"Endlich Wochenende..." - so lautet heute der klassische Seufzer eines Erwerbstätigen, wenn er am Freitagnachmittag seinen Arbeitsplatz verlassen kann, um sich der sogenannten Freizeit hinzugeben. Die tägliche Freude auf den bevorstehenden Feierabend, der Urlaub als die "schönste Zeit des Jahres" oder das ewige Hinarbeiten auf die lang ersehnte Rente sind klare Anzeichen dafür, dass die subjektive Lebensqualität wohl nicht ausschließlich über die Lohnarbeit zu definieren ist. Vielmehr muss es gerade außerhalb der Erwerbstätigkeit Werte geben, durch die das Mensch-Sein bestimmt wird. [...]
In Deutschland waren im Juli 1999 über vier Millionen Menschen als arbeitslos registriert. Bundesweit lag die Arbeitslosenquote bei 10,3 Pro¬zent. Damit steht statistisch jeder zehnte Deutsche außerhalb der Arbeitsgesellschaft, in Ostdeutschland ist es sogar fast jeder fünfte Arbeitnehmer. [...]
Die vorliegende Haus-Arbeit geht der Frage nach, inwieweit der herkömmliche Begriff von Arbeit und seine gesellschaftliche Auswirkung für Gegenwart und Zukunft noch relevant sein kann. Die Anlehnung des Titels an eine Schrift von Paul Lafargue aus dem Jahr 1883 ist dabei Ausdruck der zugrundeliegenden Kernthese, dass der Gedanke an ein Recht auf Faulheit auch über 100 Jahre nach seiner erstmaligen Formulierung durch den Schwiegersohn von Karl Marx berechtigte Beachtung verdient. [...]
In einem ersten Schritt [2. Kapitel] werden durch einen Exkurs zu Werken von André Gorz und Claus Offe bisherige Beschäftigungsverhältnisse und mögliche Alternativen im gesamtgesellschaftlichen Kontext der 80iger und 90iger Jahre auf-gezeigt. Eine Auseinandersetzung mit der aktuellen Arbeitsmarktsituation und den gegenwärtigen Strategien der politischen Akteure vervollständigt diese Bestandsaufnahme. Ein ursprünglich vorgesehener internationaler Vergleich zu Dänemark kann aus kapazitären Gründen in dieser Arbeit nicht mehr durchgeführt werden.
Das dritte Kapitel wird dann unter soziologischen, ökonomischen und philosophischen Gesichtspunkten nach der Einordnung eines Konzepts der Faulheit zwischen Utopie und Notwendigkeit fragen. Sowohl die Probleme als auch die Chancen der Globalität und gesamtgesellschaftlicher Konzepte werden dabei der partiell-individuellen Lebensentscheidung zur Faulheit gegenüber gestellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Vorbemerkung
2. Bestandsaufnahmen
2.1. Exkurs zu André Gorz
2.1.1 Die Nicht-Klasse der Nicht-Arbeiter
2.1.2 Heteronome und autonome Beschäftigung
2.1.3 Konto der Arbeitszeit und Grundeinkommen
2.1.4 Rolle des Staates und der Politik
2.2. Positionen von Claus Offe
2.2.1 Voll[zeit]Beschäftigung
2.2.2 Krise des Sozialstaats
2.2.3 Garantiertes Grundeinkommen
2.3 Arbeitsmarktsituation in Deutschland und gegenwärtige Strategien
2.3.1 Arbeitsmarktzahlen
2.3.2 Rückgang realer Erwerbstätigkeit
2.3.3 Das Bündnis für Arbeit
3. Vision, Utopie oder Notwendigkeit der Gegenwart und Zukunft
3.1. Probleme und Chancen der Globalität und gesamtgesellschaftlicher Konzepte
3.1.1 Globale und marktwirtschaftliche Prinzipien
3.1.2 Das Bewusstsein, die Bedeutung der Begriffe und das internalisierte Wohlstandsdenken
3.1.3 Abschied vom bisherigen sozialstaatlichen Denken der Nachkriegszeit
3.2. Individuelle Lebensentscheidung
3.2.1 Erwerbsfreizeit, Müßiggang, Weiterbildung und professionalisiertes Hobby
3.2.2 Vereinstätigkeiten und Genossenschaftskonzepte
4. Abschließend kommentierende Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit der traditionelle Arbeitsbegriff in der heutigen Gesellschaft noch zeitgemäß ist und ob das Konzept eines Rechts auf Faulheit – als Gegenentwurf zur Lohnarbeit – zwischen Utopie und Notwendigkeit eine realistische Zukunftsperspektive bietet.
- Analyse der soziologischen Positionen von André Gorz und Claus Offe zur Arbeitsgesellschaft.
- Untersuchung der aktuellen deutschen Arbeitsmarktsituation und ihrer strukturellen Probleme.
- Diskussion von Alternativkonzepten wie Grundeinkommen und flexibler Arbeitszeitgestaltung.
- Reflektion über gesellschaftliche Normen und die Bedeutung von Eigenarbeit jenseits der Erwerbstätigkeit.
Auszug aus dem Buch
2.1.2 Heteronome und autonome Beschäftigung
"Eine aus dem sozialen Zerfall hervortretende Nicht-Klasse kann allein die Konzeption der von ihr angekündigten Nicht-Gesellschaft haben. [...] eine der ökonomischen Rationalität und der den äußeren Zwängen entzogene Sphäre individueller Souveränität auf Kosten der gesellschaftlichen Sphäre"6
Gorz konstatiert also eine Verkehrung der Prioritäten: Das wahre Leben beginnt in individueller Autonomie, außerhalb der Arbeit. Deshalb fordert er die Ausweitung autonomer Tätigkeiten, für die die Verringerung der Arbeitszeit eine Voraussetzung darstellt. Die entstandene freie Zeit darf jedoch keine "leere Freizeit"7 sein, vielmehr müssen allgemeine Einrichtungen zur Bildung, Muße und Kreativität vorhanden sein und die Förderung intellektueller und handwerklicher Selbstverwirklichung ermöglichen. Damit wird auch den sozialistischen Theorien, die das vergesellschaftlichte Individuum postlieren, eine klare Absage erteilt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitende Vorbemerkung: Die Einleitung beleuchtet die Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach Freizeit und der zentralen gesellschaftlichen Rolle von Arbeit und leitet zur Kernfrage der Relevanz eines "Rechts auf Faulheit" über.
2. Bestandsaufnahmen: Dieses Kapitel liefert eine theoretische Analyse der Ansätze von André Gorz und Claus Offe und verknüpft diese mit der aktuellen, durch hohe Arbeitslosigkeit geprägten Situation in Deutschland.
3. Vision, Utopie oder Notwendigkeit der Gegenwart und Zukunft: Hier wird untersucht, inwiefern ein Konzept der positiven Faulheit angesichts globaler wirtschaftlicher Verflechtungen und notwendiger gesellschaftlicher Bewusstseinsänderungen realisierbar ist.
4. Abschließend kommentierende Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel resümiert, dass trotz fehlender politischer Entschlossenheit die Notwendigkeit für ein neues Gesellschaftsmodell besteht und fordert eine breitere öffentliche Diskussion über alternative Lebensformen.
Schlüsselwörter
Recht auf Faulheit, André Gorz, Claus Offe, Arbeitsgesellschaft, Grundeinkommen, Erwerbsarbeit, Autonomie, heteronome Arbeit, Arbeitslosigkeit, Lebensarbeitszeit, soziale Krise, Eigenarbeit, Teilzeitbeschäftigung, Gesellschaftsmodell, Strukturwandel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit hinterfragt die Dominanz des traditionellen Arbeitsbegriffs und diskutiert die Möglichkeiten eines gesellschaftlichen Umdenkens in Richtung eines Rechts auf Faulheit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen soziologische Analysen der Arbeitsgesellschaft, die ökonomischen Probleme der Gegenwart und die Visionen einer zukünftigen Lebensgestaltung jenseits der Lohnarbeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den "Recht auf Faulheit"-Gedanken als visionäres, aber notwendiges Modell einer veränderten Gesellschaftsordnung zu prüfen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die theoretische Fundierung durch soziologische Schriften (insbesondere Gorz und Offe) in Kombination mit einer empirischen Bestandsaufnahme der Arbeitsmarktdaten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Auseinandersetzung mit Fachliteratur und eine Analyse aktueller wirtschaftlicher und politischer Trends in Deutschland.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Autonomie, Grundeinkommen, Arbeitsgesellschaft, Strukturwandel und positive Faulheit.
Welche Rolle spielt André Gorz für das Argument des Verfassers?
Gorz dient als theoretischer Ausgangspunkt, um das Ende des Proletariats und die Notwendigkeit der Trennung von notwendiger Arbeit und individueller Selbstverwirklichung zu begründen.
Warum hält der Verfasser eine "positive Faulheit" für realisierbar?
Der Verfasser sieht in den heutigen ökonomischen Rahmenbedingungen und dem wachsenden Trend zur Teilzeitarbeit bereits Ansätze, die den Weg in eine individuell realisierbare "persönliche Faulheit" ebnen können.
- Quote paper
- Helmut Schäfer (Author), 1999, Recht oder Pflicht zur Faulheit - zwischen Utopie und Notwendigkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150752