Gerhart Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“

Darstellung der Oppositionen Außen- vs. Innenwelt unter Berücksichtigung der Raumstrukturen


Hausarbeit, 2009
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Oppositionen

3. Die Außen- und Innenwelt des Bahnwärter Thiel
3.1 Lene versus Minna
3.2 Haus/Dorf versus Bahnwärterhäuschen
3.3 Technik versus Natur

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die im Jahre 1887 entstandene Novelle Bahnwärter Thiel von Gerhart Hauptmann thematisiert über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren[1] das Schicksal der Hauptfigur Thiel, der sich zwischen seiner äußeren Wirklichkeit und einer traumhaften Innenwelt bewegt und schließlich an diesem Spannungsverhältnis zugrunde geht, da er nicht in der Lage ist, dieses aufzulösen.[2]

Beide Lebensbereiche werden von Hauptmann oppositionell dargestellt (Außen vs. Innen). Thiels privates sowie berufliches Umfeld lässt sich, je nach Aspekt, zu einer dieser beiden Welten zuordnen, wobei eigene oppositionelle Charaktere resultieren, die jedoch weiterhin unter dem Einfluss der Hauptopposition ‚Außen vs. Innen’ stehen (z. B. Lene (Außen) vs. Minna (Innen)). Neben der Darstellung in Oppositionen werden beide Welten von Hauptmann gegensätzlichen Raumstrukturen zugeordnet. Der Ort des Familienlebens kann als ‚Lene-Sphäre’ angesehen werden, während Thiel den Ort seiner Berufstätigkeit, insbesondere das Wärterhäuschen, als ‚Minna-Sphäre’ ernennt. Die körperlich-sinnliche Außenwelt steht zunächst mit der traumhaften und religiösen Innenwelt in einem Kontrast. Die Trennung der beiden Lebenswelten löst sich im Verlauf der Novelle allerdings zunehmend – Grenzen verschwimmen – wodurch der auf Ordnung bestehende Thiel ins Chaos gerät. Dies muss zwangsläufig zu einer Katastrophe führen.

Im Verlauf dieser Hausarbeit möchte ich auf die benannten Oppositionen und die damit verknüpften Raumstrukturen eingehen, indem ich Außen- und Innenwelt des Bahnwärter Thiel einer ausführlichen Betrachtung unterziehe.

2. Oppositionen

Oppositionen spielen bei der Betrachtung Gerhart Hauptmanns Bahnwärter Thiel eine dominante Rolle, weshalb ich mich im Rahmen dieser Hausarbeit auch mit ihnen beschäftigen möchte. Bevor dies geschieht möchte ich allerdings zunächst den Oppositionsbegriff erläutern und aufzeigen, auf welche Oppositionen ich mich im Laufe meiner Arbeit beziehen werde:

Der Begriff Opposition beschreibt eine semantische Beziehung konträrer Art – also einen Gegensatz oder auch eine Gegenüberstellung. Oppositionen können lautlicher Art (T ank/ D ank), grammatischer Art (L aut/ l aut) oder lexikalisch und semantisch sein (Antonyme wie Krieg/Frieden).[3] Bei meinen Betrachtungen beziehe ich mich auf die letztgenannte Form, da Hauptmann in seiner Novelle häufig Wörter mit gegensätzlichen Bedeutungen zueinander in Bezug setzt. So z. B. bei Außen vs. Innen oder Natur vs. Technik. Allerdings treten im Text auch Oppositionen auf, die allein im Prozess des Lesens verständlich werden. So ist dies z. B. bei Lene vs. Minna der Fall – ohne Bezug zum Inhalt der Novelle kann diese Opposition nicht gelten; erst durch den Inhalt wird die Gegensätzlichkeit beider Personen – also die Opposition – deutlich.

3. Die Außen- und Innenwelt des Bahnwärter Thiel

Die Außenwelt kann als derjenige Lebensbereich Thiels beschrieben werden, der als real und wirklich in Erscheinung tritt. Er umfasst somit Thiels unmittelbare familiäre sowie dörfliche Umgebung und stellt Thiel als lebenden Menschen dar, der Bedürfnisse hat. Die Außenwelt ist somit ebenfalls unmittelbar an Thiels sinnliche und triebhafte Komponente gebunden, welche ihn zunehmend in eine sexuelle Abhängigkeit zu seiner zweiten Frau Lene treibt. Diese Abhängigkeit ist Thiel durchaus bewusst, er empfindet ihrer wegen Eckel und Scham und sehnt sich nach der Reinheit seiner verstorbenen Frau Minna.[4] Hinzu kommen Schuldgefühle gegenüber Minna wegen des nicht eingehaltenen Versprechens für ihren gemeinsamen Sohn Tobias gut zu sorgen.[5] Selbstvorwürfe und Gewissensbisse prägen Thiels Alltag:

Zuzeiten empfand er Gewissensbisse über diesen Umschwung der Dinge, und er bedurfte einer Anzahl außergewöhnlicher Hilfsmittel, um sich darüber hinwegzuhelfen. So erklärte er sein Wärterhäuschen und die Bahnstrecke, die er zu besorgen hatte, insgeheim gleichsam für geheiligtes Land, welches ausschließlich den Manen der Toten gewidmet sein sollte. Mit Hilfe von allerhand Vorwänden war es ihm in der Tat bisher gelungen, seine Frau davon abzuhalten, ihn dahin zu begleiten.[6]

Um die moralische Würde und Identität seiner Person zu wahren und letztendlich bestehen zu können, schafft er sich eine zweite Welt als Gegengewicht. Sie füllt die andere Hälfte des Tages und kommt meist dann zum Vorschein, wenn Thiel alleine ist.[7] Da dies nur dann möglich ist, wenn Thiel seinen Bahnwärterdienst antritt, eignet sich das Bahnwärterhäuschen und die unmittelbare Umgebung, um dort der verstorbenen Frau nahe zu sein. In zunehmend ekstatisch-mythischen Zügen pflegt und heiligt er das Gedächtnis Minnas.[8] Dies gelingt ihm jedoch nur, weil er seine zwei Existenzpole ebenfalls durch eine räumliche Trennung separiert, wie dies im Zitat oben deutlich wird. Diese Trennung symbolisiert zugleich die Spaltung in Thiels Innerstem – die Triebhaftig- und Leidenschaftlichkeit auf der einen (Lene-Sphäre) sowie die Frömmigkeit auf der anderen Seite (Minna-Sphäre).[9] Nur so lange Außen- und Innenwelt getrennt sind, kann Thiel die zwei Bereiche seiner inneren Gespaltenheit befriedigen. Dies hat zu Beginn der Novelle noch Bestand. Lene, die nicht einmal wusste, wo sich der Arbeitsplatz ihres Mannes im Forst überhaupt befindet, war in diesem Punkt ihrem Mann unterlegen. Eine Überlegenheit des Bahnwärters wird auch durch den Fluss gekennzeichnet, durch den beide Sphären voneinander getrennt sind. Thiel ‚wandert’ zwischen den Sphären mit Hilfe seines Kahnes. „Ein kleiner Kahn, sein Eigentum“[10] – die pronominale Zuweisung bestärkt die Rollenverteilung zwischen ihm und ihr: Thiel kann zwischen den Sphären wechseln, während Lene in der Hinsicht zunächst handlungsunfähig bleibt. Mit Verlauf der Novelle bringt allerdings ein scheinbar äußerlicher Umstand (die Bestellung des Kartoffelackers dicht neben dem Bahnwärterhäuschen) Thiels künstlich geschaffenes ‚Existenzgebäude’ zum Einsturz und hebt die Trennung zwischen den Räumen auf. Lene betritt ohne großen Widerstand Thiels die Minna-Sphäre und zerstört damit sein ohnehin bereits bedrohtes inneres Gleichgewicht. Dass die bisher bestehende Raumsymbolik mit der Bestellung des Ackers aufbricht, verdeutlicht auch Sprengel, indem er das im Wald gelegene Wärterhäuschen und den daneben gelegenen Acker als Opposition in Verbindung mit den beiden Thiel’schen Frauen versteht: Dem Wärterhaus als Raum Minnas steht nun der Acker als Tätigkeitsfeld Lenes gegenüber.[11] Lene greift somit in die Minna-Sphäre ein – und zwar mit einer Wucht, die von Hauptmann selbst symbolisch als ‚Maschine’ beschrieben wird:

die Frau [...] warf [...] Tuch und Jacke fort und begann zu graben [im Acker], mit der Geschwindigkeit und Ausdauer einer Maschine.

In bestimmten Zwischenräumen richtete sie sich auf und holte in tiefen Zügen Luft, aber es war jeweilig nur ein Augenblick, wenn nicht etwa der Kleine gestillt werden musste, was mit keuchender, schweißtropfender Brust hastig geschah.[12]

[...]


[1] Gemeint ist hier die erzählte Zeit.

[2] Vgl. Mittelberg, S. 3.

[3] Vgl. Greber, S. 194 f.

[4] Vgl. Mittelberg, S. 27.; Poppe, S. 8.

[5] Vgl. Mittelberg, S. 26.

[6] Hauptmann, S. 7.

[7] Vgl. Sprengel, S. 190.

[8] Vgl. Kunz, S.16.

[9] Vgl. Sprengel, S. 190.

[10] Hauptmann, S. 12.

[11] Vgl. Sprengel, S. 191.

[12] Hauptmann, S. 22.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Gerhart Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“
Untertitel
Darstellung der Oppositionen Außen- vs. Innenwelt unter Berücksichtigung der Raumstrukturen
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Germanistik und Sprachwissenschaften)
Veranstaltung
Novellistisches Erzählen
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V150883
ISBN (eBook)
9783640622399
ISBN (Buch)
9783640622757
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gerhart Hauptmann, Bahnwärter Thiel, Oppositionen, Außenwelt, Innenwelt, Außen-vs.Innenwelt, Raumstrukturen, Räume in Außen- & Innenwelt, Gerhart Hauptmanns Bahnwärter Thiel
Arbeit zitieren
Theresa Hiepe (Autor), 2009, Gerhart Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150883

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