Die vorliegende Seminararbeit befasst sich mit Strukturen und Besonderheiten der Wirtschaftskriminalität in der planwirtschaftlich geleiteten, realsozialistischen Diktatur der DDR. Zunächst wird auf kriminologische Definitions- und Erklärungsansätze zu Wirtschafts- und Staatskriminalität eingegangen, während im Anschluss initiale Bedingungen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung in der DDR beleuchtet werden. Darauffolgend analysiert die Arbeit die Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität im Strafrechtssystem der DDR und stellt einzelne Erscheinungsformen in der Bevölkerung näher vor, wobei danach Schwerpunkte auf Schmuggelgeschäften des Ministeriums für Staatssicherheit und von Privatpersonen, der Tätigkeit der staatlichen Unternehmung "Kommerzielle Koordinierung" sowie möglichen Untreuedelikten von Führungspersönlichkeiten der DDR am Beispiel von Erich Honecker liegen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Definitions- und Erklärungsansätze für Wirtschafts- und Regierungskriminalität
2.1 sozialistische Definition und Rechtssicherheit in der DDR
2.2 moderne Definitionsansätze für Wirtschaftskriminalität
2.2.1 formelle Ansätze
2.2.2 materielle Ansätze
2.2.3 Vergleich mit sozialistischer Definition und sozialistischer Erklärung
2.3 begünstigende Faktoren, moderne westliche Kriminalitätstheorien
2.4 Regierungs- und Staatskriminalität
3 Die Entwicklung der DDR-Wirtschaft
4 Das Staats- und Gesellschaftssystem der DDR
5 erste Vermutungen für Kriminalitätsentstehung
6 Umgang mit Wirtschaftskriminalität in der DDR-Bevölkerung, ausgewählte Phänomene und deren Bewertung
6.1 Wirtschaftsstrafverordnung und Volkseigentumsschutzgesetz
6.2 Das Strafgesetzbuch der DDR
6.2.1 Straftaten gegen sozialistisches Eigentum
6.2.2 Straftaten gegen die Volkswirtschaft
6.2.3 Wirtschaftskriminalität im weiteren Sinne
6.3 außerhalb des StGB und außerhalb normaler Sanktionen
6.4 strafrechtliche Reformen
6.5 Statistik
6.6 Problematiken von Wirtschaftsstrafrecht und Rechtspolitik
7 Edelmetallschmuggel durch Private, MfS und Diplomaten
8 staatlich initiierte Wirtschaftskriminalität des Bereichs Kommerzielle Koordinierung
9 Der Fall Honecker – Wirtschaftskriminalität von Politfunktionären
10 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Strukturen und Besonderheiten der Wirtschaftskriminalität im Rahmen der planwirtschaftlich organisierten DDR. Dabei wird insbesondere analysiert, wie politische Rahmenbedingungen sowie die Mangelwirtschaft kriminelles Handeln auf individueller und staatlicher Ebene begünstigten und wie der SED-Staat dieses Phänomen einerseits strafrechtlich verfolgte und andererseits durch Institutionen wie den Bereich "Kommerzielle Koordinierung" selbst ausübte.
- Kriminologische Einordnung von Wirtschafts- und Staatskriminalität im sozialistischen Kontext.
- Analyse der volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen als Nährboden für Delikte.
- Untersuchung der strafrechtlichen Verfolgung von Wirtschaftsstraftaten in der DDR-Bevölkerung.
- Darstellung staatlich initiierter Kriminalität durch MfS und den Bereich Kommerzielle Koordinierung.
- Fallbeispiel Erich Honecker als Beispiel für Wirtschaftskriminalität von Politfunktionären.
Auszug aus dem Buch
2.1 sozialistische Definition und Rechtssicherheit in der DDR
Dem Wörterbuch der sozialistischen Kriminalistik zufolge erfasst der Begriff der Wirtschaftskriminalität „Straftaten, die die Leitung und Planung der Volkswirtschaft durch die dafür zuständigen staatlichen und wirtschaftsleistenden Organe beeinträchtigen; den ordnungs- und planmäßigen Ablauf ökonomischer Prozesse und den zweckbestimmten und effektiven Einsatz der materiellen und finanziellen Mittel der Volkswirtschaft vereiteln oder beeinträchtigen; das Außenhandelsmonopol des sozialistischen Staates verletzen und die Devisenwirtschaft sowie die Währung der DDR schädigen; von Personen unter Missbrauch ihrer Stellung oder Funktion im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess begangen und durch die betriebliche Fonds aus materiellem oder ideellem Vorteilsstreben geschädigt werden; durch vorsätzliche oder fahrlässige Zerstörung, Beschädigung oder Gebrauchsminderung von Produktionsmitteln oder anderen wirtschaftlichen Zwecken dienenden Gegenständen zu wirtschaftlichen Schäden führen.
Dazu gehören sowohl Straftaten nach den Tatbeständen des StGB [der DDR], u. a. bestimmte Straftaten gegen das sozialistische Eigentum sowie die allgemeine Sicherheit [z. B. Arbeitsschutz] als auch Tatbestände außerhalb desselben (z. B. Zoll- und Devisengesetz) sowie alle Finanzdelikte, ungeachtet ihrer strafrechtlichen Zuordnung.“
Demgegenüber kannte bzw. verfolgte die sozialistische Kriminalistik keine Staats-/Regierungskriminalität zu Blütezeiten der Herrschaft der Sozialistischen Einheitspartei, was sich nicht zuletzt in der späten Aufarbeitung der Mauerschützenfälle sowie Ermittlungen wegen Hochverrats, Korruption und Wahlfälschung gegen Führungspersönlichkeiten erst am Ende der DDR bzw. nach der Wiedervereinigung widerspiegelt, indirekt auch am DDR-spezifischen Rechtssicherheitsbegriff.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz der Wirtschaftskriminalität in modernen Industriegesellschaften ein und skizziert das spezifische Problemfeld staatlich organisierter Delikte in der DDR.
2 Definitions- und Erklärungsansätze für Wirtschafts- und Regierungskriminalität: In diesem Kapitel werden sozialistische versus westliche Definitionen gegenübergestellt, kriminologische Theorien auf die DDR übertragen und Begriffe für Staats- sowie Regierungskriminalität abgegrenzt.
3 Die Entwicklung der DDR-Wirtschaft: Dieses Kapitel erläutert die wirtschaftliche Ausgangslage der DDR nach dem Zweiten Weltkrieg, geprägt von Reparationen, Deindustrialisierung und Mangelwirtschaft.
4 Das Staats- und Gesellschaftssystem der DDR: Hier wird das totalitäre System der DDR, die Machtmonopole der SED und die Instrumentalisierung von Wirtschaft und Justiz dargestellt.
5 erste Vermutungen für Kriminalitätsentstehung: Dieses Kapitel verknüpft Kriminalitätstheorien mit den realen Bedingungen in der DDR und identifiziert Mangelwirtschaft und Planvorgaben als zentrale Motivatoren für Fehlverhalten.
6 Umgang mit Wirtschaftskriminalität in der DDR-Bevölkerung, ausgewählte Phänomene und deren Bewertung: Das Kapitel analysiert die spezifischen DDR-Straftatbestände, Strafverfolgungspraxis sowie statistische Trends im Umgang mit Delikten durch die Bevölkerung.
7 Edelmetallschmuggel durch Private, MfS und Diplomaten: Diese Analyse beleuchtet, wie Gold und Silber als Schmuggelware aufgrund der Mangelwirtschaft und Preisunterschiede zwischen Ost und West enorme finanzielle Anreize boten.
8 staatlich initiierte Wirtschaftskriminalität des Bereichs Kommerzielle Koordinierung: Dieses Kapitel deckt die Tätigkeit der KoKo auf, die mittels illegaler Außenhandelspraktiken Devisen für das SED-Regime erwirtschaftete.
9 Der Fall Honecker – Wirtschaftskriminalität von Politfunktionären: Anhand des Strafverfahrens gegen Erich Honecker wird die Problematik der Aufarbeitung von wirtschaftlichen Machtmissbrauch durch das Spitzenpersonal der SED-Diktatur thematisiert.
10 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Wirtschaftskriminalität in der DDR strukturell im politischen System begründet war und maßgeblich zum Niedergang der DDR-Wirtschaft beitrug.
Schlüsselwörter
Wirtschaftskriminalität, DDR, Planwirtschaft, SED, Sozialismus, Straftat, Volkseigentum, Mangelwirtschaft, Regierungskriminalität, Kommerzielle Koordinierung, MfS, Strafrecht, Devisen, Schmuggel, Machtmissbrauch
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die verschiedenen Erscheinungsformen der Wirtschaftskriminalität in der DDR, unterscheidet dabei zwischen Alltagskriminalität und staatlich organisierter Kriminalität und ordnet diese in den Kontext der Planwirtschaft ein.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Zentrale Felder sind die Definition von Wirtschaftskriminalität unter sozialistischen Vorzeichen, der Umgang des DDR-Strafrechtssystems mit solchen Delikten sowie kriminelle Aktivitäten staatlicher Akteure wie der Bereich KoKo und das MfS.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das primäre Ziel ist die Untersuchung der Strukturen der Wirtschaftskriminalität in der DDR, insbesondere die Verifizierung der Thesen, dass Regierungsstellen entgegen der Verfassung handelten und die Mangelwirtschaft illegale Aktivitäten beförderte.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor führt eine kriminologische und rechtswissenschaftliche Analyse durch, die auf der Auswertung von Fachliteratur, DDR-Strafgesetzen, historischen Dokumenten und Gerichtsurteilen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Entwicklung der DDR-Wirtschaft, die theoretische Grundlagen der Kriminalitätsentstehung, spezifische Strafrechtsnormen wie das StGB-DDR sowie reale Fallbeispiele von Schmuggel und staatlich koordinierter Wirtschaftskriminalität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die inhaltliche Ausrichtung?
Kernbegriffe wie Planwirtschaft, Volkseigentum, Mangelwirtschaft, Regierungs- und Staatskriminalität sowie der Bereich Kommerzielle Koordinierung sind essentiell für das Verständnis der Arbeit.
Wie unterschied sich die Definition von Wirtschaftskriminalität in der DDR von westlichen Ansätzen?
Während in der modernen BRD formelles Recht und Schadenspotenzial entscheidend sind, war die DDR-Definition stark ideologisch geprägt und fokussierte den Schutz des Volkseigentums und das Funktionieren der Planwirtschaft.
Welche Rolle spielte der Bereich "Kommerzielle Koordinierung" (KoKo) bei illegalen Aktivitäten?
Die KoKo wurde vom SED-Regime strategisch eingesetzt, um unter Umgehung von Embargos und Gesetzen kapitalistische Valuta zu erwirtschaften, was den kriminellen Interessen des Staates diente.
- Arbeit zitieren
- Maximilian Mayer (Autor:in), 2024, Strukturen und Besonderheiten der Wirtschaftskriminalität in der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1505927