Recht oder Pflicht zur Faulheit - zwischen Utopie und Notwendigkeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Vorbemerkung

2. Bestandsaufnahmen
2.1. Exkurs zu André Gorz
2.1.1 Die Nicht-Klasse der Nicht-Arbeiter
2.1.2 Heteronome und autonome Beschäftigung
2.1.3 Konto der Arbeitszeit und Grundeinkommen
2.1.4 Rolle des Staates und der Politik
2.2. Positionen von Claus Offe
2.2.1 Voll[zeit]Beschäftigung
2.2.2 Krise des Sozialstaats
2.2.3 Garantiertes Grundeinkommen
2.3 Arbeitsmarktsituation in Deutschland und gegenwärtige Strategien
2.3.1 Arbeitsmarktzahlen
2.3.2 Rückgang realer Erwerbstätigkeit
2.3.3 Das Bündnis für Arbeit

3. Vision, Utopie oder Notwendigkeit der Gegenwart und Zukunft
3.1. Probleme und Chancen der Globalität und gesamtgesellschaftlicher Konzepte
3.1.1 Globale und marktwirtschaftliche Prinzipien
3.1.2 Das Bewusstsein, die Bedeutung der Begriffe und das internalisierte Wohlstandsdenken
3.1.3 Abschied vom bisherigen sozialstaatlichen Denken der Nachkriegszeit
3.2. Individuelle Lebensentscheidung
3.2.1 Erwerbsfreizeit, Müßiggang, Weiterbildung und professionalisiertes Hobby
3.2.2 Vereinstätigkeiten und Genossenschaftskonzepte

4. Abschließend kommentierende Zusammenfassung

1. Einleitende Vorbemerkung

"Endlich Wochenende…“ lautet heute der klassische Seufzer eines Erwerbstätigen, wenn er am Freitagnachmittag seinen Arbeitsplatz verlassen kann, um sich der sogenannten Freizeit hinzugeben. Die tägliche Freude auf den bevorstehenden Feierabend, der Urlaub als die "schönste Zeit des Jahres" oder das ewige Hinarbeiten auf die lang ersehnte Rente sind klare Anzeichen dafür, dass die subjektive Lebensqualität wohl nicht ausschließlich über die Lohnarbeit zu definieren ist. Vielmehr muss es gerade außerhalb der Erwerbstätigkeit Werte geben, durch die das Mensch-Sein bestimmt wird. Auf der anderen Seite veranchaulichen diese Formulierungen jedoch auch, dass die berufliche Tätigkeit immer noch eine sehr zentrale Rolle im gesellschaftlichen Leben der Menschen spielt.

In Deutschland waren im Juli 1999 über vier Millionen Menschen als arbeitslos registriert. Bundesweit lag die Arbeitslosenquote bei 10,3 Prozent. Damit steht statistisch jeder zehnte Deutsche außerhalb der Arbeitsgesellschaft, in Ostdeutschland ist es sogar fast jeder fünfte Arbeitnehmer.[1] Zeitgleich versucht die Bundesregierung zusammen mit Arbeitgeber- und Gewerkschaftsvertretern im "Bündnis für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit" Wege zur Bekämpfung der historisch hohen Arbeitslosigkeit zu finden. Der amtierende Bundeskanzler Schröder formulierte dieses Ziel als Wahlversprechen und macht seine Glaubwürdigkeit und den Erfolg seiner gesamten Politik von der Konsolidierung des Arbeitsmarktes abhängig.

Die vorliegende Hausarbeit geht der Frage nach, inwieweit der herkömmliche Begriff von Arbeit und seine gesellschaftliche Auswirkung für Gegenwart und Zukunft noch relevant sein kann. Die Anlehnung des Titels an eine Schrift von Paul Lafargue aus dem Jahr 1883[2] ist dabei Ausdruck der zu Grunde liegenden Kernthese, dass der Gedanke an ein Recht auf Faulheit auch über 100 Jahre nach seiner erstmaligen Formulierung durch den Schwiegersohn von Karl Marx berechtigte Beachtung verdient. Als theoretischer Gegenpol zum zentralen Arbeitsbegriff erscheint die zeitgenössische Interpretation des Rechts auf Faulheit zwar eher als Vision der Zukunft und gegenwärtige Utopie ohne konkreten Ansatz zur Realisation in Deutschland, verliert dadurch jedoch keineswegs an Aktualität.

In einem ersten Schritt [2. Kapitel] werden durch einen Exkurs zu Werken von André Gorz und Claus Offe bisherige Beschäftigungsverhältnisse und mögliche Alternativen im gesamtgesellschaftlichen Kontext der 80iger und 90iger Jahre aufgezeigt. Eine Auseinandersetzung mit der aktuellen Arbeitsmarktsituation und den gegenwärtigen Strategien der politischen Akteure vervollständigt diese Bestandsaufnahme. Ein ursprünglich vorgesehener internationaler Vergleich zu Dänemark kann aus kapazitären Gründen in dieser Arbeit nicht mehr durchgeführt werden.

Das dritte Kapitel wird dann unter soziologischen, ökonomischen und philosophischen Gesichtspunkten nach der Einordnung eines Konzepts der Faulheit zwischen Utopie und Notwendigkeit fragen. Sowohl die Probleme als auch die Chancen der Globalität und gesamtgesellschaftlicher Konzepte werden dabei der partiell-individuellen Lebensentscheidung zur Faulheit gegenüber gestellt.

2. Bestandsaufnahmen

2.1. Exkurs zu André Gorz

In seinen Schriften der 70iger und 80iger Jahre skizziert André Gorz ein Gesellschaftskonzept, in dem die Menschen nach seiner Ansicht selbstverwirklicht und befreit von bisherigen Modellen der Arbeitsgesellschaft leben könnten. Die folgenden Abschnitte erläutern die von ihm verwendete Begrifflichkeit sowie zentrale Gesichtspunkte seines Ansatzes.

2.1.1 Die Nicht-Klasse der Nicht-Arbeiter

Die Nicht-Klasse der Nicht-Arbeiter konstituiert sich bei André Gorz aus inadäquat Beschäftigten und den Menschen, die aus dem Arbeitsprozess zeitweise oder vollkommen herausgefallen sind. Nur eine kleine privilegierte Minderheit ist nach Gorz heute noch einer Arbeiterschicht im traditionellen Verständnis zuzuordnen. Immer weniger Erwerbstätige können kontinuierlich und fachspezifisch dem erlernten Beruf nachgehen, zunehmend mehr schlagen sich von einem Gelegenheitsjob zum anderen durch. Durch die Weiterentwicklung der Technik und die Veränderung ökonomischer Rahmenbedingungen werden Experten und Fachkräfte immer häufiger ins berufliche Abseits gedrängt. Das Wir-Gefühl eines gemeinsamen Produktionserfolgs und Befriedigung durch erfüllte Arbeit entsprechend der erworbenen Kompetenz weichen dem individuell erlebten beruflichen Scheitern und führen zur Entfremdung. Daraus resultiert der Rückzug in den privat verbleibenden Autonomiebereich und stellt zugleich wie schon bei Paul Lafargue[3] das Potential für gesellschaftliche Veränderung dar. Anders als beim Schwiegersohn von Marx, bei dem der Intellektuelle aus der Motivation zum Eigennutz heraus auch zunächst häufig die Tendenz zur Anpassung an das bestehende System aufweisen kann, sieht Gorz jedoch die Veränderung der Gesellschaft vornehmlich als individuellen Akt, gelebt im Müßiggang und in der Faulheit des einzelnen außerhalb der Erwerbsarbeit.

Damit ist die Nicht-Klasse ein Resultat der Krise des Kapitalismus und nicht wie die Marxsche Arbeiterklasse direkt vom Kapitalismus erzeugt. Während Marx und Engels 1848 noch von der geschichtlichen und gesellschaftlichen Rolle einer Arbeiterklasse an und für sich ausgehen[4], stellt André Gorz 132 Jahre später klar die Nicht-Existenz einer revolutionären Arbeiterklasse und damit das Fehlen eines Subjekts zur sozialistischen Revolution fest. Denn die Marxsche Idee des Proletariats ist für André Gorz zu einem realen Neoproletariat pervertiert, in dem nur noch das Ziel, zur subjektiv-individuellen Autonomie zu gelangen, existiert.

An die Stelle des damaligen Proletariats ist nach Gorz also der individuelle Neoproletarier getreten. Dieser lässt sich nicht mehr durch seine Stellung im Produktionsprozess definieren. Häufig jahrelang an Schulen und Hochschulen ausgebildet und damit für seine wechselnden Gelegenheitsarbeiten oft vollkommen überqualifiziert, identifiziert sich der Neoproletarier nicht mehr mit dem Produkt seines täglichen Schaffens. Im gesellschaftlich-ökonomischen Apparat wird der einzelne Arbeitnehmer austauschbares Rädchen im Getriebe einer [Über-]Produktion die zum Selbsterhalt immer weiteren Überfluss und neue Konsumbedürfnisse hervorbringt.

Das Ende der Entfremdung des Menschen durch die Arbeit kann für Gorz daher nicht als Befreiung in der Arbeit sondern nur als Befreiung von der Arbeit, also beispielsweise im Müßiggang, der Faulheit, dem Hobby oder in einem neuen Verständnis der Arbeit erreicht werden, das im folgenden Abschnitt skizziert wird.[5]

2.1.2 Heteronome und autonome Beschäftigung

"Eine aus dem sozialen Zerfall hervortretende Nicht-Klasse kann allein die Konzeption der von ihr angekündigten Nicht-Gesellschaft haben. [...] eine der ökonomischen Rationalität und der den äußeren Zwängen entzogene Sphäre individueller Souveränität auf Kosten der gesellschaftlichen Sphäre"[6]

Gorz konstatiert also eine Verkehrung der Prioritäten: Das wahre Leben beginnt in individueller Autonomie, außerhalb der Arbeit. Deshalb fordert er die Ausweitung autonomer Tätigkeiten, für die die Verringerung der Arbeitszeit eine Voraussetzung darstellt. Die entstandene freie Zeit darf jedoch keine "leere Freizeit"[7] sein, vielmehr müssen allgemeine Einrichtungen zur Bildung, Muße und Kreativität vorhanden sein und die Förderung intellektueller und handwerklicher Selbstverwirklichung ermöglichen. Damit wird auch den sozialistischen Theorien, die das vergesellschaftlichte Individuum postlieren, eine klare Absage erteilt.

Schon bei Marx beginnt das Reich der Freiheit außerhalb eines durch Arbeitszeitverkürzung möglichst reduzierten, aber immer vorhandenen Reichs der Notwendigkeit. Dieser Gedanke wird auch von André Gorz aufgegriffen und in seiner dualistischen Lösung der zwei Sphären zum Zweck maximaler Ausdehnung der Autonomie formuliert:

Die heteronome Sphäre umfasst die geplante Produktion und Tätigkeit dessen, was für das Leben der Individuen und für das Funktionieren der Gesellschaft notwendig ist. Müllabfuhr, Grundnahrungsmittelproduktion und diverse Verwaltungsarbeiten gehören beispielsweise zu diesen gesamtgesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten, die in einer ambivalenten Wirkung zur Beschäftigung in der autonomen Sphäre stehen. Diese bezeichnet die individuelle Produktion außerhalb des Marktes, bei der materielle und immaterielle Güter entstehen, die zwar nicht überlebensnotwendig sind, aber den Wünschen und Phantasien des einzelnen, der so seine persönliche Erfüllung erlebt, entsprechen. Dabei kann das Arbeiten der autonomen Sphäre durchaus Tätigkeiten der heteronomen Arbeit ersetzen (z.B. Altenpflege in der Familie statt im Seniorenheim) und damit zur Minimierung derselben beitragen. Die autonome Sphäre ist der Ort des ständigen Lernens und der Entdeckung persönlicher Fähigkeiten. Hier entstehen Impulse, die dann zum Teil durch die Nutzung gemeinschaftlicher Einrichtungen im Sinne des Genossenschaftsgedankens umgesetzt werden können. Werden diese beiden Sphären von den Menschen akzeptiert, und findet ein freier Wechsel zwischen minimierter heteronomer und maximierter autonomer Beschäftigung statt, sind die Funktion der Gesellschaft und die persönliche Entfaltung des einzelnen gleichermaßen gewährleistet.[8] Aus diesem Gedanken entwickelt André Gorz dann ein Modell der Lebensarbeitszeit, das der folgende Abschnitt vorstellt.[9]

2.1.3 Konto der Arbeitszeit und Grundeinkommen

Wie schon Pierre Joseph Proudhon in seiner Schrift "Das Recht auf Arbeit" formuliert auch André Gorz aus der potentiell raschen Abnahme realer Arbeitsmenge durch hohe Technisierung und Automatisierung[10] seine Idee eines Einkommens auf Lebenszeit. Demnach genügen 20.000 Stunden heteronomer Arbeit, um eine Produktion des Notwendigen zu gewährleisten. Ob dieses Pensum vom einzelnen Bürger in zehn Jahren Vollzeit-, 20 Jahren Teilzeitarbeit oder gar innerhalb von 40 Jahren unregelmäßiger Beschäftigung, unterbrochen durch Urlaubsperioden oder längere Phasen autonomer Tätigkeit absolviert wird, bleibt dabei der individuellen Entscheidung überlassen. Ein bedürfnisorientiertes Grundeinkommen, das sich nicht mehr am Arbeitswert gemessen wird und zur Abschaffung bisheriger Marktlogik sowie verstärkter öffentlicher Planung führt, schafft letztlich Lohnarbeit und Arbeitswert vollständig ab. Mit diesem Sozialeinkommen, das jedem Bürger lebenslang zusteht, und das nicht mehr die Arbeit bezahlt, ist für Gorz der Grundstein zur Abschaffung der herkömmlichen Arbeit überhaupt gelegt.

Finanziert werden soll das Grundeinkommen durch eine vom gestärkten [Zentral-]Staat erhobene Steuer auf die automatisierte Produktion. Das Konzept übersieht jedoch die Tatsache, dass der sekundäre Sektor zugunsten einer Dienstleistungsgesellschaft zunehmend schrumpft und hochtechnisierte Produktion immer stärker ins [relativ unterentwickelte] Ausland abwandert. Auch die Idee, Marktpreise durch politische Preise zu ersetzen, verkennt die Problematik der Globalisierung und des Weltmarktes. Wie würde sich beispielsweise auf nationalem Niveau ein politischer Kaffepreis und die entsprechende [Maschinen-]Besteuerung durchsetzen lassen?

Das Modell der 20.000 Stunden Lebensarbeitszeit setzt große Flexibilität und die Bereitschaft auch hochqualifizierter Arbeitskräfte zu banalisierten Tätigkeiten voraus: jeder muss bereit sein, alles zu machen, auch der Habilitierte beispielsweise wird -so würde Gorz es formulieren- bei Gleichgültigkeit gegenüber dem Inhalt seiner Arbeit durch eine Tätigkeit am Fließband den Wert eines multipolaren Lebens entdecken können. Die mit dem Sieg des Tauschwerts über den Warenwert im Industrialismus entstandene Trennung von Leben, Kultur und Arbeit könnte durch die Reduktion der heteronomen Arbeit aufgehoben werden und ein verlorengegangenes Gemeinschaftsgefühl in der Gesellschaft wiederbeleben.[11]

[...]


[1] Quelle: Bundesanstalt für Arbeit: Arbeitsmarktzahlen Juli. Nürnberg, 1999.

[2] Lafargue, Paul: Das Recht auf Faulheit. Frankfurt am Main, 1966.

[3] vgl.: Lafargue, Paul: Das Recht auf Faulheit. Frankfurt am Main, 1966.

[4] vgl.: Marx, Karl und Friedrich Engels: Manifest der Kom­muni­stischen Partei. Stuttgart, 1989, S.19-21.

[5] vgl.: Gorz, André (1980): Abschied vom Proletariat, S. 61-67 u. Gorz, André (1977): Ökologie und Politik. Reinbeck, 1977, S. 120.

[6] Gorz, André (1980): Abschied vom Proletariat, S.69

[7] a.a.O., S. 80

[8] vgl.: a.a.O., S. 69-95

[9] Die im dritten Kapitel zu diskutierenden Voraussetzungen dafür, bei­spielsweise das entsprechende Bewusstsein (auch bei Staat und Arbeitgebern, die heute jedoch noch den herkömm­lichen marktwirt­schaft­li­chen, globa­len Prin­zi­pien der Konkurrenz folgen) werden bei Gorz still­schwei­gend vor­ausge­setzt.

[10] vgl.: André Gorz (1980): Abschied vom Proletariat, S.66f

[11] vgl.: André Gorz (1983): Wege ins Paradies, S. 67-85.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Recht oder Pflicht zur Faulheit - zwischen Utopie und Notwendigkeit
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Politikwissenschaft - Otto-Suhr-Institut)
Veranstaltung
Recht auf Faulheit - Erinnerungen an eine Utopie einer Gesellschaft ohne Arbeit
Note
1,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
26
Katalognummer
V150752
ISBN (eBook)
9783640619139
ISBN (Buch)
9783640618804
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Gründliche Gliederung und sehr gutes Literaturverzeichnis.
Schlagworte
André Gorz, Claus Offe, Paul Lafargue, Karl Marx, Utopie, Arbeitszeit, Arbeitslose, Neue Modelle der Arbeit, Politische Soziologie
Arbeit zitieren
Helmut Schäfer (Autor), 1999, Recht oder Pflicht zur Faulheit - zwischen Utopie und Notwendigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150752

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