Instruktion zum Überleben

Wahrnehmung der Weltrisikogesellschaft von ihren einzelnen Mitgliedern (nach der Theorie von Ulrich Beck)


Essay, 2008
4 Seiten, Note: sehr gut

Leseprobe

Die Bezeichnung der modernen Gesellschaft als einer Weltrisikogesellschaft ist die Feststellung einer ihren wichtigsten Charakteristiken- wenn nicht des wichtigsten. Im Laufe der politischen und wissenschaftlichen Entwicklungen werden zahlreiche Gefahren, die den Menschen früher bedrohten, überwunden; gleichzeitig aber entstehen an ihrer Stelle neue Bedrohungen, die teilweise von der Beseitigung der alten verursacht sind. Die Überlebenschancen bei Krankheiten erhöhen sich- zusammen mit dem Gefahr der unkontrollierten Nebenwirkungen einer neuen Therapie. Der Fortschritt bewegt sich so schnell, dass es tatsächlich keine Zeit dafür gibt, um die Sicherheit neuer Erfindungen zu überprüfen.

In dieser Welt kann niemand völlig sicher sein- Tatsache, die in unserer Zeit besonders deutlich geworden ist. Dabei aber soll man darauf achten, dass das Risiko an sich bedeutet noch keine Katastrophe, sondern die Wahrnehmung ihrer Möglichkeit. „Risiken existieren in dem Ζustand der Virtualität“[1]. Das Gefühl von Angst entsteht in diesem Fall nicht wegen der direkten Lebensgefahr, sondern ergibt sich aus der interpretierten Information über mögliche Gefahr.

Das kennzeichnende Merkmal des Informationszeitalters ist der virtuelle Kontakt jedes einzelnen Menschen mit der ganzen Welt- und folglich Wahrnehmung aller Ereignissen, unter anderem auch der zerstörenden, als solchen, die in der Nähe passieren und einen betreffen, unabhängig vom tatsächlichen Ort des Unfalls. Indem ein Mensch sich über Katastrophen informiert, existieren für ihn mehr Katastrophen, wie weit sie auch stattfinden; indem man sich über die Risiken informiert, bekommen sie eine bedrohende Bedeutung, wie gering sie auch sind. So bewahrt sich ein altes Witz: „Je weniger man weiß, desto besser man schläft“. Die Massenmedien werden dabei kontraproduktiv: statt durch die Verbreitung der objektiven Information vor Gefahren zu warnen, erzeugen sie Panik und Hysterie bei den Empfängern dieser Information.

Die wichtigste Auswirkung aber, die im Zusammenhang mit der Rolle der Medien zu nennen ist, ist die Möglichkeit der Manipulationen durch die Medien, die auf der Ausnutzung bereits existierenden Risiken und auf der Inszenierung der neuen basiert ist. Ein Beispiel dafür ist nicht nur Propaganda des Krieges gegen Terrorismus in den USA, sondern auch europäische Werbung, die die Umweltfreundlichkeit des jeweiligen Produkts immer wieder betont und damit die Wahrnehmung des Klimawandels als der wichtigsten Bedrohung durch die Bevölkerung der europäischen Länder ausnutzt.

In seinem Buch „Weltrisikogesellschaft“ bezeichnet Ulrich Beck die Risikogesellschaft als „eine revolutionäre Gesellschaft, in der sich der der Normal- und Ausnahmezustand überschneiden“[2]. Der Ausnahmezustand an sich bedeutet Auflösung der alten Regeln und Bestimmung der neuen, wobei derjenige, der über den Ausnahmezustand entscheidet, in der Regel fast unbeschränkte Macht bekommt, die er auch unkontrolliert benutzen kann.

Deswegen ist es so wichtig für einen Menschen, der weder manipuliert noch von der wirklichen Gefahr betroffen werden will, sich allseitig zu informieren und eigene Stellung zu den Risiken zu nehmen. Es erweist sich immer häufiger, dass die Wissenschaftler und Politiker, dessen Aufgabe Beseitigung von Risiken ist, im Grunde genommen nichts genauer vorsehen können, als jeder andere. Auch wenn ihr Appell an die Verantwortung des Individuums zynisch zu sein scheint, weist gerade er auf die einzige zugängliche Lösung für jeden, der nur auf sich selbst verlassen kann.

Ständige Auseinandersetzungen mit Risiken haben dazu geführt, dass die Selbstempfindung des einzelnen Mitglieds der Weltrisikogesellschaft den Gefühlen eines Soldaten im Krieg ähnlich ist. Ständig bedroht fast von allen Seiten, zum Augenzeugen (auch wenn virtuell) vieler Katastrophen geworden, gewöhnt man sich im Laufe der Zeit mehr oder weniger an die außerordentliche Situationen, an Gedanken, dass man nächstes Mal auch selbst getroffen werden kann, und entwickelt individuelle und kollektive Überlebensstrategien. Man sieht sich als einen von vielen, die in ihrer Unsicherheit und in ihren Zweifeln gleich sind, und ist bewusst, dass man nur allein für sich selbst verantwortlich ist. Zu der eigenen Identität gehört Kontrast zum Feindesbild, der je nach Situation unterschiedlich ist. Man versucht, die Umstände mit Ironie wahrzunehmen, die mit dem schwarzen Humor grenzt. Weltanschauung und Motivationen werden auf der Risikokultur aufgebaut.

Die Wahrnehmung von sich selbst als einer der potentiellen Opfer und gleichzeitig als eines Einzelkämpfers ist für die Amerikaner nach dem 11. September 2001 und für viele Europäer nach 2004 besonders deutlich geworden.

Die Entstehung von Risikokulturen (oder Risikoreligionen) ist eine logische Reaktion der Gesellschaft auf die Erscheinung der Risiken. Für den einzelnen Menschen ist es aber entscheidend, in der fortbestehenden Situation eine Fähigkeit des kritischen Denkens, der rationalen Wahrnehmung und objektiven Auswertung der Ereignisse in der Welt sowie unmittelbar um ihn herum zu entwickeln und zu erhalten. Um nicht in die Panik zu geraten, ist es sehr wichtig, mehr als mit einer Meinung und Perspektive zu jeweiligem Thema zu rechnen, und alle Ereignisse und Gegenstände möglichst vielseitig zu bewerten.

[...]


[1] Beck, S.61.

[2] Beck, S.143.

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Instruktion zum Überleben
Untertitel
Wahrnehmung der Weltrisikogesellschaft von ihren einzelnen Mitgliedern (nach der Theorie von Ulrich Beck)
Hochschule
Αριστοτέλειο Πανεπιστήμιο Θεσσαλονίκης - Thessaloniki
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2008
Seiten
4
Katalognummer
V150391
ISBN (eBook)
9783640615162
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Globalisierung, Weltrisikogesellschaft, Ulrich Beck, Risiken, Überlebensstrategien
Arbeit zitieren
Bachelor Olga Lantukhova (Autor), 2008, Instruktion zum Überleben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150391

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