Märchen als Ausgangspunkt für interkulturelles Lernen in der Elementarpädagogik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

71 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Entstehungs- und Verbreitungstheorien von Märchen
2.1 Mythologische Schule
2.2 Monogenesetheorie
2.2.1 Indische Theorie
2.2.2 Geographisch-historische Theorie
2.3 Polygenesetheorie

3 Kontrastive Märchenanalyse:
„Die kluge Bauerntochter“ (KHM 94) und
„Das kluge Bauernmädchen“ (türkisches Märchen)
3.1 Verbreitungsgeschichte
3.2 Struktur
3.3 Zentrales Motiv
3.4 Personenkonstellation
3.5 Märchenphänomenologie nach Max Lüthi
3.6 Sprachlicher Stil
3.7 Konstruierte Frauen- und Männerbilder
3.8 Kulturelle Unterschiede
3.9 Psychologische Interpretation

4 Märchen als Ausgangspunkt für interkulturelles Lernen in der Elementarpädagogik
4.1 Zum Begriff des „interkulturellen Lernens“
4.2 Zur Sinnhaftigkeit einer interkulturellen Märchendidaktik
4.3 Modell einer interkulturellen Märchendidaktik
4.4 Konkrete Hinweise zur Umsetzung einer interkulturellen Märchendidaktik

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

7 Anhang

1. Einleitung

Gegenwärtig wachsen Kinder in Deutschland in einer sehr multikulturell geprägten Welt auf. Seit 1960 ist der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund stetig gestiegen, im „Jahr 2005 hatten 15,3 Millionen der insgesamt 82,5 Millionen Einwohner in Deutschland einen Migrationshintergrund (Zugewanderte und ihre Nachkommen). Davon waren etwa 8 Millionen Deutsche und circa 7,3 Millionen Ausländer“[1]. Im Jahre 2006 bildeten die türkischen Staatsangehörigen mit 25,8 Prozent die größte Gruppe innerhalb der ausländischen Bevölkerung, die zweitgrößte Gruppe bildeten im selben Jahr die Italiener mit 7,9 Prozent. Auch aus Asien und dem ehemaligen Jugoslawien stammen prozentual betrachtet relativ viele Ausländer, die in Deutschland leben[2]. Entsprechend dieser in der Gesellschaft vorherrschenden Mulikulturalität ist auch in Kindertageseinrichtungen eine soziokulturelle Heterogenität zur Selbstverständlichkeit geworden. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hatte im Jahr 2005 knapp ein Drittel aller Kinder unter fünf Jahren in Deutschland einen Migrationshintergrund[3]. Im Westen Deutschlands bilden Kinder mit Migrationshintergrund[4] in fast jeder sechsten Kindertageseinrichtung die Mehrheit[5]. Dementsprechend muss in Kindertageseinrichtungen, wie auch in anderen Bildungseinrichtungen, die Offenheit und Akzeptanz unterschiedlicher Kulturen gefördert werden. Andere Sprachen und Kulturen sollen als eine Bereicherung und Chance für Kinder mit Migrationshintergrund sowie für deutsche Kinder verstanden werden[6]. In der Fachliteratur wird diesbezüglich von Interkulturellem Lernen und Interkultureller Pädagogik bzw. Erziehung gesprochen. Nach Ulich wird dabei zwischen zwei Ansätzen unterschieden: zwischen sozial-erzieherischen und kultur-pädagogischen Ansätzen, welche eng zusammenhängen, jedoch nicht identisch sind[7]. In der hier vorliegenden Ausarbeitung wird eine Möglichkeit der Realisierung des kultur-pädagogischen Ansatzes vorgestellt, nämlich die Auseinandersetzung mit dem Kulturgut „Märchen“ aus unterschiedlichen Ländern.

Da interkulturelles Lernen unter Bezugnahme auf die in der jeweiligen Kindergruppe vertretenen Sprachen und Kulturen stattfinden sollte[8] und prozentual betrachtet die türkischen Staatsangehörigen die größte Gruppe der Ausländer in Deutschland darstellt, wird das türkische Märchen „Das kluge Bauernmädchen“ ins Zentrum der vorliegenden Ausarbeitung gerückt und mit dem deutschen Märchen „Die kluge Bauerntochter“ verglichen.

Vor der Analyse des Märchens werden zunächst die Entstehungs- und Verbreitungstheorien dargestellt, die grundlegende Hinweise für die Betrachtung von Märchen und ihre damalige Untersuchung bzw. Analyse liefern. Zudem geben die Entstehungs- und Verbreitungstheorien u.a. darüber Aufschluss, inwiefern Märchen ein Konstrukt unterschiedlicher Kulturen darstellen und wie es in verschiedenen Kulturen zu sehr ähnlichen Erzählungen gekommen ist. Diese Perspektiven offenbaren Möglichkeiten zur interkulturellen Auseinandersetzung mit Märchen im Elementarbereich.

Die Analyse des türkischen und deutschen Märchens vom klugen Bauernmädchen bzw. von der klugen Bauerntochter im dritten Kapitel weist Inhaltsangaben, Aussagen zu Entstehungs- und Verbreitungsgeschichte und -theorien auf sowie einen Vergleich der Märchenfassungen in Bezug auf ihre Struktur, Motive und Symbole. Ebenso findet eine Analyse nach der Märchenphänomenologie von dem Schweizer Max Lüthi, eine Betrachtung des sprachlichen Stils sowie eine Interpretation nach psychologischer Perspektive Berücksichtigung.

Abschließend wird auf die Notwendigkeit, Begründungen und Möglichkeiten des interkulturellen Lernens in Kindertageseinrichtungen am Beispiel des Einsatzes von Märchen aus unterschiedlichen Kulturen eingegangen.

2. Entstehungs- und Verbreitungstheorien von Märchen

Es ist nicht nur die Unbekanntheit der Urheber von Märchen, die diese Erzählstoffe für die Forschung interessant macht. Auch die in ihnen liegenden verschiedenen Schichten der Überlieferung, die enorme Verbreitung der Märchen über die Landesgrenzen hinweg etc. weckten in der Vergangenheit verschiedene Vorstellungen über die Entstehung und Verbreitung von Märchen, die noch heute diskutiert werden. Die aufgekommenen Erklärungsversuche bestimmen wiederum unterschiedliche Interpretationsweisen und Editionsarten von Märchen.

Die im Laufe der Zeit sich wandelnde Betrachtung von Märchen führte auch dazu, dass der Begriff „Märchen“ mit unterschiedlichen Konnotationen verbunden wurde[9] und auch heute noch unterschiedlich weit und eng gebraucht wird, so dass sich dementsprechend eine einheitliche Definition als schwierig erweist. Während sich im germanistischen Raum die Bezeichnung „Märchen“ auf eine besondere Art der Erzählung bezieht, besitzen die in anderen Ländern angewandten Ausdrücke häufig eine allgemeinere Bedeutung, gelten ebenso für benachbarte Gattungen oder erfassen gar nur ein Komplement des Märchenguts. Demnach erscheint die Tatsache, dass auch nichtdeutsche Forscher die Bezeichnung „Märchen“ als ein Fremdwort verwenden, nicht allzu überraschend[10]. In der germanistischen Literaturwissenschaft sind Märchen von Sagen, Legenden, Mythen, Fabeln und Schwänken abzugrenzen[11]. Zudem ist zwischen Volksmärchen, Kunstmärchen und Wirklichkeitsmärchen zu unterscheiden[12]. Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert wird der Begriff Märchen häufig synonym mit dem Begriff Volksmärchen verwendet[13]. „Seine besondere und bis heute gültige Prägung erfuhr der Bergriff zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der deutschen Romantik“[14], als die Grimmschen Kinder- und Hausmärchen veröffentlicht wurden. Seitdem sind eben diese

nicht nur in Deutschland, sondern allerwärts, ein Maßstab bei der Beurteilung ähnlicher Erscheinungen geworden. Man pflegt ein literarisches Gebilde dann als Märchen anzuerkennen, wenn es – allgemein ausgedrückt – mehr oder weniger übereinstimmt mit dem, was in den Grimmschen Kinder- und Hausmärchen zu finden ist[15].

Neben dieser sehr häufigen Ausrichtung an den Grimmschen Märchen lässt sich bei der Betrachtung weiterer Definitionen des Märchens feststellen, dass die verschiedenen Forscher für die Bestimmung meist nur einzelne Merkmale von Zaubermärchen benennen. Anstelle einer Märchendefinition soll zur Bestimmung die Nennung der charakteristischen Merkmale des Märchens nach Lüthi dienlich sein:

Ausgliederung in mehrere Episoden, die das Märchen bloße Kurzphantasien […] voraushat, klarer Bau […], der Charakter des Künstlich-fiktiven […], die Leichtigkeit, das Spielerische […], die im Vergleich unbedeutenden Rolle des belehrenden Elements, und das Miteinander von Wirklichkeit und Nichtwirklichkeit […][16].

Die sich in der Geschichte verändernde Auseinandersetzung mit diesen Erzählstoffen vonseiten verschiedener Kulturnationen brachte verschiedene Forschungsrichtungen hervor, wovon sich v.a. die Monogenese- und Polygenesetheorien konträr gegenüber stehen. Die wesentlichen Theoriebildungen der Märchenforschung sollen im Folgenden - auch wenn sie in Teilen, wie mittlerweile nachgewiesen wurde, als unzutreffend oder obsolet gelten[17] - Berücksichtigung finden[18].

2.1 Mythologische Schule

Nach dieser Entstehungstheorie stellen die Mythen[19] der Völker das Fundament der Volksliteratur und somit auch der Märchen dar. Vertreter dieser Theorie sind der Annahme, dass sich in Märchen Teile der früheren mythischen Weltdeutung wieder finden, die meist gemäß der zeitgenössischen Bedingungen hinsichtlich der Gestalten und der Bilderwelt aktualisiert und modifiziert wurden und nur durch Vergleiche rekonstruiert werden können.

In der deutschen Forschung zur Mythologie war vor allem Jacob Grimm mit der Systematisierung und Bedeutungserklärung von indogermanischen Mythen führend[20]. Aufgrund der internationalen Märchenfunde beschränkten sich die Brüder Grimm auf den deutschen Mythus[21]. Ihr wissenschaftliches Modell erfreute sich großer Beliebtheit, so dass die theoretischen Vorstellungen der Brüder Grimm Forschungen im Rahmen der mythologischen Schule und bei verschiedenen Wissenschaftlern in der ganzen Welt auslösten[22]. Wilhelm Mannhardt, die Brüder Grimm und auch weitere Vertreter dieser Theorie waren der Annahme, dass sich alte Mythen als Reste in der zeitgenössischen mündlichen Volksliteratur widerspiegeln. Auch wenn die ursprüngliche mythische Bedeutung nicht mehr direkt vom Hörer erfasst wurde, war sie dennoch als Gefühl vorhanden. Wilhelm Grimm beschreibt seine Vorstellung über die Entstehung von Märchen wie folgt:

[…] in diesen Volksmärchen liegt lauter urdeutscher Mythus, den man für verloren gehalten, und wir sind fest überzeugt, will man noch jetzt in allen gesegneten Theilen [sic] unseres Vaterlandes suchen, es werden auf diesem Wege ungeachtete Schätze sich in ungeglaubte verwandeln und die Wissenschaft von dem Ursprung unserer Poesie gründen helfen[23].

Aus philosophischer Richtung näherten sich Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling sowie August Wilhelm und Friedrich Schlegel dieser Theorie, die in der Mythologie eine Basis aller Kunst sahen. Dass sich die Theorie der Mythologischen Schule gerade in der Zeit der Romantik ausbildete, war kein Zufall, denn die Annahme einer kontinuierlichen Traditionsgeschichte der Literatur diente den Romantikern zur Selbstdarstellung deutscher Kulturnation. So schlugen sich nach dem romantischen Paradigma im Märchen phantastische Erzählstoffe nieder, die über lange Zeit im Volk mündlich übermittelt wurden[24].

Zu der Annahme, dass Märchen aus Mythen entstanden, gab es allerdings innerhalb dieser Theorie unterschiedliche Ansichten. Von einzelnen Vertretern, wie z.B. Wilhelm Wundt, Andrew Lang etc., wurden Märchen als Ausgangspunkt für Mythen und Sagen betrachtet, was jedoch später von verschiedenen Seiten wieder revidiert wurde. Ebenso kann angenommen werden, dass diese Erzählformen nebeneinander entstanden, da keine eindeutig aus der anderen abgeleitet werden kann[25].

Zur Entwicklung der mythischen Schule waren die fortschreitenden Methoden und Ergebnisse der Sprachwissenschaft gegen Ende des 18. Jahrhunderts dienlich, z.B. die Rekonstruktion des Sanskrits als eine Ursprache der Indoeuropäer, die auf die Märchen übertragen wurde. Die komparativen Methoden dienten zum einen zur Rekonstruktion der indoeuropäischen Sprache und zum anderen zur Nachverfolgung des mythologischen Ursprungs der märchenhaften Erzählungen[26]. Der Bezug der Märchen auf eine ausschließliche indogermanische Mythologie wurde u.a. auch als indogermanische oder arische Theorie bezeichnet[27]. Daher sprach Jacob Grimm auch davon, dass Redensarten, Märchen etc. ein Erbe der indoeuropäischen Sprachfamilie aufgrund der darin enthaltenen Bestandteile von indoeuropäischen Mythen darstellen. Viele Mythenforscher führten deshalb Übereinstimmungen von Märchen verschiedener Länder größtenteils nicht auf die Annahme der Wanderung der Märchen zurück, sondern im Sinne der Monogenesetheorie[28] auf die These der Herkunft aus einem gemeinsamen Ursprung (hier bei den arischen Völkern) und teilweise im Sinne der Polygenese auf die Annahme der gleichen menschlichen Grundbedingungen (z.B. Wilhelm Mannhardt)[29].

Die konkreten Interpretationen von Märchen bestanden im 19. Jahrhundert nach dieser Forschungsrichtung somit v.a. aus der Deutung von Märchen hinsichtlich ihres mythologischen Gehalts. So weist beispielsweise das Märchen „Dornröschen“ (AT 410[30]) in seinem Motiv[31] ein Rest des altnordischen Mythus „Der vom Dorn entschlafenen Brunhilde“ (AT 519) auf[32]. Auch wurden in der praktischen Arbeit dieser Forschungsrichtung Märchengestalten mit germanischen Göttern verglichen[33].

Nach diesem Forschungszweig wird anhand etymologischer Hinweise nicht nur auf den zugrunde liegenden Mythus geschlossen, sondern auch auf die ihr zugrunde liegende Naturerscheinung. So wird z.B. das Märchen „Rotkäppchen“ (AT 333) auf die Morgenröte der Jonasmythe zurückgeführt[34]. Solche Interpretationen von astralen Phänomene in naturerklärenden Mythen in Relation zu den europäischen Märchen gingen bis in die 1970er Jahre nicht über eine einseitige Deutung hinaus[35].

Einen Zweig der Mythologischen Schule bildet die Naturmythologische Schule, die sich nicht auf die Mythen insgesamt, sondern lediglich auf Naturerscheinungen und damit verbundenen Mythen bezog, die Ausgangspunkt zur Entstehung von Märchen waren. Dieser literarischen Betrachtungsweise lagen Analogieschlüsse zwischen Organik und Natur der Naturvölker zugrunde, wobei der Ursprung in den astralen Naturerscheinungen in Babylon gesehen wurde. Die Märchen und Mythen sowie ihre Symbole, die nach dem Ethnologen Julius Lips aufgrund ihrer Ähnlichkeit zueinander nicht voneinander unterschieden wurden[36], galten als Allegorien zu kosmischen Erscheinungen, Gestirnen und Naturphänomenen, wie die Sonne[37], die Monde etc. Märchenhaften Bilder und Symbole wurden deshalb u.a. als kosmische Vorgänge interpretiert, Drachen waren z.B. als mythische Gewitter und Blitze zu verstehen[38]. Feststellen lässt sich, dass sich die Motive der Erzählungen der Naturvölker mit denen der europäischen Märchen besonders in Tiergeschichten ähneln. Ein häufiges Motiv sowohl in den Erzählungen der Naturvölker als auch in europäischen Märchen ist z.B. die Bewältigung von gefährlichen Aufgaben[39].

Nach der Naturmythologischen Schule wird anhand etymologischer Hinweise nicht nur auf den zugrunde liegenden Mythus geschlossen, sondern auch auf die ihr zugrunde liegende Naturerscheinung. So wird z.B. das Märchen „Rotkäppchen“ (AT 333) auf die Morgenröte der Jonasmythe zurückgeführt[40]. Solche Interpretationen von astralen Phänomene in naturerklärenden Mythen in Relation zu den europäischen Märchen gingen bis in die 1970er Jahre nicht über eine einseitige Deutung hinaus[41].

Die mythologische Forschung war so lange vorherrschend, bis es im 20. Jahrhundert mit Wilhelm Mannhardt zum Perspektivenwechsel kam. Wilhelm Mannhardt vertrat wohl selbst in Teilen die mythologische Methode, aber sah nicht den völligen Ursprung von Märchen in Mythen. Er verband die Theorie der mythologischen Schule mit der anthropologischen Richtung[42], indem er zum einen davon ausging, dass sich die elementare Mythologie in den Volksüberlieferungen widerspiegelt. Zum anderen war er der Ansicht, dass die gemeinsamen inhaltlichen Stoffe der Märchen auf die gleichen Wirkungsbedingungen zurückzuführen sind[43]. Um die Mythologie als eine präzise Wissenschaft zu legitimieren und um Veränderungen und Entwicklungen aufzeigen zu können, zielten seine Forschungen wie bei der Monogenesetheorie auf die Verortung der ältesten Ursprungsvariante ab[44].

Eine besonders kritische Betrachtung der mythologischen Schule erfolgte vonseiten der Vertreter der Finnischen Schule[45], die den Ursprung der Märchen nicht im indogermanischen Raum, sondern in Indien sahen. Zudem ist bei der Betrachtung dieser Deutungsrichtung festzustellen, dass die angenommene Nähe zwischen vorzeitlicher Mythologie und Märchen auf keinen empirischen Nachweisen fundiert. Die Aufzählung von Mythen und die Analogieschlüsse beweisen nicht ihre Gültigkeit und die wirkliche Beeinflussung von Märchen. Zudem gilt die angenommene, kollektive Entstehung von Märchen durch den Volksgeist nach den Angaben in den Manuskripten der Grimmschen Märchen, die auf eine Edition von unbekannten Erzähler/innen hinweisen, als unzutreffend[46]. Auch der kunstvolle und komplizierte Aufbau und die Ausrichtung der Märchen auf eine Lösung sprechen für einen individuellen Urherber. Trotz Anonymität kann also nicht sogleich auf eine kollektive Urheberschaft geschlossen werden[47]. Es kam in dieser Theorie somit zu einer Nicht-Berücksichtigung der Märchenerzähler und –hörer, die bei der Suche nach den ältesten Belegen und deren Mythen in ihren verschiedenen historischen sozialen Kontexten in Vergessenheit gerieten[48].

Schlussfolgernd kann ein gemeinsames indogermanisches mythisches Erbe in den Märchen nicht völlig widerlegt werden[49], jedoch wird es in der heutigen Forschung kaum noch berücksichtigt[50]. Ein positiver Effekt dieser Theorie war die Legitimation und Demonstration der Wissenschaftlichkeit dieser „Altertumkunde“. Schließlich verbesserte sich im 19. Jahrhundert das Ansehen von Märchen u.a. mit den Märchensammlungen der Brüder Grimm sowie mit den Dichtungen und Theorien der deutschen Romantiker. Heute lässt sich diese Theorie z.T. noch im Alltagsbewusstsein der Menschen nachweisen, die im romantischen Sinne unter Märchen Erzählungen mit übernatürlichen Motiven und Wundern verstehen, die vom Volk erschaffen, mündlich überliefert und als unrealistisch betrachtet werden[51].

2.2 Monogenesetheorie

Im Rahmen der im 18. Jahrhundert einsetzenden Nationalbewegungen und der damit aufkommenden romantischen Vorstellung von einer Kulturnation war es u.a. das Ziel der literatur- und sprachwissenschaftlichen Untersuchungen eine Nation als Ausgangspunkt für Überlieferungsquellen herauszustellen. Im Bezug auf märchenhaften Erzähltypen geht die Monogenesetheorie von der Entstehung der Märchen an einem Ort sowie von deren Verbreitung und Veränderung in Varianten über Wanderbewegungen (Diffusion) aus[52]. Die Übereinstimmungen der Märchen werden dabei anhand der monokausalen Wandertheorie erklärt, nach der diese Erzählstoffe von Mund zu Mund, nach Theodor Benfey und der finnischen Schule auch von Volk zu Volk und nach Wesselski von Generation zu Generation tradiert wurden[53].

Innerhalb der Monogenesetheorie werden die indische und geographisch-historische Theorie unterschieden. Im Gegensatz zur geographisch-historischen Forschungsrichtung beschränkt sich die indische Theorie auf den Entstehungsort der Märchen in Indien. Diese beiden Ansätze müssen sich aber nicht völlig ausschließen, sondern können sich z.B. insofern ergänzen, dass nach der geographisch-historischen Methodik das Ursprungsland Indien ermittelt wurde, das Aarne zufolge besondere Vorraussetzung für die Genese von Märchen aufwies[54].

2.2.1 Indische Theorie

Der Sanskritforscher Theodor Benfey nahm nach der Untersuchung der altindischen Märchen- und Fabelsammlung „Pantschatantra“ (1859)[55] an, dass die bestehenden märchenhaften Erzählungen nicht selbstständig, sondern aus Modifizierungen und Änderungen von bereits literarischen Märchen aus Indien entstanden sind. Die These des einen Ausgangsortes für fast alle Märchen war eine neue Perspektive in der Märchenforschung[56]. Theodor Benfey gab zwei Überlieferungsstränge der indischen Märchen an. Zum einen wurden sie aufgrund der Eroberung islamischer Völker über Asien, Afrika und dann nach Europa, insbesondere nach Byzanz, Italien und Spanien, übermittelt. Zum anderen ging er von einer Verbreitung in die östlichen und nördlichen Gebiete Indiens durch die gemeinsame Religion des Buddhismus aus, die bis nach China und Tibet reichte[57].

Theodor Benfey sowie auch Johannes Hertel, als ein weiterer Vertreter dieser Schule, hielten dabei die Entstehung der Märchen in rein literarischer Form durch ein Individuum für wahrscheinlich, wobei Veränderungen auf mündliche Überlieferungen des Volkes zurückzuführen waren[58]. Die Idee der Genese dieser aus dem Volksgeist heraus wurde dadurch erschüttert[59]. Im Gegensatz zur indogermanischen Theorie wurde nicht der indogermanische Sprachraum als Entstehungsort der Märchen angesehen, sondern das Land Indien. Die Beeinflussung der Märchen durch Mythen konnte nicht gänzlich widerlegt werden. Die Polygenese von Märchen[60] schloss Benfey bei gewissen Stoffen, die bei allen Menschen auftraten, nicht aus, jedoch seien sie von den indischen angesichts ihrer Vollkommenheit aufgenommen worden[61].

Diese Theorie fand von der zweiten Hälfte des 19. bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis nach Russland Anklang[62], wurde aber später falsifiziert. Zweifel traten bei den Funden von märchenhaften Erzählungen in Ägypten und Griechenland auf. Zudem wurde die Kritik laut, dass zu einigen europäischen Märchen keine ähnliche indische Erzählung zu finden sei oder die Wanderung auch theoretisch anders herum stattgefunden haben könne[63].

Auch wenn heute die These des ausschließlichen Ursprungs der Märchen in Indien und aus dem Buddhismus als widerlegt angesehen wird, so wird dennoch dieses Land als eine bedeutende Quelle von häufig vervielfältigten und märchenhaft gesteigerten Motiven geschätzt[64]. Die Thesen Theodor Benfeys hatten lange Wirkung in der Germanistik aufgrund der textkritischen-philologischen Präzision, der textphilologisch-vergleichenden Methodik und der herausgestellten Quellen[65]. Benfeys rationalistisches Erklärungsstreben entsprach den wissenschaftlichen, positivistischen Anforderungen, die in der geographischen-historisch Theorie vervollkommnet wurden. Auch die präzisierte Wandertheorie, die bereits bei den Brüdern Grimm angeklungen war, erfreut sich großer Beliebtheit, besonders aber erst durch die Entwicklung der geographisch-historischen Methode durch Forscher verschiedener Länder[66].

2.2.2 Geographisch-historische Theorie

In der finnischen Schule[67], gegründet durch Kaarle Krohn und Antti Aarne, etablierte sich ab den 1880er Jahren die geographisch-historische Theorie bzw. Methode. Die bedeutenden Vertreter Kaarle Kron und Antti Aarne sowie auch Stith Thompson führten die bisherige Märchenforschung in die Richtung empirischer Erkenntnisse.

Der Philologe und Volkskundler Julius Krohn erarbeitete anhand der Kalevala-Lieder die geographisch-historische Methode aus, die sein Sohn Kaarle Krohn erstmals an Märchen anwendete. Mit seinem Schüler Antti Aarne etablierte er diese Theorie, indem Antti Aarne und Stith Thompson einen Märchentypenkatalog v.a. auf Grundlage finnischer, dänischer und deutscher Märchen anhand dieser Methode zusammenstellten (Abkürzung AT). Eine Grundlage zur Archivierung und Edition bildete von da an ihr Typensystem[68] „The Types of the Folktale“, welches mittels einer Märchentypennummer heute noch zur internationalen Orientierung beiträgt und ein wissenschaftliches Standardwerk in der Märchenforschung darstellt. Kaarle Krohn untersuchte v.a. Tiermärchen anhand dieser Methodik, die nach Theodor Benfey als die einzigen Typen in Europa galten. Er zielte dabei darauf ab, den Weg dieser Märchen von Indien nach Europa nachzuweisen[69].

Ziel dieser Theorie ist die Rekonstruktion der ursprünglichen Märchenform (Archetyp), von der alle Märchentypen abstammen, sowie die Ermittlung der Entstehungszeit und ihrer Herkunftsländer[70]. Erst der Archetyp und die damit verbundenen Informationen können nach dieser Theorie für mythologische, psychologische und anderweitige Deutungen in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen dienlich sein. Ebenso sollen die Eigenarten der verschiedenen „Lokalredaktionen“[71] sowie die Wanderwege der Märchen erschlossen werden[72]. Es gehört auch zur historisch-geographischen Methode Änderungen und Erweiterungen, die durch die Wanderungen entstanden waren, festzustellen. Dazu bedarf es einer Sammlung und des Vergleichs von Märchentypen zur Gewinnung von konstitutiven Elementen, die aufgrund „eines geographischen Häufigkeitsrasters“[73] örtlich bestimmt werden können. Mithilfe weitläufiger Feldforschungen wurden die Wanderung der einzelnen Typen und Motive und ihre Vermischung aufgezeigt und in umfangreichen Registern schriftlich fixiert[74]. Bei der konkreten Arbeit nach dieser Methode steht die Materialsammlung an erster Stelle, worauf eine geographische Ordnung, historische Einordnung, ein Vergleich der Varianten nach wesentlichen Aspekten, wie Personen, Gegenständen, Tätigkeiten etc., folgt[75]. Zur Erarbeitung des Archetyps wurden Kriterien aufgestellt, die Anderson wie folgt zusammenfasst:

Als ursprünglich hat jede Form des betreffenden Zuges zu gelten, die 1. durch die meisten Aufzeichnungen vertreten ist, 2. das größte Verbreitungsgebiet aufweist, 3. in den ältesten und 4. den am besten erzählten Fassungen vorkommt, 5. am natürlichsten und 6. am folgerichtigsten ist (d.h. mit den übrigen als ursprünglich anerkannten Zügen am besten in Einklang steht), 7. nicht aus einem anderen Erzählungstypus entlehnt sein kann, 8. aus der die anderen Forman am leichtesten als lokale Variationen abgeleitet werden können, 9. im äußeren Ring des Verbreitungsgebietes gut vertreten ist, 10. in der aufgrund anderer Indizien schon ermittelten Heimat des betreffenden Erzähltyps vorkommt[76].

Zur Datierung und Rekonstruktion der Verbreitungswege sind kulturelle Hinweise, wie z.B. kulturgeschichtlich zeitlich einordbare Begriffe, die Emigrationsgeschichte, Ergebnisse der Sprachinselforschung etc. bedeutsam. Häufig wird ein „terminus ad quem“ angegeben, ein Zeitpunkt, ab dem das Vorhandensein des Märchens aufgrund literarischer Nachweise als sicher gilt[77]. Die Entstehung der Märchen datierte Aarne v.a. in die Zeit des Mittelalters und ist somit jünger als von den Brüdern Grimm in prähistorischer Zeit vermutet[78].

Eine lokale Varianz, nach der die Vertreter der historisch-geographischen Theorie forschen, bezeichnete Sydow 1932 als Ökotyp[79]. Dabei trifft ein stabiler Erzähltyp eines Märchens auf eine ethnische Gruppe oder ein abgrenzbaren Region zu. Nach Sydow übernahm in einen Prozess der Vereinheitlichung eine ethnische Gemeinschaft ein Märchen und passte es an die spezifische Umgebung nach Funktionalität durch Versehung von regionalen Charakteristika, wie z.B. bestimmte Milieu- und Traditionsdominanten, bestimmte situative Kontexte, gewisse Erzählerpersönlichkeiten, an. Diese Prozesse lassen sich heute noch in aktuellen Migrationsvorgängen beobachten[80].

Diese Theorie und die mit ihr ausgelösten Sammelaktivitäten von Märchen brachten für die Forschung eine enorme Materialbasis mit sich. Die Sammlung von Varianten eines Erzähltypus reichte z.B. so weit, dass Kurt Ranke ca. tausend Fassungen für das Drachentötermärchen zusammenstellen konnte und miteinander verglich. Aufgrund dieses aufwendigen Vorgehens forderte Antti Aarne auch eine autonome Märchenforschung, die aus der Randstellung gegenüber anderen Wissenschaften gelangen sollte[81].

Durch die mit der Methode initiierte, objektive Nachvollziehbarkeit der Schlussfolgerungen war eine Etablierung der Märchenforschung als eigenständige Wissenschaft möglich. Sie sorgte für eine zunehmende Verwendung formalkritischer Methoden, die v.a. strukturale Aspekte in den Blick nahmen[82].

Kritische Stimmen werden hinsichtlich der Rekonstruktion des Archetyps, der Kriterien zur Bestimmung von diesen, der uneinheitlichen Anwendung dieser Methode, der ungenügenden Falsifizierbarkeit und der vernachlässigten sozialhistorischen Perspektive laut. Als problematisch gilt die vielfältige Anwendung der Methode deshalb, weil sie meist personenabhängig und meist nicht eindeutig ist. Ebenso gerät der Archetyp in die Kritik, der sich durch das beschriebene methodische Vorgehen zu einem abstrakten Gebilde entwickelt, in dem nur einzelne hypothetische Elemente herausgestellt werden können. Zudem vertreten die Kritiker die Meinung, dass sich anstatt konkreter Märcheninhalte eher ursprüngliche Handlungstypen oder -verlaufe feststellen lassen[83]. Es kursierte diese Urform außerdem lediglich im Mündlichen, so dass mit der Rekonstruktion dieser eine neue Schriftlichkeit erzeugt wurde, die zur ursprünglichen Form keinen realen Bezug hat[84].

Die Vertreter der finnischen Schule räumen selbst ein, dass die aufgeführten Kriterien zur Ermittlung des Archetyps nicht eindeutig genug sind und sich z.T. widersprechen können. Beispielsweise kann sich die Auftretenshäufigkeit als Problem erweisen, wenn viele Märchen in bestimmten Regionen nicht schriftlich fixiert wurden[85]. Zudem ist fraglich, ob natürliche und gute Erzählungen und ein dominantes Motiv objektiv festzustellen sind. Problematisch ist auch die nicht gegebene Falsifizierbarkeit, dass Märchentypen an einen bestimmten Ort entstanden seien und beim Auftauchen dieser an anderen Stellen notwendigerweise dorthin gewandert sein müssten[86]. Die genetische Verwandtschaft von Varianten muss auch deshalb nicht immer stimmen, wenn man bedenkt, dass auch andere Erzähltypen das jeweilige Märchen beeinflusst haben können[87].

[...]


[1] Bundeszentrale für politische Bildung (2005): Die soziale Situation in Deutschland: Bevölkerung mit Migrationshintergrund I. URL: http://www.bpb.de/wissen/NY3SWU,0,0,Bev%F6lkerung_mit_

Migrationshintergrund_I.html, Zugriff am 24.06.2009, S. 1.

[2] vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2008): Ausländische Bevölkerung nach Staatsangehörigkeit. URL: http://www.bpb.de/files/ZQ7QUL.pdf, Zugriff am 24.06.2009, S. 2.

[3] vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (2005): Die soziale Situation in Deutschland: Bevölkerung mit Migrationshintergrund I, S. 2.

[4] Unter „Kindern mit Migrationshintergrund“ werden in diesem Kontext diejenigen aufgefasst, von denen mindestens ein Elternteil im Ausland geboren ist (vgl. Leu, Hans R. (2008): Kinder mit Migrationshintergrund in Kindertageseinrichtungen, in: Deutsches Jugendinstitut (Hrsg.): Zahlenspiegel 2007. Kindertagesbetreuung im Spiegel der Statistik. München, S. 159).

[5] vgl. Leu, Hans R. (2008): Kinder mit Migrationshintergrund in Kindertageseinrichtungen, a.a.O., S. 163.

[6] vgl. Arbeitsstab Forum Bildung (2002): Empfehlungen und Einzelergebnisse des Forum Bildung. Köln: Online-Redaktion Forum Bildung, S. 42.

[7] vgl. Ulich, Michaela (2000): Unterschiedliche Herkunft – gemeinsame Zukunft : Interkulturelle Kompetenz. URL: http://www.kindergarten-heute.de/beitraege/fachbeitraege/paedagogik_html?k_onl_struktur=
729519&archivansicht=1&einzelbeitrag=12288, Zugriff am 24.06.2009, S. 3.

[8] vgl. Arbeitsstab Forum Bildung (2002): Empfehlungen und Einzelergebnisse des Forum Bildung. S. 44.

[9] „Die deutschen Wörter ‚Märchen’, ‚Märlein’ […] sind Verkleinerungsformen zu ‚Mär’. Wie andere Diminutive unterlagen sie früh einer Bedeutungsverschlechterung“ (Lüthi, Max (1996): Märchen. 9. durchgesehene und ergänzte Aufl. Stuttgart: Metzler, S. 1). Die divergenten Konnotationen von Märchen werden auch noch im gegenwärtigen Sprachgebrauch deutlich: Es wird von den ´schönen Märchen aus tausendundeiner Nacht` gesprochen, daneben ist wohl nahezu jedem die Phrase ´Erzähl mir keine Märchen` bekannt (vgl. ebd., S. 1).

[10] vgl. Lüthi, Max (1996): Märchen, a.a.O., S. 1f.

[11] vgl. Fürst, Andrea/Helbig, Elke/Schmitt, Vera (Hrsg.) (2005): Kinder- und Jugendliteratur : Theorie und Praxis. Troisdorf: Bildungsverlag Eins Kieser 2005, S., 41; vgl. Lüthi, Max (1996): Märchen, a.a.O., S. 6ff.

[12] vgl. Neuhaus, Stefan (2005): Märchen. Marburg: Francke / UTB, S. 3ff.

[13] vgl. ebd., S. 2.

[14] ebd., S. 2.

[15] Jolles, André (1958): Einfache Formen : Legende / Sage / Mythe / Rätsel / Spruch / Kasus / Memorabile / Märchen / Witz. 2. unveränderte Aufl. Tübingen: Max Niemeyer, S. 219.

[16] Lüthi, Max (1996): Märchen, a.a.O., S. 3. Weitere wesentliche Merkmale von Volksmärchen nach Lüthi, die v.a. im Abschnitt 3 zur Analyse herangezogen werden, sind die Eindimensionalität, die Flächenhaftigkeit, der abstrakte Stil, die Formelhaftigkeit, die Dreizahl, die Polarisation, die Isolation und Allverbundenheit sowie die Sublimation und Welthaftigkeit (vgl. Lüthi, Max (1996): Märchen, a.a.O., S. 8ff.).

[17] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (2007): Märchenforschung, a.a.O., S. 66.

[18] Nicht in den Blick genommen wird beispielsweise die psychologische Märchenforschung, da sich mit ihren unwiderlegbaren Festlegungen des Sinnbereichs einzelner Symbole ziemlich alles erklären lässt und sie die Sozialgeschichte der Märchen völlig ausblendet. An dieser Stelle sei jedoch darauf verwiesen, dass sie zum einen die Märchen als eine primitive magische Weltdeutung ansieht und zum anderen diese Erzählstoffe entwicklungspsychologisch betrachtet, so dass sich in ihnen Wünsche und Traumphantasien als Symbole bzw. symbolische Handlungen widerspiegeln (vgl. Rötzer, Gerd (1982): „Einige Anmerkungen zur Geschichte der Märchenforschung“, in: Rötzer, Gerd: Märchen. Bamberg: Buchners, S. 64).

[19] Unter Mythen werden Erzählungen erfasst, die aus alter Zeit stammen, überliefert wurden und von Göttern und deren Taten berichten. Früher waren die Menschen bemüht, sich mit Hilfe der Mythen „philosophische Fragen nach dem Woher und Warum der Menschheit und den Zusammenhängen von Naturereignissen zu erschließen“ (Fürst, Andrea/Helbig, Elke/Schmitt, Vera (Hrsg.) (2005): Kinder- und Jugendliteratur, a.a.O., S. 41).

[20] Diese mythologischen Grundlagen sind nachzulesen in der Publikation „Deutsche Mythologie“ (1934) von Jacob Grimm (vgl. Grimm, Jacob (1934): Deutsche Mythologie. Herausgegeben von Erwin Redlob. Berlin: Schröder.).

[21] vgl. Lüthi, Max (1996): Märchen, a.a.O., S. 63.

[22] vgl. Röhrich, Lutz (2002): "Und weil sie nicht gestorben sind ...". Anthropologie, Kulturgeschichte und Deutung von Märchen. Köln: Böhlau, S. 367.

[23] Grimm, Jacob/Grimm, Wilhelm (1992): „Kinder- und Haus-Märchen“, in: Schmitt, Ludwig Erich (Hrsg.): Wilhelm Grimm. Kleinere Schriften 1. Bd. 31. Hildesheim: Georg Olms, S. 330.

[24] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (2007): Märchenforschung, a.a.O. S, 69ff. Aus diesen Gründen fand diese Theorie auch in der Zeit des Nationalsozialismus eine besondere Beachtung. Sie diente u.a. zur Herausstellung von Übereinstimmungen zwischen nordischen Göttersagen und „deutschen“ Märchen von den Brüdern Grimm (vgl. ebd., S. 79).

[25] vgl. Lüthi, Max (1996): Märchen, a.a.O., S. 63.

[26] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (2007): Märchenforschung, a.a.O. S. 68; vgl. Lüthi, Max (1996): Märchen, a.a.O., S. 64f.

[27] vgl. Rötzer, Gerd (1982): „Einige Anmerkungen zur Geschichte der Märchenforschung“, a.a.O., S. 63.

[28] vgl. Abschnitt 2.2.

[29] vgl. Lüthi, Max (1996): Märchen, a.a.O., S. 64.

[30] Die Abkürzung AT steht für die Autoren Antti Aarne und Stith Thompson, die ein Märchentypenkatalog „ The Types of the Folktale. A Classification and Bibliography “ (1961) zusammengestellt haben und darin die Märchen mit international gültigen Nummern versahen (vgl. Aarne, Antti/Thompson, Sith (1995): The Types of the Folktale : A Classification and Bibliography. 2. überarbeitete Auflage, o.O.: Indiana University Press.)

[31] Ein Motiv kann als das kleinste Element einer Erzählung definiert werden, welches die Menschen aufgrund seines außergewöhnlichen Elements tradieren (vgl. Lüthi, Max (1996): Märchen, a.a.O., S. 19.).

[32] vgl. Grimm, Jacob/Grimm, Wilhelm (1992): „Kinder- und Haus-Märchen“, a.a.O., S. 330.

[33] vgl. Röhrich, Lutz (2002): "Und weil sie nicht gestorben sind ...", a.a.O., S. 367.

[34] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (1994): Märchen als mündlich tradierte Erzählungen des Volkes? a.a.O., S. 81.

[35] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (2007): Märchenforschung, a.a.O. S. 79.

[36] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (1994): Märchen als mündlich tradierte Erzählungen des Volkes? a.a.O., S. 81.

[37] Im Bezug auf die Naturerscheinungen der Sonne wird von der Solartheorie und in Bezug auf Phänomene der Sonne und Monde von der Astralmythologie als weitere Zweige der Naturmythologie gesprochen, wobei ersterer v.a. von dem Sanskritist F.M. Müller vertreten wurde (vgl. Pöge-Alder 2007, 73).

[38] vgl. Röhrich, Lutz (2002): "Und weil sie nicht gestorben sind ...", a.a.O., S. 368.

[39] vgl. Lüthi, Max (1996): Märchen, a.a.O., S. 37.

[40] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (1994): Märchen als mündlich tradierte Erzählungen des Volkes? a.a.O., S. 81.

[41] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (2007): Märchenforschung, a.a.O. S. 79.

[42] vgl. ebd., S. 75ff.

[43] vgl. Mannhardt, Wilhelm (1905): Wald- und Feldklute. Bd. 2. 2.Aufl. Berlin: Bornträger, S. 348ff.

[44] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (2007): Märchenforschung, a.a.O. S. 78.

[45] Diese Schule findet im nächsten Abschnitt im Rahmen der Monogenesetheorie eine Erläuterung.

[46] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (2007): Märchenforschung, a.a.O. S. 80f.

[47] vgl. Rötzer, Gerd (1982): „Einige Anmerkungen zur Geschichte der Märchenforschung“, a.a.O., S. 67.

[48] vgl. Wollenweber, Bernd (1982): „Märchen und Gesellschaft“, in: Rötzer, Gerd (Hrsg.): Märchen. Bamberg: Buchners, S. 60.

[49] vgl. Röhrich, Lutz (2002): "Und weil sie nicht gestorben sind ...", a.a.O., S. 367.

[50] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (1994): Märchen als mündlich tradierte Erzählungen des Volkes? a.a.O., S. 81.

[51] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (2007): Märchenforschung, a.a.O. S. 81.

[52] vgl. ebd., S. 87.

[53] vgl. Lüthi, Max (1996): Märchen, a.a.O., S. 69.

[54] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (1994): Märchen als mündlich tradierte Erzählungen des Volkes? a.a.O., S. 53ff.

[55] Pantschatantra besteht aus fünf Büchern über Tierfabeln im hochliterarischen Stil, die als Fürstenspiegel zur Prinzenerziehung dienten und entstand nach Theodor Benfey im 1. und 6. Jahrhundert in Indien im Rahmen der buddhistischen Religion (vg. Pöge-Alder, Kathrin (2007): Märchenforschung, a.a.O. S. 81f.). Benfey übersetzte 1859 dieses Sanskrit in die deutsche Sprache und publizierte es mit ausführlichen Kommentaren.

[56] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (1994): Märchen als mündlich tradierte Erzählungen des Volkes? a.a.O., S. 50.

[57] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (2007): Märchenforschung, a.a.O. S. 82f.

[58] vgl. ebd.,S. 84.

[59] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (1994): Märchen als mündlich tradierte Erzählungen des Volkes? a.a.O., S. 56.

[60] siehe Abschnitt 2.3!

[61] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (1994): Märchen als mündlich tradierte Erzählungen des Volkes? a.a.O., S. 52ff.

[62] vgl. ebd. 62.

[63] vgl. Lüthi, Max (1996): Märchen, a.a.O., S. 69.

[64] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (1994): Märchen als mündlich tradierte Erzählungen des Volkes? a.a.O., S. 57.

[65] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (2007): Märchenforschung, a.a.O. S. 83.

[66] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (1994): Märchen als mündlich tradierte Erzählungen des Volkes? a.a.O., S. 60ff.

[67] Der Name dieser Schule entspricht dem regionalen Entstehungsgebiet Finnland, auf das sich die Methode nicht begrenzte, aber von der sie ihren Ursprung nahm. Die Voraussetzung zur Entstehung dieser Theorie war die Herausbildung einer finnischen Sprach- und Kulturnation, für die durch die Gleichstellung der schwedischen und finnischen Sprache im Jahre 1863 der Grundstein gelegt wurde. Des Weiteren wurden zu der Zeit Sammelaktivitäten und Nachforschungen im Bereich der finnischen und vergleichenden Folkloristik unterstützt (vgl. Pöge-Alder, Kathrin (2007): Märchenforschung, a.a.O. S. 85f.). Den Forschern standen somit eichhaltige mündliche Erzählstoffe zur Verfügung (vgl. Pöge-Alder, Kathrin (1994): Märchen als mündlich tradierte Erzählungen des Volkes? a.a.O., S. 64).

[68] Ein Typensystem von Märchen weist eine Sammlung von Typen auf, für die jeweils eine international gängige Typennummer vergeben wurde. Ein Typ kann dabei ein Motiv oder ein Komplex an Motiven enthalten. Es wurde erstmals von dem finnischen Märchenforscher Antti Aarne auf Grundlage von finnischen, dänischen und deutschen Märchen, später auch unter Berücksichtigung von Erzählungen aus Süd- und Osteuropa und dem nahen Osten und Indien, zusammengestellt (vgl. Lüthi, Max (1996): Märchen, a.a.O., S. 16ff).

[69] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (2007): Märchenforschung, a.a.O. S. 86.

[70] vgl. Rötzer, Gerd (1982): „Einige Anmerkungen zur Geschichte der Märchenforschung“, a.a.O., S. 65.

[71] Darunter werden die lokalen Varianten und ihre Beziehungen untereinander verstanden, die nur in bestimmten Regionen auftreten (vgl. Anderson, Walter (1934): „Geographisch-historische Methode“, in: Mackensen, Lutz (Hrsg.): Handwörterbuch des deutschen Märchens. Fabel – Gyges. Bd. 2. Berlin: De Gryter, S. 517).

[72] vgl. Lüthi, Max (1996): Märchen, a.a.O., S. 70f.

[73] Rötzer, Gerd (1982): „Einige Anmerkungen zur Geschichte der Märchenforschung“, a.a.O., S. 65.

[74] vgl. ebd.

[75] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (2007): Märchenforschung, a.a.O. S. 87f.

[76] Anderson, Walter (1934): „Geographisch-historische Methode“, a.a.O, S. 517.

[77] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (2007): Märchenforschung, a.a.O. S. 89.

[78] vgl. Rötzer, Gerd (1982): „Einige Anmerkungen zur Geschichte der Märchenforschung“, a.a.O., S. 64; vgl. Pöge-Alder, Kathrin (1994): Märchen als mündlich tradierte Erzählungen des Volkes? a.a.O., S. 76.

[79] Diese Ökotypen werden in dem Typenverzeichnis von Märchen von Aarne und Thompson mit einem Stern kenntlich gemacht und als Subtypen aufgeführt.

[80] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (2007): Märchenforschung, a.a.O. S. 89f.

[81] vgl. Lüthi, Max (1996): Märchen, a.a.O., S. 70.

[82] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (2007): Märchenforschung, a.a.O. S. 91ff.

[83] vgl. Rötzer, Gerd (1982): „Einige Anmerkungen zur Geschichte der Märchenforschung“, a.a.O., S. 65.

[84] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (2007): Märchenforschung, a.a.O. S. 94.

[85] vgl. Lüthi, Max (1996): Märchen, a.a.O., S. 71.

[86] vgl. Rötzer, Gerd (1982): „Einige Anmerkungen zur Geschichte der Märchenforschung“, a.a.O., S. 65.

[87] vgl. Pöge-Alder, Kathrin (2007): Märchenforschung, a.a.O. S. 93ff.

Ende der Leseprobe aus 71 Seiten

Details

Titel
Märchen als Ausgangspunkt für interkulturelles Lernen in der Elementarpädagogik
Hochschule
Technische Universität Dortmund  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Märchen interkulturell
Note
1,3
Autoren
Jahr
2010
Seiten
71
Katalognummer
V150750
ISBN (eBook)
9783640621316
ISBN (Buch)
9783640621828
Dateigröße
791 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
interkulturelles Lernen, Elementarbereich, Komparistik, interkulturelle Didaktik, Max Lüthi, Interkulturelle Erziehung, Die kluge Bauerntochter, Das kluge Bauernmädchen, Märchenphänomenologie, Märchenanalyse, Entstehungstheorien von Märchen, Verbreitungstheorien von Märchen
Arbeit zitieren
Corinna Kühn (Autor)Caroline Knaup (Autor), 2010, Märchen als Ausgangspunkt für interkulturelles Lernen in der Elementarpädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150750

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