„Die Erfahrungen aus der Truppe belegen eine problemlose Aufnahme und Akzeptanz der Frauen.“
Die Bundeswehr hat im Januar 2001 alle Verwendungsbereiche für Frauen geöffnet. Dabei sind die Differenzen zwischen Frauen und Männern in vielen Menschen verankert: seien es die körperlichen Voraussetzungen oder das unterschiedliche Kommunikations-verhalten. Männer gelten allgemein als sehr sachlich, rationell und direkt, Frauen dagegen eher als phantasievoll, Gefühls betonend und intuitiv. Wie passen diese Gegensätze in einer Armee, welche über Jahrzehnte hinweg ausschließlich für Männer offen war, zusammen? Zunächst klingt dieser Gegensatz als großes Problem für den Dienstalltag, wo doch generellen Meinungen Glauben schenkend Frauen und Männer so verschieden sind und Waffen nicht zu Frauen passen. Die Betrachtungsweise in dieser Arbeit wird aber klären, inwiefern dieser Differenzglauben Gültigkeit hat.
Der Dienst an der Waffe ist ausnahmslos für Soldatinnen und Soldaten in allen Bereichen der Streitkräfte möglich. Doch wie kam diese Integration zustande und welche Effekte hat dies auf die Bundeswehr? Ist die Akzeptanz und Aufnahme des weiblichen Geschlechts in das „Organisationssystem Bundeswehr“ wirklich so problemlos, wie das oben aufgeführte Zitat dies offeriert? Kann die Bundeswehr überhaupt mit weiblichen Kameraden operieren oder wird das System dadurch zu stark irritiert? Dies sind Fragestellungen, welche die nachstehende Arbeit aus dem Betrachtungspunkt der Systemtheorie analysiert. Sie soll klären, inwieweit das „Organisationssystem Bundeswehr“ die Fähigkeit besitzt, das weibliche Geschlecht effektiv und zielführend in ihre Reihen zu integrieren. Dazu wird im zweiten Abschnitt zunächst die Integration von Frauen in die Bundeswehr beschrieben. Anhand dieser Ausführungen werden daran anschließend im dritten Abschnitt einige Folgen dieses Prozesses kurz anhand einer repräsentativen Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr ausgeführt, um die grundlegenden Probleme zu analysieren und eine Basis der Betrachtung herzustellen. Der vierte Abschnitt wird darauf folgend systematisch zunächst die Bundeswehr und ihre Soldaten in einen systemtheoretischen Kontext stellen und die Genderproblematik aus entsprechender Sicht betrachten. Dabei kann die Arbeit keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, da die Ausführungen Luhmanns zur Systemtheorie um ein vielfaches facettenreicher sind, als es diese Arbeit in ihrem Themenschwerpunkt abdecken kann.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Integration von Frauen in die Bundeswehr
3 Effekte der Integration
4 Bundeswehr, Gender und Systemtheorie
4.1 Die Bundeswehr und ihre Soldaten in der Gesellschaft
4.1.1 Einführung
4.1.2 Die Bundeswehr als Organisationssystem des Politiksystems
4.1.3 Entscheidungskommunikation in der Bundeswehr
4.1.4 Strukturelle Kopplung
4.1.5 Rollen, Motivation und Selbstbeobachtung
4.2 Gender in der Systemtheorie – ein allgemeiner Überblick
4.3 Frauen und Bundeswehr – eine Irritation des Systems?
4.3.1 Generelle Aspekte
4.3.2 Differente Kommunikationsmuster als Irritationsgrund
5 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Integration von Frauen in die Bundeswehr unter Anwendung der soziologischen Systemtheorie nach Niklas Luhmann, um zu klären, inwiefern die Einbeziehung weiblicher Soldaten das "Organisationssystem Bundeswehr" irritiert und ob die bestehenden Strukturen diesen Wandel adäquat abbilden können.
- Historische Entwicklung und rechtliche Rahmenbedingungen der Frauenintegration
- Systemtheoretische Verortung der Bundeswehr im Politiksystem
- Analyse von Entscheidungskommunikation und Organisationsstrukturen
- Gegenüberstellung von geschlechtsspezifischen Kommunikationsmustern
Auszug aus dem Buch
4.1.3 Entscheidungskommunikation in Organisationssystemen
Nachdem die Zuordnung betrachtet wurde, wird im Folgenden die Kommunikation in der Bundeswehr analysiert. Kommunikationen werden in Organisationssystemen in einer spezifischen Art durchgeführt, sodass sie sich operativ schließen können – durch Entscheidungen. Organisationen sind „Systeme, die aus Entscheidungen bestehen und die Entscheidungen, aus denen sie bestehen, selbst anfertigen“.
Wie definieren sich nun Entscheidungen? Handlungen von der Bundeswehr werden dann als Entscheidung angesehen, wenn sie die Reaktion auf eine gerichtete Erwartung sind. Wann diese Erwartungen auftreten ist irrelevant; sobald Handeln als Antwort auf eine Erwartung verstanden wird, ist diese Handlung eine Entscheidung. Entscheidungen werden dabei immer getroffen, da bspw. bereits die Mitgliedschaft bei der Bundeswehr an Verhaltenserwartungen geknüpft ist und somit Erwartungsdruck beim Soldaten auslöst, damit Entscheidungen hervorbringen und in der weiteren Entscheidungskommunikation weitere Handlungen unabdingbar sind.
Wie werden nun Operationen in der Bundeswehr möglich? Luhmann (1991) bezieht sich auf drei Entscheidungsprämissen: 1. Festlegung von Programmen, womit Entscheidungen orientierbarer werden und deren Richtigkeit geprüft werden kann, 2. Einrichtung von Kommunikationswegen, wodurch Entscheidungen Bindungseffekte haben und die Selektivität der Entscheidung keinen Einfluss auf die gesamte Organisation hat (in der Bundeswehr durch hierarchische Kommunikationswege nach Dienstgraden) und 3. spezielle Rollen von Personen aufgrund von Fähigkeiten, Ausbildung, Erfahrung und Karrieretyp (in der Bundeswehr durch die Laufbahnen der Offiziere/Unteroffiziere, Dienstalter, Spezialausbildungen etc. gesteuert).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Hinführung zum Thema der Frauenintegration in die Bundeswehr und Erläuterung der systemtheoretischen Zielsetzung der Untersuchung.
2 Die Integration von Frauen in die Bundeswehr: Darstellung der rechtlichen Öffnung der Streitkräfte ab 2001 und statistische Betrachtung der Frauenanteile in den verschiedenen Laufbahnen.
3 Effekte der Integration: Reflexion über die ambivalente Wahrnehmung der Integration und das bestehende Integrationsklima innerhalb der Organisationskultur.
4 Bundeswehr, Gender und Systemtheorie: Theoretischer Kernteil, in dem das Militär als soziales System analysiert und mit geschlechtersoziologischen Aspekten verknüpft wird.
5 Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Integrationsprozesse und Einordnung in den systemtheoretischen Rahmen unter Berücksichtigung weiterführender Forschungsbedarfe.
Schlüsselwörter
Bundeswehr, Systemtheorie, Gender, Integration, Organisationssystem, Entscheidungskommunikation, Luhmann, Frauen im Militär, soziale Systeme, Autopoiesis, Führung, Kommunikation, Geschlechterdifferenz, militärische Struktur, strukturelle Kopplung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Integration von Frauen in die Bundeswehr unter Einbeziehung der systemtheoretischen Perspektive nach Niklas Luhmann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Organisationsstrukturen der Bundeswehr, der Wandel durch die Frauenintegration und die systemtheoretische Analyse von Kommunikation und Entscheidungsfindung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, wie die Bundeswehr als Organisation mit der Irritation durch das weibliche Geschlecht umgeht und wie sich dies auf die operativen Entscheidungsprozesse auswirkt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine systemtheoretische Analyse, basierend auf den Theorien von Niklas Luhmann, um das Militär als soziales System zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des Integrationsverlaufs, die Erläuterung systemtheoretischer Grundlagen und die anschließende Untersuchung von Kommunikation, Rollenverhalten und Geschlechterdifferenzen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Systemtheorie, Bundeswehr, Gender, Integration, Organisationssystem und Entscheidungskommunikation.
Inwiefern hat das Urteil des Europäischen Gerichtshofes den Prozess beeinflusst?
Das Urteil im Fall Tanja Kreil von 2000 erzwang die vollständige Öffnung aller Verwendungsbereiche für Frauen, was das System Bundeswehr dazu zwang, rechtliche Vorgaben in interne organisatorische Entscheidungen umzusetzen.
Wie unterscheidet sich die Kommunikation zwischen Männern und Frauen laut der Arbeit?
Die Arbeit diskutiert, dass Männer in der Kommunikation oft rationaler und direkter agieren, während Frauen unter anderem intuitivere und phantasievollere Muster einbringen, was laut Systemtheorie zu Irritationen innerhalb der festgelegten Organisationsabläufe führen kann.
Warum ist das Thema der "Selbstbeobachtung" für die Bundeswehr relevant?
Selbstbeobachtung ermöglicht es dem System, sich durch Berichte und Kontrollinstanzen permanent zu reflektieren und sicherzustellen, dass die gesetzlichen und operativen Anforderungen auch nach der Öffnung für Frauen erfüllt werden.
- Quote paper
- B.A. Michael Pluge (Author), 2010, Bundeswehr und Frauen - Grundlagen und Auswirkungen unter Berücksichtigung der Systemtheorie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150849