„Pornographie hat sich so in das Leben drumrum eingegliedert, man findet Pornographie zurzeit überall... Werbung für Hotlines, Shows, Filme. Was auch immer. Pornographie in der Musik. Jeder kennt doch King Orgasmus One, Bushido, Frauenarzt. Oder was weiß ich, in Werbesprüchen, keine Ahnung, da ist irgendein tiefgründigerer, also ein Spruch, der vielleicht was anderes meint, aber schon auf sowas rausläuft. Wie sagt man so schön, sex sells. [...] Und ich denke, dass wird mittlerweile schon so viel benutzt, dass es fast schon für jedermann ne Selbstverständlichkeit is. Vielleicht nicht im tieferen Sinne, aber im Mindestmaß schon.“
Die Worte eines 19-jährigen Sexualstraftäters zeigen, Sex ist überall. Die Gesellschaft – und im besonderen Maße die Jugend – hat sich daran gewöhnt. Linder schreibt in seinem GEO-Artikel „Auf der Suche nach der passenden Lust“, es sei geradezu ein Charakteristikum der modernen Gesellschaft, dass der sexuelle Phantasiekonsum immer wichtiger werde. „Es reicht nicht, einfach nur Sex zu haben, sondern er muss abwechslungsreich sein, einfallsreich, möglichst lange dauern und immer restlos befriedigen“ (Linder 2007, S.43)
Das Belastende jedoch: Die sexuellen Phantasien, die uns auf Schritt und Tritt umgeben, werden zum Leistungssoll, zu einer Norm. Während sich der deutsche Sexfilm der 70er Jahre noch einigermaßen darum bemühte einen sinnvollen und handlungsreichen Kontext für die Darstellung sexueller Handlungen zu ersinnen, ist dies bei den heutigen Produktionen kaum noch zu erkennen. Die Handlung reduziert sich im Wesentlichen auf einen Rahmen, der immer wieder eine neue Grundlage für sexuelle Handlungen bietet. Allerdings geht die Beziehung der Protagonisten nicht über die Sexualität hinaus. Belanglose Bekanntschaften reichen schon aus um vielfältigsten Sex mit wechselnden Partnern zu haben. Es liegt also auf der Hand, dass es nicht darum geht, eine Story zu erzählen, sondern rein um einen stimulativen Effekt. (Monssen-Engberding 2000)
Die meisten Erkenntnisse über die inhaltlichen Merkmale pornographischer Medienangebote liegen für Filme vor. Zillmann (2004) stellt nach der Durchsicht verschiedener Inhaltsanalysen fest, dass heterosexueller Geschlechtsverkehr das dominante Motiv darstellt. Am häufigsten wird der genitale Koitus in verschiedenen Stellungen, inklusive Vorspiel (in aller Regel Fellatio und Cunnilingus) gezeigt. Charakteristisch für die Darstellungen sind außerdem: Sex braucht keinen besonderen Anlass,...
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Forschungsfeld und Problemstellung
1.2 Aufbau der Arbeit
2. Das Genre der Pornographie
2.1 Die Pornographie
2.1.1 Etymologische Aspekte
2.1.2 Der Pornographiebegriff im Wandel oder Was ist Pornographie?
2.1.3 Sexualität in der Pornographie
2.2 Der pornographische Film (in Deutschland)
2.2.1 Definition „pornographischer Film“
2.2.2 Methoden und Quellen
2.2.3 Darlegung und Analyse des pornographischen Films
2.2.4 Geschlechtsakt
2.2.5 Point of View und Erzählperspektive
2.2.6 Funktionen
3. Die Rezipientengruppe Jugendliche
3.1 Definition des Begriffs „Jugend“
3.1.1 Entwicklungspsychologische Unterteilung der Jugendphasen
3.1.2 Veränderung der Jugendphasen
3.1.3 Probleme in der Jugendphase
3.2 Die Sozialisation
3.3 Die Lebenswelten Jugendlicher
3.3.1 Die Lebenswelt Eltern und Familie
3.3.2 Die Lebenswelt peer-group
3.3.3 Die Lebenswelt Schule und Arbeit
3.3.4 Die Lebenswelt Freizeit
3.4 Die Sexualität
3.4.1 Die Bedeutung der Sexualität im Jugendalter
3.4.2 Sexualität zwischen Natur und Kultur
3.5 Zur Bildung sexueller Normen und Werthaltungen
3.5.1 Die Entwicklung des moralischen Urteils
3.5.2 Das Lernen sexuellen Verhaltens und Erlebens
3.6 Jugend und Medien
4. Medienwirkung
4.1 Wirkungsbegriff
4.2 Wirkungsarten/ -bereiche
4.3 Theorien zur Wirkungsforschung
4.3.1 Sozial Kognitive Lerntheorien
4.3.2 Habituations-Hypothese
4.3.3 Erregungs-Transfer-Modell
4.3.4 Stimulationsthese
4.3.5 Theorie der Wirkungslosigkeit
4.5 Mediennutzung
4.5.1 Medienumgang unter erschwerten Lebensbedingungen
4.6 Realitätsvermittlung durch Massenmedien
5. Methoden und Rahmenbedingungen der Untersuchung
5.1 Die Notwendigkeit verschiedener Interviewarten
5.1.1 Das problemzentrierte Interview
5.1.2 Das rezeptive Interview
5.1.3 Das ero-epische Gespräch
5.1.4 Das Gruppeninterview
5.1.5 Auswertungsverfahren
6. Pornos im jugendlichen Alltag
6.1 Pornokonsum
6.1.1 Altersstruktur und Bildungsstatus
6.1.2 Geschlechtsspezifischer Konsum
6.1.3 Beschaffungsmaßnahmen
6.1.4 Intensität des Konsums
6.2 Rezeptionssituation
6.2.1 Konsumort
6.2.2 Konsumsituation
6.2.3 Porno-Partys
7. Erkenntnisse zur Wirkung von pornographischen Filmen auf die Sexualität Jugendlichen
7.1 Die Wirkung auf männliche Jugendliche
7.1.1 Die Peepshow zu Hause
7.1.2 Das Leben fickt dich ständig
7.1.3 Sex ist Volkssport geworden
7.1.4 Ein Typ kommt immer zum Orgasmus
7.1.5 Verhüten tun nur Feiglinge
7.1.6 Das war nicht geplant, eher ein Unfall
7.2 Die Wirkung auf weibliche Jugendliche
7.2.1 Sexspielchen
7.2.2 Es waren erst drei
7.2.3 Sex ist wie rauchen
7.2.4 Wer will denn noch heiraten?
7.2.5 Wenn's geil war darf der Typ wiederkommen
7.2.6 Jungs stehen auf gangbang
7.2.7 Wenn ich könnte, würde ich zurückspulen
7.3 Stimmen aus Praxis und Forschung
7.3.1 Sexualität als Bestätigung
7.3.2 Der Staat ersetzt den Partner
7.3.3 Die nehmen das für bare Münze
7.3.4 Das ist kein Schulmädchenreport mehr
8. Die Gefahr der sexuellen Enthemmung
9. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Umgang bildungsferner Jugendlicher mit Pornographie und analysiert, inwiefern der Konsum solcher Medien deren Sexualverhalten und Wertebild beeinflusst. Im Zentrum steht die Frage, ob durch die mediale Darstellung von Sexualität neue Normen und Skripte entstehen, die das reale Sozial- und Sexualverhalten in prekären Lebenswelten prägen.
- Qualitative Sozialforschung unter Einbeziehung jugendlicher Lebenswelten
- Analyse pornographischer Filminhalte und ihrer Wirkmechanismen
- Einfluss von Medienkonsum auf geschlechtsspezifische Rollenbilder
- Zusammenhang zwischen Bildungsstand, sozialer Herkunft und Pornographie-Rezeption
- Gefahrenpotential der sexuellen Enthemmung bei Jugendlichen
Auszug aus dem Buch
2.2.4.1 Vorspiel
Der Geschlechtsakt folgt einem relativ starren Schema, von dessen zeitlicher Abfolge kaum abgewichen wird. In der Regel wird Streicheln und Küssen der weiblichen Brüste und des Körpers, bisweilen auch des Skrotums als Vorspiel gezeigt, dem dann Cunnilingus und Fellatio, seltener auch Anilingus entweder wechselseitig oder in der Position „69“ (Comfort, 1972, S.137-140) folgen. Dauert das nichtgenitale Vorspiel meist nur wenige Augenblicke, ist dem gegenseitigen oralen Sex ein wesentlich längerer Zeitraum gewidmet, von zwei bis fünf Minuten reicht hier die Spannbreite. Mit Cunnilingus und Fellatio bewegen sich die Filme wieder im von der traditionellen erotischen Kunst vorgegebenen Rahmen. Die Ausführung des Oralsex' variiert von Darsteller zu Darsteller, die Bevorzugung bestimmter Techniken konnte dementsprechend nicht festgestellt werden. Allerdings fällt die Eile auf, mit dem die Männer versuchen, die Frauen zu stimulieren. Obwohl Sex das Zentrum des pornographischen Films bildet, fehlt die wichtigste Voraussetzung dafür, dass er körperlich befriedigend ist: die Zeit auf die individuellen Bedürfnisse einzugehen, d.h. vor allem diese Bedürfnisse auch ausdrücken zu können (Vgl. Comfort 1972, S.73f, S.100 und 103f). Stattdessen wird von Anfang an fest an Brustwarzen gesaugt, werden die Brüste geknetet. Dasselbe gilt für die gegenseitigen Masturbationstechniken (Billian). Sofort wird die Klitoris mit der Zunge bearbeitet, werden Finger in Vagina und Anus eingeführt (um das zu erleichtern, werden sie mit Speichel angefeuchtet) und dringt der Penis in die Vagina ein. Verbale wie nonverbale Kommunikation fehlt in dieser Phase. Bisweilen masturbiert ein Mann oder eine Frau auch alleine, um die Zeit bis zur Penetration zu überbrücken. Ziel des pornographischen Films ist es allerdings nicht, lehrbuchmäßigen Sex zu zeigen, vielmehr geht es darum, Leidenschaft und überschäumende Lust vorzustellen, „der es gar nicht schnell genug gehen kann“.(Billian)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Allgegenwart von Pornographie ein und thematisiert die Forschungsfrage zur Bedeutung des Medienkonsums für Jugendliche.
2. Das Genre der Pornographie: Dieses Kapitel definiert den Begriff der Pornographie etymologisch und historisch und analysiert pornographische Filme hinsichtlich ihrer Struktur, Protagonisten und Funktionen.
3. Die Rezipientengruppe Jugendliche: Hier werden die entwicklungspsychologischen und soziologischen Grundlagen der Jugendphase, inklusive Sozialisation und Lebenswelten, ausführlich dargestellt.
4. Medienwirkung: Dieses Kapitel erläutert Wirkungsbegriffe und zentrale Theorien der Wirkungsforschung, wie z.B. die Habituations-Hypothese, um ein Fundament für die Studie zu schaffen.
5. Methoden und Rahmenbedingungen der Untersuchung: Dieses Kapitel beschreibt das qualitative Forschungsdesign, die Interviewmethoden und das Vorgehen bei der Datenauswertung.
6. Pornos im jugendlichen Alltag: Hier wird der konkrete Konsum durch die Jugendlichen, Rezeptionssituationen und die Bedeutung von "Porno-Partys" beleuchtet.
7. Erkenntnisse zur Wirkung von pornographischen Filmen auf die Sexualität Jugendlicher: Das Kernkapitel präsentiert die Ergebnisse der Interviews, unterteilt in die Wirkung auf männliche und weibliche Jugendliche sowie Expertenmeinungen.
8. Die Gefahr der sexuellen Enthemmung: Dieses Kapitel thematisiert die Verbindung von Pornokonsum, sozialer Desintegration und dem Phänomen der sexuellen Übergriffe durch Jugendliche.
9. Schlussbetrachtung: Hier werden die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst und Perspektiven für zukünftige Forschung und jugendpädagogische Ansätze abgeleitet.
Schlüsselwörter
Pornographie, Jugendliche, Sexualität, Medienwirkung, Sozialisation, Lebenswelt, Pornokonsum, Filmanalyse, Jugendsexualität, Sexuelle Enthemmung, Qualitatives Interview, Bildungsferne, Sozialisation, Mediennutzung, Sexualaufklärung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie bildungsferne Jugendliche mit pornographischen Medieninhalten umgehen und welche Auswirkungen dieser Konsum auf ihr Sexualverhalten, ihre Identitätsentwicklung und ihre Wertevorstellungen hat.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder umfassen die mediale Struktur pornographischer Filme, die Lebenswelten und Sozialisation von Jugendlichen sowie die medienpädagogische Wirkungsforschung im Kontext der Jugendsexualität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, zu ergründen, ob und wie der Konsum von Pornographie das reale Sexualverhalten bildungsferner Jugendlicher verändert und welche Rolle diese Medien bei der Konstruktion von Männlichkeits- und Weiblichkeitsbildern spielen.
Welche wissenschaftlichen Methoden kommen zum Einsatz?
Es handelt sich um eine qualitative Studie, die auf problemzentrierten Interviews, rezeptiven Interviews, ero-epischen Gesprächen und Gruppeninterviews mit Jugendlichen sowie Experten basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Genre der Pornographie, beleuchtet die jugendliche Rezipientengruppe in ihren sozialen Bezügen und diskutiert die verschiedenen theoretischen Ansätze der Medienwirkungsforschung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit fokussiert auf Begriffe wie Sozialisation, mediale Verwahrlosung, Identitätsentwicklung, sexuelle Normbildung und die Differenz zwischen Fiktion und Realität im jugendlichen Filmerleben.
Welche Rolle spielt der sogenannte "Pornorap" in der Lebenswelt der Jugendlichen?
Porno-Rap dient vielen Jugendlichen als Teil der "Grundausstattung" ihres Alltags und ihrer Sprache; er fungiert als Medium zur Identifikation, das oft pornographische Inhalte weiterverbreitet und normalisiert.
Welche Schlussfolgerungen zieht die Autorin bezüglich der sexuellen Enthemmung?
Die Autorin stellt fest, dass Pornographie dazu beitragen kann, Hemmschwellen zu senken und die Wahrnehmung von Frauen als Sexobjekte zu verstärken, was in sozialen Brennpunkten ein Risiko für die Entwicklung von sexuell gewalttätigen Verhaltensmustern darstellen kann.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2009, Der Umgang bildungsferner Jugendlicher mit Pornographie und die Auswirkung auf deren Sexualität, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150679