Neurowissenschaftliche Erkenntnisse spielen eine immer größere Rolle in unserem Leben. Das neurologische Wissen wird vielfach in Erziehungsratgebern aufgegriffen, vereinfacht und häufig von „Nicht-Experten“ gedeutet. Auch bei Bildungsfragen berufen sich – besonders die Medien – häufig nur noch auf Neurowissenschaftler und nicht auf Pädagogen, die ja die eigentlichen „Experten“ dieses Gebietes sind.
So finden gerade in Bezug auf die vorschulische Erziehung die Aufrufe der Hirnforscher, dass Kinder möglichst früh und umfassend gefördert werden sollten, hohen Anklang. Als Begründung wird immer wieder der Begriff der sensiblen Phasen genannt, da Kinder in dieser Zeit – besonders in den ersten drei Lebensjahren – am „besten“ lernen.
Ich möchte in dieser Arbeit dem Begriff der sensiblen Phasen auf den Grund gehen und untersuchen, welche Bedeutung diese für die Pädagogik haben. Dazu berufe ich mich auf Untersuchungen, die die Existenz der sensiblen Phasen auf neuronaler Ebene erkunden. Speziell die Sehentwicklung ist ein häufig benutztes Beispiel.
Zu Beginn werde ich Grundannahmen über den Begriff der sensiblen Phasen und deren Entstehung vorstellen. Dazu werde ich die Entdeckung des Phänomens durch den Biologen Hugo de Vries und deren Übernahme in die Pädagogik von Maria Montessori darstellen. Darauf aufbauend beschreibt Kapitel 3 neurowissen-schaftliche Erkenntnisse zu sensiblen Phasen. Im ersten Teil wird die Entwicklung des Nervensystems in den ersten drei Jahren zum weiteren Verständnis erklärt. Denn nur unter diesem neurowissenschaftlichen Wissen wird deutlich, aus welchem Grund eine ausgeprägte Auseinandersetzung der sensiblen Phasen in wissenschaftlichen Experimenten stattfindet. Der nächste Teil dieser Arbeit beschreibt den Aufbau des visuellen Kortex anhand von Experimenten von Wiesel und Hubel an Katzen, für deren Ergebnisse die beiden 1981 einen Nobelpreis erhielten. Daran anschließend werde ich darstellen, zu welchen Implikationen diese Ergebnisse und Vergleiche zu der menschlichen Sehentwicklung für die pädagogische Praxis beitragen.
In Kapitel 4 werde ich diese Untersuchungen und Implikationen dann kritisch betrachten. Dazu wird zuerst die Beweislage der Ergebnisse überprüft, um im nächsten Schritt mögliche Fehlinterpretationen aufzudecken.
Und schließlich die Frage: Was kann man aus den Untersuchungs-ergebnissen über sensible Phasen lernen und wie kann ich in der pädagogischen Praxis verantwortungsvoll mit diesem Wissen umgehen?
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 DIE ENTDECKUNG SENSIBLER PHASEN UND DEREN BEDEUTUNG
3 SENSIBLE PHASEN IN DEN NEUROWISSENSCHAFTEN
3.1 Neurobiologische Betrachtung der ersten drei Lebensjahre
3.2 Entwicklung des visuellen Kortex
3.3 Pädagogische Implikationen der neurobiologischen Untersuchungen
4 KRITISCHE BETRACHTUNG DER NEUROWISSENSCHAFTLICHEN ERGEBNISSE UND DEREN SCHLUSSFOLGERUNGEN FÜR DIE PÄDAGOGISCHE PRAXIS
4.1 Die Frage der Beweisbarkeit
4.2 Mögliche Fehlinterpretationen der neurobiologischen Ergebnisse
4.3 Ein verantwortungsvoller Umgang mit neurowissenschaftlichem Wissen über sensible Phasen
5 FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung des Konzepts der sensiblen Phasen im Kontext der modernen Neurowissenschaften und reflektiert deren Implikationen für die pädagogische Praxis unter besonderer Berücksichtigung der kritischen Überprüfung wissenschaftlicher Erkenntnisse.
- Historische Herleitung des Begriffs der sensiblen Phasen (Hugo de Vries, Maria Montessori).
- Neurobiologische Grundlagen der frühen Hirnentwicklung und Synaptogenese.
- Experimentelle Untersuchungen zum visuellen Kortex (Wiesel & Hubel) als zentrales Paradigma.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Übertragbarkeit neurobiologischer Daten auf die Pädagogik.
- Entwicklung von Strategien für einen verantwortungsvollen pädagogischen Umgang mit neurowissenschaftlichem Wissen.
Auszug aus dem Buch
3.2 Entwicklung des visuellen Kortex
Erst nach der Geburt und unter dem Einfluss von visuellen Erfahrungen, entwickeln sich die Nervenzellen der Sehhirnrinde zu ihren endgültigen funktionellen Eigenschaften (vgl. Dichgans 1994, 230). Damit ein binokulares Sehen entwickelt werden kann, muss während einer bestimmten sensiblen Periode der Entwicklung von Lebewesen eine ausgewogene Aktivierung der Sehbahnen gegeben sein. Wenn hingegen während der sensiblen Entwicklungsphase eine Störung z.B. durch Schielen vorhanden ist, so dass keine gleichgewichtige Aktivierung beider Augen stattfindet, kann sich die Binokularität im visuellen Kortex nicht aufbauen (vgl. Reichert 2000, 220).
Die bekanntesten Experimente zu der Entwicklung des visuellen Kortex wurden von Thorsten N. Wiesel und David H. Hubel an Katzen durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen nach Dichgans, „daß frühkindliche Erfahrung visuelle Funktionen erst zur Ausreifung bringt und nicht lediglich stabilisiert und erhält“ (Dichgans 1994, 231). Eine visuelle Deprivation - der Entzug von Sehreizen - in der sensiblen Phase kann daher den Entwicklungsprozess des visuellen Kortex auf einen Stillstand bringen bzw. diesen stark verändern.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Darstellung der Relevanz neurowissenschaftlicher Erkenntnisse für Erziehungsratgeber und Zielsetzung der kritischen Untersuchung des Begriffs der sensiblen Phasen.
2 DIE ENTDECKUNG SENSIBLER PHASEN UND DEREN BEDEUTUNG: Erläuterung der historischen Wurzeln des Konzepts in der Biologie durch Hugo de Vries und dessen Adaption durch Maria Montessori für die pädagogische Praxis.
3 SENSIBLE PHASEN IN DEN NEUROWISSENSCHAFTEN: Analyse der neuronalen Grundlagen in den ersten Lebensjahren und detaillierte Darstellung der tierexperimentellen Studien zur Entwicklung des visuellen Kortex.
4 KRITISCHE BETRACHTUNG DER NEUROWISSENSCHAFTLICHEN ERGEBNISSE UND DEREN SCHLUSSFOLGERUNGEN FÜR DIE PÄDAGOGISCHE PRAXIS: Reflexion über die Grenzen der Beweisbarkeit, Warnung vor Fehlinterpretationen durch Medien und Forderung nach einem reflektierten Transfer in die Pädagogik.
5 FAZIT: Zusammenfassende Bewertung des Verhältnisses von Anlage und Umwelt sowie Plädoyer für einen pädagogischen Umgang, der auf aufmerksamer Beobachtung statt auf übermäßiger Stimulation basiert.
Schlüsselwörter
Sensible Phasen, Neurobiologie, Pädagogik, Visueller Kortex, Synaptogenese, Frühförderung, Hirnentwicklung, Plastizität, Maria Montessori, Erziehungspraxis, Deprivation, Binokulares Sehen, Gehirnforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Konzept der sensiblen Phasen im Kindesalter auf Basis neurobiologischer Forschungsergebnisse und hinterfragt, inwiefern diese Erkenntnisse als Grundlage für pädagogische Erziehungsmaßnahmen dienen können.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Arbeit verknüpft historische pädagogische Ansätze, wie die von Maria Montessori, mit modernen neurowissenschaftlichen Studien zur frühkindlichen Entwicklung und den experimentellen Belegen zur Sehentwicklung bei Tieren.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den wissenschaftlichen Wert von "sensiblen Phasen" zu bewerten und zu klären, wie Pädagogen verantwortungsvoll mit vereinfachten, oft medienwirksamen Interpretationen der Hirnforschung umgehen können.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die eine Literaturanalyse von neurobiologischen Experimenten (insbesondere zum visuellen Kortex) und pädagogischen Schriften durchführt und diese einer kritischen Reflexion unterzieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Darstellung der neurobiologischen Grundlagen, die Präsentation klassischer tierexperimenteller Forschungsergebnisse sowie eine kritische Auseinandersetzung mit der Übertragbarkeit dieser Ergebnisse auf die menschliche Entwicklung und Erziehung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind sensible Phasen, Neurobiologie, Plastizität, frühkindliche Entwicklung, pädagogische Implikationen und kritische Reflexion.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der elterlichen Förderung?
Sie warnt vor einer "Überstimulation" durch Eltern und betont, dass das Gehirn natürlicherweise auf eine Umgebung angewiesen ist, in der das Kind selbstständig Erfahrungen machen kann, statt es mit ungefilterten Reizen zu überschütten.
Warum ist die Übertragbarkeit der Katzen-Experimente auf den Menschen problematisch?
Die Autorin argumentiert, dass tierexperimentelle Daten zur Gehirnentwicklung nicht ohne Weiteres als Beleg für spezifische pädagogische Handlungsanweisungen bei Menschen dienen können, da das menschliche Gehirn wesentlich komplexer ist.
- Quote paper
- Cornelia Tietzsch (Author), 2007, Die Bedeutung sensibler Phasen im Rahmen neurobiologischer Untersuchungen des visuellen Kortex, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150766