Die Neuauflage "Der Gang vor die Hunde" stellt nach Sven Hanuscheks Auffassung die authentischste Annäherung zu Kästners Originalskripten zum "Fabian" dar, der gegen Ende der sogenannten Goldenen Zwanziger zu verorten ist und in dieser Arbeit hinsichtlich der Darstellung seiner Frauenfiguren betrachtet werden soll. Die Weimarer Republik ist geprägt von inneren Widersprüchen und wird durch die historischen Kontraste der beiden Weltkriege nachträglich überhöht. Dem entspringt der Mythos der Goldenen Zwanziger als auch das Phänomen der Neuen Frau. Letztere ist jedoch nicht nur in den Kontext von emanzipatorischen Entwicklungen zu setzen sondern hat auch faszinierende Frauentypen wie die Garconne oder das Flapper Girl hervorgebracht. Zu der Neuen Frau gehört aber ebenso eine ernüchternde Realität, die auf alten Rollenbildern basiert und die weitreichende Folgen vor allem in der Berufswelt haben. Gerade dieser Widerstreit zwischen Enttabuisierung und Befreiung auf der einen und traditioneller Moral und Sittlichkeit auf der anderen Seite stellt die Grundlage für die folgende Untersuchung dar: Durch die Charakterisierung der drei wichtigsten Frauenfiguren soll die Darstellung von Weiblichkeit in diesem Werk herausgearbeitet werden. Wird die Frau unter einem allgemeinen Typus subsumiert oder zeichnen sich die vielfältigen gesellschaftlichen Perspektiven ab? Findet also eine Annäherung an den öffentlichen Diskurs statt oder wird eine Idealisierung vorgenommen? Welche sprachlichen und erzählerischen Instrumente stellt die Neue Sachlichkeit bereit, um diese Ausprägungen vorzunehmen?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Weimarer Republik
3. Literatur in den 20ern
4. Der Mythos Neue Frau
4.1. Beruf
4.2. Ehefrau und Mutter
4.3. Prostitution
5. Ein Zeitroman
5.1. Irene Moll
5.2. Die Mutter
5.3. Cornelia Battenberg
5.4. Zwischenfazit
6. Neue Sachlichkeit
6.1. Aktualität
6.2. Authenzität
6.3. Neutralität
6.4. Geld
6.5. Zwischenfazit
7. Der historische Kontext
7.1. Befreiung vs Enthemmung
7.2. Die zufriedene Mutter
7.3. Sittlichkeit realisiert sich nur Zuhause
7.4. Die Prostitution der normalen Hausfrau
8. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Darstellung und Konstruktion von Weiblichkeit in Erich Kästners Roman "Der Gang vor die Hunde" unter Berücksichtigung der zeitgeschichtlichen Verhältnisse der Weimarer Republik und der literarischen Strömung der Neuen Sachlichkeit.
- Die Typisierung und Kategorisierung von Frauenfiguren in der Literatur der 20er Jahre.
- Der Einfluss gesellschaftlicher Umbrüche und politischer Unsicherheiten auf das Frauenbild.
- Die erzähltechnische Umsetzung der "Neuen Sachlichkeit" in Kästners Werk.
- Spannungsfelder zwischen traditionellen Rollenerwartungen, ökonomischer Notwendigkeit und "neuen" Lebensstilen.
Auszug aus dem Buch
4. Der Mythos Neue Frau
Die Neue Frau als Phänomen der Großstadt findet nach Astrid Eichstedt, Irgendeinen trifft die Wahl, besonders durch den Tanz in öffentlichen Lokalen seinen Anfang. So erkennt sie diesen als "Vehikel der Rollenauflösung", was sie neben der freien körperlichen Bewegung, der vorherrschenden Damenwahl, aber auch statistisch an der Verdopplung der Scheidungsrate im Vergleich zur Vorkriegszeit festmacht. Zu dem Tanz gesellt sich auch die Mode als Symbol für Veränderungen. So entstehen neue Frauentypen wie das Flapper Girl, das gekennzeichnet durch Bubikopf, kurzem Rock, Schminke und Zigarette, als Modeerscheinung einer Massenkultur nach amerikanischem Vorbild fungiert.
Dieser Typus entsteht im amerikanischen Raum und findet unter anderem über den Jazz seinen Zulauf in Deutschland. Flapper ist hier onomatopoetisch zu sehen, es soll das hektische aber auch lustvolle, "flatterhafte" Verhalten eines jungen Vogels ausdrücken, der dem Nest entkommt, die Welt als Geschenk annimmt und sich in ihr ausprobiert.
Aber auch die Garconne zeugt von einer veränderten Moralvorstellungen und sich wandelnden Rollenbilder. Sie ist eher der knabenhafte Typus und zeigt sich bei "Sport und Tanz". Sie präsentiert sich mit Dauerwelle oder "Jungenhaarschnitt, Krawatte und Monokel", lasziv, aber auf runde Weiblichkeit verzichtend, selbstbewusst wie ein Mann und ohne züchtig bedeckte Beine.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage bezüglich der Darstellung von Frauenfiguren in Kästners Werk im Kontext der Weimarer Republik.
2. Die Weimarer Republik: Analyse der politisch-gesellschaftlichen Krisen, die als Nährboden für die literarischen Umbrüche dienten.
3. Literatur in den 20ern: Einordnung des Romans in die Strömung der Neuen Sachlichkeit, die Objektivität und Tatsachenorientierung fordert.
4. Der Mythos Neue Frau: Untersuchung der zeitgenössischen Frauenbilder, von Flapper Girls bis zur berufstätigen Frau, und deren soziokulturelle Hintergründe.
5. Ein Zeitroman: Charakterisierung der drei zentralen Frauenfiguren Irene Moll, der Mutter und Cornelia Battenberg in Hinblick auf ihren Bezug zum Protagonisten.
6. Neue Sachlichkeit: Diskussion der erzählerischen Mittel des Romans und wie diese zur Distanzwahrung und Authentizität beitragen.
7. Der historische Kontext: Verknüpfung der Romanhandlung mit historischen Debatten zu Sittlichkeit, Enthemmung und dem Dilemma der ökonomischen Abhängigkeit von Frauen.
8. Fazit: Zusammenfassung der Kernergebnisse zur Zweiteilung der Weiblichkeit als ein von den Zeitumständen geprägtes Konstrukt.
Schlüsselwörter
Weimarer Republik, Neue Sachlichkeit, Erich Kästner, Der Gang vor die Hunde, Weiblichkeit, Rollenbilder, Neue Frau, Flapper Girl, Prostitution, Arbeitswelt, Doppelmoral, Zeitroman, Soziale Identität, Geschlechterverhältnis, Erzähltechnik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie Erich Kästner in seinem Roman „Der Gang vor die Hunde“ mit dem zeitgenössischen Frauenbild der Weimarer Republik umgeht und ob er dieses kritisch oder bestätigend darstellt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die soziale Realität der Frau in den 1920er Jahren, das Spannungsfeld zwischen ökonomischer Not und Emanzipation sowie die stilistische Umsetzung dieser Themen durch die Neue Sachlichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es herauszuarbeiten, ob die Frauenfiguren im Roman individuelle Persönlichkeiten darstellen oder lediglich als Repräsentantinnen eines gespaltenen, zeitgenössischen Weiblichkeitsdiskurses fungieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext mit historisch-kulturellen Quellen (u.a. zu Arbeitsbedingungen, Prostitutionsdebatten und Mode der Zeit) in Bezug setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in die Epoche und die Gattung, gefolgt von einer detaillierten Analyse der drei Hauptfiguren und abschließend einer Verknüpfung der Ergebnisse mit historischen Sachtexten.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit am besten charakterisieren?
Die wichtigsten Schlagworte sind Weimarer Republik, Neue Sachlichkeit, Weiblichkeitskonstruktion, Rollenbilder und sozioökonomische Abhängigkeit der Frau.
Wie unterscheidet sich die Figur der Irene Moll von der Figur der Mutter?
Irene Moll wird als emanzipierte „Zerstörerin“ traditioneller Werte gezeichnet, während die Mutter als idealtypisches, konservatives Gegenmodell fungiert, das familiäre Pflichten über alles stellt.
Welches Fazit zieht die Autorin in Bezug auf die Rolle Cornelias?
Das Fazit zeigt auf, dass Cornelia an den unüberbrückbaren gesellschaftlichen Gegensätzen scheitert und die Wahl zwischen traditioneller Rolle oder moralischer Marginalisierung treffen muss, was ihre Idealisierung durch den Protagonisten Fabian beendet.
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- Tanja Schneider (Author), 2021, Neue Sachlichkeit und historische Wirklichkeit in der Weimarer Republik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1508300