Die vorliegende Arbeit vergleicht die weibliche Figur in Hartmanns von Aue "Gregorius" und der altfranzösischen Version "La vie du pape Saint Grégoire" in Bezug auf den Inzest zwischen Bruder und Schwester. Dabei wird auf das Motiv der Minne, die Thematik der Sünde und Buße und charakterverändernde Entscheidungssituationen eingegangen. Besonders im Fokus stehen die Gründe der notwendigen Buße der Schwester und deren Entscheidung zum Inzest und der Aussetzung ihres Babys.
Von der weit verbreiteten Gregoriuslegende existieren zahlreiche Fassungen; bekannt ist neben Hartmanns von Aue mittelhochdeutscher Bearbeitung "Gregorius" die altfranzösische Verslegende "La vie du pape Saint Grégoire" eines unbekannten Autors, die bisher als älteste Version gilt. Textvergleichende Forschungen zeigen, dass Hartmann sich handlungstechnisch zwar eng am Quellentext orientiert, aber dennoch einige Aspekte verändert hat. Die weibliche Figur erscheint dabei jedoch stets als schillernde, facettenreiche Persönlichkeit, die im Laufe der Geschichte verschiedene Rollen – die der Schwester, Geliebten, Mutter und Herrscherin – einnimmt.
Aus diesem Grund stellt sich die Frage, inwiefern die Konzeption der Frau in den beiden genannten Texten variiert. Das Ziel dieser Arbeit soll sein, ihre verschiedenen Darstellungen anhand von Textstellen beider Werke zu belegen und mithilfe von zusätzlichen Auffassungen aus der Sekundärliteratur zu stützen. Des Weiteren werden Schlüsselmomente einzelner Szenen, die essenziell für die Wirkung der Figur sind, in den Gesamtkontext beziehungsweise in die Gesamtrezeption der Werke eingebettet. Im Folgenden werden nur die Umstände des ersten Inzests zwischen Bruder und Schwester behandelt; auf den zweiten Inzest wird nicht eingegangen, da dies nicht dem vorgegebenen Rahmen der Arbeit entsprechen würde. Außerdem beträgt der Textumfang vor dem eigenständigen Handeln des Protagonisten Gregorius / Grégoire, dessen Vorgeschichte die Grundlage für den weiteren Handlungsverlauf bildet und deshalb von zentraler Wichtigkeit ist, mehr als 25 % des Gesamtumfangs.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Konzeption der weiblichen Hauptfigur
2.1. Motiv der Minne
2.2. Thematik der Sünde und Buße
2.2.1. Gründe der notwendigen Buße
2.2.2. Thematisierung der Buße der weiblichen Figur
2.3. Charakterverändernde Entscheidungssituationen
2.3.1. Entscheidung zum ersten Inzest
2.3.2. Aussetzung des Babys
3. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Unterschiede in der Konzeption der weiblichen Hauptfigur zwischen Hartmanns von Aue mittelhochdeutscher Verslegende Gregorius und der altfranzösischen Quelle La vie du pape Saint Grégoire, um aufzuzeigen, wie variierende Darstellungen religiöser und weltlicher Aspekte die Charakterisierung und Rollenwahrnehmung der Frau beeinflussen.
- Vergleich der geschwisterlichen Beziehung und des Minnemotivs.
- Analyse des Sündenbewusstseins und der religiösen vs. weltlichen Bußkonzeption.
- Untersuchung von Schlüsselmomenten wie Inzest und Aussetzung des Kindes.
- Bewertung der narrativen Erzählweise und ihres Einflusses auf die Figurenkonturierung.
Auszug aus dem Buch
Die Konzeption der weiblichen Hauptfigur
Der afr. Text rückt Gott und den Teufel als zentrale Handlungsträger in den Fokus, deren Willen sich die Menschen beugen müssen; Hartmann hingegen stellt die Willensfreiheit und die daraus resultierende Eigenverantwortung seiner Figuren in den Vordergrund, indem er deren Handlungsmotivation zu einem im Inneren ablaufenden Prozess macht und das Eingreifen des Teufels erheblich einschränkt. „Sein Bestreben ist es, die Einzelmomente einer Szene jeweils zu einer Einheit zu verschmelzen. Dazu streicht er zwar mit Emotionsausbrüchen und spontanen Gesten manche Anschaulichkeit, gewinnt aber eine strengere Konzentration auf einen Grundgedanken und eine konsequentere Zeichnung der Figuren“.
Somit verändern die im Vergleich zum afr. Original auffallenden Abweichungen in Hartmanns Gregorius deutlich die Konzeption der weiblichen Figur.
Kapitelzusammenfassungen
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die beiden Versionen der Gregoriuslegende vor, definiert die Forschungsfrage bezüglich der unterschiedlichen Frauenbilder und umreißt den methodischen Rahmen der Untersuchung.
2. Die Konzeption der weiblichen Hauptfigur: In diesem Hauptteil wird dargelegt, wie Hartmann von Aue durch die Betonung der Willensfreiheit und eine reduzierte Rolle des Teufels eine eigenverantwortlichere weibliche Figur zeichnet als im altfranzösischen Original.
3. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Unterschiede im Sündenbewusstsein und die literarische Gestaltung der Minne die Frau im Gregorius komplexer und weniger fatalistisch darstellen als in der altfranzösischen Fassung.
Schlüsselwörter
Hartmann von Aue, Gregorius, La vie du pape Saint Grégoire, Legende, Mittelalter, weibliche Figur, Minne, Inzest, Sünde, Buße, Schuld, Willensfreiheit, Konzeption, Literaturvergleich, Charakterisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit vergleicht die Darstellung der weiblichen Hauptfigur in Hartmanns von Aue Gregorius und der altfranzösischen Quelle La vie du pape Saint Grégoire.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die geschwisterliche Beziehung, das Motiv der Minne, das Verständnis von Sünde und Buße sowie die Entscheidungsfreiheiten der Protagonisten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, anhand konkreter Textstellen und der Sekundärliteratur aufzuzeigen, wie die Verschiebung von weltlichen hin zu religiös motivierten Erzählstrukturen das Frauenbild verändert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um einen komparatistischen Literaturvergleich, der durch textnahe Analysen und die Einbeziehung fachwissenschaftlicher Sekundärliteratur gestützt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Motiv der Minne, das Sündenbewusstsein der Frau, die verschiedenen Entscheidungssituationen bei Inzest und Kindesaussetzung sowie die Rolle Gottes und des Teufels.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Minnemotivik, Sündenbewusstsein, Willensfreiheit, Handlungsmotivation und literarische Konzeption charakterisiert.
Warum spielt die Minne in Hartmanns Werk eine neue Rolle?
Sie dient bei Hartmann zur Stilisierung der Paarbeziehung und hebt die Noblesse der Geschwister hervor, anstatt sie ausschließlich als Unheilsträgerin zu inszenieren.
Wie unterscheidet sich die Aussetzungsszene in den beiden Werken?
Während die altfranzösische Fassung durch starke Emotionen und Zerrissenheit der Frau besticht, gestaltet Hartmann die Szene zügiger, um die Figur makelloser und gefasster darzustellen.
- Quote paper
- Katharina Lang (Author), 2023, Die Unterschiede der Konzeption der weiblichen Figur in Hartmanns von Aue "Gregorius" und der altfranzösischen Version "La vie du pape Saint Grégoire", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1507464