Grundbegriffe der internationalen Politik


Skript, 1999

36 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung /Aufbau

1. Staat
1.1 Thomas Hobbes: Of the Natural Condition of Mankind
1.2 J.J.Rousseau: Vom Kriege

2. Krieg - Kenneth N. Waltz: Explaining War

3. Anarchische Gesellschaft - Hedley Bull: Die anarchische Gesellschaft

4. Gleichgewicht der Macht – Ernst B. Haas: The Balance of Power. Prescription, Concept or Propaganda?

5. Kollektive Sicherheit - Ernst-Otto Czempiel: Kollektive Sicherheit - Mythos oder Möglichkeit?

6. Völkerrecht
6.1 Otto Kimminich : Das Völkerrecht und die friedliche Streitschlichtung
6.2 Juan-Chyuan Chen: Grundaspekte des modernen Völkerrechts

7. Kooperation
7.1 Harald Müller: Internationale Regime und ihr Beitrag zur Weltordnung
7.2 Michael Kreile: Regime und Regimewandel in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen

8. Weltwirtschaft
8.1 T.L. Friedmann: A new world of big powers and giant markets
8.2 Joachim Ragnitz: Die fragmentierte Weltwirtschaft: Wachstum, Stagnation, Verarmung
8.3 Karl Kaiser, Bernhard May: Weltwirtschaft und Interdependenz

9. Selbstbestimmung
9.1 Woodrow Wilsons Reden
9.2 Christian Tomuschat: Globale Menschenrechtspolitik

10. Friedfertige Demokratien
10.1 Volker Rittberger: Zur Friedensfähigkeit von Demokratien
10.2 Thomas L. Friedmann: A McTheory about War.Making

11. Frieden
11.1 E.O.Czempiel: Der Friede - sein Begriff, seine Strategien
11.2 Dieter Senghans: Frieden als Zivilisierungsprojekt

12. (Post)moderne Weltpolitik I - Kurt Riezler: Grundzüge der Weltpolitik in der Gegenwart

13. (Post)moderne Weltpolitik II
13.1 Werner Link: Gleichgewicht und Hegemonie - die Politik der Staaten folgt immer noch dem gleichen Muster
13.2 E.O.Czempiel: Innovationen statt Kanonen: Ist die Realpolitik alten Stils noch zeitgemäß?
13.3 Kommentar zum „realistischen“ Ansatz in den Internationalen Beziehungen

14. Theorie - Steve Smith: The self - images of a discipline. A genealogy

Literaturverzeichnis

0. Einleitung / Aufbau

Die hier zusammengestellten Essays und inhaltlichen Zusammenfassungen (Skripte) bieten an Hand von Schlüsseltexten einen Überblick über 13 Themenbereiche der Internationalen Politik. Die behandelten Grundbegriffe reichen von ideengeschichtlichen Staatskonzeptionen (Hobbes, Rousseau) bis hin zur postmodernen Weltpolitik und spiegeln sowohl ältere und jüngere Debatten des Fachs sowie deren ideengeschichtliche Verankerung wieder. Die Texte dienen als Einführung in die, oder punktuelle Vertiefung der IB.

1. Staat

1.1 Thomas Hobbes: Of the Natural Condition of Mankind

(Von der natürlichen Bedingung der Menschheit im Hinblick auf ihr Glück und Unglück)

In seiner Abhandlung beschreibt Hobbes das menschliche Naturell als Grund, der zu Kriegen führt. Er geht davon aus, dass alle Menschen von Natur aus, trotz aller Unterschiedlichkeit, gleich sind. Durch diese Gleichheit, eine Gleichheit der Hoffnungen, und damit auch der Absichten diese umzusetzen, entstehen, Konkurrenz (maximaler Gewinn), Misstrauen (zur Sicherung des Bestehenden) und Ruhmessucht (Ansehen). Und dadurch Krieg. Und gäbe es keine übergeordnete Macht, herrschte ständig Krieg jeder gegen jeden. Der Mensch ist des Menschen Feind. In diesem Krieg gibt es kein Unrecht, da es keine Gesetze gibt, da das Verhalten auf das unabhängige menschliche Naturell zurückzuführen ist. Hobbes vergleicht dies mit dem Verhalten von souveränen Machthabern, über denen es keine höhere Ordnung mehr gibt und die sich im ständigen Kriegszustand mit ihren Nachbarn befinden, damit jedoch auch den Fleiß ihrer Untertanen fördern. Die einzigen Möglichkeiten, diesem Naturzustand zu entfliehen sind für Hobbes die Leidenschaften und die Vernunft.

1.2 J.J.Rousseau: Vom Kriege

Rousseau stellt die Gesellschaft als Ursprung für den Schrecken des Krieges und die öffentlichen Missstände da. Für ihn steht sie im direkten Kontrast zum Naturzustand, zur natürlichen Freiheit und Unabhängigkeit des Menschen. Die natürlichen Neigungen des Menschen sind für ihn Ruhe, Friede, Furcht. Der Mensch gibt sich damit zufrieden, seine Grundbedürfnisse zu befriedigen: zu essen und zu schlafen. In der Gesellschaft geht die Freiheit verloren, natürlichen Neigungen wird ein Zwang angetan. Das Land wird zum Grundbesitz, die Güter zum Eigentum (Privatbesitz), die Menschen zu Bürgern. Dem Menschen ist es nicht mehr erlaubt, Mensch zu sein und für die Sache der Menschheit einzutreten. Die Wahrheit wird durch das Recht gebeugt, zugunsten der Mächtigen. Gerechtigkeit dient nur dazu, Gewalt abzusichern.

Die Ungleichheit der Menschen ist von Natur aus beschränkt, die Gesellschaft jedoch ist ein künstlicher Körper, der Eigendynamik entwickelt und von der Natur nicht begrenzt ist. Daraus entstehen größere Zusammenstösse, größere Gefährlichkeit, Krieg. Somit macht Rousseau einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Verhalten des Menschen innerhalb und außerhalb der Gesellschaft. Innerhalb der Gesellschaft ist für ihn derjenige der Gewinner, der in der Lage ist, gleichzeitig zum eigenen Vorteil und zum Schaden des Feindes zu gereichen. Dieses unnatürliche Gesellschaftsverhalten/Fehlverhalten begründet die Missstände.

Die zwischenstaatlichen Beziehungen befinden sich für Rousseau noch im Naturzustand. Aus dem Zwang, innerstaatlich in einer bürgerlichen Gesellschaft und zwischenstaatlich im Naturzustand zu leben, seien wir den Nachteilen beider ausgesetzt.

Rousseau entkräftigt Hobbes mit der Aussage: “Der Irrtum von Hobbes und den Philosophen besteht darin, dass sie den natürlichen Menschen mit dem verwechseln, den sie vor Augen haben, und dass sie ein Wesen in ein System versetzen, das nur in einem anderen fortbestehen kann.” Der Hauptunterschied der beiden Ansätze Rousseaus und Hobbes liegt in der Einschätzung des Naturells des Menschen.

2. Krieg - Kenneth N. Waltz: Explaining War

Kenneth N. Waltz erklärt in seiner Abhandlung in drei Bildern, wie es zu Kriegen kommt. Für ihn sind drei Hauptfaktoren ausschlaggebend:

1. Das menschliche Verhalten (1.Bild)
2. Die innere Struktur von Staaten (2. Bild)
3. Anarchie im internationalen Staatensystem (3. Bild)

Zu 1.: Die Gründe für den Krieg sind in der Natur des Menschen zu suchen. Sie kommen von: Eigennützigkeit, missgeleiteten, aggressivem Impulsen und Dummheit. Da Krieg aus diesen menschlichen Eigenschaften entsteht, muss der Mensch verändert werden, wenn Friede herbeigeführt werden soll. Dabei gibt es dem moralisch intellektuellen Ansatz, der behauptet, dass bei ausreichender Aufklärung der Mensch wüsste, was gut ist, und er somit die richtige, friedensstiftende Politik verfolge. Der psychologisch soziale Ansatz geht davon aus, dass bei friedlicher Kanalisierung (Bergbau, Tellerwaschen...) der destruktiven Energien im Menschen, Friede erreicht werden könne.

Zu 2.: Der zweite Ansatz befasst sich mit der inneren Organisation, dem Aufbau von Staaten. Krieg nach außen stiftet inneren Frieden, somit können innenpolit. Probleme von Staaten durch die Polarisierung nach außen, d.h. Schaffung eines Feindbildes und Krieg vertuscht werden. Hauptsächlich „schlechte“ Staaten - unlegitimierte Regierungen, Staaten mit wirtschaftlichen/geographischen Problemen - kehren ihre Probleme nach außen. Wenn man also Kriege vermeiden wollte, muss man sich auf die Suche nach dem “guten” Staat machen. Was ist gut? Gut ist eine Norm, die von verschiedenen Personen verschieden beantwortet wird, von denen jedoch jede einen Absolutheitsanspruch erhebt und die damit nicht kosexistent seien können. Somit wäre in diesem Fall nur Friede möglich, wenn eine einzige “gute” Art von Staat und Gesellschaft existierte.

Zu 3.: Der dritte Punkt befasst sich mit den zwischenstaatlichen Strukturen auf internationaler Ebene. Über den Staaten gibt es keine höhere Instanz mehr, d.h. es gibt kein Recht und Gesetz. Selbsthilfe ist geboten und jeder Staat kann selbst entscheiden, welche Mittel er verwenden will, ggf. auch Gewalt und Krieg. Es herrscht Anarchie in den Beziehungen zwischen den Staaten und in der Anarchie gibt es keine automatische Harmonie (Unvollkommenheit des Menschenverstands /Irrationalität). So ist der Hauptgrund für Krieg zwischen den Staaten die Willkür der Staaten und das System, in dem sie sich befinden. Es gibt zwei Möglichkeiten, das zu ändern: Entweder eine effektivere Kontrolle der “schlechten” Staaten oder das Herausstellen der “guten” Staaten als so perfekt, dass sie aus ihrer Außenseiterrolle geholt werden. Als Umsetzung für diese Punkte eignet sich eine föderale Weltregierung, die alle Staaten gleicherweise durch die Autorität von Gesetzen so aneinander bindet und kontrolliert, wie es heute schon innerhalb aufgeklärter Gesellschaften der Fall ist und somit Krieg ächtbar wird.

3. Anarchische Gesellschaft - Hedley Bull: Die anarchische Gesellschaft

Im folgenden Text von Bull wird speziell auf folgende Begriffe und ihre gegenseitige Bedingtheit eingegangen:

- Internationale Gemeinschaft
- Internationale Gesellschaft
- Internationale Ordnung
- Institutionen

Hedley Bull geht in seinem Text „Die anarchische Gesellschaft“ von souveränen Staaten aus, die intern die Oberhoheit über ein territoriales Gebiet und dessen Bevölkerung innehaben. Der einzelne Mensch ist den ordnenden staatlichen Hoheitsinstanzen untergeordnet. Die Menschen sind jedoch unabhängig von externen Hoheitsträgern. Da keine Weltregierung vorhanden ist, sind die Staaten in ihren gegenseitigen Beziehungen in einem regierungslosen Zustand. Diesen Zustand nennt Bull „internationale Gesellschaft mit anarchischem Charakter“.

Das „Internationale System“ (i.e. internatonale Gemeinschaft) sind dabei zwei oder mehr Staaten, die untereinander genügend Kontakt und Einfluss haben, um sich als Teile eines Ganzen zu sehen.

Voraussetzung für eine „internationale Gesellschaft“ wiederum ist jene internationale Gemeinschaft. Die int. Gesellschaft ist eine Gruppe von Staaten, die im Bewusstsein gemeinsamer Werte und Interessen eine Gesellschaft bildet, die gekennzeichnet ist durch:

- ein gemeinsames Regelsystem (z.B. Verträge, Unabhängigkeit, Beschränkungen der Gewaltausübung)
- gemeinsame Institutionen (z.B. Völkerrecht, dipl. System, int. Organisationen., Regeln für den Kriegsfall)

Die „internationale Ordnung“ ist ein Handlungsmuster, das die grundlegenden Ziele der internationalen Gesellschaft bewahrt. Diese Ziele sind (nicht festgeschrieben):

- Bewahrung der Unabhängigkeit der Staaten
- Voraussetzungen für Koexistenz
- Sicherstellung eines Mindestmaßes an Frieden und Sicherheit

Bull folgt der Idee von Grotius, dass Herrschende und Beherrschte zusammen eine Gesellschaft bilden und durch die Regeln von Moral und Recht aneinander gebunden sind. Damit grenzt er sich von Hobbes, Machiavelli und Walz (Krieg jeder gegen jeden) und von der universalistischen Schule einer zentralen Herrschaftsinstanz ab. Er negiert den innergesellschaftlichen Analogieschluss von Hobbes, nach dem die Erfahrungen des Einzelnen innerhalb der Gesellschaft der Erfahrung von Staaten gleichzusetzen ist. Danach sind Staaten nur zu einem geordneten Miteinander fähig, wenn sie in Furcht vor einer gemeinsamen Macht leben. Ebenso negiert Bull Hobbes, indem er behauptet, dass Gesellschaftsverträge zwischen Staaten geschlossen werden könnten, dass Staaten ihre Kräfte und Erfindungsgabe nie in einer solchen Weise für ihre Verteidigung aufwenden würden, so dass „ihre Bewohner ein einsames, armseliges, unschönes, rohes und kurzes Leben führen müssten“, dass sehrwohl Vorstellungen von Gut und Böse bestünden und eine Rolle spielten in der internationalen Anarchie. Für Bull sind Staaten eher in der Lage als Individuen, eine anarchische Gesellschaft zu bilden. Er schließt sich Lockes Naturzustand an, als einer Gesellschaft ohne Regierung, ohne zentrale Autorität also, die in der Lage wäre das Gesetz zu interpretieren und durchzusetzen, was somit in der Hand der einzelnen Mitglieder verbleibt. Die Rechtsprechung in dieser Gesellschaft sei unfertig und unstet, sie unterscheide sich aber gewaltig von rudimentären Gesellschaften nach Hobbes und völliger Anarchie.

„Institutionen“ schaffen nach Bull die Regeln in der internationalen Gesellschaft, sie verwalten, interpretieren und setzen diese durch, als da wären:

a) Das Gleichgewicht der Mächte
b) Das Völkerrecht
c) Die Diplomatie
d) Die Großmächte
e) Der Krieg

Zu a) Weltweit existiert für Bull das Gleichgewicht der Mächte. Seine Hauptfunktionen sind der Schutz des internationalen Systems vor Unterwerfung zu einem Weltreich, der Schutz für unabhängige Staaten vor einer lokalen Vormacht und außerdem dient es als Wegbereiter für die Existenz anderer Institutionen, auf denen die internationale Ordnung beruht, wie z.B. das Völkerrecht. Das Mächtegleichgewicht beruht nicht auf allgemeiner Zusammenarbeit oder Koordination zwischen den betroffenen Großmächten, noch auf einer gemeinsamen Kultur. Die nukleare Abschreckung sieht Bull als einen Bestandteil des gesamten Kräftegleichgewichts.

Zu b) Das Völkerrecht ist ein Regelkomplex, der Staaten und andere Akteure der Weltpolitik in ihren gegenseitigen Beziehungen bindet und der als verpflichtend gilt. Es legt die Grundregeln der Koexistenz und Kooperation in der internationalen Gesellschaft fest und erhöht die Bereitschaft zur Einhaltung dieser Regeln. Seine Hauptfunktion ist, die Gesellschaft von souveränen Staaten als oberstes normatives Prinzip der politischen Organisation der Menschheit festzulegen; es identifiziert die Staatengesellschaft als Funktionsprinzip der Weltpolitik. Durch die Betonung eines bestimmten begrifflichen Bereiches verhindert es das Aufwerfen endloser Fragen und das Ausbrechen unbegrenzter Konflikte.

Zu c) Diplomatie ist die Aufrechterhaltung von Beziehungen zwischen Staaten durch offizielle Beauftragte und mit friedlichen Mitteln. Bull charakterisiert fünf Ordnungsfunktionen von Diplomatie:

1. Diplomatie erleichtert die Kommunikation zwischen den politischen Führern von Staaten und anderen Einheiten in der Weltpolitik. Kommunikation ermöglicht erst ein internationales System und damit eine internationale Gemeinschaft. Die Aufgabe des Diplomaten ist die eines Boten, mit der Garantie der Immunität.
2. Diplomatie stellt die Aushandlung von Übereinkünften sicher. Der Diplomat muss überlappende Interessensbereiche erkennen und die beteiligten Verhandlungspartner dazu bringen, diese festzustellen.
3. Diplomatie hat die Aufgabe des Sammelns von Nachrichten und Informationen über fremde Staaten, um ein möglichst objektives, nicht propagandistisches Bild zu erhalten.
4. Die Diplomatie muss Reibungseffekte in den internationalen Beziehungen minimieren und sie begrenzen, wenn sie auftreten.
5. In der Diplomatie wirkt der Gedanke der internationalen Gesellschaft als Faktor in den internationalen Beziehungen fort. Sie symbolisiert die Existenz der Staatengesellschaft und ist Ausdruck des Bestehens von Regeln.

Zu d) Großmächte sind gekennzeichnet durch militärische und wirtschaftliche Stärke und besondere Rechte und Pflichten, die ihnen von der Führung anderer Staaten sowie der eigenen zugestanden werden. Sie müssen ihre Politik unter Berücksichtigung ihrer Verantwortug modifizieren. Sie können auf zwei Arten zur internationalen Ordnung beitragen: Entweder sie setzen ihre gegenseitigen Beziehungen dazu ein, um die Ordnung des internationalen Systems als Ganzes aufrechtzuerhalten. Oder sie nützen ihre Überlegenheit dazu aus, die ordnende Funktion der internationalen Gesellschaft zu stützen. So dienen sie der Aufrechterhaltung von internationalem Frieden und Sicherheit (Charta der Vereint. Nat.).

Zu e) Krieg ist ein allgemein akzeptiertes Verhaltensmuster, das auf die Förderung gemeinsamer Ziele ausgerichtet ist. Für Bull ist es eine ordnende Institution der internationalen Gesellschaft. Innerhalb der Regeln und Institutionen, die die internationale Gesellschaft entwickelt hat, wird die Spannung zwischen der Auffassung deutlich, Krieg sei eine einzugrenzende Bedrohung und Krieg sei ein Instrument, das die internationale Gesellschaft einsetzen kann, um ihre Ziele zu verwirklichen. Einerseits ist Krieg Ausdruck von Unordnung in der internationalen Gesellschaft und birgt die Gefahr des Auseinanderbrechens dieser in sich. Andererseits ist Krieg ein Mittel, dessen die internationale Gesellschaft selbst bedurfte, um ihre eigenen Ziele durchsetzen, z.B. um das Völkerrecht durchzusetzen, das Gleichgewicht der Mächte zu bewahren und um das allgemein als gerecht Angesehene zu fördern.

4. Gleichgewicht der Macht – Ernst B. Haas: The Balance of Power. Prescription, Concept or Propaganda?

In seiner Anleitung zu einer möglichen Theorie beschreibt und strukturiert Ernst B. Haas den Begriff des Gleichgewicht der Macht (BOP) in der Internationalen Politik (IP).

Bei einem Streifzug durch die Geschichte der BOP, die etwa während der italienischen Renaissance beginnt und bis heute fortdauert, zeigt Haas die verschiedenen Bedeutungen auf, die dem Begriff der BOP und des Gleichgewichts in der IP im speziellen, zugewiesen wurden. Er stellt im besonderen vier Hauptkategorien heraus, die sich einer BOP-Theorie anzunähern versuchen:

1. Gleichgewicht der Macht als Beschreibung:

BOP wird im Zusammenhang mit der Beschreibung von IP immer wieder verwendet. In diesem deskriptiven Zusammenhang geht BOP aber nicht über die Bedeutung „Verteilung von Macht“ hinaus. Diese Verteilung umfasst das Spektrum vom Gleichgewicht der Mach über das Übergewicht bis hin zur Hegemonie.

2. Gleichgewicht der Macht als Propaganda oder Ideologie:

Die Bedeutung von Gleichgewicht entspricht hier den Extrembegriffen Krieg oder Friede. BOP kann aber damit nicht gleichgesetzt werden, da Krieg und Frieden Zustände sind, die erst als Resultat einer Politik, z.B. einer Gleichgewichtspolitik, auftreten. Es liegt daher nahe, dass BOP in dieser Verwendungsart nur ein Schlagwort ist, das einem ideologischen oder propagandistischen Zweck dient, einer Rechtfertigung für eine verfolgte Politik, die mit Gleichgewicht aber nichts zu tun hat, trotzdem aber aufhorchen lassen muß, um die tatsächlich verfolgten Ziele erkennen zu können.

3. Gleichgewicht der Macht als analytisches Konzept:

BOP wird als Werkzeug benutzt, um IP zu analysieren. In diesem Fall wird der Begriff Gleichgewicht der Macht dem Begriff Machtpolitik oder Realpolitik im allgemeinen gleichgesetzt. Quintessenz seiner „analytischen“ Anwendung ist die Verallgemeinerung des Fehlens eines internationalen Handlungskonsenses, das natürlich ein darin enthaltenes Konfliktpotenzial offenbart. BOP als analytisches Konzept weicht somit, sobald es über den Begriff der Machtpolitik hinausgeht, sehr schnell von den Handlungsmotivationen von Regierungen ab.

4. Gleichgewicht der Macht als (Handlungsvorschrift oder -Konzept:

Als einziger Theorieansatz kommt für Haas die BOP als Handlungskonzept in Frage. Er sieht darin ein gültiges Entscheidungsprinzip, das von Regierungen seit dem Entstehen der BOP angewendet wird. Nach dem Hobbschen Weltbild bedeutet das nicht mehr als ums nackte Überleben zu kämpfen, doch kann es auch als Sicherheitskonzept verstanden werden. Dabei wird von einer Staatengesellschaft (Bull) ausgegangen, die das Gleichgewicht der Macht dazu verwendet, um die Hegemonie eines einzelnen Staates, und damit die Bedrohung von anderen Staaten, auszuschließen. Das Gleichgewicht der Macht als ad hoc Regulierungstechnik für das Konzert der Staaten. Dieses System setzt rechtzeitige Verhandlungen und abgestimmte Verhaltensweisen voraus. Die öffentliche Meinung spielt hierbei keine allzu große Rolle.

5. Kollektive Sicherheit - Ernst-Otto Czempiel: Kollektive Sicherheit - Mythos oder Möglichkeit?

Ernst-Otto Czempiel untersucht in seinem Artikel „Kollektive Sicherheit (KS) - Mythos oder Möglichkeit“ die aktuelle Bereitschaft in der Weltpolitik, ein System kollektiver Sicherheit zu schaffen. Dabei gilt sein Hauptaugenmerk den Vereinten Nationen (UN) als einzig möglichem Vollstrecker.

Die Anarchie des internationalen Systems ist für Czempiel die Hauptursache für Gewalt in der internationalen Politik. Eine Minimierung der Anarchie stellt für ihn den Weg dar, um Kriege zu vermeiden. Die internationale Anarchie ist durch ihre Systemmitglieder konstituiert und das Verhalten dieser beeinflusst den Grad der Anarchie.

Die Vereinten Nationen sind die internationale Organisation, die zur Schaffung von kollektiver Sicherheit ins Leben gerufen wurde. Das eine von zwei zentralen Kernstücken der UN, der Sicherheitsrat, ein Mächtekonzert, in dem die alten europäischen Großmächte (außer Dtl.), die USA und China als ständige Mitglieder vertreten sind, kann durch einstimmigen Beschluss zwar mit Gewalt (Zwangsmaßnahmen nach Kap. VII der UN-Charta) unter UN-Mandat zur Friedenssicherung beitragen. Jedoch ist die Lösung von Konflikten unter den hier vertretenen Großmächten selbst, durch die Einstimmigkeitsklausel ausgeschlossen. Czempiel bezeichnet dies als Konstruktionsfehler, da dieses Prinzip nur funktionieren kann, wenn es nicht gebraucht wird. In jüngster Vergangenheit haben die Sicherheitsratsmitglieder die UN immer mehr dazu benutzt, um sich eine „carte blance“ für das Eingreifen in ihren traditionellen Einflusssphären zu sichern (Haiti, Ruanda, Georgien). Die Kollektivität erweist sich als Mythos, die Idee des Mächtekonzerts ist unterwandert, denn kollektive Sicherheit beruht nach Czempiel darauf, dass „die Kollektivität der Absichten und der Abschreckung den Gewaltverzicht konsolidiert.“

Der Grund dafür liegt in der sogenannten „Realismusfalle“. Denn, Realpolitik, für die bedeutet, dass militärische Verteidigung der einzige Weg zur Sicherheit ist, befindet sich in einem Teufelskreislauf: Die Berufung auf Selbsthilfe stimuliert die Selbsthilfe der internationalen Umwelt. Somit schafft die Selbsthilfe die Sicherheitsgefährdung erst, gegen die sie sich eigentlich schützen wollte. Als bestes Beispiel dient der Kalte Krieg: Als Folge des Sicherheitsdilemmas kommt ein Rüstungsschub der in einem Rüstungswettlauf endete. Kollektive Sicherheit mit dem Sicherheitsrat als Vollstrecker erweist sich also als Mythos.

Das zweite Kernstück der Vereinten Nationen, das diese als Internationale Organisation in den Vordergrund stellt, schafft jedoch ein Erfolgsmodell: Die Institutionalisierung der Kooperation. Damit ist Friedenssicherung durch Konsens, die Chance der Kooperation gemeint. Die Möglichkeiten gewaltfreier Konfliktbearbeitung und Prävention, verankert in Kapitel VI der Charta der Vereinten Nationen. Ziel ist es „Gewissheit an die Stelle der Ungewissheit, Vertrauen an die des Misstrauens zu setzen. Die Notwendigkeit zur Selbsthilfe wird verringert, der Zyklus von Angst, Rüstung, Gegenrüstung und Rüstungswettläufen wird unterbrochen. Die Großmächte können die Realismusfalle verlassen - eine neue Weltordnung wird sichtbar und möglich“.

[...]

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Grundbegriffe der internationalen Politik
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für internationale Politik)
Veranstaltung
Seminar: Grundbegriffe der internationalen Politik
Autor
Jahr
1999
Seiten
36
Katalognummer
V15039
ISBN (eBook)
9783638202794
Dateigröße
622 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Voraussetzung für den Scheinerwerb. Die Skripte flossen zu einem Drittel in die Gesamtnote ein und wurden mit 1,7 bewertet - es handelt sich um eine Skriptsammlung mit essayistischen Anklängen.
Schlagworte
Grundbegriffe, Politik, Seminar
Arbeit zitieren
Dominik Sommer (Autor), 1999, Grundbegriffe der internationalen Politik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15039

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