Der Umgang bildungsferner Jugendlicher mit Pornographie und die Auswirkung auf deren Sexualität


Magisterarbeit, 2009

179 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Forschungsfeld und Problemstellung
1.2 Aufbau der Arbeit

2. Das Genre der Pornographie
2.1 Die Pornographie
2.1.1 Etymologische Aspekte
2.1.2 Der Pornographiebegriff im Wandel oder Was ist Pornographie?
2.1.3 Sexualität in der Pornographie
2.2 Der pornographische Film (in Deutschland)
2.2.1 Definition „pornographischer Film“
2.2.2 Methoden und Quellen
2.2.3 Darlegung und Analyse des pornographischen Films
2.2.4 Geschlechtsakt
2.2.5 Point of View und Erzählperspektive
2.2.6 Funktionen

3. Die Rezipientengruppe Jugendliche
3.1 Definition des Begriffs „Jugend“
3.1.1 Entwicklungspsychologische Unterteilung der Jugendphasen
3.1.2 Veränderung der Jugendphasen
3.1.3 Probleme in der Jugendphase
3.2 Die Sozialisation
3.3 Die Lebenswelten Jugendlicher
3.3.1 Die Lebenswelt Eltern und Familie
3.3.2 Die Lebenswelt peer-group
3.3.3 Die Lebenswelt Schule und Arbeit
3.3.4 Die Lebenswelt Freizeit
3.4 Die Sexualität
3.4.1 Die Bedeutung der Sexualität im Jugendalter
3.4.2 Sexualität zwischen Natur und Kultur
3.5 Zur Bildung sexueller Normen und Werthaltungen
3.5.1 Die Entwicklung des moralischen Urteils
3.5.2 Das Lernen sexuellen Verhaltens und Erlebens
3.6 Jugend und Medien

4. Medienwirkung
4.1 Wirkungsbegriff
4.2 Wirkungsarten/ -bereiche
4.3 Theorien zur Wirkungsforschung
4.3.1 Sozial Kognitive Lerntheorien
4.3.2 Habituations-Hypothese
4.3.3 Erregungs-Transfer-Modell
4.3.4 Stimulationsthese
4.3.5 Theorie der Wirkungslosigkeit
4.5 Mediennutzung
4.5.1 Medienumgang unter erschwerten Lebensbedingungen
4.6 Realitätsvermittlung durch MassenmedienF

5. Methoden und Rahmenbedingungen der Untersuchung
5.1 Die Notwendigkeit verschiedener Interviewarten
5.1.1 Das problemzentrierte Interview
5.1.2 Das rezeptive Interview
5.1.3 Das ero-epische Gespräch
5.1.4 Das Gruppeninterview
5.1.5 Auswertungsverfahren

6. Pornos im jugendlichen Alltag
6.1 Pornokonsum
6.1.1 Altersstruktur und Bildungsstatus
6.1.2 Geschlechtsspezifischer Konsum
6.1.3 Beschaffungsmaßnahmen
6.1.4 Intensität des Konsums
6.2 Rezeptionssituation
6.2.1 Konsumort
6.2.2 Konsumsituation
6.2.3 Porno-Partys

7. Erkenntnisse zur Wirkung von pornographischen Filmen auf die Sexualität Jugendlicher
7.1 Die Wirkung auf männliche Jugendliche
7.1.1 Die Peepshow zu Hause
7.1.2 Das Leben fickt dich ständig
7.1.3 Sex ist Volkssport geworden
7.1.4 Ein Typ kommt immer zum Orgasmus
7.1.5 Verhüten tun nur Feiglinge
7.1.6 Das war nicht geplant, eher ein Unfall
7.2 Die Wirkung auf weibliche Jugendliche
7.2.1 Sexspielchen
7.2.2 Es waren erst drei
7.2.3 Sex ist wie rauchen
7.2.4 Wer will denn noch heiraten?
7.2.5 Wenn's geil war darf der Typ wiederkommen
7.2.6 Jungs stehen auf gangbang
7.2.7 Wenn ich könnte, würde ich zurückspulen
7.3 Stimmen aus Praxis und Forschung
7.3.1 Sexualität als Bestätigung
7.3.2 Der Staat ersetzt den Partner
7.3.3 Die nehmen das für bare Münze
7.3.4 Das ist kein Schulmädchenreport mehr

8. Die Gefahr der sexuellen Enthemmung

9. Schlussbetrachtung

10. Literaturverzeichnis
10.1 Onlinequellen
10.2 Filmographie

11. Anhang
11.1 Leitfaden – Experten
11.2 Leitfaden – Berater
11.3 Leitfaden für Gruppendiskussion Jugendliche
11.4 Persönliche Gespräche

I think the responsible approach to pornography has harmed no one, not even teenagers. (Shere Hite)

1. Einleitung

„Pornographie hat sich so in das Leben drumrum eingegliedert, man findet Pornographie zurzeit überall... Werbung für Hotlines, Shows, Filme. Was auch immer. Pornographie in der Musik. Jeder kennt doch King Orgasmus One, Bushido, Frauenarzt. Oder was weiß ich, in Werbe­sprüchen, keine Ahnung, da ist irgendein tiefgründigerer, also ein Spruch, der vielleicht was anderes meint, aber schon auf sowas rausläuft. Wie sagt man so schön, sex sells. [...] Und ich denke, dass wird mittlerweile schon so viel benutzt, dass es fast schon für jedermann ne Selbstver­ständlichkeit is. Vielleicht nicht im tieferen Sinne, aber im Mindestmaß schon.“

Die Worte eines 19-jährigen Sexualstraftäters zeigen, Sex ist überall. Die Gesellschaft – und im besonderen Maße die Jugend – hat sich daran gewöhnt. Linder schreibt in seinem GEO-Artikel „Auf der Suche nach der passenden Lust“, es sei geradezu ein Charakteristikum der modernen Gesellschaft, dass der sexuelle Phantasiekonsum immer wichtiger werde. „Es reicht nicht, einfach nur Sex zu haben, sondern er muss abwechslungsreich sein, einfallsreich, möglichst lange dauern und immer restlos befrie­digen“ (Linder 2007, S.43)

Das Belastende jedoch: Die sexuellen Phantasien, die uns auf Schritt und Tritt umge­ben, werden zum Leistungssoll, zu einer Norm. Während sich der deutsche Sexfilm der 70er Jahre noch einigermaßen darum bemühte einen sinnvollen und handlungsreichen Kontext für die Darstellung sexueller Handlungen zu ersinnen, ist dies bei den heutigen Produktionen kaum noch zu erkennen. Die Handlung reduziert sich im Wesentlichen auf einen Rahmen, der immer wieder eine neue Grundlage für sexuelle Handlungen bietet. Allerdings geht die Beziehung der Protagonisten nicht über die Sexualität hinaus. Belang­lose Bekanntschaften reichen schon aus um vielfältigsten Sex mit wechselnden Partnern zu haben. Es liegt also auf der Hand, dass es nicht darum geht, eine Story zu erzählen, sondern rein um einen stimulativen Effekt. (Monssen-Engberding 2000)

Die meisten Erkenntnisse über die inhaltlichen Merkmale pornographischer Medienan­gebote liegen für Filme vor. Zillmann (2004) stellt nach der Durchsicht verschiedener Inhaltsanalysen fest, dass heterosexueller Geschlechtsverkehr das dominante Motiv darstellt. Am häufigsten wird der genitale Koitus in verschiedenen Stellungen, inklusive Vorspiel (in aller Regel Fellatio und Cunnilingus) gezeigt. Charakteristisch für die Dar­stellungen sind außerdem: Sex braucht keinen besonderen Anlass, er macht allen Beteiligten immer und überall Spaß, er findet meist zwischen unbekannten oder flüchtig miteinander bekannten Personen und häufig in Anwesenheit anderer Personen statt. Frauen sind stets willig und genießen den Sex. Männer sind in der Regel dominant, wenngleich die Darstellung von Dominanz eher subtil ist (z.B. durch bestimmte Körper­haltungen; vgl. Brosius 1993; Zillmann 2004). Das Angebot an Pornofilmen lässt sich darüber hinaus nach spezifischen sexuellen Neigungen bzw. Praktiken (z.B. Homo­sexualität, Analverkehr), nach der Betonung bestimmter körperliche Merkmale (z.B. großer Busen, dicke Frauen) oder nach bestimmten Personengruppen (z.B. „reife“ Frauen, Teenies) klassifizieren (vgl. Faulstich, 1994).

1.1 Forschungsfeld und Problemstellung

Wie verarbeiten Kinder ihren Medienkonsum? Wie setzten sie sich mit diesem aus­einander? Inwiefern steht der Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen im Zusammenhang mit den alltäglichen Interaktionserfahrungen in der Familie? Und welche Bedeutung gewinnen die Medien insbesondere für die Entwicklung und Soziali­sation von Kindern und Jugendlichen?

Gerade eine Gesellschaft, die wie die unsere über keinen öffentlichen, sondern lediglich über einen medialen Diskurs zur Sexualität verfügt, kann es sich nicht leisten, diesen Diskurs wissenschaftlich zu ignorieren. Sexualität ist eine der wichtigsten Triebfedern für das Verhalten, nicht nur im „privaten“ Rahmen. Diesen Zusammenhang öffentlich und wissenschaftlich nicht zur Kenntnis zu nehmen heißt, Sexualität zum Privileg weniger zu machen, die sie zur Machtausübung benutzen. Deswegen halte ich es wie H. Montgomery Hyde, der bereits Anfang der 60er Jahre seine Untersuchung zur Geschichte der Pornographie damit legitimierte, dass eine Untersuchung dieses Gegenstandes Ergebnisse liefere, die über die Pornographie im engeren Sinn hinaus­weisen:

„Such a survey can be abundantly justified on sociological grounds, since pornography, however crude and unsophisticated in content, may provide an invaluable guide to the social habits and costums of the age which has produced it.“ (Hyde 1964, S.29)

Wissenschaftlich seriöse Untersuchungen über die Wirkung von Pornographierezeption gibt es praktisch noch keine, schon gar nicht, was die sexuellen Stimuli betrifft, von der Wirkung auf Kinder und Jugendliche ganz zu schweigen (Faulstich 1994). Es gibt nur zwei nennenswerte Untersuchungen, die bezüglich derselben Ausgangsthese zu diametralen Ergebnissen kamen.

Zum einen eine dänische Studie aus dem Jahre 1970, die eine Verminderung der sexuellen Strafdelikte in Zusammenhang mit Pornographiekonsum verzeichnete (Kutschinsky) und dagegen eine Studie aus Amerika, die 1986 behauptete, dass insbe­sondere langfristiger Konsum schädlich sei und einen Zusammenhang von Porno­graphie und Gewalt unterstellte (Attorney General's Commission). Ertel stellt in einer Studie über die Langzeitwirkung von Pornographiekonsum auf die allgemeine sexuelle Aktivität fest, dass intensiver Konsum erstmal zu einer höheren Orgasmusfähigkeit führt, sich ab einem gewissen Punkt aber wegen der Gewöhnung wieder verringert. Es kommt allerdings insgesamt zu einer Erhöhung der sexuellen Aktivität. Daraus schließt er, dass auch schon gelegentlicher Konsum zu einem gelösteren, offeneren Umgang mit Sexualität und zu harmonischeren Beziehungen führt. Eine Pornospirale, die von erotischen Darstellungen in maßlose Pornographie umschlägt, hält er gar für abwegig:

„Durch Pornographiekonsum werden keine Reinszenierungsversuche ausgelöst, und es gibt [...] keine erkennbare Tendenz zur Initiierung von paraphilem Verhalten, sexueller Gewalt oder sexuellem Zwang, falls nicht bereits eine Prädisposition hierzu bestand. [...] Ebenfalls kommt es zu keinen generellen negativen Auswirkungen auf sexuelle Skripts, Partner­schaft und sexuelles Partnerbild. (...) Es gab keine Hinweise für die Stichhaltigkeit der wichtigsten Argumente gegen die Pornographie, daß [!] sie bei zahlreichen (männlichen) Konsumenten unweigerlich zu manifester Gewalt und zur Brutalisierung ihres Sexualverhaltens gegen­über Frauen führt und damit unter anderem die Wahrscheinlichkeit von Vergewaltigung oder sadistischen Praktiken erheblich erhöht.“ (Ertel 1990, S.475)

Daten zur Nutzung pornographischer Medienangebote stammen in der Regel von Erwachsenen- oder Studentenstichproben. Allerdings können diese Ergebnisse kaum miteinander verglichen werden, da sie, sowohl von Seiten der Forscher, als auch von Seiten der Befragten, von unterschiedlichen Begriffsdefinitionen für „Pornographie“ ausgehen (vgl. Bryant / Brown, 1989). Die meisten Untersuchungen mit Erwachsenen wurden zur Nutzung audiovisueller Angebote (pornographische Filme) gemacht. Die Daten des General Social Survey von 1973 bis 2002 in den USA zeigen, dass zwischen 20 und 30 Prozent der Befragten mindestens einen pornographischen Film innerhalb des letzten Jahres gesehen haben (Buzzell 2005). Ertel kam 1990 in Deutschland im Rahmen einer Befragung von fast 10.000 Personen zu ähnlichen Ergebnissen: Etwa ein Drittel der Bevölkerung sah mindestens einmal im Monat einen Pornofilm. Die durch­schnittliche Nutzungshäufigkeit von Pornofilmen lag bei rund 24 Mal im Jahr (Ertel 1990, S.68). Zu den intensiven und regelmäßigen Nutzern zählten in der Mehrheit Männer. Auch die Nutzung von Erotik bzw. Pornographie im Internet ist überwiegend „Männersache“. Hierzu liegen allerdings kaum aktuelle Daten vor. Der „Online Reich­weiten Monitor 2003“ zählte etwa 18 Prozent der Internetnutzer, die Erotikangebote zumindest selten oder gelegentlich aufsuchten (AGIREV 2003). TNS Emnid geht von etwa einem Drittel der Nutzer aus, die regelmäßig Sex- und Erotiksites besuchen (vgl. TNS Interactive/eMind@emnid 2002, S.28).

Angesichts der kontinuierlichen Zunahme der Internetnutzung von Kindern und Jugend­lichen stellt sich die Frage, in welchem Ausmaß diese Altersgruppe mit porno­graphischen Angeboten konfrontiert wird, bzw. inwieweit sie solche Angebote gezielt aufsucht. Laut JIM-Studie 2005 (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2005) ist in 98 Prozent der Haushalte, in denen Jugendliche zwischen zwölf und 19 Jahren aufwachsen, mindestens ein Computer vorhanden. 89 Prozent der Haushalte verfügen über einen Internetzugang. 86 Prozent der Jugendlichen haben Online­erfahrung, davon geben wiederum 70 Prozent an, täglich oder mehrmals pro Woche online zu sein. Etwa ein Drittel der jugendlichen Internetnutzer zwischen zwölf und 19 Jahren hatten laut eigener Aussage schon einmal Kontakt mit pornogra­phischen, rechtsradikalen oder gewalthaltigen Seiten, wobei junge Männer sich deutlich von jungen Frauen unterscheiden. Dass Kinder und Jugendliche gewollt oder ungewollt in Kontakt mit pornographischen Darstellungen im Netz kommen, zeigen auch aktuelle Studien aus den USA, aus Australien und aus Taiwan:

- Eine qualitative Online-Befragung mit regelmäßigen Internetnutzern im Alter zwischen 14 und 17 Jahren in den USA (n = 40) zeigt, dass die Jugendlichen am häufigsten unabsichtlich (z.B. durch Links in E-Mails oder irreführende URLs) auf pornographische Inhalte stoßen (Cameron et al., 2005). Diese wurden vor allem von den jungen Frauen negativ (z.B. „abstoßend“) beurteilt, während junge Männer sich häufiger positiv äußerten. Die meisten Jugendlichen gaben an, dass ihre Eltern über diese „Erfahrungen“ nicht Bescheid wüssten.
- Stahl und Fritz (2002) fanden heraus, dass 20 Prozent der 213 von ihnen befragten amerikanischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen bereits mindestens einmal eine pornographische Seite im Internet besucht haben. Dabei überwog der Anteil an männlichen und älteren Jugendlichen sowie denjenigen mit längerer Interneterfahrung.
- In einer repräsentativen Telefonumfrage (n = 1.501) unter amerikanischen Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen zehn und 17 Jahren („Youth Internet Safety Survey“) fanden Ybarra und Mitchell (2005) heraus, dass acht Prozent pornographische Onlineangebote gezielt aufsuchten. Weitere sieben Prozent sagten aus, Pornographie in anderen Medien zu nutzen. Auch hier handelte es sich eher um ältere (ab 14 Jahren) und männliche Jugendliche mit größerer Interneterfahrung. Ein Viertel der Jugendlichen hatte ungewollten Kontakt mit sexuellen Inhalten (Mitchell / Finkelhor / Wolak 2003). Die Mehrzahl dieser Kontakte entstand beim Surfen, etwa ein Viertel kam über E-Mails zustande. Über 40 Prozent der Jugendlichen berichteten von negativen emotionalen Reak­tionen (z.B. Empörung, Stress), weniger als die Hälfte der Jugendlichen sprach mit anderen Personen (Freunde, Eltern) über diese Erfahrung.
- In einer repräsentativen Umfrage des Australian Institute berichteten 73 Prozent der 16- bis 17-jährigen männlichen und elf Prozent der weiblichen Jugendlichen, schon einmal Pornovideos („X-rated videos“) gesehen zu haben. Zufällig bzw. unabsichtlich im Internet auf pornographische Inhalte gestoßen sind 84 Prozent der Jungen und 60 Prozent der Mädchen. Gezielt im Internet aufgesucht haben solche Seiten 38 Prozent der männlichen und zwei Prozent der weiblichen Befragten (Flood / Hamilton 2003).
- Von 2.001 Jugendlichen in Taiwan im Alter zwischen 14 und 18 Jahren berichteten 38 Prozent, im letzten Jahr mindestens einmal eine pornographische Website aufgesucht zu haben (Lo / Wei 2005).

Die Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche nach eigenen Aussagen zu einem geringeren Teil absichtlich, häufiger jedoch ungewollt mit pornographischen Angeboten im Internet in Kontakt kommen. Dabei sind die Möglichkeiten, wie sie im Internet an pornographische Inhalte gelangen können vielfältig, angefangen bei „normalen“ Web­sites mit und ohne Zugangsbeschränkung, über Links in E-Mails, über chatrooms und Instantmessages, durch Usenet-Newsgroups bis hin zum filesharing unter den Jugend­lichen. Wie sich diese „Zugangsmöglichkeiten“ empirisch verteilen, ist mangels ent­sprechender Differenzierungen in den vorhandenen Untersuchungen bislang jedoch unklar. Ebenso wenig weiß man bis jetzt darüber, in welchem Ausmaß die jugendlichen Nutzer mit welchen konkreten Inhalten in Kontakt kommen. Auch hierzu gibt es bislang nur oberflächliche Differenzierungen, die meist nur zwischen „einfacher“ und „harter“ Pornographie unterscheiden. Schließlich ist weitgehend unbekannt, welche (emotionalen) Reaktionen auf Seiten der Kinder und Jugendlichen ausgelöst werden, wenn sie im Netz auf Pornographie stoßen bzw. diese gezielt aufsuchen.

Vor rund neun Jahren fing es mit der Einführung des schnellen Internetzugangs und der Flatrates an, die den Zugriff auf fast alle Inhalte des WorldWideWeb in Sekunden­schnelle möglich machen. Die Teenager machten sich rasch mit den neuen Techno­logien vertraut und so hatten Heranwachsende zum ersten Mal in der Geschichte Zu­gang zu Pornographie, gratis und unbegrenzt. Durch den nahezu ungehinderten Zugang zum Internet ist den Jugendlichen heute so gut wie nichts mehr fremd und sämtliche Spielarten von Sexualität und Pornographie sind ihnen geläufig. Teenager berichten freizügig von ihren Erfahrungen mit Pornos und sprechen über ihr Sexual­verhalten ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Heute nimmt man an, dass beinahe jeder dritte Elfjährige bereits einen Pornofilm gesehen hat.

Diese Arbeit will die "Generation Porno" kennen lernen und ergründet eine Welt, die Jugendliche zuweilen geheim halten und die Erwachsenen häufig fremd ist. Von Anal­verkehr bis Gangbang, den Teenies ist – zumindest in der Theorie – nichts fremd. Die Dokumentation zeichnet sehr persönliche Porträts von Jugendlichen, die intime Ein­blicke in ihre Welt geben und erzählen, welche Pornos besonders angesagt sind und warum sie für ihren Alltag so wichtig sind. Dabei fallen auch emotionale Hüllen. Fest steht, dass Pornographie für 14-jährige mittlerweile schon zur Banalität geworden ist. Erregung und "Hypersexualisierung", zuweilen aber auch Abscheu und Desillusio­nierung, kommen zum Ausdruck, wenn Jugendliche über Pornographie sprechen. Sind Jugendliche heute so „oversexed, frühreif oder gar pornographisiert“ (Esser 2007, S.13) wie es manche Medien ihnen nachsagen? Wie schwer wiegt technisches Know-how im Vergleich zur emotionalen Kompetenz? Pauschale Antworten gibt es darauf ebenso wenig, wie es „die Jugend“ als homogene Gruppe gibt. Da hier sozial benachteiligte Jugendliche in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt werden sollen, halte ich mich an Christine Stein (2004), die recherchiert hat, wie der Begriff der Benachteiligung „im allge­meinen Sprachverständnis aber auch innerhalb wissenschaftlicher Fachgebiete ausgelegt ist.“ (ebd. S.13) Dabei hat sie folgende fünf Risikobereiche ausmachen können:

- unterdurchschnittliche ökonomische Ausstattung
- eingeschränkte soziale Integration und kulturelle Teilhabe an der Gesellschaf
- kognitive, physische und psychische Beeinträchtigungen und Schädigungen
- Migrationshintergrund oder Zugehörigkeit zu stigmatisierten Minoritäten
- die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht (ebd. S.14)

Hauptsächlich geht die Arbeit deswegen der Frage nach, ob der Konsum von Porno­graphie das Sexualverhalten bildungsferner Teenager bereits verändert hat.

1.2 Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Arbeit umfasst neun Kapitel. Nachfolgend wird der Aufbau und der Inhalt der einzelnen Kapitel in komprimierter Form vorgestellt. Im Anschluss an die Einführung werden die drei Bereiche „Pornographie“, „Jugend“ und „Medienwirkung“ näher beleuchtet. Sie bilden, wie schon der Titel der ausdrückt, die Grundelemente des Themas. In diesen Kapiteln soll die für die Fragestellung relevante Literatur erfasst und analysiert, sowie das Fundament für die eigene empirische Untersuchung gelegt werden.

Thema des zweiten Kapitels ist die Betrachtung des Genres Pornographie. Hier wird zuerst der Begriff der Pornographie etymologisch erklärt, um eine terminologische Arbeits­basis zu schaffen, dann wird die Geschichte der Pornographie dargestellt. Diese reicht vom Mittelalter über das viktorianische Zeitalter und das letzte Jahrhundert mit Lawrence und Foucault, bis heute. Die Frage, welche Rolle die Sexualität in der Porno­graphie spielt, schließt den ersten Teil dieses Kapitels ab. Sodann wendet sich die Aufmerksamkeit explizit dem pornographischen Film zu, wobei zunächst eine juristische Definition Platz finden soll. Daran schließt sich ein Überblick über die Eintei­lung der Filme vom erotischen bis zum pornographischen Film an. Darauf folgend wird geklärt, welche Filme und warum gerade diese Pornos für die Analyse herangezogen wurden und mit welcher Technik die Filme protokolliert wurden. Die Analyse umfasst zum einen die „Rahmenbedingungen“, wie beispielsweise die Protagonisten selbst, sowie deren Kleidung, soziale Rollen, zivilisatorische Verhaltensmuster usw. Zum anderen wird der Geschlechtsakt an sich genau betrachtet, von der Hinleitung zur sexuellen Handlung, bis hin zu Spielarten der Sexualität. Das Kapitel schließt mit den Funktionen des pornographischen Films, die von der Unterhaltungsfunktion bis zur Identifikationsfunktion reichen.

Das dritte und umfangreichste Kapitel dieser Arbeit beschäftigt sich mit der Rezipienten­gruppe Jugendliche und deren besonderen Eigenschaften. Im Rahmen dieser Arbeit ist eine ausführliche Darstellung dieser Gruppe unerlässlich, da Jugendliche eine nicht zu verachtende Rezipientengruppe von Pornographika bilden und ihre spezifischen Merkmale eine zentrale Bedeutung in der Wirkung von Pornographika einnehmen. Nach einer Betrachtung der entwicklungspsychologischen Unterteilung der Jugend­phasen und der spezifischen Entwicklungsaufgaben und -probleme, wendet sich die Arbeit der Analyse jugendtypischer Lebensbereiche, wie peer-groups, Familie, Schule und Freizeit zu. Ein Exkurs über die Welt der deutschen Pornorapper beendet diesen Teil des Kapitels. Im darauf folgenden Teil wird der Begriff der Sexualität und ihre Relevanz für die Jugendlichen erläutert, ebenso kommt hier zur Sprache, welch hohem Einfluss der Normen einer Gesellschaft die Sexualität unterliegt. Daran schließt sich die Ausarbeitung über die Bildung sexueller Normen und Werthaltungen an, wobei der kognitiv-entwicklungstheoretische Ansatz von Lawrence Kohlberg für die Entwicklung des moralischen Urteils einen großen Raum einnimmt. Die sexuelle Sozialisation, also das Erlernen gesellschaftlich als „sexuell“ definierter Ausdrucks- und Verhaltensformen, und damit dessen, was als sexuell zu gelten hat, ist wichtig für diese Arbeit, da sie Rückschlüsse auf den möglichen Stellenwert der Pornographika zulassen. Dieser Ausführung schließen sich als Beispiel für sexuelles Verhalten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen die BRAVO-Studie aus dem Jahre 2006 und die Studie der Bundes­zentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) aus dem Jahre 2005, an. Am Ende des Kapitels erfolgt eine Analyse des Medienkonsums der Jugendlichen.

Die Wirkung der Medien, einschließlich der Erläuterung von Begriff, Arten und Bereichen der Wirkung wird im vierten Kapitel behandelt. Ebenso wie verschiedene Theorien der Wirkungsforschung, die die theoretische Grundlage der Studie von Wirkung für diese Arbeit bilden. Dabei handelt es sich um sozial-kognitive Lerntheorien, die Habituations-Hypothese, das Erregungs-Transfer-Modell, die Stimulationsthese und – der Vollständigkeit halber – auch um die Theorie der Wirkungslosigkeit. Von hohem Stellenwert für diese Arbeit sind die Schwierigkeiten die beim Medienumgang unter erschwerten Lebensbedingungen auftreten können und wie die Massenmedien durch Wirklichkeitserleben Realität vermitteln. Damit wäre das theoretische Fundament für die eigene empirische Untersuchung gelegt.

In Kapitel fünf werden die Methoden für die quantitative Studie veranschaulicht. Eingangs wird die Frage geklärt, warum verschieden Interviewarten für die Studie notwendig sind. Hiernach werden wichtige Merkmale der unterschiedlichen Befragungs­methoden beschrieben. Abschließend wird das Verfahren, welches zur Auswertung der gewonnenen Daten herangezogen wird, verdeutlicht.

Im Mittelpunkt des sechsten Kapitels stehen die Pornos im jugendlichen Alltag. Die jugend­lichen Gesprächspartner werden hinsichtlich ihres Porno-Konsums (z.B. Intensität des Konsums) und ihrer Rezeptionssituation (beispielsweise der Konsumort) eingehender beleuchtet, um ein besseres Bild der Jugendlichen und ihren Umgang mit Pornographika zu erhalten.

Selbst zu Wort kommen die Jugendlichen im siebten Kapitel, in dem es um die Erkennt­nisse zur Wirkung von pornographischen Filmen auf die Sexualität von Jugendlichen geht. Die zuvor erhobenen Daten werden analysiert und interpretiert, wobei jedoch eine Beschreibung der jugendlichen Lebenswelt im Vordergrund steht. Das Kapitel ist unter­teilt in die Erkenntnisse, die anhand der Befragung von männlichen und weiblichen Jugend­lichen, sowie erwachsenen Interviewpartnern gezogen werden konnten.

Das Thema „Gefahr der sexuellen Enthemmung“, welches nicht vernachlässigt werden sollte, soll im achten Kapitel behandelt werden. An dieser Stelle wird die Forschung über Sexualstraftäter, sowie die vielfältigen Versuche, eine Tätertypologie herauszu­arbeiten, beschrieben. Des Weiteren kommen hier jugendliche Sexualstraftäter, sowie Sozialpädagogen und Psychologen, die mit dieser Klientel arbeiten, zu Wort.

Die Arbeit schließt mit der Schlussbetrachtung, in der die wichtigsten Befunde und Erkennt­nisse zusammengefasst werden. An dieser Stelle soll auch auf nicht untersuchte Fragestellungen hingewiesen werden, aus denen sich Aufgaben für zukünftige Untersuchungen ableiten lassen.

2. Das Genre der Pornographie

2.1 Die Pornographie

Darstellungen, die Menschen nackt oder auch beim Liebesakt zeigen, finden sich bereits in prähistorischen Höhlen- und Felsmalereien oder in Statuetten wieder, die von Höhlenmenschen kreiert wurden; ebenso in frühhistorischen Abbildungen aus ägyptischen und indischen Kulturkreisen – dabei handelt es sich zumeist um Abbildungen des Liebesaktes mit seinen verschiedenen Stellungen (Information aus dem Sexmuseum in Amsterdam) und nicht zuletzt aus der römischen und griechischen Antike, mit Vasen und Amphoren, auf denen zum Teil homoerotische und pädophile, aber auch sportive und spielerische Szenen zu finden sind. Handelt es sich hierbei um Kunst, Erotik oder gar Pornographie? Das liegt in diesen Fällen noch ganz im Auge des Betrachters, da es Teil verschiedener – manchmal schon vergangener – Kulturen ist. Duca (1980) bemerkt, dass nicht immer zwischen Erotik und Pornographie unterschieden wird; doch er verbindet Erotik mit Liebe, Ästhetik und Kunst, wogegen er in pornographischen Darstellungen diese Assoziationen nicht erkennen kann. Da es sich in dieser Arbeit hauptsächlich um die Pornographie und weniger um die Erotik handelt, soll erstere etwas genauer betrachtet werden.

2.1.1 Etymologische Aspekte

Was für die Sexualität im Allgemeinen gilt, trifft auf die Pornographie im Besonderen zu: Sie ist durch die jeweilige Kultur bestimmt, in der sie auftritt. Diese Kulturdeterminiert­heit geht schon aus der Wortgeschichte hervor: Obwohl es Begehren, Sinnlichkeit, Erotik und explizite Darstellung von Geschlechtsteilen – wie bereits erwähnt – wohl immer und überall gegeben hat, ist Pornographie im Sinne einer juristischen und ästhe­tischen Kategorie eine Erfindung der Neuzeit. Zwar findet sich in der Literatur über sie der Hinweis, dass das Wort aus dem Griechischen abgeleitet wird (von pornè „Hure“ und graphein „schreiben“), intendiert ist damit aber kein Rückgriff auf antike Traditionen.F[1] F Vielmehr handelt es sich um eine Wortschöpfung des 19. Jahrhunderts. Dem „Trèsor de la langue française“ zufolge tauchte das Wort zum ersten Mal in Restif de la Bretonnes Abhandlung „Le Pornographe“ von 1769 auf; gemeint waren damit Schriften zur Prostitution. Was jedoch, betrachtet man die unterschiedlichen Erscheinungs­formen von Prostitution, nicht unbedingt negativ konnotiert sein muss.

„Pornographique“, „pornographe“, und „pornographie“ im Sinne von obszöner Literatur oder Bildern wurde erstmals 1806 in einem Pariser Werk verwendet. In Etienne-Gabriel Peignots Vorwort zu seinem „Dictionaire critique, littéraire et bibliographique des principaux livres condamnés au feu, supprimés ou censurés lassen sich drei verschie­dene Begründungen für die Definition von Pornographie finden: religiöse, politische und moralische. Pornographie wird hier zum ersten Mal in Zusammenhang mit Immoralität und dem Bedürfnis, die Gesellschaft zu schützen, gesehen. Aus der Art, wie Peignot seine Liste dieser Bücher schrieb, wird jedoch zugleich deutlich, dass es in den Köpfen der Kenner bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts „eine Art Galaxie pornographischer Schriften“ gab (Hunt 1994 S.11-15). Die Sache selbst ist also älter als der dafür verwendete Begriff und war bereits fest in der spezifischen abendländischen Kultur verwurzelt, ehe das Bedürfnis aufkam, ihr einen Namen zu geben. Pornographie ist kein gegebener Tatbestand: Sie erhielt ihre Definition im Laufe der Zeit und ist Ergebnis von Konflikten zwischen Schriftstellern, Künstlern und Graveuren auf der einen Seite und Spionen, der Polizei, Geistlichen und Staatsbediensteten auf der anderen. Ihre politische und kulturelle Bedeutung kann nicht unabhängig von ihrer Entstehung als Denk-/ Repräsentations- und Überwachungskategorie gedacht werden (ebd. S.9). Zu all diesen Überlegungen kommt noch hinzu, dass Prostitution allzeit mit einer gewissen Zurschaustellung verbunden zu sein schien.F[2] F Und Pornographie war immer ein Massenphänomen (in den Kreisen, die lesen und sich Bücher leisten konnten), wie aus den Untersuchungen Robert Darntons zu den bestverkauften Büchern des 18. Jahrhunderts hervorgeht (Darnton 1991, S.220, 223). Zugleich war sie ein Instrument zur Luststeigerung, auch wenn bei dieser Feststellung nur ein Beleg angeführt werden kann, welcher die große Ausnahme im System des generellen Schweigens bildet.F[3] F Schließlich sollen noch die ersten pornographischen Werke der Neuzeit überhaupt genannt werden, das Prosastück „Ragionamenti“ und die „Sonetti lussuriosi“ des Pietro Aretino (1492-1556), wobei diese ihre Bekanntheit vor allem den beigefügten Gravuren von Positionen des Geschlechtsakts verdanken. (Pastötter 1996)

2.1.2 Der Pornographiebegriff im Wandel oder Was ist Pornographie?

Welche ursprüngliche Implikation der Begriff Pornographie auch immer gehabt haben mag, sicher ist, dass er im mittelalterlich-christlichen Abendland unter der Knute der Kirche einen enormen Wandel durchgemacht hat. Sexualität war ein schmutziger von der „Erbsünde“ belasteter Lebensbereich und nur innerhalb der Ehe zu Fortpflanzungs­zwecken legitim. Alles was von der sexuellen Norm abwich, wurde geächtet und verfolgt, der erlaubte eheliche heterosexuelle Geschlechtsverkehr tabuisiert (Faulstich 1994). Pornographie wurde als dunkel, schmutzig und obszön repressiv in die Ecke gedrängt. Dass die Gesellschaft dennoch ein Ventil brauchte zeigen die erotisch konno­tierten Gedichte und Epen sowie die Texte zahlloser Kirchenlieder dieser Zeit. Foucault zeigt, dass Ende des 16. Jahrhunderts trotz aller Tabus der Diskurs über die Sexualität intensiviert wurde:

„Die modernen Gesellschaften zeichnen sich nicht dadurch aus, daß(!) sie den Sex ins Dunkel verbannen, sondern daß (!) sie unablässig von ihm sprechen und ihn als das (!) geltend machen.“ (Foucault 1983, S.49)

Erstaunlich ist, dass gerade im prüden Viktorianischen Zeitalter die Pornographie eine erste Hochzeit hatte; wenn auch nur für wohlhabende Bürger erschwinglich, kursierten unter anderem Titel wie die aus dem vorangegangenen Kapitel vornehm als „Erotika“ betitelten Werke unter der haute volée.

Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden Werke allein auf Grund der Tatsache zensiert, dass sie die Beschreibung sexueller Handlungen enthielten (Bremme 1990, S.5ff). Ein Beispiel dafür ist der Roman „Lady Chatterley“, der zwar bereits in den 20er Jahren entstand, aber erst in den 60ern in Großbritannien publiziert werden durfte. Dabei war der Roman für den Schriftsteller Lawrence keinesfalls pornographisch. Er vertritt die Meinung, dass „die Hälfte aller großen Gedichte, Gemälde, Musikwerke und Erzählungen der ganzen Welt [] nur dank der Schönheit ihres Sex-Appeals so großartig“ sei, sowie Schönheit stets „durchtränkt“ sei von „Sex-Appeal oder geschlechtlicher Anregung oder wie man es sonst nennen mag.“ (Lawrence 1971, S.22f))

Lawrence verabscheut Pornographie und definiert sie wie folgt:

„Erstens stammt echte Pornographie immer aus der Verbrecherwelt – sie wagt sich nicht ins Freie. Zweitens kann man sie ausnahmslos daran erkennen, daß(!) sie die Geschlechtlichkeit und den menschlichen Geist beleidigt. Pornographie ist der Versuch, das Geschlecht zu beleidigen und mit Schmutz zu bewerfen.“ (Lawrence 1971, S.25f)

Heute ist Pornographie dagegen ein Phänomen, das – demokratisiert – alle Gesell­schaftsschichten durchdringt und in ihren Bedürfnissen, Wünschen, aber auch Ängsten zur Sexualität sowohl bestätigt, als diese auch neu weckt. Dabei sind die gezeigten Darsteller und ihr Handeln die zu rezipierende Ware. Hierbei bedienen sich die Protagonisten sowohl ihrer selbst, wie auch anderer Darsteller, andererseits konsumiert der Rezipient das Dargestellte (Rose 1991). Hieß es in der vormedialen Zeit noch, „Man ist, was man isst“, könnte die Anpassung an die gegenwärtigen Verhältnisse heißen: „Man ist, was man an Medien konsumiert.“ Dabei wird nicht die biologische Natur des Menschen widergespiegelt, sondern nur die jeweils anerkannten Sitten; doch diese Normen können verletzt werden. Gorsen formulierte dazu:

„Die Pornographiedefinition ist ein kultureller Kompromiß(!) zwischen Geschlechtertrieb und Schamgefühl, die sich gegenseitig regulieren und die Grundlage jedes sinnlichen Bedürfnisses sind.“ (Gorsen 1987, S.57)

Die Untersuchung des Kulturproduktes „pornographischer Spielfilm“ bedeutet einen möglichen Einstieg zum Verständnis der spezifischen sexuellen Wünsche und Bedürf­nisse im ausgehenden 20. Jahrhundert. Der pornographische Film muss in diesem Sinne als Produkt der westlichen Mediengesellschaft gewertet werden, weil sowohl seine Herstellung als auch sein Konsum nur unter ganz speziellen Voraussetzungen möglich ist. (Pastötter 1996) Neben den technisch-mechanischen, sind dies auch die soziokulturellen Eckwerte, auf die der dänische Soziologe Henning Bech hinweist:

„Auf diese Art hat die moderne Massenpornographie einen Wahrheits­wert. Sie spiegelt den Aufstieg eines spezifisch modernen Lebensraums von Stadt und Telecity und der Empfindungen, Erfahrungen und Phantasien, die an das Leben dort geknüpft sind [] Auch in der Form der visuellen Pornographie spiegeln sich die modernen Lebensräume und die mit ihnen verknüpften Erfahrungen: Sie schafft selbst einen Raum innerhalb der Telecity, in dem die telemediatisierten Oberflächen von Fremden sexualisiert werden. Pornographie ist genau aus diesem Grund für die Mehrheit wahrnehmbar, erkennbar und stimulierend: sie kennen dieses Universum aus den Lebensräumen der Massen, in denen sie sich bewegen.“ (Bech 1995, S.17)

So wandelt sich, wie es Michel Foucault bereits in „Sexualität und Wahrheit“ formuliert hat, die traditionelle Liebeskunst nach und nach zur Liebestechnik, zur mehr oder weniger virtuos beherrschbaren Körpermechanik.

2.1.3 Sexualität in der Pornographie

Bezeichnend für die Pornographie ist die grundlegende Darstellungs- und Handlungs­struktur, in der die Protagonisten nicht „für sich selbst“ (Bremme 1990) agieren, sondern die sexuellen Handlungen und ihre Körper scheinbar auf den Rezipienten hin ausgerichtet sind. Dies wird besonders deutlich durch die häufig unbequeme Haltung, die die Darsteller einnehmen und sich immerzu auf die Kamera hin ausrichten. Da ein Großteil der Konsumenten männlich ist, zielt auch die Produktion auf einen solchen Konsumentenkreis ab, sodass der Zuschauer mit der Darstellung Identifikationsfiguren angeboten bekommt. Die Frauengestalten dagegen sollen die Illusion aufrechterhalten, es handle sich bei der Darstellung tatsächlich um weibliche Sexualität. Eine sehr geläufige Praxis ist es, die Pornofilme mit weiblichen Pseudonymen zu versehen, um damit zu suggerieren, die dargestellten Handlungen entsprängen den sexuellen Phantasien einer Frau (Dworkin 1987). Eines der besten Beispiele wie weibliche Namen mit Erotik und Pornographie in Zusammenhang gebracht werden, sind die Geschichten und Filme um die freizügige Emmanuelle. Obwohl der erste Roman bereits vor 50 Jahren und die erste erfolgreiche Verfilmung 1974 erschienen, sind sie immer noch hinreichend bekannt.F[4] F Eine andere beliebte Variante sind die so genannten Keyhole-Filme, bei denen dem Zuschauer das Gefühl vermittelt werden soll, er beobachte das Sexspiel oder häufig auch die Masturbation von Frauen als heimlicher Voyeur. Immer größerer Beliebtheit erfreuen sich interaktive Computerspiele, bei denen man via Joystick in die sexuellen Handlungen eingreift und diese nach dem eigenen Gusto steuern kann (Monssen-Engberding 2000). Doch welche Spielart vom Konsumenten auch bevorzugt wird, der Inhalt der pornographischen Darstellungen konzentriert sich zumeist auf sexuelle Betätigungen und Phantasien, die sich in verschiedenen Varianten wiederholen. Die agierenden Personen zeigen ständige sexuelle Leistungsbereitschaft und Funktionsfähigkeit. Männer, und erst recht Frauen, werden zu Körpern reduziert, die permanent in den verschiedensten und zum Teil auch absonderlichsten Stellungen Geschlechtsverkehr vollziehen. In „Von Löchern und Stielen“ beschreibt Sonia Mikich (1988) die Sexualität in der Pornographie folgendermaßen:

„Pornographie ist leistungsorientiert, rationalisiert und monoton [...]. Pornographie ist zutiefst statisch, weil sie ein sexuelles Utopia verspricht, in der Frauen stets wollen und Männer stets können. Die Fleischeslust als neverending story. Pornographie duldet keine Widersprüche und Nuancen. Sie kennt weder Probleme noch Entwicklungen. Sie ist ein Un-Leben, ein Ablauf ohne Störanfälligkeit, ein geschlossenes System.“ (Mikich 1988, S.17)

2.2 Der pornographische Film (in Deutschland)

Weltweit gibt es wohl nur wenige Untersuchungsgegenstände, die so unterschiedliche Definitionen aufweisen, wie der pornographische Film.F[5] F Obwohl man in Deutschland heute im Allgemeinen dabei von explizit sexuellen Filmen ausgeht, ist die Spannbreite dessen, was Pornographie ausmacht sehr groß. 1951 noch wurde der Film „Die Sünderin“ wegen der kurz nackt zu sehenden Hildegard Kneef als pornographisch abgeurteilt; im Iran gar galt ein öffentlicher Kuss als pornographisch (Der Spiegel 10, 1996, S.155) und manch einer bezeichnet die heutige Werbung oftmals als Pornographie.

2.2.1 Definition „pornographischer Film“

Obwohl die rechtliche Definition sowohl sexualwissenschaftlich, als auch soziologisch als wenig plausibel und veraltet betrachtet wird, soll an dieser Stelle kurz erläutert werden, was per Gesetz als pornographisch anzusehen ist:

„Der Sonderausschuss des Bundestages versteht unter dem Begriff „Pornographie“ Darstellungen, die 1. zum Ausdruck bringen, dass sie ausschließlich oder überwiegend auf die Erregung eines sexuellen Reizes abzielen und dabei 2. die in Einklang mit allgemeinen gesell­schaftlichen Wertvorstellungen gezogenen Grenzen des sexuellen Anstandes eindeutig überschreiten. Darunter fallen jedoch nicht die „Sexfilme“, wie sie in den 70er Jahren boomten und bis vor einigen Jahren noch mit schöner Regelmäßigkeit je nach Explizität schon ab 22Uhr im Privatfernsehen gezeigt wurden und die den Geschlechtsakt nur andeuten dürfen; sondern der „weiche“ pornographische Film im Sinne des §184 StGB, bei dem der Geschlechtsakt mit dem erigierten männlichen und dem im Detail gezeigten weiblichen Geschlechtsteil dargestellt wird. Diese Filme dürfen aus Gründen des Jugendschutzes nicht frei zugänglich, sondern nur in entsprechend gekennzeichneten Abteilungen der Videotheken und Sex-Shops für Erwachsene ab 18 Jahre erhältlich sein. Ein Versandhandel ist aus demselben Grund in Deutschland verboten. §184 Abs. 3 StGB behandelt den „harten“ porno­graphischen Film, der Sexualität mit Tieren, Kindern oder in Verbindung mit Gewalt zeigt, und dessen Herstellung und Import und Verbreitung in Deutschland nach wie vor verboten ist.“ (Schreibbauer 1999)

Es wäre naiv anzunehmen, dass durch die oben genannten gesetzlichen Einschränkung ausgeschlossen werden kann, dass Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren mit pornographischen Darstellungen konfrontiert werden bzw. diese gezielt aufsuchen. Im Fokus der öffentlichen Debatte steht dabei zunehmend das Internet, das auch für Kinder und Jugendliche einen relativ leichten Zugang zu solchen Inhalten ermöglicht. Zum einen unterliegen Angebote auf ausländischen Servern anderen gesetzlichen Regelungen, als sie in Deutschland gelten. Zum anderen bestehen Zugangs­beschränkungen häufig nur in der Klassifikation einer Website als Erwachsenenseite („Zugang ab 18 Jahren“), was durch einen Mausklick „bestätigt“ werden muss, oft aber nicht mit entsprechenden Konsequenzen überprüft wird. Darüber hinaus ist auf vielen Computern keine entsprechende Filtersoftware installiert, die pornographische Angebote blockiert. Und schließlich erfolgt die Internet-Nutzung von Kindern und vor allem älteren Jugendlichen häufig ohne elterliche Aufsicht. Diese Umstände erleichtern – etwa im Vergleich zur Beschaffung eines Videofilms – den Zugang zu pornographischen Angeboten, wenn gezielt danach gesucht wird. Im Zeit­alter von Internet, Handys und Computertechnologien, ist es also ein Leichtes, unab­hängig vom Alter, (fast) unbemerkt Pornographie jeglicher Art zu bekommen, zu konsumieren, zu vervielfältigen und zu verbreiten. Für Jugendämter und Prüfstellen für Jugendgefährdung ist es unmöglich den Markt zu kontrollieren oder gar einzudämmen (Bremme 1990).

Neben der juristischen Definition, soll hier noch eine überblickhafte Einteilung der Filme vom erotischen bis zum pornographischen Film Platz finden, jedoch ohne eindeutige Grenzen ziehen zu können. Dies dient der Verdeutlichung, welches sexuelle Bild in dieser Arbeit behandelt wird. Die ersten Bezeichnungen werden nur kurz genannt, da sie für diese Arbeit nicht relevant sind:

1. Der erotische Film: hier wird keinerlei sexuelle Handlung gezeigt, sondern die sexuelle Beziehung spielt sich eher auf der Ebene der Metaphern ab.
2. Sex and Crime-Filme: Der Zugang zur Sexualität läuft hier über die Gewalt, die schlussendlich eine Strafe nach sich zieht.
3. Nudies: in diesen Filmen kommt nichts vor, was an eine sexuelle Handlung erinnern könnte, der nackte Frauenkörper reicht völlig aus. Meist zentriert sich die Nacktheit auf den Busen; Männer spielen hier nur eine Nebenrolle (z.B. als Voyeure)
4. Sexfilme: mit den Nudies hat der Sexfilm gemein, dass nackte Menschen zu sehen sind, nie jedoch die Genitalien. Allerdings werden hier Sex-Szenen gezeigt, wobei der eigentliche Geschlechtsverkehr entweder simuliert oder nur indirekt ist.
5. Fake-Pornos: es geschieht alles wie bei einem echten Porno, allerdings sind die sexuellen Naheinstellungen nicht zu sehen, sodass für den Rezipienten offen bleibt, ob der Akt tatsächlich durchgeführt oder nur simuliert wurde.
Da es bei den nächsten drei Formen des Pornos um das Genre geht, welches genauer betrachtet werden soll, werde ich in den folgenden Kapiteln noch näher darauf eingehen.
6. Mainstream-Pornos: sie decken den Großteil des Marktes und bieten eine bunte Mischung sexueller Handlungen, sodass jeder irgendwo seine Wünsche und Phantasien wiederfinden kann.
7. Spezial-Pornos: sie sollen besondere Wünsche und Phantasien, wie Frauen mit besonders großen Brüsten, Rollenspiele, Fetische, Fäkalspiele, Schwangere, Lesben, masturbierende Frauen etc. bedienen. Dabei dürfen sie weder bei der Herstellung noch beim Konsum böse, gefährliche oder destruktive Impulse auslösen.
8. Amateur-Pornos: werden, wie der Name schon sagt, von Amateuren hergestellt, gelangen aber in den professionellen Vertrieb oder werden von Pornodarstellern als Amateur-Filme „gefaked“; Augenmerk liegt hier auf der Authentizität und der Illusion, die Akteure treten nur aus reiner Freude und purem Vergnügen (an der Exhibition) auf.
9. Hardcore-Pornos: hier werden die letzten Tabus gebrochen, wie etwa Pädophilie, Sodomie, Zoophilie u.ä., auf dieses Thema soll hier jedoch nicht näher einge­gangen werden. (Seeßlen, 1990)

2.2.2 Methoden und Quellen

2.2.2.1 Auswahl der Filme

Prinzipiell bieten sich zwei Vorgehensweisen bei der Untersuchung von pornogra­phischen Filmen an: entweder zunächst nach dem Zufallsprinzip möglichst viele unter­schiedliche Videos ausleihen, um daran festzumachen, ob und inwieweit in diesen Filmen bestimmte narrative Strukturen auftauchen und wiederkehren, oder die Erkenntnis nutzen, dass sich die Filme kategorisieren lassen, und nur eine Gattung auswählen. Da die Arbeit aber möglichst jugendspezifisch und repräsentativ für das ganze Genre sein soll, erschien die erstere Variante trotz größeren Aufwands als sinn­voller. Aus Kostengründen musste auf den ausschließlichen Kauf von Videos verzichtet werden. Stattdessen wurde entweder nach Empfehlung der Jugendlichen auf Leihfilme aus Videotheken zurückgegriffen, oder gar auf Leihgaben, bzw. Geschenke der Jugendlichen selbst. Damit war gleichzeitig sichergestellt, dass es sich bei dem Sample um Filme handelt, die von den Jugendlichen auch konsumiert werden.

Erwähnenswert ist, dass fast alle Filme des Samples nicht synchronisiert sind. Dabei ist es unerheblich, ob es sich um Filme mit deutschen oder amerikanischen Männern als Darsteller handelt. Die synchronisierten Filme sind so unprofessionell bearbeitet, dass Bild- und Tonspur oftmals nicht miteinander übereinstimmen.

2.2.2.2 Filmprotokolle

Voraussetzung für die Strukturanalyse eines Filmes ist es, seine zeitliche Handlungs­abfolge sichtbar zu machen. Dazu ist es nötig, ein Filmprotokoll zu erstellen:

„Mit dem Filmprotokoll soll der Film nicht ersetzt, aber der Fluss der Bilder gleichsam angehalten werden. Der Film als ein Erlebnis lässt sich damit ziemlich exakt rekapitulieren (auch wenn für den Protokollanten die sinnlich-affektive Dimension des Films beim Transkribieren zwangsläufig zunächst einmal verlorengeht) und wird dem analytischen Zugriff überhaupt erst verfügbar.“ (Faulstich 1988, S.16f)

Erst mit Hilfe des Filmprotokolls kann eine Strukturanalyse auch für andere nachvoll­ziehbar gemacht werden, indem exaktes Dokumentieren und Zitieren möglich wird. Sowohl Detailbeobachtungen als auch die fundierte Ermittlung der Filmstruktur im Ganzen können dadurch geleistet werden. Weder durch eine Analyse des Drehbuchs, noch durch bloßes ein- oder zweimaliges Ansehen eines Filmes wäre dies sonst zu erreichen. Obwohl die Wahrnehmung des Filmes notwendig immer subjektiv istF[6] F, scheint die Verschriftlichung zumindest das kleinere Übel zu sein, weil auch Fehlper­zeptionen an einem Text nachprüfbar sind. Ohne Protokoll kann ein geordnetes, systematisches und überprüfbares Sprechen dagegen kaum stattfinden (Kanzog 1991, S.25-27).

Da die Filmprotokolle in erster Linie Erinnerungshilfen für die Analyse und Interpretation der eigenen Arbeit sein sollten, wurde aus der Fülle der zur Verfügung stehenden Protokollierungsmethoden diejenige ausgewählt, die ein Erinnern des Gesehenen möglichst intuitiv ermöglicht. Bei der Vorgehensweise, Informationen im Fließtext zu notieren (vgl. ebd., S.136ff) ist das Protokoll annähernd wie eine Erzählung zu lesen. Durch die Engführung der Bildbeschreibung mit dem gesprochenen Wort, sind die Vorgänge leicht nachzuvollziehen. Informationen, die Kameraeinstellungen oder die Charakterisierung des Umfelds oder der Personen betreffen, werden in Klammern beigefügt. In einer eigenen Spalte wird die verstrichene Filmzeit in Minuten notiert, um das Verhältnis der Rahmenhandlung zur „Sexzeit“ herausarbeiten zu können. Da bei der Produktion von pornographischen Filmen in der Regel auf detaillierte Angaben zur Kameraeinstellung in den sehr losen Drehbüchern verzichtet wird, und sie daher den sich mehr oder weniger spontan ergebenen „interessanten“ Einblicken unterliegen (Gespräch mit einem Pornoproduzenten) , erschien es nicht nötig, diese durchnumme­rieren zu müssen. Selbstverständlich wurde aber auf die Art der Einstellungen geachtet, die – wo es nötig schien – mit den produktionstechnischen Begriffen von Ekkat Kaemerling erfasst werden konnten (Faulstich 1980, S.57ff).F[7] F Ein besonderes Augen­merk wurde bereits während der Protokollierungsphase auf das Affektpotential gerichtet, d.h. ob und welche audiovisuelle Rhetorik die Filme einsetzen, um den Konsumenten zu fesseln.

2.2.2.3 Analysemethoden

In der Sprache der Filmanalyse formuliert, soll in der vorliegenden Arbeit ein struktura­listischer Zugriff (Faulstich, 1988)F[8] F versucht werden, der durch einige Elemente der soziologischen Filminterpretation ergänzt werden muss, wobei das Anliegen in der Synthese der Fragestellungen zu sehen ist und nicht in der exakten Einhaltung der Methodenvorgaben. Es steht von vornherein fest, dass die Analyse eines Massen­mediums nicht auf ein Mitbedenken der Produktionsbedingungen und des (wenigen verlässlichen) Wissens um die Konsumentenseite verzichten kann. Beim strukturalistischen Zugriff soll der Aufbau, die Komposition und die spezifische Ordnung der pornographischen Filme an Hand der Fragen nach den Figuren, den Räumen, den zivilisatorischen Verhaltensmustern, dem Geschlechtsakt, dem Verhältnis zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit, dem Point of View, d.h. welchen Blickpunkt die Kamera einnimmt, und der Erzählperspektive, sowie nach den Motiven und der Handlungs­struktur festgestellt werden (Faulstich 1988, S.17ff). Der Vorteil dieser Methode besteht nicht zuletzt darin, dass mit ihr ein Vergleich mehrerer thematisch ähnlicher Filme besonders effektiv möglich ist, da solche Filme häufig auch in ihrer Struktur keine großen Unterschiede aufweisen. So kann ein verhältnismäßig kleines Sample wie das hier zur Verfügung stehende, von seiner Struktur her betrachtet, repräsentativer sein, als es zunächst den Anschein hat.

Vorsicht ist jedoch geboten bei Werturteilen: Simple Strukturen sind nicht automatisch trivial, und elaborierte Strukturen sind nicht gleich künstlerisch besonders wertvoll. Entscheidend ist ferner das Problem der Plausibilität. Zwar ist die strukturalistische Analyse keine Nacherzählung, sondern ein Herausarbeiten der Bauformen und deren Zuordnung zu einem System, jedoch ist diese Vorgehensweise zerlegend, der Schritt zurück zum Ganzen wird nicht mehr unternommen. Die auf dieser Grundlage vorge­nommene Bedeutungszuteilung bleibt problematisch, da der Film stets mehr ist als die Summe seiner Teile:

„Dass eine behauptete oder gesetzte Interpretation gleichwohl plausibel erscheint, ist darauf zurückzuführen, dass sie von der Suggestion der objektiv überprüfbaren Zerlegung in Teile, Relationen, Funktionen und Muster profitiert.“ (ders., S.28)

Dies gilt es auch in der vorliegenden Arbeit zu beachten, denn der pornographische Film wird vom Konsumenten eben nicht „zerlegt“ in Akteure, Räume und zivilisatorische Verhaltensmuster wahrgenommen, sondern als Einheit dieser Komponenten, die für ihn in einem besonderen Bedeutungskontext steht, der immer auch ein gesellschaftlicher ist. Ob z. B. das Verhalten oder Aussehen der Akteure als sexuell erregend oder als komisch interpretiert wird, hängt davon ab, was in der jeweiligen Gesellschaft als „normal“ angesehen wird und was eben nicht. Um diesen Zusammenhang aufzuzeigen, bietet sich die soziologische Filminterpretation an, da sie den Film im Hinblick auf seine Wiedergabe von Wirklichkeit untersucht. Die Analyse zielt dabei auf die Kommunikation von Werten. Es gilt zu beachten, dass es zwei verschiedene Bezugspunkte zur Gesell­schaft gibt, einen Bezug im Inhalt und einen Bezug in der Bedeutung. Ist der eine dadurch gekennzeichnet, dass der manifeste Inhalt eines Films mit realen gesellschaft­lichen Verhältnissen verglichen wird, geht man im zweiten Fall von der latenten, impliziten Bedeutung eines Films aus, bzw. bezieht man Gesellschaftliches auf diese latente Bedeutung. Während der erste Bezugspunkt zur Gesellschaft durch die Handlung offen liegt, muss der zweite außerhalb der Filmwirklichkeit ermittelt werden. Eine Analyse des pornographischen Spielfilms wird auf beide Ansätze nicht verzichten können. Grundsätzlich zu berücksichtigen ist, dass die soziologische Filminterpretation besonders anfällig ist für den unbewussten und als „selbstverständlich“ vertretenen Wertekanon, da „die Gesellschaft“ den bestimmenden Parameter darstellt. Eine konservative oder liberale Grundhaltung wird deshalb in der soziologischen Filminter­pretation immer ihre Spuren hinterlassen. Es soll zumindest der Versuch unternommen werden, das gesellschaftlich explosive Thema, welches der pornographische Film anschlägt, ohne ideologische Vorbehalte als „Phänomen“ unserer westlichen Gesellschaft und auf seine Funktionen hin zu untersuchen, die vom Wissenschaftler weder positiv, noch negativ zu bewerten sind (Daxelmüller 1984, S.144).

Eine Analyse muss die Produktionsbedingungen pornographischer Filme mit berück­sichtigen, denn während der „normale“ Spielfilm meist schnell als Fiktion zu durch­schauen ist – ein Blick auf den realen Nebenmann, die reale Nebenfrau genügt in der Regel – fällt dies beim pornographischen Film schwerer. Zum einen fehlt die Möglichkeit zum Vergleich der dargestellten mit der realen Sexualität, zum anderen sind viele Filme mit so geringem produktionstechnischem Aufwand produziert, dass – bewusst oder unbewusst sei dahingestellt – der Eindruck des Dokumentarischen entsteht.

2.2.3 Darlegung und Analyse des pornographischen Films

2.2.3.1 Protagonisten

Was dem Pornokonsumenten auf dem DVD-Cover eines jeden pornographischen Films als erstes ins Auge springt, sind nackte und halbnackte männliche und weibliche Körper. Was erzählen diese Körper im pornographischen Film? Wie sehen die Akteure aus? Welche Rollen sind ihnen „auf den Leib“ geschneidert? Was sind das für „Typen“ und welche Sprache sprechen sie? Sind sie wirklich „immer dieselben“, wie der ober­flächliche Blick suggeriert, oder erscheinen sie nur so, weil das gängige Raster zu grob ist, um diesen Körpern gerecht zu werden? Es gehört längst zu den psychologischen Popularstereotypen, dass der „erste Blick“ nicht den inneren Werten eines Menschen gilt. Aber schon die reinen Äußerlichkeiten lassen Rückschlüsse auf die Charaktere zu, mit denen der pornographische Film bevölkert ist. In den seltensten Fällen bleibt im pornographischen Film der Körper zunächst verborgen, dennoch lassen sich solche Differenzierungen ebenso erkennen, wie in jedem anderen Bereich, in dem Menschen interagieren. Zunächst soll deshalb das Sample nach den Äußerlichkeiten der Akteure durchsucht werden, die jene Basis bilden, auf Grund derer dann die Frage nach den damit transportierten Bildern, Vorstellungen und Wünschen zu klären versucht werden kann.

2.2.3.2 Kleidung und Accessoires

In fast allen Filmen des Samples wird insbesondere von den Männern ein Teil der Kleidung bis zum Schluss anbehalten, völlige Nacktheit ist eher selten. Teile der Unter­wäsche, Socken, Schuhe, Uhren und Schmuck werden nicht abgelegt, sodass immer ein gewisser Eindruck von Flüchtigkeit, aber eben auch Leidenschaft entsteht, die es nicht abwarten kann, bis alle Kleidung abgelegt ist. Bereits in der erotischen Kunst früherer Jahrhunderte ist das ein beliebtes Stilmittel, völlige Nacktheit galt selten als sexuell erregend (Gregersen 1982 S.111-119).

Make-up wird üppig verwendet. In den Filmen, die an Poollandschaften spielen oder das Lolitahafte zum Ausdruck bringen sollen, fällt das Make-up dezenter aus. Körper­schminke ist dagegen nicht festzustellen. Die Frauen haben fast immer lackierte und gefeilte, lange Nägel, bzw. in den neueren Filmen künstliche Fingernägel und tragen einfachen Schmuck wie Ohrringe, goldene Halskettchen, goldene Ringe und Arm­kettchen, seltener Fuß- oder Bauchkettchen. Hier wird das Bild der erotischen und gepflegten Frau vermittelt. Die Männer tragen häufig die obligatorischen goldenen Hals­ketten, oft Armgelenkkettchen und eher selten Ringe. Anders als die Frauen tragen sie auch häufig Uhren. Genitalschmuck in Form von gepiercten, einfachen Goldringen am Skrotum kommt nicht vor. Dafür ist in „Massenorgien II“ eine Frau an verschiedenen Köperstellen, darunter auch an Brustwarze und den Schamlippen gepierct; in „Orgy Angels“ wie auch in „Teeny Tiny Teens“ haben einige Mädchen ein Zugenpiercing. Es verwundert, dass dieses Motiv nur wenige Male im Sample vertreten ist, da sich Piercing (auch der Genitalien) seit einigen Jahren zu einem Modetrend entwickelt hat und Liebhaber in allen Gesellschaftsschichten hat.

2.2.3.3 Namen und Sprache

Außer in „Gina Wild – Jetzt wird’s schmutzig“, „Sex Show: Der Frauenknast“ und „Inside Jennifer Welles“ kommen in keinem der Filme Namen vor. Dabei ist aber auch zu bemerken, dass diese die einzigen in Spielfilmlänge sind. In den amerikanischen Produktionen werden die Frauen oft als „Baby“ oder „sexy model“ bezeichnet, Namen werden auch hier nicht genannt. In den Filmen älteren Datums (Der Spießrutenlauf und Man's Power beide ca. 1977) wird in geringem Umfang Konversation betrieben, um ein Mindestmaß an Rahmenhandlung zu ermöglichen. Zwar lässt die Sprache der Protagonisten fast immer einen bestimmten Dialekt erkennen, anders als in den romanischen oder angelsächsischen Ländern sagt dieser jedoch wenig über eine bestimmte Schichtenzugehörigkeit aus. Allerdings erzeugt reines Hochdeutsch den Eindruck von intellektueller Kälte, der folgerichtig im pornographischen Film vermieden werden soll. So hat die Mehrheit der Männer und Frauen einen nordrheinischen Dialekteinfluss, bei einigen Männern ist ein schwäbischer oder bayerischer Einfluss feststellbar. Während des Sex' treten Interjektionen auf wie: „Du hast aber eine geile Muschi!“, „Deine Möse läuft schon aus vor Geilheit!“ oder, „Ja, nimm dir was du brauchst! Schluck!“ Im Englischen sind die Ausrufe etwas knapper, wie „Fuck me!“ „Take me harder!“ oder „Suck it!“. Die Erwartung, dass die pornographischen Filme eine Vielfalt an obszönen Redewendungen und Ausdrücke enthalten, kann an diesem Sample nicht bestätigt werden. Es handelt sich um die gängigen Bezeichnungen für den Geschlechtsverkehr und die Genitalien wie „Titten“, „Dinger“, „Möpse“ für die Brüste, „Möse“, „Muschi“, „Fotze“ für die Vagina, „Schwanz“, „Ständer“, „Latte“ für den Penis, „Lutschen“ und „Lecken“ für den Oralsex, „Ficken“, „Bumsen“ und „Rammeln“ für den Koitus. Verniedlichungen wie „Pimmelchen“ und „Muschmusch“ werden ebenso wenig benutzt wie besonders derbe Ausdrücke, etwa „Stinkloch“ oder „Stopfbüchse“, wie sie Ernest Borneman in der Umgangssprache und Regina Böhne in ihrer Untersuchung zur Sprache in den sexuellen Kontaktmagazinen festgestellt hat (Borneman 1991; Böhne 1985, S.101-122)

2.2.3.4 Frauen-/Männerrollen und soziale Beziehungen

Weder die männlichen noch die weiblichen Darsteller im deutschen pornographischen Film sind – nach gängigen Schönheitsidealen beurteilt – überdurchschnittlich schön oder können besonders ausgeprägte sekundäre oder primäre Geschlechtsmerkmale aufweisen. Die männlichen Schauspieler können ebenso wenig einem bestimmten Typus zugeordnet werden wie die weiblichen. Über das Verhalten vor der Kamera und die Dialoggestaltung lässt sich feststellen, dass die Akteure weder professionelle Schauspieler noch Intellektuelle, noch anderweitig im visuellen Medienbereich tätig sind. Selbstverständlich entsteht nicht der Eindruck, dass sie prüde oder schamhaft sind, aber auch nicht brutal, kalt oder nymphoman veranlagt, wie von Gegnern der Pornographie häufig behauptet wird. Dieser Eindruck wird durch die Auswahlkriterien, denen Pornodarsteller in Deutschland unterliegen, und die Motivation, die für die Wahl eines solchen (Gelegenheits-)Berufs ausschlaggebend ist, bestätigt. Bei Männern entscheidet alleine die Fähigkeit, eine Erektion bei jeder Frau bekommen und über mindestens 20 Minuten halten zu können. Bei Frauen, dass sie gegenüber allen Sex­praktiken aufgeschlossen sind.F[9]

Die meisten sind eher schlank, weder Männer noch Frauen haben Übergewicht, was mit der gängigen gesellschaftlichen Vorstellung korreliert, schlanke Menschen seien ästhetischer. Ausnahmen bilden lediglich die Sequenzen in „Sex-Show: My private video“ und die Darsteller in „Amatör-Sex(!): Paare privat, heimlich gefilmt!“, um möglichst authentisch vermitteln zu können, dass es sich bei diesen Streifen um ahnungslose Privatpaare handelt. Aber auch hier hält sich das Übergewicht in Grenzen. Die Darsteller haben in der Regel keine besonders trainierten Körper. Als muskulös können die meisten Akteure ebenso wenig gelten, wie als untergewichtig. Selbst junge Frauen um die 20 haben keine Anzeichen von Unterernährung. Die Ausnahme sind die amerikanischen Filme, die sich den in den USA geltenden Schönheitsidealen verpflichtet zeigen, d.h. extreme Schlankheit bei Frauen und muskulöse, athletische Figur bei den Männer. Das Alter der Männer ist in der Regel höher als das der Frauen. Die meisten Männer dürften 30 bis 35 Jahre alt sein, die Frauen im Durchschnitt 25 Jahre.

Sowohl Männer als auch Frauen müssen als gepflegt bezeichnet werden, ohne jenen Eindruck von Unnatürlichkeit zu erwecken, der bei amerikanischen Filmen auffällt. Es konnten weder Unsauberkeit noch Nachlässigkeit im Äußeren festgestellt werden. Selbst langhaarige Männer sind die Ausnahme, die wenigen, die lange Haare tragen, haben diese im Nacken zu einem Zopf gebunden. Die meisten Männer bevorzugen kurze Haarschnitte, kahlgeschorene Schädel oder Vollglatzen fehlen im Sample hingegen völlig. Bis auf rötliche Haare, sind alle Haarfarben im Sample zu sehen. Die Pornographie bietet hier den Querschnitt, wie er von den Auswahlkriterien her zu erwarten ist, dasselbe gilt auch für das Äußere der weiblichen Darsteller. Bei den Frauen überwiegen schulterlange Haare, viele tragen Locken. In den meisten Filmen mit mehreren Frauen hat höchstens eine einen Kurzhaarschnitt. Außer in „Massen­orgien II“ fehlen besondere Frisuren ebenso wie ausgefallene Haarfarben, sie sind jedoch je nach Produktionsdatum der jeweiligen Mode angepasst. Häufig sind blond-, braun-, und schwarzhaarige Frauen vertreten, seltener Rothaarige. Die meisten Blondinen gerade in den neueren Produktionen sind nicht naturblond, sondern gefärbt, in einigen amerikanischen Filmen tragen die Frauen auch Perücken. Ausdrücklicher Wert wird im pornographischen Film offensichtlich weder auf bestimmte Haarfarben noch Frisuren gelegt, jedoch – wenn dies möglich ist – auf Abwechslung. Besonders gut ist dies an „Orgy Angels“ zu sehen. Hier decken die sieben Mädchen die Spann­breite von extrem dünn bis normal gewichtig, von lockig bis glatte Haare, von heller bis tiefbrauner Haut, vom „american girl“ bis zur Asiatin und von schüchtern bis sexuell erfahren alles ab. Die Hautfarbe weist bei beiden Geschlechtern alle Nuancen auf, neben sehr intensiv gebräunten Darstellern treten auch einige wenige mit blasser Hautfarbe auf. Die meisten Darsteller sind jedoch gut gebräunt und das, abgesehen von „Men Power II“, in dem sich bei beiden Frauen deutlich der Bikini von der ansonsten dunkelbraunen Haut abzeichnet, nahtlos. In „Black Pipe“ sind alle männlichen Darsteller Negride und in „Womens only“ gibt es eine lesbische Szene mit einer negriden jungen Frau.

An den Körpern können nur minimale Hautunreinheiten und keine Ausschläge festge­stellt werden. Auch die Genitalien sind frei davon, Spuren von Geschlechtskrankheiten wie Narben fehlen und damit alles, was an die gesundheitlichen Schattenseiten der Sexualität erinnern könnte. Als Modetrend wie auch als Phänomen des „cultural lag“ und der Produktionszwänge ist die Epilation anzusehen: Bei den Frauen ist es üblich, die Körperbehaarung entfernt zu haben. Im Normalfall sind auch die Schamlippen rasiert, bis hin zum völligen Fehlen der Schamhaare. Unrasierte Schamlippen kommen nur in den Produktionen der 1970er Jahre vor. Um der Kamera einen genaueren Blick auf den Genitalkontakt ermöglichen zu können, sind die meisten Männer am Genital teilrasiert, d.h. die Haare an Perineum und Skrotum werden entfernt, selten jedoch die Schamhaare oberhalb des Penis.

Da dieses Sample breit gestreut ist, lassen sich viele verschiedene Arten von Beziehungen ausmachen. Abgesehen von „Amatör-Sex(!) – Paare privat heimlich gefilmt“ lassen jedoch die wenigsten erkennen, dass es sich um Paare oder zumindest Bekannte handelt. Vermehrt kommt dagegen die Beziehung Chef – Angestellte vor, indes der Chef seine Angestellte auch gerne an seine(n) Freund(e) weiterreicht. Wie Vielfältig die Beziehung zu den Sexualpartnern sein kann, zeigt „Gina Wild – jetzt wird’s schmutzig“, in dem die Darstellerin innerhalb eines Tages Sex mit ihrem Partner, einem Polizeikollegen, dem Staatsanwalt, dem Angeklagten und einer Frau hat. Zumindest einen gewissen Grad an Bekanntschaft lassen die Sequenzen aus „Massenorgien I-VI“ schließen. Völlig ungewiss, in welcher Verbindung die Männer und Frauen zueinander stehen ist es in den Sequenzen, in denen gleich ein kopulierendes Paar zu sehen ist, in dem der Hintergrund keinerlei Hinweise gibt oder in dem zu einer masturbierenden Frau ein oder mehrere Männer hinzukommen. Dies ist vorzugsweise in den neueren Produktionen zu finden und macht in etwa 90 Prozent des Samples aus, was den Eindruck hinterlässt, dass der Sexualpartner austauschbar ist und keineswegs bekannt sein muss.

2.2.3.5 Zivilisatorische Verhaltensmuster

Unter dem Oberbegriff der zivilisatorischen Verhaltensmuster werden alle nicht primär von sexueller Lust bestimmten Verhaltensweisen subsumiert. Dazu gehören u.a. die spezifische Art der Befriedigung elementarer Bedürfnisse, ebenso der Umgang mit Genussmitteln, Körperpflege und Krankheit, sowie Zerstreuung. Von besonderem Interesse ist in der vorliegenden Untersuchung, ob und inwiefern diese Verhaltens­muster in Verbindung mit der Sexualität dargestellt werden, denn Essen, Trinken, Genussmittel, Schlafen und Körperpflege sind eng mit der Sexualität verbunden – erinnert sei an die „Einladung zum Essen“ und „zu einem Glas Wein“ (vgl. Comfort 1972, S.118, 121). Bzw. „auf die Tasse Kaffee“ als Aufforderung, noch mit in die Wohnung zu kommen, an die „Zigarette danach“ und das gemeinsame Wannenbad (Comfort 1975, S.26). In „Massenorgien III“ beginnt die Handlung mit einem üppigen Abendessen, welches auf silbernen Tabletts gereicht wird. Das Essen scheint im Zusammenhang mit dem Sich-stärken-müssen für die zu erwartenden sexuellen Ausschweifungen zu stehen, da die Gesellschaft nur mit Unterwäsche oder weniger bekleidet das Mahl einnimmt. „Massenorgien II“ verdeutlicht diesen Eindruck noch, da diese Sequenz den Anschein erwecken soll, das Essen sei eben erst beendet. Auch in einem unbetitelten Streifen sind im Hintergrund noch die Reste eines Picknicks auszu­machen. Zu sexuellen Handlungen kommt es immer erst nach den Mahlzeiten. Getrunken wird in dem Sample nur bei „Massenorgien II, III und IV“, da es sich hier um Partys handeln soll. In einer Sequenz von „Pussy Gushers“ stehen auf dem Beistell­tischen zwei leere Champagnergläser, die wohl zuvor als Hinleitung ausgetrunken wurden.

Es mag zunächst erstaunen, dass das Rauchen auch in explizit sexuellem Kontext erscheint, erklärt sich aber aus dem starken erotischen Symbolgehalt der Zigarette. So kann „rauchen“ ein Synonym für Fellatio sein – die Dame in „Super Vixen“ wirft hastig ihre Zigarette weg, weil sie „etwas Besseres“ gefunden hat; die fünf Herren aus der Autowerkstatt, die sie alle gleichzeitig oral befriedigt. In einer weiteren Sequenz sieht man eine leicht bekleidete Frau mit einem Glas Rotwein und einer Zigarette über die Straße gehen, bis sie in ein Hoftor einbiegt. Lasziv an die Hausmauer gelehnt raucht sie ihre Zigarette und genießt den Wein, bevor sie das Haus betritt.

In einer Sequenz aus „Men Power“, liegt ein halbnackter, augenscheinlich völlig geschwächter Mann am Meeresstrand, als zwei leicht bekleidete Damen aus ihrem Hausboot treten und ihn wie selbstverständlich auflesen und ihn ob seiner Erschöpfung in ihre Badewanne tragen. Dort waschen sie ihn voller Hingabe, wobei von Szene zu Szene weniger Kleidung an ihren Körpern zu sehen ist. Letztlich ist der Mann allein von der Waschung so gestärkt, dass es zum Sex zwischen den dreien kommt. Hier wird wohl der Wunschtraum des bürgerlichen Mannes wahr, sich von zwei Frauen verwöhnen zu lassen und anschließend ausführlichen Sex mit ihnen zu haben. In „Womens only“ fängt jede Sequenz entweder unter einer Freiluftdusche oder in einer Badewanne an. Hier waschen sich die Frauen entweder gegenseitig mit dicken Schwämmen und viel Schaum oder sie sind kurze Zeit allein zu sehen, in der sie sich bereits erotisierend und aufreizend einseifen, bis eine Gespielin dazu kommt.

[...]


[1] Nimmt man beispielsweise die Hetärerinnen aus der Antike, die keineswegs als unzüchtig und ehrlos galten (Leibrand, Leibrand 1972), sondern als intelligente Frauen angesehen waren, die Konversation betrieben oder Musikinstrumente spielten und bei Gastmahlen die Männer unterhielten.

[2] So bedeutet prostituieren im Lateinischen auch tatsächlich „preisgeben“ oder „zur Unzucht preisgeben“ (vgl Rose 1991, S.7)

[3] Im Gegensatz zu vielen Tagebuchverfassern und Memoirenschreibern berichtet Samuel Pepys in seinem Tagebuch des Jahres 1668, wie er einen erotischen Roman gekauft und gelesen hat: „Von da fort zum Strand zu meinem Buchhändler und blieb dort eine Stunde und kaufte das unnütze, frivole Buch 'L'Escole des Filles', das ich broschiert gekauft habe; ich vermied den Kauf einer besseren Ausgabe, weil ich entschlossen bin, es zu verbrennen, sobald ich es gelesen habe, damit es nicht im Verzeichnis der Bücher oder zwischen ihnen steht und ihnen Schande macht, falls es jemand findet.“ Einige Tage später erfahren wir in einer Art Geheimsprache, wie er beim Lesen des Buches masturbiert hat. Es war ein „sehr unkeusches Buch“, stellte er fest, „aber es ließ mein Ding die ganze Zeit stehen und gab ihm die Möglichkeit, sich zu entleeren.“ Danach hat er das Buch, wie versprochen, verbrannt, nahm sein Abendessen ein und ging zu Bett. (Samuel Pepys: The Diary of Samuel Pepys, hg. v. Robert Latham und William Matthews, 11 Bde.,Berkeley 1970-1983, hier zitiert nach Hunt, S.18)

[4] Emmanuelle Arsan schrieb insgesamt vier „Emmanuelle“-Romane, von denen der erste 1959 in Paris erschien. Sie schildert die Erlebnisse ihrer Protagonistin überwiegend aus der Ich-Perspektive. Neben zahlreichen Beschreibungen sexueller Handlungen und erotischer Konstellationen, soll dieser Erotismus als eine Art Sexualutopie verstanden werden, die vor allem einen Anspruch an einen freisinnigen und radikal anderen Umgang der Geschlechter miteinander erhebt. Schon die offizielle Emmanuelle-Filmreihe brachte es zwischen 1974 und 1993 auf stattliche sieben Episoden. Charakteristisch für die Filme ist, dass sie im „exotischen“ Ausland spielen, dass in ihnen – wie in der Romanvorlage – ausführlich über Liebe philosophiert wird, dass die zahlreichen expliziten Szenen „softcore“, teilweise sehr ausgefallen und mit großem Aufwand gefilmt sind. Emmanuelle selbst hat den Charakter einer sehr jungen und unschuldigen, aber gleichzeitig sinnlichen, bisexuellen, selbstbestimmten und modernen Frau, die mit ihrem Ehemann in einer offenen Beziehung, sorglos und in erheblichem Wohlstand lebt. Körperliche Liebe in allen Spielarten wird dabei als selbstverständliche Erweiterung von gefühlsmäßiger Liebe dargestellt, wobei diese Haltung auch von Dritten geteilt wird. Spätere Filme wichen allerdings von diesem Schema zunehmend ab (Seeßlen, 1990).

[5] Es soll noch angefügt werden, dass sich der Begriff „pornographisch“ mittlerweile auch auf Kriegs-/ Gewaltdarstellungen, auf Songtexte einschlägiger Rapper, sowie auf einige jugendsprachliche Ausdrücke bezieht. Selbst in der sog. Frauenliteratur, um rustikale Landärzte, verwitwete Barone oder sonstige heißblütige Adelige, bis hin zu Rosamunde Pilchers Liebes-Romanen, wird immer wieder dieses Verdikt verhängt. Es entbehrt zwar vielleicht nicht einer gewissen Folgerichtigkeit, ist aber auch nicht besonders präzise, da bei der Pornographie nicht von „Männer-Schmonzette“ oder „Männer-Schnulze“ gesprochen wird. Pornographie ist also immer ein ästhetisches Werturteil, so dass eine wissenschaftliche oder gar rechtliche Definition „aus sich heraus“ wohl gar nicht existieren kann. Werte aber wandeln sich von Kultur zu Kultur und von Epoche zu Epoche.

[6] Jedes Sehen eines Films erfolgt im Rahmen von Suchbildern, d.h. Projektionen einer Erwartung auf den Film, die mit der Vorstruktur des Verstehens bzw. dem zwangsläufigen „Vorurteil“ eng verbunden ist.

[7] Einstellungsarten sind z.B. Einstellungsgrößen: Detail / Groß / Nah / Amerikanisch / Halbnah / Halbtotal / Weit und Einstellungskonjunktionen: Schnitt / Abblende / Aufblende / Überblende / Klappblende / Jalousie- / Schiebe-/ Rauch- / Zerreiß- / Unschärfe- / Fettblende / Cash (ebd.1980)

[8] Faulstich verwendet den Begriff „Zugriff“, statt „Interpretation“, weil er zu Recht darauf verweist, dass der Strukturalismus keine Deutung anbieten, sondern lediglich ein „Analyse-Instrument“ darstellen kann, das eine wissenschaftliche Fundierung von Interpretationen möglich macht.

[9] Protokoll des Interviews mit Regisseur Herrn Hans Billian in Gräfelfing bei München am 15. September 1995: Männliche Bewerber werden Castings unterworfen, in denen sie ihre „Standfestigkeit“ unter Beweis stellen müssen. Weniger als ein Prozent der Bewerber ist in der Regel in der Lage, dies vor laufender Kamera zu zeigen. Als Entschuldigung wird bei den meisten Männern angeführt, dass sie Sex ohne „Liebe“ nicht vollführen könnten. Frauen, die sich bewerben, sind durch den Verdienst (damals ca. 1000 DM pro Drehtag; bei Männern max. 500 DM), Hang zum Exhibitionismus und die Lust, eigene sexuelle Grenzen zu erkunden motiviert. Mangelnde Erregung oder Widerwillen gegen einen bestimmten Sexpartner gleichen sie mit „Melkfett“ aus, das wiederum bei Männern zu einem „Taubheitsgefühl“ führt. Prostituierte werden selten als Schauspielerinnen in pornographischen Filmen engagiert, da ihnen ein 20-stündiger Drehtag im Verhältnis zum Verdienst „zu anstrengend“ ist. Nach Herrn Hans Billian kommen Männer aus allen, Frauen vor allem aus sozialen Berufen wie Krankenschwester, Kindergärtnerin, Altenpflegerin, Grundsschullehrerin oder es handelt sich um Hausfrauen. (Diese Aussagen beruhen auf Dokumenten, die eine freundliche Leihgabe von Prof. Pastötter sind.)

Ende der Leseprobe aus 179 Seiten

Details

Titel
Der Umgang bildungsferner Jugendlicher mit Pornographie und die Auswirkung auf deren Sexualität
Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Jahr
2009
Seiten
179
Katalognummer
V150679
ISBN (eBook)
9783640619702
ISBN (Buch)
9783640619948
Dateigröße
1179 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Umgang, Jugendlicher, Pornographie, Auswirkung, Sexualität
Arbeit zitieren
Anonym, 2009, Der Umgang bildungsferner Jugendlicher mit Pornographie und die Auswirkung auf deren Sexualität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150679

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