[...] Nach einer 36 Jahre andauernden Diktatur, in der jegliche Art des Pluralismus und
der politischen Opposition unterdrückt worden war, ist Spanien erst nach dem Tod des
ehemaligen Diktators Francisco Franco 1975 wieder zu einem demokratischen System
mit freier Parteienbildung und freien demokratischen Wahlen zurückgekehrt und
meisterte den Übergang vom repressiven Regime zur parlamentarisch-demokratischen
Monarchie auf einem meist friedlichen und gewaltfreien Weg. Eine Schwierigkeit, die
dabei bestand und nach wie vor von überragender Bedeutung bei der politischen
Gestaltung des Landes ist, liegt in seiner Völkervielfalt, die in den zum Teil sehr starken
autonomistischen Bestrebungen einzelner Regionen zum Ausdruck kommt. Die Aufgabe,
Einheitsstaat und Autonomiebestrebungen in Einklang zu bringen, bedeutet für
die jeweilige spanische Regierung eine stetige Herausforderung.
Und auch in der Parteienlandschaft wird dieser Konflikt deutlich sichtbar. Denn es
existiert im heutigen Spanien neben den beiden großen Volksparteien Partido Socialista
Obrero Español (PSOE) und Partido Popular (PP) lediglich eine weitere Partei, die
Izquierda Unida (IU), die auf gesamtstaatlicher Ebene eine Rolle spielt. Bei allen weiteren
für die Parlaments- und Regierungsbildung bedeutsamen Parteien handelt es sich
um regionale Parteien und Parteienbündnisse, hauptsächlich aus Katalonien und dem
Baskenland.
In dieser Arbeit sollen die wichtigsten Parteien des heutigen Spaniens behandelt
werden. Für eine angemessene Analyse der Parteienlandschaft ist jedoch auch die Betrachtung
des historischen Hintergrundes und der Bedingungen, die zur Entstehung des
derzeitigen Parteiensystems führen konnten, von entscheidendem Interesse. Daher wird
in Teil II zunächst ein Überblick über die Entstehung und Entwicklung des demokratischen
Systems nach 1975 gegeben. Im dritten Kapitel geht es um das derzeit bestehende
politische System Spaniens als Resultat der Entwicklungen Ende der 70er Jahre und
Kapitel IV setzt sich ausführlich mit einzelnen Parteien auseinander, wobei die Auswahl
hier auf einige wesentliche Parteien beschränkt bleibt. Es werden neben den drei oben
erwähnten gesamtstaatlichen Parteien jeweils eine Regionalpartei aus den drei Autonomen
Gemeinschaften Katalonien, dem Baskenland und Galicien vorgestellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Die Entstehung der spanischen Demokratie unter besonderer Berücksichtigung des Parteiensystems
2.1 Das Ende des Franquismus
2.2 Die ersten Parlamentswahlen
2.3 Die Verfassung von 1978
2.4 Die politische Entwicklung in den 70er und 80er Jahren
3. Das politische System Spaniens
3.1 Das Parlament – Cortes Generales
3.2 Die Regierung
3.3 Das Wahlsystem
4. Das spanische Parteiensystem
4.1 Überregionale Parteien
4.1.1 Partido Socialista Obrero Español (PSOE)
4.1.2 Partido Popular (PP)
4.1.3 Izquierda Unida (IU)
4.2 Regionale Parteien
4.2.1 Katalonien: Convergència i Unió (CiU)
4.2.2 Baskenland: Partido Nacionalista Vasco (PNV)
4.2.3 Galicien: Bloque Nacionalista Galego (BNG)
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die Entwicklung und Struktur des spanischen Parteiensystems nach dem Ende der Franco-Diktatur und untersucht, wie historische Bedingungen sowie das politische System des Landes die heutige Parteienlandschaft prägen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf dem Spannungsfeld zwischen dem Einheitsstaat und den starken Autonomiebestrebungen in den verschiedenen Regionen.
- Historische Genese der spanischen Demokratie seit 1975
- Strukturen des politischen Systems und das Wahlsystem
- Analyse der gesamtstaatlichen Parteien (PSOE, PP, IU)
- Bedeutung und Rolle der Regionalparteien (CiU, PNV, BNG)
- Herausforderungen der Autonomiefrage für die Regierungsbildung
Auszug aus dem Buch
4.2.2 Baskenland: Partido Nacionalista Vasco (PNV)
Die baskische Partido Nacionalista Vasco (PNV) wurde 1895 von Sabino Arana gegründet und ist neben der PSOE eine der ältesten Parteien Spaniens (Magone 2004: 103). Eines der Ziele ihrer Gründung stellte die Förderung der baskischen Sprache und Kultur dar. Außerdem sollte dem baskischen Volk eine Möglichkeit geboten werden, seinen politischen Interessen Ausdruck zu verleihen (Donaghy/Newton 1987: 168?). Während die PNV von Donaghy/Newton als konservativ, katholisch und im Laufe ihrer Geschichte zeitweise radikal nationalistisch beschrieben wird, bezeichnet Magone (2004: 103) ihre ursprüngliche Ideologie als rassistisch und extrem anti-spanisch. Bernecker (1981: .644) weist darauf hin, daß die ideologischen Vorstellungen, die die PNV im Laufe der Zeit vertreten hat, von der Forderung nach gänzlicher Unabhängigkeit des Baskenlandes von Spanien bis hin zu einer gemäßigteren Position, die lediglich eine umfassende Autonomie und Baskisierung der Bevölkerung verlangt, reichten. Laut Buse (1985: 231) ist die PNV deutlich christlichdemokratisch geprägt sowie in der baskischen Arbeiterschaft verwurzelt, was sich auch in der langjährigen Unterstützung durch die Gewerkschaft Solidaridad de Obreros Vascos zeigte. Sich selbst definiert die Partei als „Partido vasco, democrático, participativo, plural, aconfesional y humanista (...).“6 Während der Franco-Diktatur löste sich aus der PNV 1958 die Terrorgruppe Euskadi ta Askatasuma (ETA) heraus, die mittlerweile ein erhebliches Problem für die PNV darstellt, die ihre Ziele auf friedlichem Wege durchzusetzen versucht (Magone 2004: 104).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Das Kapitel erläutert den Übergang Spaniens zur Demokratie nach 1975 und stellt das Spannungsfeld zwischen Einheitsstaat und Autonomiebestrebungen vor, welches die Parteienlandschaft prägt.
2. Die Entstehung der spanischen Demokratie unter besonderer Berücksichtigung des Parteiensystems: Hier wird der schrittweise Prozess der Demokratisierung vom Ende des Franquismus über die ersten Wahlen bis hin zur Verfassung von 1978 und den politischen Entwicklungen in den 80er Jahren detailliert dargestellt.
3. Das politische System Spaniens: Dieser Abschnitt beschreibt die zentralen Institutionen der parlamentarischen Monarchie, insbesondere das Zweikammersystem (Cortes Generales), die Regierungsstrukturen und die Funktionsweise des Wahlsystems.
4. Das spanische Parteiensystem: Das Hauptkapitel analysiert das heutige Parteienspektrum, unterteilt in die gesamtstaatlich agierenden Parteien (PSOE, PP, IU) und bedeutende Regionalparteien aus Katalonien, dem Baskenland und Galicien.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Transformation Spaniens zu einer funktionierenden Demokratie zusammen und betont die anhaltende Bedeutung der Autonomiefrage für die politische Zukunft des Landes.
Schlüsselwörter
Spanien, Parteiensystem, Demokratisierung, Franquismus, Verfassung von 1978, Cortes Generales, Wahlsystem, Autonomiebestrebungen, PSOE, Partido Popular, Izquierda Unida, Regionalparteien, Katalonien, Baskenland, Galicien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entwicklung und der aktuellen Struktur der Parteienlandschaft in Spanien seit der Wiederherstellung der Demokratie in den 1970er Jahren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen der historische Wandel vom Diktatur- zum Demokratiemodell, das politische Institutionengefüge sowie die Rollenverteilung zwischen gesamtstaatlichen und regionalen Parteien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Entstehung des heutigen Parteiensystems zu rekonstruieren und zu erläutern, warum Regionalparteien im spanischen Parlament eine so maßgebliche Rolle bei der Regierungsbildung spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse zeitgeschichtlicher und politikwissenschaftlicher Standardwerke über Spanien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine systematische Analyse der drei großen nationalen Parteien (PSOE, PP, IU) und stellt exemplarisch drei wichtige Regionalparteien vor, die die Autonomie ihrer Regionen im nationalen Parlament vertreten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen gehören Demokratisierung, Parteienpluralismus, Autonomiestatute, Wahlsystem und die spezifischen Profile der Parteien PSOE, PP, PNV, CiU und BNG.
Wie beeinflusst das spanische Wahlsystem die Macht der Regionalparteien?
Das Wahlsystem begünstigt durch die Aufteilung in Wahlkreise und das d’Hondtsche Prinzip Parteien, die in regionalen Hochburgen stark sind, was den Einzug regionalistischer Parteien in den nationalen Kongress erleichtert.
Welche Rolle spielt der sogenannte Plan Ibarretxe?
Der Plan Ibarretxe war ein baskischer Gesetzesentwurf, der eine weitgehende Eigenstaatlichkeit bzw. Souveränität vorsah und im Jahr 2005 im spanischen Parlament an der Ablehnung durch die großen Parteien PSOE und PP scheiterte.
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- Svenja Schell (Author), 2006, Die spanischen Parteien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150477