Die Verwebung der Realitätsschichten in Arthur Schnitzlers Traumnovelle


Seminararbeit, 2003

18 Seiten, Note: 1


Leseprobe

1. Einleitung

„Um das komplexe Verhältnis der Realitätsschichten, ihre gleitenden Grenzen gegeneinander geht es dem Dichter, wenn er die Abenteuer des Möglichen und Imaginären in symbolischen Bilderfolgen artistisch kombiniert, erst in zweiter Linie und nur vordergründig um die Allmacht der „libido“.“[1]

Dies stellt Hans Joachim Schrimpf in seinem für die Zeitschrift der Deutschen Philologie verfassten Artikel „Arthur Schnitzlers Traumnovelle“ fest. Mit meiner hier vorliegenden Hausarbeit möchte ich diese Aussage unterstützen und weiter ausbauen. Thema meiner Arbeit soll die Untersuchung der sich verändernden Wirklichkeitswahrnehmung in Arthur Schnitzlers (1862-1931) „Traumnovelle“ sein anhand der Erlebnisse des Protagonisten Fridolin. Mein Ziel ist es, aufzuzeigen, mit welchen motivischen und symbolischen Mitteln Schnitzler dieses wechselhafte Verhältnis von Realität und Imaginärem im Text realisiert.

Beginnen möchte ich dabei mit der Analyse des Titels, der ja bereits eines dieser Grundthemen in sich birgt. Danach werde ich auf chronologischer Basis die Novelle weiter betrachten und mich dabei vor allem auf Fridolins Weg und seine Handlungen konzentrieren.

So wie man die Novelle in zwei große Partien teilen kann, die vor Albertines Traum und die darauf folgende, habe auch ich meine Darstellungen zwei geteilt. Der erste Teil behandelt Fridolins Weg von zu Hause bis zum Maskenball, der zweite beschäftigt sich kurz mit dem Traum Albertines und verfolgt dann Fridolins Handlungen bis zum Ende der Novelle.

Ich werde textanalytisch arbeiten und sowohl soziologische, historische als auch psychologische Aspekte weitgehend ausblenden.

Nun möchte ich kurz etwas zur Entstehungsgeschichte der Traumnovelle sagen: Die erste Version der Erzählung taucht 1907 unter dem Titel „Doppelnovelle“ in Schnitzlers Tagebuchaufzeichnungen auf. Dieser Titel erinnert bereits an den symmetrischen Aufbau der Novelle, in deren „Erzählökonomie“[2] „Albertines Traum eine Mittelstellung“[3] einnimmt, wobei Fridolin die Stationen, die er bis zur geheimen Gesellschaft durchläuft, nach Albertines Traum sozusagen wieder „abläuft“[4].

1923 nimmt Schnitzler die Ausarbeitung der Novelle wieder in Angriff und 1926 schreibt er die Erzählung unter ihrem endgültigen Namen „Traumnovelle“ in seinem Tagebuch nieder.

2. Der Titel

Der Ausgangspunkt der Überlegungen zu den verschiedenen Wirklichkeitsschichten in Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ soll das im Titel bereits angeschnittene Thema des Traumes sein.

Der Titel ist ein Kompositum aus zwei Substantiven, wobei der zweite Teil die literarische Gattung beschreibt. Bereits 1892 hat Schnitzler die Ausrichtung dieser Gattung nach der psychologischen Seite festgestellt, so dass sein gesamtes Novellenwerk im Zeichen dieser Wechselwirkung von Form und Inhalt steht. Winfried Freund beschreibt Arthur Schnitzler im Bezug auf die Novellentheorie als den „Initiator eines nach innen gewandten Novellentypus, der, tief hineinleuchtend in das Einzelbewußtsein, zu charakteristischen neuen Darstellungsweisen findet.“[5].

Die Frage, warum Schnitzler gerade bei diesem Werk die Gattungbezeichnung mit in den Titel genommen hat, obwohl die Erzählung selbst aufgrund von Aufbau und Inhalt dieser Gattung leicht zuzuordnen ist, muß offen bleiben.

Allerdings könnte der Miteinbezug der Gattungsbezeichnung in den Titel dahingehend interpretiert werden, das Beispielhafte der Erzählung im Bezug auf ein anderes zentrales Thema, die Ehekrise der beiden Protagonisten, hervorzuheben. Fridolin und Albertine sollen hier also für das typisch bürgerliche, oft in seinen Triebregungen eingeschränkte Leben zu zweit stehen.

Das Substantiv „Traum“ fungiert als nähere Bestimmung des Substantivs „Novelle“. Obwohl der Traum in vielen Werken Schnitzlers eine große Rolle spielt, taucht er in keinem anderen Titel außer dem der „Traumnovelle“ auf. Dies verweist auf die zentrale Stellung dieses Themas und bedeutet darüberhinaus, dass der Traum nicht nur als stilistisches Mittel gedacht ist, Unbewußtes aufzuzeigen, sondern dass es Schnitzler vor allem um das schwierige Verhältnis von Traum und Wirklichkeit in der subjektiven Erlebniswelt des Einzelnen geht.

Beweise dafür sind unter anderem die immer wieder traumhaft anmutenden nächtlichen Erlebnisse Fridolins und die der Wirklichkeit so nah kommenden Traumerlebnisse Albertines, wobei ich mich in den nächsten Kapiteln vor allem auf erstere konzentrieren werde.

Abgesehen von diesen Ausführungen ruft der Titel natürlich auch das 1900 erschienene Buch „Die Traumdeutung“ von Sigmund Freud in Erinnerung, mit welchem dieser den Grundstein zur analytischen Psychologie legte. Dadurch wurde die damals moderne Komponente des Wortes Traum, die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem, im Geiste des informierten Lesers wachgerufen und er mußte sich noch vor Beginn der Novelle mit der psychoanalytischen Sichtweise des Traumes auseinandersetzen. Im Laufe der Novelle blieb und bleibt es für den Leser interessant, herauszufinden, inwieweit Schnitzler sich wirklich der Lehre Freuds bedient.

Die Assoziationen zum Titel können jedoch weit über diese beiden angeschnittenen Punkte hinausgehen, was mit der Bildhaftigkeit des Wortes „Traum“ zusammenhängt und worin ein weiterer Vorteil des Titels liegt.

Zusammenfassend zur Titelgestaltung kann gesagt werden, dass sich darin der Naturwissenschaftler Schnitzler, der dem Formwillen verpflichtete Künstler und ein Stück unerwägbare dichterische Intuition gleichermaßen wiederfinden.

3. Von der Wirklichkeit zum Traum

3.1 Fridolins Weg

Betrachtet man den Beginn der „Traumnovelle“, befindet man sich innerhalb eines Märchens und noch oft während der Erzählung hat man das Gefühl, sich in einer märchengleichen Zeitferne zu bewegen, so z.B. auf dem von Fridolin besuchten Maskenball. Das Märchenmotiv steht in engem Zusammenhang mit dem Traum, es gestaltet sozusagen symbolisch das, was innerhalb des Traumes rational nicht erfasst werden kann, damit gemeint ist die schwer erforschbare Beziehung zwischen Traum und Wunsch und das eindeutig Emotionale an dieser Beziehung. Die Tatsache, dass dieses den Anfang der Novelle darstellende Märchen wie aus 1001 Nacht zu kommen scheint, verleiht dem Motiv etwas exotisch Gefahrvolles und verweist so bereits auf die für die Ehepartner gefährlichen Erlebnisse sowohl auf der Redoute als auch in ihrem vergangenen Sommerurlaub, die danach thematisiert werden.

Die Redoute erscheint wie eine Vorausschau auf den später folgenden Maskenball und Schnitzler vedeutlicht hier bereits durch seine Wortwahl, in welch verschiedenen Realitätsschichten das Ehepartner sich befindet, wenn sie die „Schattengestalten von der Redoute (...) wieder zur Wirklichkeit“[6] emporsteigen sehen. Die Ehepartner fragen sich insgeheim, ob die versäumten Möglichkeiten nicht größeres Recht auf Verwirklichung gehabt hätten als das wirklich Gewordene und „wohin der unfaßbare Wind des Schicksals sie doch einmal, und wär’s auch nur im Traum, verschlagen könnte.“[7]

Das erste Kapitel beinhaltet verschiedene Rückblenden, mit Hilfe derer Schnitzler das Thema der erotischen Beziehungen und die Problematik der nicht befriedigten Triebregungen innerhalb der Ehe einführt und damit vor allem die Möglichkeiten aufzeigt, die hinter der Wirklichkeit stehen.

[...]


[1] Hans Joachim Schrimpf: Arthur Schnitzlers Traumnovelle. In: Zeitschrift für Deutsche Philologie. Bd. 82. Erich Schmidt Verlag, 1963. S. 188

[2] ebd., S.182

[3] ebd.

[4] ebd.

[5] Winfried Freund: Novelle. Reclam, Stuttgart, 1998. S. 240

[6] Arthur Schnitzler: Gesammelte Werke. Die Erzählenden Schriften. Bd. 2. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. Main, 1961. S. 435

[7] ebd. S. 436

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Verwebung der Realitätsschichten in Arthur Schnitzlers Traumnovelle
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Institut für Neuere Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Textinterpretation: Arthur Schnitzler
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V15073
ISBN (eBook)
9783638203081
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verwebung, Realitätsschichten, Arthur, Schnitzlers, Traumnovelle, Textinterpretation, Schnitzler
Arbeit zitieren
Michaela Hartmann (Autor), 2003, Die Verwebung der Realitätsschichten in Arthur Schnitzlers Traumnovelle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15073

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