Zwischen Koexistenz und Konkurrenz - Der Fall Katalanisch vs. Spanisch


Hausarbeit, 2010

33 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Das Konzept der Diglossie

III. Die Sprachentwicklung in Katalonien
III.1. Die Teildiglossie Katalanisch-Kastilisch ab dem 16. Jahrhundert
III.2. Die Revitalisierung des Katalanischen ab 1850
III.2.1. Das Institut d'Estudis Catalans

IV. Die soziologische Dimension

V. Das Katalanische der „Dritten Republik“

VI. Zusammenfassung und Aussichten

VII. Bibliographie

I. Einleitung

Das übergreifende Anliegen der vorliegenden Arbeit besteht in der Darstellung und Diskussion des Verhältnisses zwischen der regionalen katalanischen und der überregionalen kastilischen Sprache in Spanien.1 Die Gliederung der Arbeit umfasst sowohl historische als auch zeitgenössische Aspekte der soziolinguistischen Entwicklung des/der betreffenden Sprachgebiete(s). Dabei werden zwei zentrale Themen behandelt werden, um die sich wiederum zwei weitere mit ihnen verbundene Punkte anordnen werden. Die zentralen Aspekte bestehen zum einen in einer detaillierten Darlegung der diachronen Entwicklung des Katalanischen (in Katalonien) seit dem 16. Jahrhundert und zum anderen in der Projektion der daraus gewonnenen Erkenntnisse auf das relationistische Modell des Soziologen und Philosophen Pierre Bourdieu, das in dessen Reflexiver Anthropologie ausführlich dargelegt ist. Die beiden begleitenden Punkte in dieser Arbeit sind einerseits der Frage gewidmet, wann, ob und inwieweit sich die Sprecher des Katalanischen mit denen des Kastilischen in Katalonien in einer Diglossiesituation befanden/befinden, wobei die theoretische Hauptausrichtung hauptsächlich an Fishmans (1967) Diglossiekonzeption vorgenommen werden wird; und zum anderen soll am Ende der Arbeit schließlich ein kurzer Überblick über die zeitgenössische Situation des Katalanischen gegeben und davon ausgehend einige Tendenzen dieser europäischen Sprache besprochen werden.

II. Das Konzept der Diglossie

Gemäß der bis heute in der Soziolinguistik und der Sprachkontaktforschung weitgehend anerkannten Definition des Konzeptes der Diglossie nach Charles Ferguson von 1959 und dessen Erweiterung durch Fishman (1967, 1972) sind die katalanischsprachigen Gebiete der 1 Der französische Teil Kataloniens (Nordkatalonien) wird in dieser Arbeit aufgrund seiner politischen Zugehörigkeit zu einem anderen Staatsgebiet und der darauf zurückzuführenden eigenen Sprachenpolitik, der die Sprecher dort ausgesetzt sind, nicht weiter untersucht werden. Generell ist jedoch festzuhalten, dass der langanhaltende Druck des Französischen auf das Katalanische (wie auch auf andere autochtone Minderheitensprachen) wesentlich größer gewesen ist als in Spanien. Gleichsam werden hier auch Andorra, wo Katalanisch die Staatssprache ist, und die katalanischsprachige Kommune in Alghero (I) vernachlässigt werden. Insgesamt wird aus Platzgründen das Hauptaugenmerk auf die spanische Comunidad Autónoma Katalonien gerichtet sein2

Iberischen Halbinsel bereits seit dem 16. Jahrhundert als in Teilen diglossisch zu bezeichnen.

Dabei ist eine zunehmende Tendenz von der Diglossie (ohne Bilinguismus) hin zu einem reinen Bilinguismus (ohne Diglossie) der jeweiligen Regionen insbesondere ab dem 20. Jahrhundert zu erkennen. Während Ferguson den Term noch auf zwei Variet ä ten einer Sprache beschränkt, die in einem gemeinsamen, definierten Territorium, jedoch innerhalb dessen in komplementär distribuierten Anwendungsbereichen in Anspruch genommen werden, erweitert Fishman diese Sichtweise auf derartige Sprachsituationen generell, d.h. auch auf solche zwischen unterschiedlichen Sprachen, solange diese nur jeweils unterschiedliche Domänen innerhalb einer Sprachgemeinschaft abdecken.3 Die Unterteilung der beiden Varietäten bzw. Sprachen in eine Hochvariante („high variety“) und eine niedere Variante („low variety“) bleibt dabei bestehen. Die Hochvariante ist in dieser polarisierten Perspektive auf die betreffenden Sprachen4 diejenige, die aus gesamtgesellschaftlicher (und überregionaler) Sicht betrachtet in den mit allgemeinem Prestige verbundenen Domänen verwendet wird und damit auch am ehesten mit distanzsprachlichen, also eher formellen, unpersönlichen Kommunikationskontexten assoziiert ist.5 Hochvarianten sind in traditionalistischen Gesellschaften oft auf ein fossilisiertes und/oder idealisiertes Stadium aus der Entwicklung einer als kulturell überlegen eingeschätzten Sprache/Varietät zurückzuführen und haben heutzutage in politischer Hinsicht oft den Status einer offiziellen Staatssprache. Aufgrund ihrer vergleichsweise hohen Elaboriertheit und ihres damit verbundenen (potentiell) breiteren Anwendungsspektrums ist die Hochvariante, im Gegensatz zu der zumeist nur für nähesprachliche Kommunikationen konzipierten niederen Variante, diejenige, die einerseits die Zugehörigkeit zu einer sozial höher gestellten Klasse anzeigt, andererseits aber auch Sprechern, die einer niederen Schicht angehören und die Hochvariante als Zweitsprache erlernen, den sozialen Aufstieg in jene Klassen ermöglichen kann, da sie u.a. den Zugang zu Hochschulen und Berufen in gehobenen Einkommensklassen ebnet.

Wie bereits andernorts darauf hingewiesen worden ist (u.a. in Vallverdú 1983, Williams 1992: 94ff.), sind sowohl die Ausführungen Fergusons als auch die Fishmans für die Analyse ganz konkreter Fälle nicht immer hinlänglich ausformuliert. So fehlt erstens die diachrone Perspektive, und zweitens sind auch die soziokulturelle und die politische Dimension in dieser auf der Abgrenzung mehrerer kommunikativer Formen untereinander, je nach ihrer jeweiligen Konzeption, Intention, Elaboriertheit und dem Medium, durch welches sie realisiert wird.

Problematik von unmittelbarer Relevanz, da die Zurechnung der betroffenen Sprachen zu bestimmten sozialen Domänen nicht immer auf einvernehmlicher Basis, d.h. unter gleichberechtigter Mitsprache der involvierten Parteien erfolgt, und da die daraus resultierenden Zustände auch weder als durchweg „relatively stable language situation“ (Ferguson, 16) noch als „fully accepted“ (Fishman, 1967: 30)6 zu charakterisieren sind. Von der Sicht auf Diglossie als eine den Sprechern der niederen Sprache oktroyierten sprachlichen und damit auch sozialen Spaltung des gesellschaftlichen Lebens wurde besonders vor dem Hintergrund des Despotismus Francos in Spanien (1939-1975) durch Lluís Vicent Aracil der Begriff des conflicte ling üí stic in der katalanischsprachigen Soziolinguistik geprägt. Damit einhergehend ist das von demselben Autor entworfene Szenario des „Bilingualism as a myth“ (1966), in dem die Auflösung der sprachlichen Einheit einer Gemeinschaft durch einen anhaltenden Sprachkontakt mit einer allochthonen, jedoch als prestigeträchtiger eingeschätzten Sprache als die eigene autochthone, über den Zwischenschritt des (kollektiven) Bilinguismus, zwangsläufig zu einem Sprachwechsel führt.7 Die einzige Maßnahme zum Schutz der so bedrohten Sprache sieht Aracil (u.v.a.) in ihrer Normalisierung („normalització“), d.h. der Wiedereinsetzung der Sprache in sämtliche Domänen der jeweiligen Gemeinschaft und die sich daraus ableitende Notwendigkeit zum Ausbau dieser Sprache.8 Das konfliktreiche Verhältnis zwischen dem Katalanischen und dem Kastilischen in den betreffenden Regionen, v.a. aber in Katalonien, ist somit in den Darlegungen (nicht nur) Aracils deutlich ersichtlich.

Um die sprachlichen Zustände im Katalonien des 16.-19. Jahrhunderts hier vorab in groben Zügen vorzustellen, sei hier ein Zitat des Soziolinguisten Martí i Castell gegeben, in dem er das damalige Verhältnis zwischen dem Katalanischen und dem Kastilischen wie folgt klassifiziert:

La societat catalana es repartí, per dir-ho de manera simplificada, en: les classes menys benestants, que recorrien habitualment al català perquè no sabien ni entenien -o amb prou feines- el castellà; les classes benestants i els inteŀlectuals, més compromesos amb el poder, que eren diglòssics (discriminaven segons les funcions català i castellà); i els nuclis que eren monolingües, que empraven exclusivament el castellà. (Mart í i Castell, 19)

Die katalanische Gesellschaft teilte sich, vereinfacht gesprochen, auf in: die am wenigsten wohlhabenden Klassen, die sich gewohnheitsm äß ig des Katalanischen bedienten, da sie das Kastilische weder konnten noch - oder nur mit viel M ü he - verstanden; die wohlhabenden Klassen und die Intellektuellen, die, mehr der Macht zugewandt, diglossisch waren (sie unterschieden das Katalanische und das Kastilische je nach Funktion); und die einsprachigen Gruppen, die ausschlie ß lich das Kastilische anwendeten.

Unter diesen Voraussetzungen lässt sich das Konzept der Diglossie streng genommen nur auf einen Teil der damaligen Bevölkerung anwenden. Dieser elitären, alphabetisierten Schicht sind darüber hinaus auch die Vertreter der Kirche zuzuordnen (s. III.1.). Den Gegenpol dazu bildete der bildungsferne Großteil der Sprecher des Katalanischen, dessen Mitglieder allesamt einsprachig waren und von der Diglossie der Eliten höchstens in den Predigten der nicht- katalanischsprachigen Geistlichen oder bei offiziellen Anlässen in den Städten etwas mitbekamen (s.u.) - ergo war das Mitwirken an jener Diglossie seitens der mehrheitlichen Bevölkerung begrenzt und rein passiv. Diese Einschätzung soll im folgenden Kapitel untermauert werden, indem wir uns, überwiegend auf der Basis der Arbeit Marfanys, zunächst der Geschichte und Entwicklung des Katalanischen (der elitären Bevölkerungsschichten) in Katalonien zuwenden.

III. Die Sprachentwicklung in Katalonien

III.1. Die Teildiglossie Katalanisch-Kastilisch ab dem 16. Jahrhunder

Trotz aller bestehenden Einwände gegen das Konzept der Diglossie nach Ferguson bzw. Fishman ist selbiges dennoch als Ausgangsbasis für zahlreiche Arbeiten zur katalanischen Soziolinguistik verwendet worden. Um diese Sicht adäquat auf den Fall des Katalanischen anwenden zu können, soll das Konzept hier je nach Notwendigkeit modifiziert und an die konkreten Verhältnisse angepasst werden. Die Frage danach, ob in den katalanischsprachigen Ländern/Regionen nun letztlich von Diglossie zu reden ist oder nicht, mag im Verlauf des 20. Jahrhunderts vielerlei Antworten erfahren haben. In der Tat ist es so, dass sich bereits seit dem 9 16. Jahrhundert, infolge der Fusion der Herrschaftshäuser von Aragon und zahlreichen katalanischsprachigen Gebieten wie Katalonien, Valencia und Mallorca einerseits und die Fusion dieses aragonesischen Königshauses mit der Krone von Kastilien seit der Personalunion der Reyes Cat ó licos (1469) andererseits, eine zunehmende ideologische und damit auch sprachliche Kastilisierung der Pa ï sos Catalans abzeichnete.10 Marfany, der auf der Basis zahlreicher historischer und historiographischer Belege ein detailliertes Bild von der Sprachentwicklung im Katalonien des 16.-19. Jahrhunderts darbietet, zeigt auf, wie schon damals eine einseitige sprachliche Beeinflussung unter den alphabetisierten Gesellschaftsschichten in Richtung einer Ersetzung der Nationalsprache durch die Sprache der kastilischen Aristokratie zu vernehmen ist:

El castellà esdevé, a partir del segle XVI, la llengua en la qual la monarquia, directament o a través dels seus òrgans centrals, s'adreça als seus súbdits catalans i aquest fet influeix damunt els hàbits lingüístics d'aquests sùbdits i en contamina la llengua materna. (Marfany, 107) Das Kastilische wird ab dem 16. Jh. zu der Sprache, in der sich die Monarchie, direkt oder durch ihre Zentralorgane, an ihre katalanischen Untergebenen richtet, und dieser Umstand hat Auswirkungen auf die Sprachgewohnheiten dieser Untergebenen und kontaminiert deren Muttersprache.11

Jedoch ist dieser Umstand nicht gleich auch Beweis dafür, dass sich die Kastilisierung ausschließlich oder überwiegend auf der politisch-administrativen Ebene vollzog, denn während sich vorwiegend Adlige und ab dem 17. Jahrhundert auch zunehmend Militärs des Spanischen bedienten, blieb die Sprache der Beamten und Politiker auf Landesebene das Katalanische, und zwar Perquè la pressió del castellà actuava en dos sentits contraris: si la seva inexorable penetració era, en part, la concomitant de la tendència cap a l'absolutisme, la resistència a aquesta tendència reforçava l'ús polític del català. (131)

Weil der Druck des Kastilischen in zwei entgegengesetzte Richtungen arbeitete: w ä hrend sein unbestechliches Vordringen zum Teil eine Begleiterscheinung der Tendenz zum Absolutismus war, verst ä rkte die Resistenz gegen ü ber dieser Tendenz den politischen Gebrauch des Katalanischen.

Wenn wir davon ausgehen, dass in der damaligen Diglossiesituation, in der sich Kataloniens Eliten befanden, das Spanische als die überregionale und absolutistische gleichzeitig auch als die Prestigesprache galt, so lässt sich eine solche aufkommende Wahrnehmung auch seitens des katalanischen Volkes nachvollziehen, das z.B., wie Marfany schildert, dem Einzug des kastilischen Königs Felipe V (1683-1746) 1701 in Barcelona beiwohnt und dort, bis auf wenige Ausnahmen, sämtliche Empfangsdekorationen auf Latein und Kastilisch vorfindet (Marfany, 135).12 Die damit einhergehenden Assoziationen seitens der (städtischen!) Bevölkerung sind unschwer zu schlussfolgern: zum einen die Assoziation der kastilischen mit der lateinischen, ergo einer weiteren Prestigesprache, zum anderen die Assoziation derselben Sprache mit der hohen Aristokratie. Marfany resümiert das Dilemma zwischen einer wachsenden Kastilisierung auch breiterer Gesellschaftskreise und einer bewussten Konservierung einer traditionellen Katalanität im 17. Jahrhundert wie folgt:

Enmig de la creixent castellanització de la vida social, les instituciones encarregades de la preservació de les «constitucions, lleis, i llibertats de la terra» associaven explícitament a aquesta preservació la continuïtat en l'ús del català. (135f.)

Inmitten der zunehmenden Kastilisierung des gesellschaftlichen Lebens machten die mit der Wahrung der Konstitution, der Gesetze und der Freiheiten des Landes beauftragten Institutionen diese Wahrung an dem kontinuierlichen Gebrauch des Katalanischen fest.

Dieser nationalistische Konservatismus in den katalanischen Amtsstuben hatte jedoch eher protokollarischen Charakter, wohingegen sich die Einstellung der Katalanen in der Sprachenfrage auf subjektiver Ebene als weitaus heterogener und uneindeutiger darstellt.13 So hebt Marfany mehrfach hervor, dass die damalige „sprachenpolitische“ Situation keineswegs mit der heutigen zu vergleichen ist, da Sprache damals noch nicht als politisches Instrumentarium verstanden und eingesetzt wurde. So bedienten sich diejenigen, die in bestimmten Kontexten auf dem Gebrauch des Katalanischen insistierten, in anderen Kontexten wiederum des Kastilischen, woraus sich eine paradox anmutende Divergenz im Verhalten der katalanischen Oberklasse ergibt, das zwischen selbstbewusstem Nationalismus, der bis zu einem „sentiment anti-castellà“ (ebd.: 136) reichen konnte, und der unbedachten Aneignung der kastilischen Sprache für diverse alltägliche Zwecke oszillierte: „per escriure versos, cantar cançons de moda, tirar floretes a les dames, o desafiar-se“ (ebd.) (um Verse zu schreiben, moderne Lieder zu singen, den Damen den Hof zu machen oder sich untereinander herauszufordern). Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Prozess der Kastilisierung des katalanischen Volkes weitere Bahnen zieht und sich über gewisse alltägliche Kommunikationen und über die Welt der Kunst, in der es bereits seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts Anwendung gefunden hatte,14 hinaus bewegt und teilweise selbst bis in den politisch-administrativen Bereich fortsetzt (ebd.: 166ff.). Selbst in der Schulbildung, allem voran durch den dem Fortschritt zugeneigten Jesuitenorden, wir der kastilischen Sprache ein fester Platz in Katalonien eingeräumt. Im Zuge dieser Annäherung der alphabetisierten Bevölkerungsteile an die kastilische Sprache, so stellt Marfany weiter fest, zeichnet sich auch eine zunehmende Neigung zu Interferenzen und Konvergenz der beiden Sprachen (zumindest im schriftlichen Diskurs) ab: „Com més lletrat o lletraferit l'individu, en efecte, més castellanitzat el seu català.“ (ebd., 152) (In der Tat, je belesener oder wissbegieriger die Person, umso kastilisierter ihr Katalanisch). Alles in allem lässt sich also festhalten, dass dieser Prozess der kontinuierlichen Kastilisierung hauptsächlich von der (wenn auch nur der oberen) Gesellschaft initiiert und ausgetragen wurde, von wo aus er allerdings, einmal begonnen, kaum noch aufzuhalten scheint. Aus dieser Entwicklung ergeht u.a. die Folgeerscheinung der zunehmenden Verwahrlosung der katalanischen Schriftsprache in sich, die im Laufe der Zeit immer mehr auf einen fast ausschließlich prosaischen und stilistisch anspruchslosen Gebrauch reduziert wurde (Marfany, 153) und schließlich, außer in den administrativen Bereichen, praktisch inexistent war. Somit war das Katalanische zu jener Zeit überwiegend auf die nähesprachliche Kommunikation (der unteren Bevölkerungsschichten) beschränkt. Diesem prosaischen Alltagsgebrauch der Sprache stand eine weitere Domäne gegenüber, die sich eher als indirekte Folge aus demselben Prozess verstehen lässt. Während der Usus des Katalanischen auf der einen Seite immer weiter in die Peripherie der gesprochenen Sprache verbannt wurde, entwickelte sich auf der anderen Seite eine klare Tendenz dahin, das Katalanische als Sprache für zeremonielle Akte zu verwenden, wodurch sich dessen andauernde gesellschaftliche Marginalisierung, diesmal aufgrund seines symbolhaften und antiquierten Gebrauchs, fortsetzen musste und worin Marfany (173) „l'inici d'un procés de fossilització“ (den Beginn eines Fossilisierungsprozesses) erkennt. Diese Fossilisierung verfestigt ihrerseits die bereits begonnene Reduktion der Anwendungsbereiche der Sprache, da diese sich nur noch sehr eingeschränkt weiterentwickelt, und ist somit als ein Schritt in Richtung Sprachtod anzusehen.

Innerhalb der gehobenen Schichten des Landes hingegen war der Einsatz des Kastilischen (und die sich darin manifestierende Bildung des jeweiligen Sprechers) schlichtweg ein gesellschaftliches Muss, wie Marfany festhält:

Servir-se'n no era necessàriament vulgar; ho era no poder servir-se del castellà en situacions que ho requerien. La distinció social la marcava el domini del castellà, no el seu ús exclusiu. (176) Sich seiner zu bedienen [des Katalanischen] war nicht notwendigerweise vulg ä r; sich in Situationen, die es erforderten, nicht des Kastilischen zu bedienen wissen, war es. Die soziale Distinktion wurde durch die Beherrschung des Kastilischen angezeigt, nicht durch dessen ausschlie ß lichen Gebrauch.

Was die im katholischen Spanien (inkl. Katalonien) ebenfalls wichtige Rolle der Kirche anbelangt, so ist auch dort ein klarer Wandel im Usus des Katalanischen zugunsten des Kastilischen ab dem 16. Jahrhundert zu ersehen. Trotzdem noch im Jahre 1591 auf dem Concilio Provincial in Tarragona eine neue Konstitution verabschiedet worden war, wonach in Katalonien ausschließlich in der Landessprache gepredigt werden sollte (zumindest gegenüber der breiten Bevölkerung), war die Mehrheit der Priester nicht nur spanischsprachig, sondern auch wenig gewillt, in dem für sie folglich als Zweitsprache zu erlernenden Katalanisch zu predigen. Aber auch von katalanischen Geistlichen berichtet Marfany, die gleichsam wie ihre kastilischen Kollegen die Prestigesprache bevorzugten (Marfany, 216). Ebenso wie in der Gesellschaft, so zählt auch unter den Glaubensvertretern der eigene Ruf mehr als Pragmatismus oder gar Sprachloyalität (im Falle der katalanischen Geistlichen):

[...]


1 Der französische Teil Kataloniens (Nordkatalonien) wird in dieser Arbeit aufgrund seiner politischen Zugehörigkeitzu einem anderen Staatsgebiet und der darauf zurückzuführenden eigenen Sprachenpolitik, der die Sprecher dort ausgesetzt sind, nicht weiter untersucht werden. Generell ist jedoch festzuhalten, dass der langanhaltende Druck des Französischen auf das Katalanische (wie auch auf andere autochtone Minderheitensprachen) wesentlich größer gewesen ist als in Spanien. Gleichsam werden hier auch Andorra, wo Katalanisch die Staatssprache ist, und die katalanischsprachige Kommune in Alghero (I) vernachlässigt werden. Insgesamt wird aus Platzgründen das Hauptaugenmerk auf die spanische Comunidad Autónoma Katalonien gerichtet sein.

2 Die Beschränkung auf nur zwei Sprachen/Varietäten (bi lingual, di glossisch) ist nicht als Ausschluss von polyglottischen bzw. plurilingualen Sprachgemeinschaften zu verstehen, sondern als deren einfachste Form.

3 Fishman schlägt daher statt einer auf rein linguistischen Kriterien basierenden Klassifizierung der verschiedenen Sprachsysteme und -variationen eine jeweilige Definition auf der Basis eines „ social consensus“ (1967: 33, H.i.O) vor.

4 Da es in dieser Arbeit um das Verhältnis zweier Sprachen zueinander geht (Katalanisch und Spanisch), soll von nun an auch nur noch von Sprachen (anstelle von Varietäten) die Rede sein.

5 Das von Koch und Oesterreicher (1985) erarbeitete Konzept von Nähe- vs. Distanzsprache beruht im Wesentlichen

6 Gleichwohl räumt Fishman (1967) den sprachlichen Situationen der „Diglossia without bilingualism“ ein, dass sie vonseiten der Beteiligten „not always voluntary“ (33) sein müssen.

7 Die Dichotomie, wonach die katalanischsprachigen Gebiete als autochthon und die kastilischsprachigen als allochthon gegenübergestellt werden, begründet sich vor dem geschichtlichen Hintergrund der beiden Sprachgebiete und ist aus heutiger Sicht nur noch als linguistischer Tatbestand zu verstehen.

8 In diesem Abschnitt habe ich mich u.a. auf den Artikel von Garí bezogen, da mir die Arbeiten von Aracil selbst leider nicht zur Verfügung stehen.

9 Die soziolinguistische Situation von der Herausbildung des Katalanischen aus dem Vulgärlatein bis zum Ende des Mittelalters ist, wie auch die im Folgenden beschriebene Phase, eher als instabil zu definieren. Nicht nur, dass diese Sprache zu jener Zeit (wie auch die anderen romanischen Sprachen) in ständiger Koexistenz mit dem Latein weilte, sondern zusätzlich auch mit dem Provenzalischen, das bis ins 14. Jahrhundert als die Sprache der Poetik galt, so dass letztlich „solament durant dos segles (el XVI i el XV) -i encara amb limitacions de relativa importància- és instrument de comunicació de tots i per a tot sense particulars conflictes“ (Martí i Castell, 16f.) (lediglich w ä hrend zweier Jahrhunderte (dem 14. und 15.) - und noch mit Einschr ä nkungen von relativer Wichtigkeit - ist es [das Katalanische] das Kommunikationsmittel aller und f ü r alles, ohne besondere Konflikte).

10 In Valencia wurde diese politische Angliederung an die kastilische Krone und damit die sukzessive Kastilisierung der autochthonen Kultur durch die Guerra de les Germanies im 16. Jahrhundert eingeleitet.

11 Die Übersetzungen aus dem Katalanischen und Spanischen in dieser Arbeit stammen von mir und erscheinen in Kursivschrift unter bzw. hinter dem Zitat.

12 Der Leser fühle sich bitte nicht irritiert durch die Alternanz in der Bezeichnung spanischen/kastilischen Sprache. Fakt ist jedoch, dass der Ausdruck kastilisch politisch korrekter ist als spanisch, da auch die anderen Sprachen Spaniens Sprachen des Landes und somit spanische Sprachen sind. Spanisch als Bezeichnung für das Kastilische sei nur deshalb legitim, da es der mittlerweile gängige Term ist.

13 Der Natur der Dinge gemäß können die von Marfany getroffenen Aussagen nur auf eine Minderheit der damaligen Bevölkerung angewandt werden, da über den größten Teil, also die sozial schwachen Volksgruppen, keinerlei schriftlichen Zeugnisse vorliegen und somit deren Haltung gegenüber der eigenen und der kastilischen Nationalität aus heutiger Sicht nicht mehr nachvollziehbar ist.

14 „escriure amb unes certes pretensions de modernitat, elegància, i accés als cercles lectors superiors vol dir, per a un català, escruire en castellà“ (Marfany, 151) mit einem gewissen Anflug von Moderne und Eleganz und f ü r gehobenere Leserkreise zu schreiben, bedeutete, auf kastilisch zu schreiben.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Zwischen Koexistenz und Konkurrenz - Der Fall Katalanisch vs. Spanisch
Hochschule
Freie Universität Berlin  (IZ Europäische Sprachen)
Veranstaltung
HS 16695: Sprachselektion in der Geschichte Europas
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
33
Katalognummer
V150894
ISBN (eBook)
9783640624454
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Katalanisch, Spanisch, Konflikt, Sprachwechsel, Sprachtod, Prestige, Bourdieu, Soziolinguistik, Spracheinstellungen, Fabra, Minderheitensprachen, Europa, Sprachpolitik, Sprachnormierung, Standardisierung
Arbeit zitieren
Alexander Zuckschwerdt (Autor), 2010, Zwischen Koexistenz und Konkurrenz - Der Fall Katalanisch vs. Spanisch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150894

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