Interpretation von drei Szenen aus dem Film „The Aviator“ mithilfe von Analysekategorien nach Goffmann


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2010

19 Seiten


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Interpretation einzelner Szenen
2.1 Erste Begegnung mit der Familie Hepburn
2.2 Esssituation
2.3 Katherines und Howards Gespräch im Garten

3. Quellen

4. Anhang - Transkripte der interpretierten Szenen
4.1 Erste Begegnung mit der Familie Hepburn
4.2 Esssituation
4.3 Katherines und Howards Gespräch im Garten der Familie Hepburn

1. Einleitung

In der vorliegenden Ausarbeitung wird eine Sequenz aus dem US-amerikanischen Filmdrama „The Aviator“ aus dem Jahre 2004 mithilfe von Goffmanns Interpretationskategorien untersucht. „The Aviator“ ist eine Filmbiographie über den Flugpionier Howard Hughes (1905-1976) nach einem Drehbuch von John Logan und unter Regie von Martin Scorsese. Bei der Interpretation einzelner Szenen wird insbesondere auf die deutsche Übersetzung „Wir alle spielen Theater: die Selbstdarstellung im Alltag“ (GOFFMANN 1976) von Goffmanns populärer Veröffentlichung „The Presentation of Self in Everyday Life“ (GOFFMANN 1965) zurückgegriffen. Des Weiteren findet die deutsche Übersetzung „Rahmen-Analyse: ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen“ (GOFFMANN 1980) von Goffmanns Werk „Frame Analysis: An Essay on the Organisation of Experience“ (GOFFMANN 1974) in der Interpretation Berücksichtigung.

Dem Anhang sind die Transkriptionen der interpretierten Szenen zu entnehmen.

2. Interpretation einzelner Szenen

Im Folgenden wird eine Filmsequenz (Szene 14: Min. 55´35´´ - Min. 100´55´´) analysiert, die sich ausgehend von den unterschiedlichen Settings in drei Szenen unterteilen lässt: a) die erste Begegnung von Howard Hughes mit der Familie seiner Freundin Katherine Hepburn im Garten der Familie, b) die Essenssituation im Hause der Familie Hepburn, in denen es zur erstmaligen Kommunikation zwischen Howard und der Familie Hepburn kommt und c) das Gespräch zwischen Howard und Katherine im Garten der Familie, nachdem sich Howard der Kommunikationssituation am Esstisch entzogen hat.

2.1 Erste Begegnung mit der Familie Hepburn

Direkt beim Einfahren mit dem Auto auf das Anwesen der Familie Hepburn lichtetet sich der Vorhang der „Vorderbühne“ (GOFFMANN in KNOBLAUCH 2000, S. 164) welche Wohlhaben und den Reichtum der Familie repräsentiert: Vor den Augen Howards erstreckt sich ein weitreichendes, saftiggrünes, gut gepflegtes Anwesen mit einem großen Haus mit Meerblick. Zahlreiche Requisiten tragen zum erwünschten Eindruck bei: u.a. Gartenmöbel, gut gepflegten Hunde, eine Staffelei, Blumenbouquets, ein Kricketspiel sowie Ludlows Videokamera. Neben diesen Gegenständen liefert die Erscheinung der Familienangehörigen, welche sich durch gepflegtes Aussehen und teuer wirkende Kleidung auszeichnet (Jacketts, Pullunder, Fliegen und Krawatten, Kleider, Blusen, Schmuck), deutliche Hinweise zum sozialen Status der Darsteller.

Die gesamte Familie Hepburn präsentiert sich Howard als ein „Ensemble“ (GOFFMANN 1976, S. 73). Ensembles bilden eine sich nach außen abgrenzende Einheit. Dies wird bereits in der Situation deutlich, in der Katherine Howard mit ihrer Familie bekannt machen möchte. Howard wird eine erste Darstellung geliefert: auf der Vorderbühne (dem Garten der Familie) stellt sich ein Teil der Familie in Reih und Glied auf, gerade so, als wäre ein Fotograf vor Ort, der ein Foto schießen soll (dramaturgische Gestaltung). Die Familie repräsentiert sich dabei als ein geschlossenes Ganzes. Katherine steht in der Mitte, alle halten sich in den Armen und stehen Howard frontal gegenüber. Keiner gibt Howard eine Hand oder stellt sich persönlich vor. Die Situation, dass sich Howard „wie auf einem Präsentierteller“ befindet und alle Augen auf ihn gerichtet sind, wird noch dadurch pointiert, dass Ludlow eben diese Situation mit seiner Videokamera festhält und die Kamera frontal auf Howard ausrichtet und zudem noch einige Schritte näher kommt. Lediglich einer der Hunde der Familie geht auf Howard zu und springt ihn voller Freude an (Ludlow: „Er [der Hund] mag Sie.“). Das Verhalten des Hundes kontrastiert das Verhalten der Familie deutlich. Während die Familie sich gegenüber Howard zwar freundlich (Mr. Hepburn: „Howard, Willkommen!“), aber sehr distanziert verhält, geht der Hund direkt auf Howard zu und nimmt (Körper-)kontakt auf, wenn auch eben dies für Howard, der große Angst vor jeglichen gesundheitlichen Gefahren hat, eine eher unangenehme Situation ist.

In der ersten Szene stellt das Auto, in dem Katherine und Howard anreisen, die „Hinterbühne“ (GOFFMANN in KNOBLAUCH 2000, S. 164) dar. Hier hat Howard noch die Möglichkeit, Fragen zu stellen. So erfragt er z.B., wer der Mann mit der Videokamera ist und erfährt, dass es Ludlow ist, Katherines Exehemann. Dies ist ein Detail, das Howard sicherlich nicht auf der Vorderbühne während der Bekanntmachung mit Ludlow erfahren hätte.

Häufig werden Ensemblemitglieder (wertet man Katherine und Howard als Ensemble) im Sinne der Eindrucksmanipulation vor dem Zusammentreffen mit Personen einer „Schulung“ unterzogen, in der sie erfahren, wie sie sich zu verhalten haben etc. Man spricht diesbezüglich von „dramaturgischer Sorgfalt“ (vgl. GOFFMANN 1976, S.198). Eine solche Schulung unterbleibt jedoch. Allerdings weist Katherine Howard darauf hin, dass er nicht so nervös sein soll - vermutlich mit dem Ziel, ihn zu beruhigen, was ihr jedoch vermutlich aufgrund des letzten Zusatzes in ihrer Aussage nicht gelingen konnte:

Katherine: „Sei nicht so zappelig, Howard. [P1] Du wirst dich sicher prima verstehen mit meinen Eltern. Ich bin sicher, sie können dich auch gut leiden [P0,5], wenn sie dich näher kennen.“

2.2 Esssituation

Das Esszimmer der Familie Hepburn stellt vermutlich durchgehend eine Vorderbühne dar. An das Esszimmer grenzt eine offene Küche an, in der eine adrett gekleidete Angestellte mit Schürze und Käppchen bekleidet arbeitet, während die Familie speist. Auch hier tragen wieder zahlreiche Requsiten dazu bei, den Eindruck von Wohlhaben und Reichtum zu verbreiten: Die Familie sitzt an einer langen Tafel (zu Kopf Mrs. Hepburn), die mit edlem Geschirr und vielfältigen und guten Speisen eingedeckt ist.

Mrs. Hepburn ist sichtlich darum bemüht, dass eine erfolgreiche Darstellung ihrer Familie nicht gefährdet wird. „Eine erfolgreiche Darstellung besteht für Goffmann darin, dass die Handelnden überzeugend darstellen können, in der wirklichen Wirklichkeit zu handeln“ (KNOBLAUCH 2000, S.164). Eine überzeugende Darstellung gelingt dann, wenn Kohärenz innerhalb der Fassade besteht, d. h. zwischen dem festgelegten Ausdrucksrepertoire, dem richtigen Bühnenbild und den Requisiten. Des Weiteren müssen die Handlungen auf der Vorderbühne dramatisch gestaltet und in ihrem Ausdruck kontrolliert werden (vgl. ebd.).

Eine erste Vorkehrung zur Kontrolle des Ausdrucks bzw. der erwünschten Darstellung des Ensembles scheint die Tatsache zu sein, dass am Tisch lediglich erwachsene Personen sitzen. Die Kinder scheinen in einem anderen Raum zu speisen. Der Grund hierfür könnte eventuell darin liegen, dass die Kinder die Vorstellung der Familie gefährden könnten, denn schließlich sind Kinder noch nicht bzw. begrenzt in der Lage, ihre Handlungen und ihren Ausdruck zu kontrollieren (vgl. GOFFMANN 1976, S. 85). Der Ausschluss der Kinder von der Kommunikationssituation am Esstisch könnte demnach als eine Maßnahme zur Vermeidung von Störungen gedeutet werden. „Die Technik der Eindrucksmanipulation“ (ebd., S.189ff.) wird angewandt, „dramaturgische Loyalität“ (ebd., S. 193) soll gewährleistet werden. Zudem kann die Entscheidung zum Ausschluss der Kinder an der Essenssituation und damit die Verringerung der Größe des Ensembles der „dramaturgischen Sorgfalt“ (ebd., S. 198) zugeordnet werden.

Offensichtlich ist eine automatische Garantie dafür, daß kein Mitglied des Ensembles und kein Mitglied des Publikums unangemessen handelt, dann gegeben, wenn die Größe beider Ensembles so klein wie möglich gehalten wird (ebd., S. 199).

Obwohl jedoch das Ensemble der Zuschauer ein „Ein-Mann-Ensemble“ (ebd., S. 192) darstellt und durch den Ausschluss der Kinder das Darsteller-Ensemble begrenzt wurde, kommt es dennoch zu einem „Zwischenfall“ (ebd., S. 192), wie man es alltagssprachlich formuliert. Auf diesen wird an späterer Stelle eingegangen.

Wie schon durch ihre Sitzposition verdeutlicht wird, führt Mrs. Hepburn die Regie am Tisch. Dies ist bei Ensembles üblich, häufig wird „jemandem das Recht übertragen [..], die dramatische Handlung zu regeln und zu dirigieren“ (ebd., S. 90). Mrs. Hepburn ist sehr bemüht, die Gespräche am Tisch zu steuern, insbesondere jenes, welches sich vornehmlich zwischen ihr und Howard abspielt. Hin und wieder „klinken“ sich aber auch andere Familienangehörige ein.

Mrs. Hepburn scheint sich nicht wirklich für Howard zu interessieren. Anstelle ihm zu Beginn der Unterhaltung Fragen bezüglich seiner Persönlichkeit und seiner Tätigkeit im Flug- und Filmgeschäft zu stellen, ist sie zunächst einmal damit beschäftigt, ihre Familie zu idealisieren:

Mrs. Hughes: Wir geben uns hier ganz den Künsten hin. Eine Art Künstlerkolonie. Julien ist Maler. Abstrakt natürlich.

Noch im selben Atemzug versucht sie sich vor Angriffen zu schützen: „Warum sollte man heutzutage auch etwas Reales malen, wenn man ein Foto davon machen kann!“ und fügt eine Suggestivfrage hinzu: „Finden Sie nicht auch?“. Auch zu späterer Zeit macht sie von einer positiven Idealisierung Gebrauch, allerdings mit dem vornehmlichen Ziel, Howards vorherige Aussage mit einer negativen Konnotation zu versehen:

Mrs. Hepburn: [lauter] Sie lesen Fliegerzeitschriften?

Howard: Fachzeitschriften über Konstruktionen, Luftfahrt.

Mrs. Hepburn: WIR lesen Bücher.

Howard: Mmh.

Katherine ergreift direkt darauf für Howard Partei und verteidigt ihn, indem sie ihr eine schlagkräftige Begründung liefert:

Katherine: Howard muss diese Zeitschriften lesen, Mum, weil er gerade ein neues Flug- zeug entwirft [lächelt Howard an].

Wie hier bereits in Ansätzen deutlich wird, gestaltet sich die Esssituation für Howard als ein wahrer Spiesrutenlauf. Die Großfamilie ist Kommunikationssituationen, wie sie sich z.B. während des Essens abspielen, vermutlich gewohnt. Es scheint so, als wäre es vollkommen normal, dass am Tisch zahlreiche Seitengespräche gehalten werden und sich die Anwesenden ständig in Gespräche anderer ein- und ausklinken. Howard hat mit dieser Kommunikationssituation zu kämpfen. Zum einen, weil er an einem angeborenen Gehörfehler leidet, auf den am Tisch niemand Rücksicht nimmt (jedoch zunächst aus Unwissenheit) und zum anderen, weil sich die Familie nicht bzw. nur geringfügig für Howard Hughes und seine Tätigkeiten im Flug- und Filmgeschäft interessiert zeigt bzw. sie nicht zu schätzen weiß.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Interpretation von drei Szenen aus dem Film „The Aviator“ mithilfe von Analysekategorien nach Goffmann
Hochschule
Technische Universität Dortmund  (Institut für Sozialpädagogik, Erwachsenenbildung und Pädagogik der frühen Kindheit)
Veranstaltung
Empirische Forschungsmethoden in der Sozialen Arbeit
Autor
Jahr
2010
Seiten
19
Katalognummer
V150751
ISBN (eBook)
9783640623648
ISBN (Buch)
9783640623778
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Filmanalyse, Goffmann, Wir alle spielen Theater, The Aviator
Arbeit zitieren
Corinna Kühn (Autor), 2010, Interpretation von drei Szenen aus dem Film „The Aviator“ mithilfe von Analysekategorien nach Goffmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150751

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