Widerspiegelung der Misogynie in der Erzählung "Luischen" von Thomas Mann


Seminararbeit, 2009
16 Seiten, Note: sehr gut (9/10)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Misogynie um die Jahrhundertwende
1.1. Historisch-gesellschaftliche Ursachen
1.2. Wissenschaftliche Begründungen
1.3. Auswirkungen auf Literatur und Kunst: das Bild der femme fatale

2. Thomas Mann, “Luischen“ (1900): Schilderung der Frau als Bedrohung
2.1. Inhalt
2.2. Die Protagonistin als femme fatale

3. Mehrdeutigkeit der Erzählung
3.1. Ironie in den frühen Werken von Thomas Mann
3.2. Ambiguität in der Erzählung „Luischen“

Schluss

Quellenverzeichnis

Einleitung

Die Stimmungen der Jahrhundertwende sind am stärksten durch Hoffnungen auf eine Erneuerung und Erwartungen einer Veränderung bezeichnet. In dieser Zeit aber geschahen tatsächlich viele Veränderungen in verschiedenen Bereichen, die das kulturelle und gesellschaftliche Leben stark beeinflussten.

Eine der wichtigsten davon ist die Änderung von Einstellungen zum Thema Sexualität und Geschlechterbeziehungen. Sex wurde zum Forschungsobjekt der Medizin, besonders der neu erschienenen Psychologie. Diese Entwicklungen hatten entsprechende Auswirkungen auf die Kultur der Zeit.

Das Thema der vorliegenden Hausarbeit ist Abbildung der negativen Einstellungen zu den Frauen (Stereotypen der Misogynie) und des Bildes von femme fatale in der Erzählung von Thomas Mann „Luischen“.

Misogynie (Frauenhass) ist eine Abneigung von Frauen, die auf sexistischen Prinzipien und negativen Stereotypen aufgebaut ist. Zum ersten Mal wurde dieser Begriff vom griechischen Philosoph Antipatros von Tarsos im Bezug auf Abbildung der Frauenfiguren in den Werken von Euripides verwendet (ca. 150 v. Chr.)[1]. Um die Jahrhundertwende bekam Misogynie eine Verbreitung, die ihre Äußerungen auch in der Kunst und Literatur fand.

Das erste Kapitel schafft einen Überblick über die gesellschaftlichen Ursachen der Stimmungen von Misogynie um die Jahrhundertwende, die abwertenden wissenschaftlichen Theorien über die Frauen sowie die Entwicklung des Bildes von femme fatale.

Im zweiten Kapitel wird das Bild der Hauptfigur der Erzählung „Luischen“ analysiert. Dabei werden Zusammenhänge zwischen dessen Merkmalen, den antifeministischen Theorien und dem Bild der femme fatale festgestellt.

Das dritte Kapitel bildet einen Versuch der Deutung aus der Sicht von ironischer Ambiguität, die für die Frühwerke von Thomas Mann wie auch für seine Werke im allgemeinen charakteristisch ist.

Die Ergebnisse werden im Schluss abgerundet.

1. Misogynie um die Jahrhundertwende

1.1. Historisch-gesellschaftliche Ursachen

Die Zeit von Fin de siècle wurde von vielen einflussreichen Entwicklungen bezeichnet, die auf die Weiterentwicklung der Gesellschaft prägende Auswirkungen hatten. Ein Anfang solcher Entwicklung waren die ersten Frauenbewegungen und Fragestellung über die traditionellen Geschlechterrollen. Während die Frauenfrage in Deutschland noch im Vormärz entstand, begann erst um 1890 eine aktive Entwicklung der Frauenbewegungen. Viele Probleme, unter anderem Frauenstimmrecht, Berufstätigkeit der Frauen, Mädchenbildung, Rechte auf Universitätsbildung, Rechtsstellung der verheirateten Frauen sowie auch Sexualmoral und Ethik der Gesellschaft, wurden geltend gemacht.[2]

Bis zu dieser Zeit galt es als selbstverständlich, dass die Frau ihr Leben lang von einem Mann- ihrem Vater oder Gatten- abhängig sein sollte, ihre Rolle als Hausfrau- und Mutterrolle vorbestimmt war, in der Gesellschaft befand sie sich auf einer niedrigerer Stelle im Vergleich zu den Männern (oder ihre Stelle wurde ausschließlich durch ihren Mann bestimmt), und im Falle der Scheidung bekam der Vater die Rechte über die Kinder. Forderungen der Frauen nach Gleichberechtigung stießen auf Missverständnis und Ablehnung und fanden nur wenig Unterstützung in der Öffentlichkeit der konservativen Gesellschaft. Zum Beispiel, das Ziel eines Mädchengymnasiums wurde folgenderweise formuliert:

“...die Vermittlung einer allgemeinen, nicht berufstätigen weiblichen Bildung auf sittlich-religiöser Grundlage, <> Schulen, die ihre Schülerinnen nicht zu den Konkurrentinnen der Männer, sondern zu ihren Gehilfinnen, nicht zu Gelehrtinnen, sondern zu tüchtigen deutschen Hausfrauen machen sollen” (1898, Preußisches Kultusministerium zur Einrichtung eines Mädchengymnasiums in Breslau)[3]

Kritische Einstellungen von Konservatoren gegen die Frauenbewegung hingen teilweise auch mit den Verbindungen der Frauenvereine zu den sozialistischen Bewegungen und mit der Sozialistenverfolgung im Deutschen Kaiserreich zusammen. Auch hier waren Forderungen nach Gleichheit als Möglichkeit der Konkurrenz angesehen.

Der Antifeminismus als Mittel der Erhaltung von männlichen Gesellschaftsordnung und die Gegenreaktion zu den Frauenbewegungen fanden seine Äußerung in den misogynen Stimmungen, die sich in der Epoche der Wiener Moderne verbreiteten.

1.2. Wissenschaftliche Begründungen

Frauenfeindliche Überzeugungen der Antifeministen fanden ihre Untermauerung in philosophischen und pseudowissenschaftlichen medizinischen Theorien, die zu dieser Zeit geschrieben oder wiederentdeckt wurden.

Die wichtigste medizinische Theorie, die in diesem Bezug zu nennen ist, ist das Werk von Paul Julius Möbius Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes (1900) . In diesem Werk verweist Möbius auf die 1894 erschienene Untersuchung von Cesare Lombroso Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte. Der Autor behauptet, dass die gesellschaftliche Rolle der Frau als Hausfrau und Mutter von ihren physiologischen Eigenschaften bestimmt ist, die als diejenige eines „Mitteldings zwischen Kind und Mann“ definiert werden. Nach Möbius, hängt der Intellekt der Frau von der Größe ihres Gehirns, der kleiner als der männliche ist; deswegen ist sie geringer geistig begabt, als der Mann, und besitzt nur wenige schöpferische Eigenschaften (wenn überhaupt). Die hauptsächliche Eigenschaft der Frau dagegen ist der Instinkt, der sie „unselbständig, sicher und heiter“ macht; eine Frau begründet ihre Handlungen nicht rational, sondern emotional, ist unfähig zur Selbstbeherrschung und zum klaren Denken, kann deswegen unmoralisch handeln und hat mehr Neigungen zum Verbrechen als der Mann. Während der Mann über Verstand verfügt, ist die Frau nur „schlau“ und lügnerisch, denn die Lügen sind ihre „natürliche und unentbehrlichste Waffe“. Dazu sagt Möbius, dass die ganze Energie der Frau darauf gerichtet ist, einen Mann zu bekommen. Einer der Ergebnisse, zu dem der Autor kommt, ist dass die Emanzipation und alle ihre Folgen (z. B. Mädchenbildung) für die Frauen unnatürlich und schädlich sind[4].

Auch in der Philosophie der Jahrhundertwende waren zahlreiche Begründungen der Misogynie geäußert. So sind in den Werken von Friedrich Nietzsche, die auf die Literatur und Denkweise der Epoche eine prägende Bedeutung hatten und auch diejenige des kommenden Jahrhunderts stark beeinflussten, misogynische Äußerungen zu finden, zum Beispiel, das berüchtigte Zitat aus 1883 erschienenem Werk Also sprach Zarathustra: „Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!“. Dabei ist aber zu beachten, dass Nietzsches Philosophie in diesem Sinne nicht eindeutig zu interpretieren ist - erstens, weil es anhand von einzelnen Zitaten unmöglich ist[5], zweitens, weil in seinen Werken nicht nur die Frauen, sondern auch die Männer, die christliche Religion und das Moral der zeitgenössischen bürgerlichen Gesellschaft sowie die ganze Menschheit kritisch eingeschätzt werden.

Ein großer Philosoph, dessen Werk Parerga und Paralipomena 1851 geschrieben wurden, einen halben Jahrhundert später aber den Frauenhasser Argumente lieferte, ist Arthur Schopenhauer. In einem Auszug dieses Werkes , bekanntem als Über die Weiber, äußerte er die Idee, dass die Frauen zu großer intellektueller Arbeit oder zu starken geistigen Aufregungen unfähig sind, weil sie „Zeit Lebens große Kinder“ sind. Da den Frauen Fähigkeiten zu Überlegung mangeln, ersetzen sie diese mit „Verstellungskunst“, sind also von der Natur an betrügerisch. Sie haben keinen wirklichen Sinn und Geschmack für die Künste, und ihr angebliches Interesse dafür ist nur Heuchelei, die darauf gerichtet ist, allgemeines Interesse für sich selbst zu wecken. Schopenhauer vertritt die Meinung, dass die Abhängigkeit von Männern die einzige denkbare Lebensweise der Frauen darstellt[6].

Sehr wichtig in diesem Zusammenhang ist das Hauptwerk von Otto Weininger Geschlecht und Charakter. Eine prinzipielle Untersuchung (1903), in dem einige charakteristische Bestandteile der gesellschaftlichen Stimmungen, vor allem allgemeine Vorurteile über die Geschlechter (auch aber Antisemitismus, obwohl der Autor selbst jüdisch war) ihre Äußerung finden. In seinem philosophischen Werk benutzt Weininger Argumente aus verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen.

Der Autor vertritt die Meinung, dass es Idealtypen des Charakters M und W gibt, wobei eine Person Elemente aus beiden Typen enthalten kann, im Endeffekt entspricht der dominierende Typ dem biologischen Geschlecht. Der hauptsächliche Unterschied zwischen Mann und Weib besteht darin, dass „W ist nichts als Sexualität, M ist sexuell und noch etwas darüber“. Da das Weib nur aus Geschlechtstrieb besteht, hat es keine Persönlichkeit, keinen eigenen Charakter und keine Fähigkeiten zum logischen Denken. Es hat keine Ahnung von moralischen Werten und Tugenden und ist deswegen amoralisch, schamlos und unsozial. „Die Phantasie des Weibes ist Irrtum und Lüge, die Phantasie des Mannes hingegen, als Künstlers und Philosophen, erst höhere Wahrheit“. Der Autor vergleicht Charakteristika des Weibes mit den „typischen“ Merkmalen der Juden.

Weininger meint, dass Emanzipation nicht von den Frauen, sondern von dem männlichen Bestandteil deren Charakters erfordert wird, dem Weibe selbst aber ist es völlig widerlich. Er meint aber, dass die Frauen gleiche Rechte mit den Männern haben sollen (außer Teilnahme an der politischen Tätigkeit)[7].

[...]


[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Misogyny

[2] Schenk, S.

[3] Weber-Kellermann, S.

[4] Möbius: http://ngiyaw-ebooks.org/ngiyaw/moebius/schwachsinn/schwachsinn.htm

[5] Bordat, http://www.recenseo.de/index.php?id=112&kategorie=artikel&nav=Inhalt

[6] Schopenhauer, http://aboq.org/schopenhauer/parerga2/weiber.htm

[7] Weininger, S.41-52.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Widerspiegelung der Misogynie in der Erzählung "Luischen" von Thomas Mann
Hochschule
Αριστοτέλειο Πανεπιστήμιο Θεσσαλονίκης - Thessaloniki
Veranstaltung
Erotik und Sexualität in Literatur und Kunst der Jahrhundertwende
Note
sehr gut (9/10)
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V150526
ISBN (eBook)
9783640615209
ISBN (Buch)
9783640615643
Dateigröße
520 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas Mann, Luischen, Misogynie, Jahrhundertwende, Femme Fatale, Ironie, Ambiguität, Erzählung
Arbeit zitieren
Olga Lantukhova (Autor), 2009, Widerspiegelung der Misogynie in der Erzählung "Luischen" von Thomas Mann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150526

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