Phaidra - Kann Liebe ein Verbrechen sein

Nach dem antiken Mythos von Phaidra und Hippolytos und dem Theaterstück von Sarah Kane „Phaidras Liebe“


Seminararbeit, 2008

15 Seiten, Note: sehr gut (10/10)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.Der Mythos von Phaidra und Hippolytos
1.1. Die Handlung
1.2. Traditionelle Vorstellung von den Hauptfiguren

2. Literarische Bearbeitungen des Mythos

3.Sarah Kane. Phaidras Liebe(1996)
3.1. Die Handlung
3.2. Rezeption des Theaterstücks
3.3. Figuren der Protagonisten

Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Thema der vorliegenden Hausarbeit ist der antike griechische Mythos von Phaidra und Hippolytos und seine Interpretation im Theaterstück von Sarah Kane

Phaidras Liebe. Ein weiteres Aspekt ist die Deutung der Hauptfiguren des Mythos, ihrer Rollen und Eigenschaften, sowie auch die Entwicklung dieser Deutung in verschiedenen literarischen Bearbeitungen.

Dabei wird besonders auf die Rezeption des Bildes von Phaidra und ihren Zusammenhang mit der allgemeinen Einstellung zu der Frau im Laufe der Zeit geachtet.

Das erste Kapitel hat die Quelle, nämlich den antiken Mythos selbst, sowie auch die traditionellen Vorstellungen von den Figuren der Protagonisten zum Thema.

Das zweite Kapitel schafft einen kurzen Überblick der literarischen Bearbeitungen des Mythos und der Entwicklung des Bildes von Phaidra seit der Antike bis in das 20. Jahrhundert. Im dritten Kapitel wird das Theaterstück von Sarah KanePhaidras Liebeanalysiert, vor allem die Interpretation der Bilder von Hauptfiguren und ihre Rolle am Geschehen.

Die Ergebnisse werden im Schluss der Hausarbeit zusammengefasst.

1.Der Mythos von Phaidra und Hippolytos

1.1. Die Handlung

Phaidra war Schwester von Ariadne, Tochter des kretischen Königs Minos und seiner Frau Pasiphae. Sie wurde zur zweiten Gattin des Helden Theseus, der zu deiser Zeit König von Athen war und einen Sohn von seiner ersten Frau, der Amazone Antiope[1](bzw. Hippolyte[2]), den Hippolytos, hatte. Nach der Hochzeit mit Phaidra sandte Theseus seinen Sohn nach Troizen, wo dieser von König Pittheus adoptiert und zum Erben des Thrones gemacht wurde.

Hippolytos war ein begeisterter Jäger und diente vor allem der reinen Artemis,

Göttin der Natur, der Jagd und der Jungfräulichkeit, die auch von den Volk der Amazonen besonders verehrt wurde. Zu Ehren der jungfräulichen Göttin errichtete Hippolytos in Troizen einen neuen Tempel.

Die Liebesgöttin Aphrodite betrachtete Hippolytos’ Benehmen und seine Treue der Artemis als eine Beleidigung, und beschloß, ihn zu strafen. Als er nach Athen kam, um an den Eleusinischen Mysterien teilzunehmen, sah ihn zum erstenmal seine Stiefmutter Phaidra und verliebte sich in ihn. Es war die Aphrodite, die sie in leidenschaftlicher Liebe zu ihm entbrennen ließ. Da Theseus gerade in Thessalien war, konnte Phaidra Hippolytos nach Troizen folgen. Da errichtete sie den Tempel der Herabblickenden Aphrodite, aus dem sie unbeobachtet das Stadion , wo Hippolytos sich nackt übte, überblicken konnte. Als Hippolytos später die Panahtenischen Festspiele besuchte, stieg Phaidra zum Tempel der Aphrodite auf der Akropolis, um ihn wieder heimlich zu beobachten.[3]

Am Anfang versuchte Phaidra, ihre verbrecherische Leidenschaft zu bekämpfen, doch gegen Aphrodites Willen war alles umsonst. Bald konnte sie ihre Gefühle auch nicht mehr verbergen. Gequält von der Leidenschaft, gestand sie ihrem Stiefsohn ihre Liebe. Doch Hippolytos wendete empört und entsetzt von ihr ab. Dann beschuldigte ihn Phaidra bei Theseus, er hätte sie verführen wollen, und Theseus glaubte ihr. In blinder Wut verfluchte er seinen Sohn und verbannte ihn aus Athen. Ohne den Befehl seines Vaters zu bestreiten oder seine Unschuld zu beweisen, verließ Hippolytos die Stadt und fuhr nach Troizen. Dann erinnerte sich Theseus an die drei Wünsche, die ihm Poseidon versprochen hat, und bat ihn, Hippolytos sofort zu vernichten. Als dieser mit seiner Pferdekutsche des Strandes entlang fuhr, entstand ein Erdbeben,

eine riesige Welle erhob sich, ein Stier tauchte aus dem Meer auf und erschrak die Pferde. Sie gingen los und schleiften Hippolytos zu Tode.

Nachdem Phaidra diese schreckliche Nachricht erfuhr, erzählte sie Theseus die Wahrheit und beging Selbstmord.[4]

Hippolytos, der sein Leben lang der Artemis treu gewesen war, wurde von ihr auch nach dem Tode nicht verlassen. Die Göttin versuchte, ihn mit Hilfe von Asklepios wieder zum Leben zu erwecken. Als das nicht gelang, nahm Artemis ihn mit sich in den Himmel, als Sternbild des Fuhrmanns[5]. Nach einer anderen Version, hüllte sie Hippolytos in eine Wolke und brachte ihn nach Italien, wo er als Gott Virbius verehrt wurde.[6]

1.2. Traditionelle Vorstellung von den Hauptfiguren

Nach der traditionellen Deutung diesen Mythos, gilt Phaidra als eine Intrigante, die ihre Gefühle nicht beherrschen konnte. Auch wenn ihre verhängnisvolle Liebe von Aphrodite verursacht wurde, war Phaidra an der Verleumdung von Hippolytos mit allen tragischen Folgen selbst schuldig. Gelenkt von der zerstörerischen Leidenschaft, verursachte sie den Untergang des königlichen Hauses.

Hippolytos, dagegen, gilt als ein wahrer Held, Verkörperung der Reinheit und Tugend. Er wendete von seiner Behüterin Artemis nie ab und war seiner Glaube treu; die Ehre seiner Familie und seines Vaters stand für ihn am höchsten, deswegen lenkte er die blutschänderische Liebe seiner Stiefmutter ab. Sein Tod war von den fatalen Umständen verursacht, den er zum Opfer fiel. In Troizen wurde Hippolytos als unsterblicher Held verehrt; sein Kult war mit dem Kult von Artemis[7](nach einer anderen Version- mit dem Kult von Poseidon, Hauptgott von Troizen[8]) verbunden. Nach der Tradition, opferten ihm die Mädchen am Tage vor ihrer Hochzeit eine Locke ihres Haares.

Dabei muss darauf geachtet werden, dass diese Vorstellung von Hauptfiguren aus einer patriarchalen Gesellschaft stammt.

2. Literarische Bearbeitungen des Mythos.

Seit der Antike lieferte der Mythos von Phaidra und Hippolytos Stoff für zahlreiche literarische Werke. Sophokles’ TragödiePhaidra, die erste literarische Bearbeitung dieses Mythos, ist nicht erhalten[9]. Euripides brachte diese Geschichte zweimal auf die Bühne[10], nur eine dieser Tragödien ist erhalten geblieben, nämlich die jüngere Fassung (Hippolytos, 428 v. Chr.). In diesem Theaterstück benutzt Euripides eine weniger verbreitete Variation des Mythos: nachdem Hippolytos Phaidras Liebe ablehnt, begeht sie Selbstmord und hinterläßt einen Brief, in dem sie Hippolytos der Belästigung beschuldigt[11]. Nach dem Sturz der Pferdekutsche erhält Hipppolytos tödliche Verletzungen und wird nach Theseus Paläst getragen. Die Göttin Artemis erscheint, erzählt Theseus die Wahrheit und versöhnt ihn mit seinem sterbenden Sohn.

Eine spätere antike Bearbeitung war SenecasPhaidra(50-60 n. Chr.).

Im Mittelalter wurde Phaidras Bild mit der für die Zeit typischen misogynen Haltung entweder als allegorisches negatives Vorbild benutzt, wie bei Francesco Petrarca (Triumph Amors, ca.1350), oder im Bezug auf ihre perverse Neigungen (Inzest), wie bei Giovanni Boccaccio. In der Bearbeitung der OvidsMetamorphosen,

1342 von Benediktinermönch Petrus Berchorius geschrieben, wird sie jedoch positiv dargestellt, als Sinnbild des Christentums, und es wird argumentiert, warum Theseus gerade sie und nicht Ariadne (die in dieser Bearbeitung für Sinnbild des Judentums stand) geheiratet hat[12]. Die Geschichte ihrer Liebe zu Hippolytos wird aber aus der Allegorie ausgelassen.

In der Zeit der Barock wurde das Thema von vielen französischen Tragikern aufgenommen (Robert Garniers,Hippolyte, 1563; Gabriel Gilbert,Hippolyte ou Le garcon insensible, 1646). Der antike Mythos wurde dabei dem Zeitgeschmack angepasst, was unvermeidlich zu der inhaltlichen Vereinfachung führte. Eine Ausnahme dabei bildet die Tragödie von Jean RacinePhedre(1672), übersetzt 1805 von Friedrich Schiller. In diesem Theaterstück versucht Phaidra, gegen ihre Gefühle zu kämpfen, und gesteht Hippolytos ihre Liebe, nachdem sie die Nachricht kennenlernt, Theseus sei in der Schlacht gefallen. Als die Nachricht von Theseus Tod sich falsch erweist, und Theseus selbst heimkehrt, wird Hippolytos verleumdet, nicht von Phaidra aber, sondern von ihrer Amme. Die beiden Frauen enden mit Selbstmord.

Seit der Antike war Racine der erste Autor, der von den Stereotypen abweichte und versuchte, Phaidra von ihrer Schuld zu entlasten. Der Zuschauer derPhedrehat Mitleid mit der von verbrecherlicher Liebe zerrissenen und vergeblich kämpfenden Hauptfigur. Im Vorwort zu seinem Theaterstück schrieb Racine, dass Phaidra

„alle Eigenschaften besitzt, die Aristoteles für die Tragödienhelden fordert und die geeignet sind, Furcht und Mitleid zu erregen. In der Tat, Phaidra ist weder völlig schuldig noch völlig unschuldig.“[13]Ihre Schuld bestand für Racine darin, dass sie willenlos in das Verderben ging und nicht hart genug mit ihrem Schicksal gekämpft hat.

Bemerkenswert ist auch die 1877 geschriebene TragödiePhädravon Georg von Preußen, deren Handlung nicht nur auf Phaidras Liebe zu Hippolytos, sondern auf der früheren Rivalität der zwei Schwestern, Ariadne und Phaidra, aufgebaut ist. In diesem Theaterstück wird Phaidra wieder als Intrigante und Berechnende dargestellt, im Gegenteil zu ihrer tugendhaften und reinen Schwester.

Als eine Verkörperung des Bösen wird Phaidra auch bei Gabriele D’Annunzio geschildert (Fedra, 1909). In diesem Drama, dem Stil der Dekadenz angepasst, schuf D’Annunzio ein dunkles, effektvolles Bild der Femme fatale - dämonisch,

die Männer ins Verderben treibend, und doch faszinierend.

Das 20. Jahrhundert brachte mit den neuen Tendenzen in der Literatur auch neue literarische Interpretationen des Mythos. In der ProsadichtungDer Sarkophag der Phaidra(1951) überträgt Wolfgang Koeppen die Handlung in Europa der Nachkriegszeit. Das Werk hat das Form eines Reiseberichts, die Erzählerperspektive wird gewechselt, Mythologisches und Historisches mit Gedanken und Alltäglichem kombiniert, Stellungsnahme zu dem Geschehen wird dem Leser selbst überlassen.

Die Protagonisten sind Touristen, nach der letzten Mode gekleidet,

die Sehenswürdigkeiten Siziliens besuchen. Hippolytos ist Sportler, ein Findelkind, den Theseus aus dem Waisenhaus holte. Die tragische Umstände, den Hippolytos zum Opfer fällt, nehmen in dieser Interpretation eine ganz neue Form und sind nicht von seinen Eltern verursacht: während des Spaziergangs wird er von einem Panzer überfahren. Sein Tod war Folge eines Unfalls, und dabei hatte weder Phaidra noch Theseus Schuld.[14]

3.Sarah Kane. Phaidras Liebe(1996).

3.1. Die Handlung

In diesem Theaterstück zerstört Sarah Kane völlig die seit der Antike bekannte traditionelle Interpretationen der Bilder von Phaidra und Hippolytos.

Der Ort der Handlung wird als „Königspaläst“ bezeichnet, es wird aber von Anfang an klar, dass die Handlung in unserer Zeit stattfindet.

Der Königsssohn Hippolytos ist völlig gleichgültig zu den anderen und, als es scheint, zu sich selbst. Er weiß nicht, was er mit senem Leben anfangen soll, und will auch nichts damit tun: er „wartet, dass was passiert“ und verbringt die Zeit vor dem Fernseher mit Junk-Food. Wie der mythische Hippolytos, hat er keine Liebesbeziehungen: er ist sexsüchtig, liebt aber keine der vielen Frauen, mit denen er schläft. Auch diese Frauen empfinden gegen ihn keine wirkliche Liebe, und schlafen mit ihm nur wegen seiner allgemeinen Beliebtheit.

Die einzige Person, die sich um Hippolytos kümmert, ist die Königin Phaidra. Sie empfindet für ihren Stiefsohn nicht nur mütterliche Sorge, sondern auch eine Leidenschaft, die sie nicht bekämpfen kann. Gleichzeitig weiß sie, dass sie auf gegenseitige Liebe nicht hoffen kann und Hippolytos verliert sofort Interesse an sie, nachdem sie miteinander schlafen. Strophe, Phaidras Tochter von der ersten Ehe, versucht, Phaidra zu warnen, aber vergebens.

Zum Geburtstag ihres Stiefsohns schenkt ihm Phaidra ihre sexuelle Hingabe. Gleich danach erwähnt er, dass er ebenfalls mit Strophe geschlafen hat. Tief verletzt in ihren Gefühlen, begeht Phaidra Suizid durch Erhängung. In ihrem Abschiedsbrief beschuldigt sie Hippolytos der Vergewaltigung. Als Hippolytos angeklagt und hingerichtet wird, versucht er nicht, die Anklage zu verneinen.

Am Tag der Hinrichtung kehrt Theseus zurück, erfährt von der ganzen Geschichte, die während seiner Abwesenheit passiert ist, und geht incognito zum Gefängnis, um sich an Hippolytos eigenhändig zu rächen.

[...]


[1]Ranke-Graves: S.323.

[2]Hunger: S.282.

[3]Ranke-Graves: S.324.

[4]Lutz: S.210.

[5]Kerényi:S.195.

[6]Ranke-Graves: S.326.

[7]Ranke-Graves: S.326.

[8]Hunger: S.283.

[9]Hunger: S.283.

[10]Kerényi:: S.194.

[11]Ranke-Graves: S.324.

[12]Lutz: S.211.

[13]Lutz: S.213.

[14]Lutz: S.215.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Phaidra - Kann Liebe ein Verbrechen sein
Untertitel
Nach dem antiken Mythos von Phaidra und Hippolytos und dem Theaterstück von Sarah Kane „Phaidras Liebe“
Hochschule
Αριστοτέλειο Πανεπιστήμιο Θεσσαλονίκης - Thessaloniki  (Abteilung für Deutsche Sprache und Philologie)
Veranstaltung
Arbeit am Mythos: Die Wandlungen des Asterion
Note
sehr gut (10/10)
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V150386
ISBN (eBook)
9783640614295
ISBN (Buch)
9783640614448
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antike griechische Mythologie, Phaidra und Hippolytos, Mythos, Modernes Theater, Sarah Kane, Phaidras Liebe
Arbeit zitieren
Bachelor Olga Lantukhova (Autor), 2008, Phaidra - Kann Liebe ein Verbrechen sein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150386

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