Die Form des Essays bei Peter Handkes "Versuch über die Müdigkeit"


Hausarbeit, 2003
19 Seiten, Note: Gut

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Gattung Essay
2.1 Merkmale des Essays
2.2 Das Gespräch als Form des Essays

3. Handkes Verwendung der Gesprächsform in Bezug auf die Anforderungen des Essays
3.1 Subjektivität
3.2 Der Gesprächspartner als Instanz der Reflektion
3.3 Das Gespräch als Möglichkeit und Beschränkung der Offenheit
3.4 Das Gespräch als „Sabotage“ essayistischer Bedingungen

4. „Identität“ der Gesprächsinstanzen
4.1. Identität des Erzählers
4.2 Mögliche Deutungen des Gesprächspartners

5. Zusammenfassung

6. Literatur

1. Einleitung

Peter Handke hat sich schon in frühen Jahren als profunder Kenner von Genres und Gattungen erwiesen und diese Kenntnisse erfindungsreich und kritisch in seine Werke einfließen lassen. Die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit den frühen Texten Handkes hat diesem Umstand auch durchaus Rechnung getragen. So wurden der Kriminalroman und dessen Verwendung in „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ ebenso thematisiert wie Handkes Umgang mit den Mustern und Motiven des Bildungsromans in „Der kurze Brief zum langen Abschied“. Auch mit seiner Triologie der „Versuche“ aus den Jahren 1989-1991 gibt der Autor schon in deren Titel einen Gattungsbezug zu erkennen – dem des Essays. Diskussionen blieben hierzu allerdings größtenteils aus, und wenn Gattungsfragen – größtenteils oberflächlich – abgehandelt wurden, dann am Beispiel von „Versuch über die Jukebox“, der durch den irritierenden Untertitel „Erzählung“ diese auch geradezu aufdrängt. Der „Versuch über die Müdigkeit“ wird in der Sekundärliteratur hauptsächlich stillschweigend als Essay hingenommen, und lediglich Gerhard Pfisters Auseinandersetzung mit der Literaturkritik zu diesem Text Handkes deutet eine mögliche Problematik der einfachen Gattungszuweisung an, kann diese aber aufgrund der speziellen Fragestellung seiner Arbeit nicht eingehender thematisieren.[1] Ziel dieser Arbeit ist es nun, Handkes Umgang mit dem Genre Essay genauer zu untersuchen. Zunächst soll hierbei die Gattung näher definiert werden, um anhand der daran erarbeiteten Merkmale des Essays am „Versuch über die Müdigkeit“ zu überprüfen wie und inwieweit Handke diese erfüllt. Da das augenscheinlichste Formprinzip von Handkes Text die des Dialoges ist, soll insbesondere darauf geachtet werden, welche gattungstützende Funktion die Gesprächsform im Allgemeinen und in Handkes Text im Besonderen hat. Abschließend soll das Augenmerk noch speziell auf die

„Ermöglicher“ der Gesprächsform, die Gesprächspartner gerichtet

werden, um Möglichkeiten – nicht Ergebnisse – ihrer Identität anzubieten.

2. Die Gattung Essay

2.1 Merkmale des Essays

Um Peter Handkes „Versuch über die Müdigkeit“ unter gattungsspezifischen Gesichtspunkten zu betrachten, ist es unerlässlich die Konstituenten dieser Gattung festzulegen. Und hier beginnen die Probleme, denn „die Vielzahl der Definitionsansätze zum Essay ist einigermaßen verwirrend“[2]. Doch auch wenn es sich bei dem Essay um „die am schwierigsten zu meisternde wie zu beurteilende literarische Form“[3] handeln mag, wenn sich auch am speziellen Beispiel die Geister darüber scheiden können, ob nun ein Essay vorliegt oder nicht, gibt es dennoch einige Merkmale, die immer wieder als Kennzeichen der Gattung geschildert werden. Diese Kennzeichen hängen eng mit der Problematik des Essays zusammen. Die Schwierigkeiten bei der erschöpfenden Definiton der Gattung sind durch die Gattung vorgegeben, die „überhaupt keine normativen Kriterien“ bereitzustellen scheint, da sie ja von ihrem Urheber „Michel de Montaigne aus der bewußten Opposition gegen jegliche normative Systematik konzipiert worden ist.“[4] Aus diesem Umstand resultiert nicht zuletzt die enorme „Spannweite der Form“[5], die formal-stilistische Definitionsversuche nur mit so allgemeinen Begriffen zulässt, die sich in der praktischen Anwendung kaum noch als nutzbar erweisen, wie es etwa Haas der Definition Rohners vorwirft.[6] Es ist also angebracht, „man sucht nach einer Grundstruktur, die zwar in vielerlei Ausprägungen erscheinen kann, aber eine Abgrenzung zu ähnlichen oder scheinbar ähnlichen Formen zuläßt.“[7] Ausgangspunkt dieser Suche ist ein „spezifisches gedankliches Verfahren, aus dem sich die speziellen Sprach- und Baumittel ergeben bzw. dem sie sich zuordnen“.[8] Charakteristisch für dieses Verfahren ist hierbei zunächst die völlige Offenheit, die von Adorno postulierte „Freiheit des Gedanken und des Denkwegs“[9]. Der Essay denkt „ in Freiheit [...] zusammen, was sich zusammen findet in dem frei gewählten Gegenstand.“[10] Damit ist schon festgestellt, dass es eine spezifische, gar wissenschaftliche Methode nicht geben kann. Das unmethodische Vorgehen des Essays wurzelt in seiner Offenheit und ist durchaus als beabsichtigte Gegenbewegung zu der Verfahrensweise des Traktats zu verstehen, das „ von einer festen Prämisse ausgehend und mit Hilfe einer präetablierten Beweisführung die [...] scholastisch –deduktive Systematik bestätigt“[11] Hierbei muss aber festgehalten werden, dass der Essay sich „nicht im einfachen Gegensatz zum diskursiven Verfahren“[12] befindet. Dem möglicherweise entstehenden Bild völliger Beliebigkeit, das durch die häufige Betonung des Spielcharakters des Essays sich zu verfestigen droht, setzt Adorno folgende Überlegungen entgegen:

Er [der Essay] ist nicht unlogisch, gehorcht selber logischen Kriterien insofern, als die Gesamtheit seiner Sätze sich stimmig zusammenfügen muß. Keine bloßen Widersprüche dürfen stehenbleiben, es sei denn, sie würden als solche der Sache begründet. Nur entwickelt er seine Gedanken anders als nach der diskursiven Logik. Weder leitet er aus einem Prinzip ab noch folgert er aus kohärenten Einzelbeobachtungen. Er koordiniert die Elemente, anstatt sie zu subordinieren; und erst der Inbegriff seines Gehalts, nicht die Art von dessen Darstellung ist den logischen Kriterien kommensurabel.[13]

Die Offenheit der Form ist also keineswegs als Einladung zum kreativen Chaos zu verstehen, und der Essay bewegt sich bei allen Freiheiten die er sich nehmen kann und muss, durchaus auf ein Ziel zu. Dieses Ziel ist im Gegensatz zu einer wissenschaftlichen Abhandlung aber nicht das Erreichen des einen, richtigen Ergebnisses durch die systematische Anordnung objektiver Befunde, sondern die Erkenntnis einer möglichen „Wahrheit“ durch das Zusammennehmen subjektiver Eindrucke und Meinungen. Dieses Beharren auf der Subjektivität ist es auch, welches das Ergebnis, das Ziel des Essays immer nur ein vorläufiges sein lässt. Der Essay hat stets „mit dem Mangel an [..] Sicherheit zu zahlen“[14] den die Abhandlung und das Traktat nicht zulassen können. Der Essay gibt sich zwar Mühe, in seiner Subjektivität so genau wie möglich zu sein, dadurch, dass er „seinen Gegenstand hin und her wälzt, befragt, betastet, durchreflektiert“ und „von verschiedenen Seiten auf ihn losgeht und in seinem Geistesblick sammelt, was er sieht, und verwortet, was der Gegenstand unter den im Schreiben geschaffenen Bedingungen sehen läßt.“[15] Doch auch sein Wille zur Reflektion und zur Anschaulichkeit von allen dem Subjekt zur Verfügung stehenden Blickwinkeln will nicht die letzte Wahrheit verkündigen, sondern lediglich „an einem ausgewählten oder getroffenen partiellen Zug die Totalität aufleuchten lassen, ohne daß diese als gegenwärtig behauptet würde.“[16] Den hohen reflexiven Gehalt deshalb als „Nebenprodukt“ oder ignorierbaren Seitenaspekt zu betrachten, wäre allerdings ein Fehler. Er ist es, der dem Essay zu seiner „als konstitutiv erkannten Doppelbewegung“ – im Unterschied zur „einsträngigen Argumentationsebene von Traktat, Aufsatz und Abhandlung“[17] – verhilft. Und aus dieser Doppelbewegung resultiert wiederum, dass „Gesprächscharakter und die quasi dialogische Struktur[...] als spezifische Phänomene dieses Genres“[18] Geltung erlangt haben.

2.2 Das Gespräch als Form des Essays

Wenn dem Essay ein gewisser Dialogcharakter zugrunde liegt, ist es wenig verwunderlich dass bei der Suche nach Vorformen des Essays neben Brief und Exemplum auch immer das Gespräch genannt wird.

Doch man muss sich nicht der „Problematik der Vorform-Hypothese[n]“[19] aussetzen, um der Gesprächsform in der Geschichte des Essays eine nicht gerade kleine Tradition zu bescheinigen. Zahlreich sind die Beispiele, bei denen die dialogische Eigentümlichkeit „sich auf die Struktur seines Objekts“ dergestalt übertragen, das sie auch tatsächlich Gespräche darstellen. Der französische Komödiendichter Marivaux, zu dessen Spätwerk auch einige Essays gehören, kleidet seine Gedanken zur Gleichheit der Geburt in ein Gespräch zwischen einem jungen Prinzen und dessen weisen Erzieher[20]. Auch die deutsche Essayistik hat hervorstechende Beispiele vorzuweisen. So diskutiert bei Goethe der Zuschauer eines Theaterstücks mit dem Anwalt des Künstlers „Über Wahrheit und Wahrscheinlichkeit der Kunstwerke“[21]. Christian Martin Wieland zeigt einen besonderen Hang zur Gesprächsform in seinen essayistischen Schriften. „Gespräche unter vier Augen“ werden über politisch brisante Themen geführt[22], und über das „Für und Wider“ der französischen Revolution unterhalten sich gar römische Gottheiten[23]. Schon diese kleine Auswahl zeigt wohl zur Genüge an, dass Peter Handkes „Versuch über die Müdigkeit“ sich – sicherlich nicht zufällig - in eine durchaus prominent besetzte Ahnenreihe essayistischer Gespräche einreiht.

[...]


[1] Vgl. Gerhard Pfister, Handkes Mitspieler. Die literarische Krititk zu Der kurze Brief zum langen Abschied, Langsame Heimkehr, Das Spiel vom Fragen, Versuch über die Müdigkeit. Bern u.a. 2000.

[2] Gerhard Haas, Zur Geschichte und Kunstform des Essays. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik 7. Jg. (1977), S. 18.

[3] Max Bense, Über den Essay und seine Prosa. In: Bense, Plakatwelt. Vier Essays. Stuttgart 1952, Zit. Nach Haas (wie Anm. 1), S.24.

[4] Klaus Weissenberger, Der Essay. In: Klaus Weissenberger (Hrsg.), Prosakunst ohne Erzählen. Die Gattungen der nicht-fiktionalen Kunstprosa. S. 105

[5] Gerhard Haas, Zur Geschichte und Kunstform des Essays (wie Anm. 2), S. 22.

[6] vgl. Gerhard Haas, Zur Geschichte und Kunstform des Essays (wie Anm.2) S.20-21.

[7] Gerhard Haas, Zur Geschichte und Kunstform des Essays (wie Anm. 2), S. 19.

[8] Gerhard Haas, Zur Geschichte und Kunstform des Essays (wie Anm. 2), S. 23.

[9] Gerhard Haas, Essay. In: Ulfert Ricklefs (Hrsg.) Das Fischer Lexikon Literatur. Band 1. Frankfurt am Main 2002. S. 622.

[10] Theodor W. Adorno, Der Essay als Form. In: (ders.) Noten zur Literatur. Frankfurt am Main 1981. S. 19.

[11] Klaus Weissenberger, Der Essay (wie Anm. 4), S.107.

[12] Theodor W. Adorno, Der Essay als Form (wie Anm. 10), S. 31.

[13] Theodor W. Adorno, Der Essay als Form (wie Anm. 10) S.31-32.

[14] Theodor W. Adorno, Der Essay als Form (wie Anm. 10), S. 21.

[15] Max Bense, Über den Essay und seine Prosa. In: Merkur 1. Jg (1947) Zit. Nach: Theodor W. Adorno, Der Essay als Form (wie Anm. 10) S. 25

[16] Theodor W. Adorno, Der Essay als Form (wie Anm. 10), S. 25.

[17] Klaus Weissenberger, Der Essay (wie Anm. 4), S.123.

[18] Gerhard Haas, Essay (wie Anm.9), S. 620.

[19] Gerhard Haas, Essay (wie Anm.9), S. 618.

[20] Vgl.Pierre Carlet de Marivaux, Erziehung eines Prinzen. In: Gerda Scheffel (Hrsg.), Die Kunst in den Köpfen der Menschen zu lesen.. Frankfurt am Main/Leipzig 1998 S. 189 - 207

[21] Vgl. Johann Wolfgang von Goethe, Über Wahrheit und Wahrscheinlichkeit der Kunstwerke. In: (ders.), Goethes Werke. Band XII. Achte Auflage. München 1978. S. 67 – 73.

[22] Vgl. Christoph Martin Wieland, Gespräche unter vier Augen. In: (ders.), Werke. Dritter Band. München 1967. S.

[23] Vgl. Christoph Martin Wieland, Für und Wider. Ein Göttergespräch. In: (wie Anm. 22) S. 728 – 743.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Form des Essays bei Peter Handkes "Versuch über die Müdigkeit"
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Insititut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Note
Gut
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V15070
ISBN (eBook)
9783638203067
ISBN (Buch)
9783638787864
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Form, Essays, Peter, Handkes, Versuch, Müdigkeit
Arbeit zitieren
Mario Fesler (Autor), 2003, Die Form des Essays bei Peter Handkes "Versuch über die Müdigkeit", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15070

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