Charles Baudelaire - Les Chats


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
22 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Veröffentlichungen 1847-1874

3. Einordnung in Les Fleurs du Mal / Spleen et Idéal

4. Form- und Strukturanalyse unter Berücksichtigung der Unterteilung von Claude Lévi-Strauss und Roman Jakobson

5. Der Inhalt zählt: Kritik an der strukturalistischen, "objektiven" Analyse von Lévi-Strauss und Jakobson

6. Abschließende Bemerkungen

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Es gibt wohl kaum ein zweites Gedicht, das im 20. Jahrhundert Geist und Gemüt namhafter Forscher so in seinen Bann gezogen hat wie Les Chats aus Charles Baudelaires Les Fleurs du Mal. 1962 veröffentlichen der Anthropologe Claude Lévi-Strauss und der Linguist Roman Jakobson eine provokante Analyse des Sonetts, betrieben mit den Mitteln der strukturalistischen Linguistik und Anthropologie. Die Reaktionen lassen nicht auf sich warten, und bald erscheint eine wahre Flut von wissenschaftlichen Werken, sowohl zu den berühmten Katzen als auch zu der ungewöhnlichen Annäherung an das Gedicht. 1980 sehen Maurice Delcroix und Walter Geerts die Zeit für ein Resümee gekommen: Auf über 300 Seiten veröffentlichen sie Une confrontation de méthodes – 21 Beiträge aus der langjährigen, von Lévi-Strauss und Jakobson angestoßenen Debatte um den Platz linguistischer Methoden in der Literaturwissenschaft, über Sinn und Unsinn von Strukturanalysen bei der Interpretation literarischer Texte.

Von diesen wissenschaftlichen Beiträgen beziehen sich viele fast ausschließlich auf die Erkenntnisse oder Irrwege, die den Autoren des berühmten strukturalistischen Lehrstücks zu verdanken seien. Zugegeben, es ging dabei auch um Les Chats. Doch relativiert der Herausgeber schon im Vorwort die Bedeutung der oft emotionsgeladenen Diskussion der Experten für unser Verständnis Baudelaires und des Gedichts: "Mais nous pardonnent les baudelairiens: Baudelaire n'était pas l'enjeu principal du débat". [1] Dennoch kommt, selbstverständlich, auch eine bescheidene Hausarbeit nicht an dem umfangreichen Material vorbei. Bleibt zu hoffen, dass in diesem Text der Versuch gelungen ist, fremde Beobachtungen sinnvoll mit eigenen zu verknüpfen, aus den verschieden Ansätzen das Interessanteste herauszufiltern und dabei nicht wider Willen einen bloßen Tertiärtext zu schreiben.

Nun aber zum eigentlichen Thema, bevor die wissenschaftliche Debatte darüber sich schon auf Seite 1 in den Vordergrund drängt! Die wichtigste Quelle:

LXVI[2]

Les Chats

1 Les amoureux fervents et les savants austères a
2 Aiment également, dans leur mûre saison, B
3 Les chats puissants et doux, orgueil de la maison, B
4 Qui comme eux sont frileux et comme eux sédentaires. a
5 Amis de la science et de la volupté, C
6 Ils cherchent le silence et l'horreur des ténèbres; d
7 L'Érèbe les eût pris pour ses coursiers funèbres, d
8 S'ils pouvaient au servage incliner leur fierté. C
9 Ils prennent en songeant les nobles attitudes e
10 Des grands Sphinx allongés au fond des solitudes, e
11 Qui semblent s'endormir dans un rêve sans fin; F
12 Leurs reins féconds sont pleins d'étincelles magiques, g
13 Et des parcelles d'or, ainsi qu'un sable fin, F
14 Étoilent vaguement leurs prunelles mystiques. g

Das regelmäßige Reimschema eines französischen Sonetts wäre abba-abba-ccd-cdc. Les Chats weicht davon ab und lässt sich unterteilen in aBBa-cDDc-eeF-gFg. Die Verse, 14 Alexandriner, sind isometrisch und unterteilbar in je zwei hémistiches.

2. Veröffentlichungen 1847-1874

Nicht nur in Expertenkreisen erlangte dieses unregelmäßige Sonett einige Berühmtheit: Schon lange vor der eingangs erwähnten Debatte[3] avancierte es zum vermutlich meistgedruckten Gedicht Baudelaires. 1847 erschien Les Chats zum ersten Mal, in einem Feuilleton der Zeitschrift Le Corsaire, integriert in den Prosatext seines Freundes Champfleury, Le chat Trott, Fragments. 1851 veröffentlichte auch Le Messager de l'Assemblée, Baudelaires zweite Stammzeitschrift, das Werk. Zwischen 1853 und 1874 wurde Les Chats, abgesehen von den drei Fleurs du Mal- Ausgaben in verschiedenen Publikationen mindestens achtmal gedruckt. Nur Une Charogne und Le vin des Chiffonniers haben zu Lebzeiten des Autors vergleichbare Berühmtheit erlangt.[4]

3. Einordnung in Les Fleurs du Mal / Spleen et Idéal

(In diesem Abschnitt erwähnte Gedichte, die bei der Einordnung in die größeren Zusammenhänge der Fleurs du Mal hilfreich sind: IV: Correspondances, S.44; XXXIV: Le Chat, S.73; LI: Le Chat, S.91; LXV: Tristesses de la lune, S.133; LXVII: Les Hiboux; LXXV, Spleen; LXXVI, Spleen bis LXXVIII, Spleen; LXXIX,Obsession, S.144)[5]

In den Fleurs du Mal von 1861 erschien Les Chats als Nr. LXVI, Teil des Zyklus Spleen et Idéal. Die umgebenden Gedichte, Tristesses de la Lune und Les Hiboux, ebenfalls Sonette, stehen ihm inhaltlich sehr nahe – auffälligste Verbindung ist in beiden Fällen der Bezug zur Finsternis, die sich mit dem heraufziehenden Spleen unaufhaltsam ausbreitet: Schon der Titel Tristesses de la lune stimmt den Leser auf Nachtgedanken ein. Die Verbindung zum Poeten stellt Baudelaire her, in dem er den schlaflosen Dichter eine Träne des Mondes auffangen lässt:

11 Un poète pieux, ennemi du sommeil

12 Dans le creux de sa main prend cette larme pâle[6]

Die distanzierte, nur indirekt erlebte Liebe zwischen Dichter und personifiziertem Mond (der ja im Französischen weiblich ist) passt zu der sinnlichen Seite der amoureux fervents in Les Chats. Les Hiboux hingegen sind – als Sinnbild der Weisheit und Wissenschaft schlechthin (Symbol unserer Universität...) – mustergültige Vertreter der savants austères. Im Gegensatz zur lune, die sich der Müdigkeit und Melancholie hingibt, meditieren die Eulen (Sphinxen gleich) und durchdringen (Katzen/Wissenschaftlern gleich) alles mit ihrem scharfen Blick. Die semantischen Felder um Liebe, wissenschaftliche und meditative Nüchternheit sowie die Finsternis lassen sich also aus allen drei Gedichten herauslesen, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung.

4. Form- und Strukturanalyse unter Berücksichtgung der Unterteilung nach Claude Lévy-Strauss und Roman Jakobson

Les Chats beginnt bei uns, den Menschen: In einer Antithese stellt der erste Vers zwei denkbar verschiedene Menschentypen gegenüber, Les amoureux fervents et les savants austères

Diese Opposition ist bereits der Kern, die Grundlage eines Spannungsfeldes, das die nächsten 13 Verse maßgeblich strukturieren helfen wird. Leidenschaft/Eros gegen Nüchtern-heit/Ruhe/Ratio als konkurrierende Prinzipien verschiedener menschlicher Charaktere, (zunächst nur) vereint in ihrer Liebe zu den Katzen:

[...]


[1] "Les Chats" de Baudelaire: Une confrontation de méthodes, Herausgeber: Maurice Delcroix, Walter Geerts. Namur 1980, S. 9

[2] In der zweiten Ausgabe von 1861 hatte das Gedicht diese Nummer (nicht zuletzt als Folge einer großzügigen Erweiterung des Abschnitts Spleen et Idéal).

[3] Charles Baudelaire: Oeuvres complètes; Texte établi, présenté et annoté par Claude Pichois S. 951

[4] Claude Pichois, S. 951

[5] Alle Seitenangaben und Gedichtzitate sind aus: Charles Baudelaire, Les Fleurs du Mal,

Gallimard/Paris 1999

[6] LXV: TRISTESSES DE LA LUNE, S. 133 wie Anm. 5

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Charles Baudelaire - Les Chats
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Romanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar Charles Baudelaire
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
22
Katalognummer
V15098
ISBN (eBook)
9783638203173
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Charles, Baudelaire, Chats, Hauptseminar
Arbeit zitieren
Jan Fredriksson (Autor), 2003, Charles Baudelaire - Les Chats, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15098

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