Jean-Jacques Rousseau in der Kritik


Seminararbeit, 2010
14 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einführung

2. Rousseaus Demokratieverständnis
2.1 Der Naturzustand – das verlorene Ideal
2.2 Das Ende der Naturzustands – der soziale Sündenfall
2.3 Der Gesellschaftsvertrag – Lösung des Problems
2.4 Volonté générale – Grundlage der neuen Gesellschaft

3. Fraenkels Kritik
3.1 Rousseau, ein Totalitarist?
3.2 Fehler im Ansatz

4. Eine Gegendarstellung – Rousseau, ein Liberalist?

5. Positionierung und Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Jean-Jacques Rousseau ist einer der kontroversesten und einflussreichsten Autoren der Neuzeit. Angetrieben von der Hoffnung auf ein besseres Dasein in einer gerechten Gesellschaft mit moralisch guten Bürgern, stellt er sich als Idealist, mancher möge meinen, als Utopist seinen Lesern vor. Der im Jahr 1712 in Genf geborene Franzose machte vor allem die Gesellschaft dafür verantwortlich, dass aus der vormals guten Natur der Menschen eine schlechte geworden sei. Er hat sich auf die Suche nach einer Lösung für dieses Problem gemacht und ein Kerngedanke, von dem, was er gefunden hat, ist Gegenstand dieses Textes.

Diese Seminararbeit wird sich mit ihm und seinem Demokratieverständnis auseinandersetzen. Außerdem wird die Kritik von Ernst Fraenkel an dem Ansatz Rousseaus dargestellt. Hierbei wird es um die Frage gehen, inwieweit das Konzept wirklich auf die Freiheit des Menschen ausgerichtet ist. Rousseau wird von den unterschiedlichsten politischen Perspektiven rezipiert und für deren jeweilige Ansichten zitiert. Die Einen sehen in ihm einen Begründer des Liberalismus, andere halten ihn für einen Ideengeber und Verfechter des Totalitarismus. Sein Ideengut hat sich tief in das Demokratieverständnis der Europäer eingegraben und steht dem heute weit verbreiteten pluralistischen Grundgedanken entgegen.

Zentrale Fragestellung dieser Arbeit ist, welcher politischen Richtung Rousseau eher zuzuordnen ist.

In der Seminararbeit werde ich zuerst versuchen Rousseaus Konzept des Naturzustands und dessen Ende zu beschreiben. Daran angeschlossen, wird die von dem Franzosen vorgeschlagene Lösung dieses Problems durch den Gesellschaftsvertrag und der ihm zu Grunde liegenden volonté générale beleuchtet.

Dem folgt die Kritik Fraenkels, welcher Rousseau vorwirft sein Ansatz würde statt der individuellen Freiheit den Totalitarismus in den Mittelpunkt stellen. In diesem Zusammenhang habe ich versucht, die Kritik grob in vier Kategorien zusammenzufassen.

In einem weiteren Kapitel stelle ich einen Artikel von Andreas Edmüller den Kritikpunkten gegenüber. Zum Abschluss werde ich mich zu den Ansätzen positionieren und den Text grob zusammenfassen.

Neben den drei Primärtexten greift die Arbeit auf ausgewählte Sekundärliteratur zurück, mit der ich hoffe, eine der Thematik angemessen große Perspektivenvielfalt zu bieten. Der Widersprüchlichkeit, die sich in Rousseaus Person und seinen Werken widerspiegelt, kann damit aber keine Abhilfe geschafft und somit auch keine eindeutige Einordnung seines Schaffens vollzogen werden.

2. Rousseaus Demokratieverständnis

2.1 Der Naturzustand – das verlorene Ideal

Das von Jean-Jacques Rousseau im „Du Contrat Social“ (1762) verankerte Demokratieverständnis geht von einem Naturzustand aus, in welchem allein die Selbsterhaltung für den Menschen im Mittelpunkt steht. Der Mensch selbst ist unabhängig, kennt keine Pflichten und lebt friedlich in der Gemeinschaft mit anderen. In Gemeinschaft zu leben hat dabei noch nichts mit einer legitimen Herrschaftsform zu tun, sondern beschreibt ein einfaches Zusammenleben mit anderen Menschen (Vgl. Edmüller 2002: 370). Im Unterschied zu zeitgenössischen Autoren betrachtet Rousseau den Naturzustand als ideale Gesellschaft und sucht diese nicht in der Zukunft, sondern hat sie schon in der, wenn auch konstruierten, Vergangenheit gefunden. Nitschke spricht in diesem Zusammenhang von einer rückwärtsgewandten Utopie (Vgl. Nitschke 2000: 87). Rousseau selbst sah sich jedoch nicht als Utopist, sondern kritisierte diese Denktradition (Vgl. Saage/Heyer: 400f.)

Die Wirtschaft nimmt im Naturzustand noch keinen zentralen Stellenwert ein. Somit steht auch der Fortschritt als eher unwichtig zurück. Ohne die wirtschaftlichen Zwänge ist der Mensch weder moralischen Tugenden noch Lastern unterworfen und lebt als unschuldiges Wesen, welches gleichsam weder gut noch böse ist. Rousseau greift bei diesem Konzept auf den Vergleich zum Tier zurück, welches ebenfalls nur der Erhaltung seiner selbst und gelegentlich dem Mitleid gegenüber anderen dient (Vgl. Speth: 121). Mit diesem Rückgriff widerspricht Rousseau auch der zeitgenössischen Ansicht, der Mensch sei ein soziales Wesen von Natur aus. Er unterscheidet den Menschen vom Tier nur durch die Vernunft, die sein Überleben sichert, was jedoch nicht bedeutet, dass Rousseau selbige nur positiv betrachten würde (Vgl. Nitschke 2000: 84). Denn mit der Vernunft erhält der Mensch die Entscheidungsfreiheit, welche es ihm ermöglicht auch eine negative Entwicklung zu beschreiten, obwohl er dies bewusst nicht wahrnimmt, da er nicht nach moralischen Kategorien urteilt (Vgl. Edmüller 2002: 371f.).

2.2 Das Ende der Naturzustands – der soziale Sündenfall

Dieser Naturzustand findet durch die fortschreitende Gesellschaft ein jähes Ende. In ihr wird der Einzelne Problemen ausgesetzt, denen er sich allein nicht erwehren kann. Deshalb braucht er die Hilfe anderer, was zu Abhängigkeitsverhältnissen führt. Da sich diese Abhängigkeiten unterschiedlich stark ausprägen, geht neben der Freiheit auch die Gleichheit aller Menschen verloren. Praktisch drückt sich dies in der Arbeitsteilung aus. Mit jener strebt ein jeder nach der Vermehrung seines Privatbesitzes. Die Unzufriedenheit im Verhältnis zu anderen wird der Motor, welcher die Ungleichheit voran treibt. Fraenkel bezeichnet das eigentliche Aufkommen des Eigentums als sozialen Sündenfall, der den Idealzustand nach Rousseau auslöscht (Vgl. Fraenkel 1972: 169). Die Existenz von Privateigentum benötigt allerdings erst einmal Akzeptanz. Damit wird nicht der Mensch zum Anstoß, der Besitz für sich beansprucht, sondern der, der dies zulässt (Vgl. Sturma 2001: 62f.). Auch wenn man dies nicht mehr ändern könne, müsse zumindest das Privateigentum gegenüber dem Staatseigentum marginal sein, um die Macht des Souveräns so zu maximieren (Vgl. Fraenkel 1972: 171). Ein zentrales Problem ist hier außerdem, dass der Mensch seine Authentizität verliert, also Schein und Sein nicht mehr das Gleiche beinhalten (Vgl. Barth 1959: 23).

2.3 Der Gesellschaftsvertrag – Lösung des Problems

Da der Naturzustand nicht wieder herzustellen ist, ist das Ziel des Rousseauischen Konzepts, ein Vertrag, der die Freiheit und die mittlerweile notwendige Gesellschaft miteinander kombiniert, um somit eine gute Gesellschaft zu schaffen. Kern seines Vertrags ist, wie er selbst sagt, Folgendes: „Gemeinsam stellen wir alle, jeder von uns seine Person und seine ganze Kraft unter die oberste Richtschnur des Gemeinwillens; und wir nehmen, als Körper, jedes Glied als untrennbaren Teil des Ganzen auf“ (Rousseau 1991: 18). Um dies zu gewährleisten, müssen alle Mitglieder eines Volkes ihr Recht auf Selbsterhaltung veräußern und dem Gemeinwohl unterstellen. Da dies alle tun, wird der Grundsatz der Gleichheit wiederhergestellt. Anders ausgedrückt: „The general will is the will of the whole community when applied to the community as a whole“ (Melzer 1990: 154). Mit dem Vertragsabschluss findet die Freiheit ihren Weg zurück zu den Menschen; denn die Souveränität des Gemeinwillens, volonté générale, speist sich daraus, dass ihn alle tragen. Rousseaus Ansatz findet sich in der Annahme, dass Gesetze, die man über sich selbst beschließt, die eigne Freiheit nicht eingrenzen können, sondern selbige erst eröffnen. Indem ich alle Teile meines Lebens opfere und alle anderen es mir gleich tun, kommt keiner mehr auf den Gedanken, einem anderen Schaden zuzufügen (Vgl. Berlin 1958: 18). Dieser Gedanke kann jedoch nur funktionieren, wenn er absolut umgesetzt wird. Dieser Absolutheitsanspruch führt jedoch dazu, dass der Vertrag selbst hinter die Überlegungen zur volonté générale zurücktritt. Speth beschreibt den Zustand innerhalb eines solchen Vertrags als eine Doppelexistenz, in welcher der Mensch einerseits an der Souveränität teilhat, andererseits aber, wie alle anderen, selbiger unterworfen ist.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Jean-Jacques Rousseau in der Kritik
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Einführung in das Studium der politischen Theorie und Ideengeschichte
Note
3,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
14
Katalognummer
V150666
ISBN (eBook)
9783640620647
ISBN (Buch)
9783640620074
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jean-Jacques, Rousseau, Kritik
Arbeit zitieren
Christian Hochmuth (Autor), 2010, Jean-Jacques Rousseau in der Kritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150666

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