Die folgende Arbeit setzt sich mit dem Werk "Epistemische Ungerechtigkeit – Macht und die Ethik des Wissens" (2023) von Miranda Fricker auseinander, welches einen wichtigen Beitrag zur sozialen Erkenntnistheorie darstellt. Es geht um eine lange unbemerkt gebliebene, spezifische Art von Ungerechtigkeit, die Fricker als „epistemische Ungerechtigkeit“ bezeichnet. Fricker unterscheidet zwei Formen dieser Ungerechtigkeit. Die erste Form, die „Zeugnisungerechtigkeit“, tritt auf, wenn einem Subjekt, das eine Zeugenaussage tätigt, aufgrund negativer Identitätsvorurteile fälschlicherweise eine geringere oder gar keine Glaubwürdigkeit zugesprochen wird. Fricker deckt mit der zweiten Form der epistemischen Ungerechtigkeit, der „hermeneutischen Ungerechtigkeit“ (von nun an als „hU“ abgekürzt) auf, dass die vorhandenen, teilweise verzerrten Wissensbestände und Deutungsressourcen – und ganz besonders das spezifische Nichtvorhandensein dieser – in unserer Gesellschaft als Ergebnisse von strukturellen Machtungleichheitsverhältnissen untersucht werden müssen. Der Fokus dieser Arbeit liegt auf ihrem Konzept der hU; anhand Frickers Definition von hU, die sie mithilfe mehrerer Beispiele erstellt, sollen alternative Möglichkeiten zu der von ihr vorgeschlagenen Tugend der hermeneutischen Gerechtigkeit als Beitrag zur Beseitigung einer hU entwickelt werden. Dabei steht die Frage im Zentrum, inwiefern zeitgenössische bildende und performative Kunst diese alternativen Möglichkeiten bedienen kann. Hierzu wird konkret nach entsprechenden Beispielen aus der künstlerischen Praxis gesucht, und untersucht, inwiefern diese als Medien zur Beseitigung von hU fungieren. Dabei werden ausschließlich Beispiele aus der Kunst angeführt, die hermeneutisch Marginalisierte als epistemische Akteur*innen berücksichtigt und ihnen im Sinne der Selbstermächtigung und des Widerstands als Medium zu mehr epistemischer Handlungsfähigkeit dient.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Frickers drei Beispiele hermeneutischer Ungerechtigkeit
3. Kollektiver epistemischer Widerstand und die Rolle der hermeneutisch Marginalisierten
4. Kunst als Ort und Medium für epistemischen Widerstand
5. Die Bekämpfung von hermeneutischer Ungerechtigkeit
5.1 Die Tugend der hermeneutischen Gerechtigkeit
5.2 Mögliche Ansatzstellen zur Bekämpfung von hU und Herangehensweisen aus der künstlerischen Praxis
5.2.1 Kunst zur unmittelbaren Förderung der Tugend der hermeneutischen Gerechtigkeit
5.2.2 Kunst gegen vorurteilsbehaftete Stereotype und deren Eingriff in das Selbstbild
5.2.3 Kunst zur Identifizierung und Schließung einer hermeneutischen Lücke
5.2.4 Kunst zur gesellschaftlichen Verbreitung eines bestimmten Phänomens
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Potenzial aktueller bildender und performativer Kunst, als wirksames Instrument gegen hermeneutische Ungerechtigkeit zu agieren, indem sie marginalisierte Perspektiven sichtbar macht und zur epistemischen Handlungsmacht beiträgt.
- Analyse des Konzepts der hermeneutischen Ungerechtigkeit nach Miranda Fricker
- Untersuchung von Zusammenhängen zwischen Machtstrukturen und epistemischer Marginalisierung
- Erforschung künstlerischer Strategien als Gegenmittel zum Ausschluss aus Wissensdiskursen
- Evaluation von partizipativen und aktivistischen Kunstprojekten als Werkzeuge zur Bewusstseinsbildung
- Reflexion über die Rolle von Kunstinstitutionen und alternativen Ausstellungsformaten
Auszug aus dem Buch
4. Kunst als Ort und Medium für epistemischen Widerstand
Wenn die Frage gestellt wird, inwiefern zeitgenössische, bildende und performative Kunst den hermeneutischen Horizont so ausweiten kann, dass sie gegen Formen von hU ankämpft, so muss berücksichtigt werden, dass es sich bei Kunst um soziale Konstruktion handelt. Auch wenn man sich künstlerisch besonders ‚frei‘ ausdrücken kann, muss in diesem Kontext auch darüber nachgedacht werden, wessen Äußerungen gesehen werden, in welchen Räumen sie gezeigt werden, von wem diese besucht werden und wessen finanzielle Mittel dafür zur Verfügung gestellt werden. Kunst wird an Kunsthochschulen gelehrt, die aufgrund ihrer anspruchsvollen Aufnahmeverfahren nur sehr schwer zugänglich sind, in Galerien und Museen ausgestellt, die vom Kunstmarkt diktiert und oft von Angehörigen einer privilegierten sozialen Gruppe (meist weiß, männlich, bürgerlich) geleitet werden und immer noch meist jenen künstlerischen Arbeiten die Aufmerksamkeit geschenkt, die von weißen Männern gemacht wurden. Die gesellschaftlichen Diskriminierungsmechanismen, die die Grundlage für hU bieten, sind auch im Kunstsystem eingeschrieben und damit ist es auch ein Reproduktionsort für hegemoniale Wissensstrukturen. Aufgrund dessen wird in dieser Arbeit von einem weiten Kunstbegriff ausgegangen, bei dem die künstlerisch forschende Praxis anstelle eines Endproduktes im Vordergrund steht, die Praktizierenden sich nicht zwingend als Künstler*innen identifizieren müssen, um künstlerisch und epistemisch wertvolle Aussagen zu machen und bei welchem die Begegnung der Kunst mit der Öffentlichkeit auch in Räumen stattfindet, die offiziell nicht ihrer Ausstellung dienen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in Miranda Frickers Theorie der hermeneutischen Ungerechtigkeit ein und definiert die Forschungsfrage bezüglich des Potenzials zeitgenössischer Kunst als Mittel zum epistemischen Widerstand.
2. Frickers drei Beispiele hermeneutischer Ungerechtigkeit: Dieses Kapitel erläutert anhand historischer Beispiele die Mechanismen der hermeneutischen Marginalisierung und die daraus resultierenden negativen Auswirkungen auf die Betroffenen.
3. Kollektiver epistemischer Widerstand und die Rolle der hermeneutisch Marginalisierten: Hier wird die Möglichkeit eines kollektiven Handelns diskutiert, um epistemische Lücken zu schließen und die Deutungshoheit über die eigene Erfahrung zurückzugewinnen.
4. Kunst als Ort und Medium für epistemischen Widerstand: Das Kapitel analysiert die institutionellen Rahmenbedingungen des Kunstmarktes und die Rolle von Kunst als soziales Konstrukt in Bezug auf hegemoniale Wissensstrukturen.
5. Die Bekämpfung von hermeneutischer Ungerechtigkeit: Die Autorin untersucht hier spezifische Ansätze der künstlerischen Praxis, die zur Stärkung der hermeneutischen Gerechtigkeit und zum Abbau von Wissenslücken beitragen können.
5.1 Die Tugend der hermeneutischen Gerechtigkeit: Dieses Unterkapitel definiert die Tugend der hermeneutischen Gerechtigkeit als eine kontextsensible Urteilsfähigkeit und kritische Haltung gegenüber eigenen Vorurteilen.
5.2 Mögliche Ansatzstellen zur Bekämpfung von hU und Herangehensweisen aus der künstlerischen Praxis: Eine Einleitung in die unterschiedlichen Wege, auf denen künstlerische Interventionen als Mittel gegen epistemische Ungerechtigkeit genutzt werden können.
5.2.1 Kunst zur unmittelbaren Förderung der Tugend der hermeneutischen Gerechtigkeit: Untersuchung, inwieweit Kunst dazu beitragen kann, die Aufmerksamkeit der Betrachter*innen auf das Phänomen und die eigene Rolle als Teilnehmende am Diskurs zu lenken.
5.2.2 Kunst gegen vorurteilsbehaftete Stereotype und deren Eingriff in das Selbstbild: Analyse künstlerischer Praktiken, die durch die Dekonstruktion negativer Identitätsstereotypen in der sozialen Imagination neue Darstellungen ermöglichen.
5.2.3 Kunst zur Identifizierung und Schließung einer hermeneutischen Lücke: Dieses Kapitel betrachtet, wie Kunst als Mittel dienen kann, um unartikulierte Erfahrungen kollektiv greifbar und verständlich zu machen.
5.2.4 Kunst zur gesellschaftlichen Verbreitung eines bestimmten Phänomens: Untersuchung von Kunstprojekten, die darauf abzielen, gesellschaftliches Bewusstsein für spezifische, bisher tabuisierte oder unsichtbare Problematiken zu schaffen.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Wirksamkeit von Kunst als Medium der epistemischen Handlungsfähigkeit und der Adressierung hermeneutischer Ungerechtigkeit.
Schlüsselwörter
Hermeneutische Ungerechtigkeit, Miranda Fricker, Epistemischer Widerstand, Soziale Erkenntnistheorie, Künstlerische Praxis, Hermeneutische Marginalisierung, Partizipative Kunst, Identitätsvorurteile, Wissensstrukturen, Hegemonie, Diskurs, Hermeneutische Lücke, Soziale Gerechtigkeit, Bildnerische Forschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie zeitgenössische Kunst dazu beitragen kann, soziale Missstände wie die sogenannte hermeneutische Ungerechtigkeit abzubauen, indem sie bisher ungehörten Gruppen eine Stimme verleiht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit verbindet Konzepte der sozialen Erkenntnistheorie mit kunsttheoretischen und praktischen Ansätzen zur Dekonstruktion von Marginalisierung.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu analysieren, inwiefern zeitgenössische, bildende und performative Kunst als Medium des Widerstands gegen hermeneutische Ungerechtigkeit fungieren kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoretische Analyse der Begriffe von Miranda Fricker und kombiniert diese mit dem Studium konkreter künstlerischer Beispiele und partizipativer Forschungsprojekte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung über hermeneutische Ungerechtigkeit und eine detaillierte Auseinandersetzung mit verschiedenen künstlerischen Strategien und Fallbeispielen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit fokussiert sich maßgeblich auf Begriffe wie "hermeneutische Ungerechtigkeit", "epistemischer Widerstand", "marginalisierte Gruppen" und "künstlerische Praxis".
Wie definiert die Autorin die Rolle des Künstlers bei der Bekämpfung von Wissenslücken?
Die Kunst fungiert hier als Werkzeug, um innerhalb eines kollektiven Prozesses bisher unbenannte Erfahrungen sichtbar zu machen und bestehende, verzerrte Deutungsmuster herauszufordern.
Welche Bedeutung kommt der "hermeneutischen Tugend" in der Arbeit zu?
Die Tugend der hermeneutischen Gerechtigkeit wird als notwendige Haltung beschrieben, um die eigene Rolle als verantwortliche Person im Dialog und im Umgang mit Wissenslücken bewusst wahrzunehmen.
Welches Fazit zieht die Autorin über die Wirksamkeit künstlerischer Interventionen?
Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass künstlerische Praktiken wertvolle Räume für kollektive Selbstermächtigung schaffen können, wobei ihre Wirksamkeit stark von der kontextsensiblen Gestaltung abhängt.
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- 1. Staatsexamen Sofia Zafiridou (Autor), 2023, Kunst als Widerstand zu hermeneutischer Ungerechtigkeit. Eine Untersuchung anhand von vier konkreten Beispielen aus der künstlerischen Praxis, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1507449