbaren Liebe zum gleichgeschlechtlichen Elternteil einerseits und von Eifersucht auf und Furcht vor dem gegengeschlechtlichen Elternteil wegen dieser Liebe andererseits geprägt war, konnten Geschwister in diesem Kontext nur entweder Rivalen um die Eltern oder Elternersatz sein.[8]

Auch unabhängig vom Geschlecht des zweiten Kindes betont FREUD ausschließlich die negativen Seiten der Geburt eines zweiten Kindes. Der heutige Stand der Geschwisterforschung beleuchtet nun aber auch die positiven Aspekte der Geburt weiterer Kinder innerhalb einer Familie. Selbstverständlich empfinden auch die älteren Kinder ihren jüngeren Geschwistern gegenüber Liebe und kümmern sich gerne um sie. Im Laufe der Zeit orientieren sich die Erstgeborenen immer stärker am Verhalten der Eltern[9], sie übernehmen ebenfalls eine Erzieher- und Beschützerfunktion gegenüber den Jüngeren.

Im Schulalter verstärken sich dann die Macht- und Dominanzkämpfe unter den Geschwistern, die oft ein Leben lang bestehen bleiben. Erstgeborene Kinder verwenden hier starke Machtmittel wie Drohen, Befehlen oder Bestechen. Die Jüngeren setzen ihrerseits dann meist schwache Machtmittel, wie etwa Weinen, ein.

Oft empfinden die älteren Geschwister Schuldgefühle, da sie den Eindringling, das jüngere Geschwisterkind, wieder loswerden wollen, es nicht weiter in der Familie dulden wollen.

Dazu schreibt KLAGSBRUN:

„Denn wo ältere Geschwister mit großem Geschick Machtkämpfe ausfechten und Dominanzwünsche durchsetzen, beziehen die jüngeren ihre Macht durch eben die Schuldgefühle, die solche Machtkämpfe bei den älteren auslösen, und durch die Beschützerrolle, die mit den Schuldgefühlen der älteren Hand in Hand geht.[10]

Die Beziehung zwischen dem erst- und zweitgeborenen Kind ist also deutlich geprägt von widersprüchlichen Gefühlen auf beiden Seiten.

3.1.2 Die nicht-erstgeborenen Kinder

Meist unterscheiden sich die später geborenen Kinder in ihrem Sozialverhalten nicht grundsätzlich von ihren älteren, erstgeborenen Geschwistern.

Jüngere Kinder erleben sich teilweise als zurückgesetzt, da sie die elterliche Aufmerksamkeit ständig teilen müssen[11]. Besonders trifft dies auf die mittleren Kinder zu, da sie nicht (wie das jüngste Kind) die Eltern eine Zeit lang für sich allein beanspruchen können.

Mittlere Kinder müssen innerhalb der Familie einen Bereich finden, in dem sie sich profilieren können. Sie müssen einen Raum haben, der nur ihnen gehört, der ihnen auch zugestanden wird[12]. Häufig werden den nachfolgenden Kindern bessere soziale Kompetenzen zugeschrieben, da sie aufgrund des Altersabstands zum älteren Geschwister, Fähigkeiten wie Kompromissbereitschaft, Vermittlungsgeschick, Überzeugungskraft oder Anpassungsfähigkeit von klein auf trainieren konnten[13].

Die Schweizer Psychologen ERNST und ANGST widersprachen der These, dass sich Erstgeborene von ihren jüngeren Geschwistern bezüglich des Sozialverhaltens unterscheiden sollten[14]. Sie führten die Unterschiede auf andere Faktoren[15] als den Geburtsrang zurück.

3.2 Geschlecht

Für die persönliche Entwicklung spielt das eigene Geschlecht und die Wahrnehmung des eigenen Geschlechts eine wichtige Rolle. Auch das Geschlecht der Geschwister und das sich daraus ergebende Verhalten sind für die eigene Entwicklung von Bedeutung.

Eltern behandeln ihre Kinder unterschiedlich, abhängig vom jeweiligen Geschlecht. Diese geschlechtsspezifische Behandlung wird in Kindergarten und Schule fortgesetzt und auch von den Medien transportiert[16].

Durch eine unterschiedliche, dem Geschlecht angepasste Erziehung, werden die Geschlechtsrollen der Gesellschaft transportiert. Es ist völlig klar, wie sich ein typisches Mädchen bzw. ein typischer Junge zu verhalten hat. Durch die Geschlechtsrollenstereotype werden nicht nur das Verhalten, sondern auch die schulische Ausbildung und die Berufswahl beeinflusst.

Beim Faktor Geschlecht spielen neben der Geschwisterbeziehung natürlich viele andere Aspekte eine Rolle, deren Wirkung auf die Geschlechterrollen eindeutig stärker ist.

Es hat sich aber gezeigt, dass besonders „weibliche Mädchen“ meist aus Familien kommen, in denen ausschließlich Töchter lebten. Der Umkehrschluss trifft auch auf Jungen zu[17]. Sobald die Geschwisterkonstellation gemischtgeschlechtlich ist, werden die Geschlechterrollen weniger stereotyp reproduziert. Interessant ist der Zusammenhang von Kreativität und Geschwisterkonstellation:

[...]


[1] Im Jahr 2005 haben rund zwei Drittel (69%) der 20,7 Millionen Kinder in Deutschland mit mindestens einem minder- oder volljährigen Geschwisterkind gemeinsam in einem Haushalt gelebt.

Vgl. Statistisches Bundesamt Quelle: http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Presse/pm/2006/09/PD06__388__122.psml Zugriff: 23.07.07

[2] Vgl. Kasten, Hartmut Der aktuelle Stand der Geschwisterforschung, 2004 S. 3f

Quelle: http://www.familienhandbuch.de/cms/Familienforschung-Geschwister.pdf Zugriff: 29.07.2007

[3] Vgl. ebd. 2004 S. 4

[4] Vgl. ebd. 2004 S. 11f

[5] Kasten, Hartmut. Geschwister. Vorbilder Rivalen Vertraute. Ernst Reinhardt Verlag; München, Basel. 2003 S. 42f

[6] Vgl. ebd. 2003 S. 47

[7] Vgl. Klagsbrun, Francine. Der Geschwisterkomplex. Ein Leben lang Liebe, Haß, Rivalität und Versöhnung. Eichborn, Frankfurt a.M. 1993 S. 56f

[8] Vgl. ebd. 1993 S. 57

[9] Vgl. ebd. 1993 S. 58f

[10] Klagsbrun, Francine. Der Geschwisterkomplex. Ein Leben lang Liebe, Haß, Rivalität und Versöhnung. Eichborn, Frankfurt a.M. 1993 S. 65

[11] Vgl. Teubner, Markus. Brüderchen komm tanz mit mir… In: Alt, Christian (Hrsg.) Kinderleben- Aufwachsen zwischen Familie, Freunden und Institutionen. Band 1: Aufwachsen in Familien. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2005 S. 63- 99; S. 66

[12] Vgl. ebd. S. 66

[13] Vgl. ebd. S. 67

[14] Vgl. Kasten, 2003. S. 51

[15] Z.B Familiengröße, schichtspezifisches Erziehungsverhalten, Erwerbstätigkeit der Eltern;

vgl. Teubner 2005 S. 67

[16] Vgl. Teubner 2005 S. 63

[17] Vgl. ebd. S. 64f

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Geschwisterbeziehung in Kindheit und Jugend
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Fachbereich Erziehungswissenschaft)
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V150295
ISBN (eBook)
9783640613991
ISBN (Buch)
9783640614110
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschwisterbeziehung, Kindheit, Jugend
Arbeit zitieren
Mareike Schmid (Autor), 2008, Die Geschwisterbeziehung in Kindheit und Jugend, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150295

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Geschwisterbeziehung in Kindheit und Jugend



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden