Neben Walter von der Vogelweide ist Reinmar der von den großen Sammelhandschriften am meisten beachtete Lyriker. Er starb etwa 1210. Als erster führte er völlig reinen Reim durch und wurde damit zum Vorbild für viele Dichter nach ihm. Mit seiner Liebeslyrik nimmt er eine zentrale Rolle in der mittelalterlichen Literatur ein. Dies wird auch durch die Mehrfachüberlieferung seiner Lieder in den Sammelhandschriften bewiesen. In ihnen thematisiert er die Unerfüllbarkeit der Liebe zu einer, für ihn unerreichbaren, Frau. Dabei berichtet das lyrische Ich oft von seinem Leid und seiner Verzweiflung die es aufgrund der Zurückweisungen der Frau erfährt. Die Frau scheint also eine wichtige Rolle für die Thematik dieser Lyrik zu spielen. Denn ihr Verhalten löst scheinbar den Konflikt aus, der themabildend wirkt. Doch welche Rolle spielt die Frau wirklich für die Dichtung Reinmars? Um dies heraus zu finden, muss geklärt werden, welche Stellung die Frau zur Zeit Reinmars hatte und wie sie in den Liedern Reinmars dargestellt wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Frau im Mittelalter
3. Die Rolle der Frau in Reinmars Lyrik
3.1 Die Frau als Objekt der Hohen Minne
3.2 Kussraub und Probebeischlaf
4. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Darstellung der Frau in der Liebeslyrik von Reinmar der Alte, um zu klären, welche Rolle ihr innerhalb dieser Dichtungen zukommt und wie diese im Kontext der gesellschaftlichen Realität des Mittelalters einzuordnen ist.
- Die historische Stellung und rechtliche Situation der Frau im Mittelalter.
- Die Analyse der Frau als fiktives Objekt und ideales Konstrukt im Minnesang.
- Die Funktion der Frau als Mittel zur männlichen Selbstdarstellung des Dichters.
- Die Abweichungen vom Ideal in speziellen Motiven wie Kussraub und Probenacht.
- Der Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Moralvorstellungen und der Entstehung literarischen Witzes.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Frau als Objekt der Hohen Minne
Auf keinem anderen Gebiet der mittelalterlichen Kultur hat die Frau eine so große Rolle gespielt wie in der Literatur, weniger als Dichterin, vielmehr als durch die Dichtung verehrte Dame. In der charakteristischen Form der Minnekanzone preisten die Minnesänger, oder vielmehr das von ihnen geschaffene lyrische Subjekt, die Schönheit einer edlen Dame, die sie ihre „frouwe“, ihre Herrin, nannten. Über sie wird berichtet, dass ihr Lebenswandel tugendhaft ist und sie alle anderen Damen in ihrer Schönheit überstrahle. In der Regel sind ihre Haare blond, ihre Haut weiß, die Augen blau, die Lippen rot, der Hals, die Hände und Füße wohlgeformt. Andere Eigenschaften werden nicht genannt. So bleibt die besungene Frau ein idealisiertes „prototypisches“ Wesen ohne Individualität, die dem jeweils aktuellen Schönheitsideal entspricht. Ob es so eine Frau jemals gegeben hat, bleibt dabei Spekulation.
Schweikle bemerkt dazu: „Das in den Liedern angesprochene Gegenüber besitzt keine wirklichkeitsbezogene und -beziehbare Existenz, es ist Fiktion, Idee.“ Das lyrische Ich scheint die Frau kaum zu kennen und doch preist es sie als die schönes und beste aller Damen. Doch lobt das männliche lyrische Subjekt seine Herrin nicht ganz uneigennützig. Er hofft Lohn sexueller Art für seine Preisungen zu erhalten. Doch die Dame kann auf dieses Angebot nicht eingehen. Die Gründe dafür werden in den Liedern nicht genannt, aber wie bereits oben erwähnt, war es einer Frau nicht gestattet ein uneheliches sexuelles Verhältnis zu haben und war die Dame verheiratet war es ihr erst recht unmöglich einen Ehebruch zu begehen. Doch sind es nicht nur gesellschaftliche Zwänge, die die Frau zur Keuschheit beziehungsweise Monogamie zwingen. Das vom Minnesänger gelobte Ideal der Tugend widerspricht der Möglichkeit einer Erhörung. Erst dadurch, dass der Mann die Tugend der Dame lobt, zwingt er sie dieser auch gerecht zu werden und verbietet ihr dadurch indirekt ihm seine Wünsche zu erfüllen. Die Bemühungen des Singenden sind also umsonst und doch gibt er nicht auf die Dame zu umwerben. Immer wieder betont er seine „stæte“, seine Beständigkeit in seiner Liebe und Verehrung zu der einen Dame.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung von Reinmar als Lyriker ein und formuliert die Forschungsfrage zur Rolle der Frau in seinem Werk.
2. Die Frau im Mittelalter: Dieses Kapitel beleuchtet den historischen Kontext, die rechtliche Unterordnung der Frau sowie die strengen moralischen Normen des Mittelalters.
3. Die Rolle der Frau in Reinmars Lyrik: Hier wird analysiert, wie Reinmar die Frau als ideales, aber fiktives Konstrukt einsetzt und welche Abweichungen in speziellen Motiven vorkommen.
3.1 Die Frau als Objekt der Hohen Minne: Dieses Unterkapitel untersucht die stilisierte Darstellung der Frau als unerreichbare Herrin und die Motive hinter dieser Idealisierung.
3.2 Kussraub und Probebeischlaf: Dieses Unterkapitel befasst sich mit untypischen, unterhaltsamen Motiven in Reinmars Liedern, die mit moralischen Grenzen spielen.
4. Schlussfolgerung: Das Fazit fasst zusammen, dass die Frau in Reinmars Dichtung primär als Mittel zum Zweck der männlichen Selbstdarstellung und des Ruhms dient.
Schlüsselwörter
Reinmar der Alte, Minnesang, Mittelalter, Hohe Minne, Rolle der Frau, Liebeslyrik, Fiktion, Tugend, Moralvorstellungen, Minneherrin, Kussraub, Probenacht, Selbstdarstellung, Adlige Frauen, Literaturgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Darstellung der Frau in der Liebeslyrik von Reinmar der Alte und analysiert, inwieweit diese Dichtung die Rolle der Frau reflektiert oder als fiktives Konstrukt nutzt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind das Bild der Frau im Mittelalter, die Konventionen des hohen Minnesangs, die Funktion der Frau als poetisches Objekt sowie der gesellschaftliche Hintergrund, der Reinmars Dichtung prägte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu klären, warum Reinmar die Frau als unerreichbare Herrin inszeniert und ob dies ein Abbild der Realität oder ein gezieltes Mittel zur Selbstdarstellung des Dichters ist.
Welche wissenschaftliche Methodik wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse unter Einbeziehung historischer und soziologischer Hintergründe sowie die Auswertung von Fachliteratur und Primärtexten.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Idealisierung der Frau als Minneherrin, der kritischen Betrachtung der gesellschaftlichen Rollenbilder und der Analyse spezieller, untypischer Motive wie dem Kussraub.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt zusammenfassen?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Minnesang, Reinmar der Alte, Hohe Minne, Frauenbild, Fiktionalität und höfische Gesellschaft charakterisieren.
Wie unterscheidet sich die Darstellung der Frau in den "Kussraub-Strophen" vom sonstigen Bild?
In diesen Strophen bricht Reinmar mit dem üblichen Bild der unerreichbaren, tugendhaften Frau und nutzt Motive, die das lyrische Ich als trickreich und den körperlichen Wünschen zugewandt zeigen, was der Unterhaltung des Publikums dient.
Welche Rolle spielt die höfische Öffentlichkeit bei der Minnebeziehung in Reinmars Liedern?
Die Minnebeziehung wird als ein öffentliches, vor dem Hofstaat vorgeführtes Geschehen dargestellt, bei dem auch „die Anderen“ als Kommentatoren auftreten und das lyrische Ich für seine unerfüllte Liebe oft verhöhnen.
Was ist das Fazit der Autorin bezüglich der Rolle der Frau?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass die Frau in Reinmars Werk kein individuelles Wesen ist, sondern ein gesichtsloses Objekt, das dem Dichter als Mittel zum Zweck für Ruhm und Unterhaltung dient.
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- Katharina Ochsenfahrt (Author), 2010, Die Rolle der Frau in Reinmars Lyrik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150312