Vom Schtetl zum Sozialismus

Zur Bedeutung des sozialistischen Gedankens für die Schtetlech Osteuropas


Seminararbeit, 2010
26 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das Schtetl der „Luftmenschen“

3. Das Schtetl der Assimilierten?

4. Das Schtetl der „Wunderrabbis“

5. Das Schtetl der Frauen

6. Das Schtetl der Sozialisten?

7. Schluss

8. Quellen- und Literaturverzeichnis 20

1. Einleitung

Die Geschichte des judischen Volkes in Osteuropa ist mehr als eintausend Jahre alt. Bereits im Gefolge der Romer sind vor allem judische Kaufleute ins heutige Bohmen und Ungarn gelangt[1]. Ausgehend von der Krim, als bedeutender Ort der judischen Diaspora, breiteten sich Juden etwa ab der ersten, nachchristlichen Jahrtausendwende in weite Teile der Kiewer Rus' aus[2]. Nach dem Mongolensturm, mitte des 13. Jahrhunderts, befanden sich Angehorige des judischen Volkes im Konigreich Polen, im Grofiherzogtum Litauen, wie auch im Russischen Reich, was teils unter mongolischer, teils unter russisch-christlicher Herrschaft stand [3]. Eine Masseneinwanderung von Juden, vor allem nach Polen, hat jedoch erst im 16. Jahrhundert stattgefunden, nachdem ihnen ein Privileg aus den Jahren 1364/67, ausgestellt vom damaligen Konig Polens, Kasimir des Grofien, einen Rechtsschutz verlieh[4]. In dieser Region Europas sollten die Juden, anders als ihre Stammesgenossen in Spanien oder Deutschland, nicht als Sephardim, oder nur als gewohnliche Aschkenasim bezeichnet werden, sondern man sollte, bei Betonung ihrer ganz eigenen Genese, von einem besonderen Typus ausgehen[5]. So trifft die Feststellung Heiko Haumanns sicherlich zu wenn er schreibt:

„In dieser religiosen Sinnsuche zwischen messianischer Endzeiterwartung und frommer, lebensbejahender Einrichtung in der nun einmal so gegebenen Welt, in dieser Gratwanderung zwischen Bewahrung der Lebenswelt bei gleichzeitiger Befreiung von sinnlos gewordenen Normen und einer oftmals dumpfen Flucht in die Mystik, beherrscht von machtigen Wunderrabbis, formte sich im 18. Jahrhundert der Typus des ,Ostjuden’ als in sich abgeschlossene Kulturpersonlichkeit.’“[6]

Im Gegensatz zum Grofiteil der judischen Bevolkerung im Rest Europas, genossen die Juden im Zarenreich keinerlei Bewegungsfreiheit und es blieb ihnen nur der Ansiedlungsrayon als Siedlungsgebiet[7]. Wirtschaftlich schwierig wurde die Lage vieler Juden durch, oft stattfindende, Vertreibungen aus den Stadten und Dorfern, weshalb vielen als Fluchtort nur noch das Schtetl blieb[8]. Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann die alte Kohasionskraft des Schtetllebens zu brockeln, nicht nur wegen der Migrationen in wohlhabendere Gegenden, sondern auch aufgrund der zunehmenden Sakularisierung in der judischen Gemeinde, was sich vornehmlich im Aufstieg politischer Parteien aufierte, besonders der sozialistischen und zionistischen, eben auch in den kleinsten Schtetlech[9]. Es drangt sich, bei der Betrachtung der judischen Geschichte Osteuropas und der eminent wichtigen Rolle des Judischen Sozialismus, vor allem seit der Grundung des Bundes 1897, die Frage auf, inwiefern das Schtetl, als extrem stabiles soziales System, zwar „alles von aufien Kommende zunachst auf seine Koheranzfahigkeit gepruft und dann erst aufgenommen“[10] hat, aber zugleich als das Sinnbild des unberuhrt Judischen gilt. Im folgenden sollen die Wesenhaftigkeit des Schtetl dargestellt werden, die geistige Nahe oder Distanz der judischen Arbeitsethik zur Idee des Sozialismus und schliefilich soll die Frage beantwortet werden, inwieweit der judische Ethos im Schtetl, dem Sozialismus einfach nur ahnlich war, diesen anzog, oder vielleicht sogar in geistiger Opposition zu jenem stand.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1 Der jiidische Ansiedlungsrayon im Russischen Reich

2. Das Schtetl der „Luftmenschen“

„Mein Schtetl’, das sind die Leute, die darin wohnen, nicht der Ort, die Gebaude oder die StraBen“[11]

Es ist wohl schwer in der historischen Betrachtung von dem Schtetl auszugehen, ohne dabei die Vielfalt und Einzigartigkeit der verschiedenen judischen Gemeinden herauszustellen. Von den Hunderten von Shtetleche[12] in den heutigen Landern Russland, Ukraine, Polen, Ungarn, Rumanien, Moldawien, Litauen, Lettland und Weissrussland, kann man doch von einer deutlichen Parallele zwischen den judischen Siedlungen ausgehen, der faktisch uberall anzutreffenden Armut[13]. Die Shtetlech des 19. und 20. Jahrhunderts waren von, in der Regel, ungepflasterten StraBen und Wegen durchzogen und dienten selten als Bauplatz fur massive, steinerne Gebaud[14]. Abgesehen von wohlhabenderen judischen Kaufleuten und Industriellen der groBeren Stadte, wie bspw. Krakau, Warschau oder Minsk, zeichnete sich der GroBteil der ostjudischen Bevolkerung, durch einfachste Lebensweise und teils groBe Armut aus[15]. Von den Juden, die in den groBeren Stadten im Ansiedlungsrayon oft in der Kleidungs- und Textilindustrie tatig waren, waren in den rein judischen Schtetlech, aufgrund der fehlenden Industrie, naturlich keine zu finden[16]. Die Schtetlgesellschaft bestand aus einer bunten Pallette aus Bauern, Handwerkern, Schumachern, armen Handlern und reicheren Kaufleuten, welche von zerlumpten Wassertragern bis prachtig gekleideten Rabbis reichte[17]. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts bestand ein beachtlicher Anteil der judischen Bevolkerung in vielen Gemeinden, aus sogennanten „Luftmenschen“ [18]. Diese Leute

[...]


[1] Riff, Das osteuropaische Judentum, S. 115.

[2] Vgl. Franz, Jilge, Die ersten Juden in Osteuropa und die Ostslaven, S. 168.

[3] Halpern, Israel, The Jews In Eastern Europe, S. 367.

Der Strom der im 12. und 13. Jh. aus Westen eingewanderten Juden wurde wohlwollend aufgenommen, weil sie nach den grofien Verheerungen, die die Mongolensturme verursachten, fur den Wiederaufbau der Stadte und des Handels einen enorm wichtigen Beitrag leisteten. Sh. Ydit, Max, Schaden, Schul und Schammes, S. 61.

[4] Fuks, Polnische Juden, S. 10. „Bis 1648 galt Polen als ein ,Paradies’ der Juden [...]. Relativierend betrachtet, war jedoch die Situation der Juden in Polen mit Litauen und Rus' im Vergleich zu Westeuropa gut und stabil. Es konnte sogar die Volkssage entstehen, dass das zunachst in Palastina vertriebene [.] Judentum von Gott die Anweisung bekam, sich in Polen niederzulassen“. Klanska, Aus dem Schtetl in die Welt, S. 40.

[5] Freilich gehor(t)en auch die Juden ostlich der Elbe zu den Aschkenasen, jedoch nicht ohne sich gleichzeitig primar als Ostjuden von den Aschkenasim v. a. Mitteleuropas zu unterscheiden. Sh. ebd., S. 17.

[6] Haumann, Geschichte der Ostjuden, S. 55f. Dabei soll naturlich betont werden, dass die „Ostjuden“ keinen Typus aufierhalb der aschkenasischen Familie darstellten, da sie zum einen vornehmlich Abkommlinge mittelhochdeutsch sprechender Juden aus dem Heiligen Romischen Reich waren und das Jiddische als Lingua Franca der Juden Osteuropas, von diesem einschlagigen Verwandtschaftsverhaltnis zeugt. Sh. auch: Klanska, Aus dem Schtetl, S. 34.

[7] Bereits 1786 wurde durch einen Erlass der Zarin Katharina II. landesweit festgelegt, dass Juden nur innerhalb des Ansiedlungsrayons leben und arbeiten durften. 1815 wurde ein Teil „Kongress-Polens“ dem Ansiedlungs­rayon angegliedert, welcher bis zur Oktoberrevolution 1917 bestand. Zborowski, Shtetl, S. 524.

[8] Beuys, Heimat und Holle, S. 640. Unter dem Begriff „Schtetl“ versteht sich in dieser Arbeit die, nur in Osteuropa vorgekommene, Form der judischen Kleinstadt oder Dorfs, obschon manch einer darunter auch Stadtteile mit judischer Bevolkerungsmehrheit versteht; (sh. dazu: Bartal, Israel: Schtetl und Stadte, S. 48). Orthographisch halte ich, trotz der Ubereinstimmung des jiddischen Begriffs „Shtetl“ (^DVD©) nach dem YIVO (Yidisher visnshaftlekher institut)-System, welcher auch in der englischsprachigen Literatur durchgehend Verwendung findet, an dieser Schreibweise fest. Das Wort „Schtetl“, mit dem Plural „Schtetlech“, ist ein jiddisches Diminutiv des Worts „Schtot“ und konnte somit als „Stadtchen“ ubersetzt werden. Sh. u. a.: Prokopowna, The image of the shtetl in Polish Literature, S. 318.

[9] 1939 lebten etwa 40% der polnischen Juden in Schtetlech. Webber, Rediscovering Traces, S. 142.

[10] Ernst, Goethe und Schiller im Schtetl., S. 131.

[11] Zborowski, Herzog, Das Schtetl, S. 44.

[12] Katz, The Shtetl. New Evaluatons, S. 1.

[13] Ebd. S. 290.

[14] So galt das zumindest fur die Shtetlech der landlichen Regionen, welche ich, auf]grund ihrer einzigatigen Stellung in der europaischen Kulturgeschichte, in dieser Arbeit behandele.

[15] So waren die ostjudischen Gemeinden bereits im 18. Jahrhundert von deutlicher Armut gepragt. Ebd.

[16] Ebd. S. 151. Doch muss man davon ausgehen, dass aufgrund der Pauperisierung, v. a. der langsam einsetzenden Industrialisierung aber auch der Agrarkrise, neue soziale Bevolkerungsschichten auch in die Schtetlech der landlichen Regionen abwanderten.

[17] Sh. auch: Kassow, The World of the Shtetl, in: The Shtetl. New Evaluations, S. 8 f. Dabei stellten wohl die heruntergekommene Gestalt und die hygienisch hochproblematischen Bedingungen der Schtetlech die Armut und den Zustand der Ostjuden besonders heraus.

[18] Schwara, „Luftmenschen“ - Leittragende des Verarmungsprozess in Osteuropa im 19. Jahrhundert, S. 150.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Vom Schtetl zum Sozialismus
Untertitel
Zur Bedeutung des sozialistischen Gedankens für die Schtetlech Osteuropas
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Veranstaltung
Seminar Jüdische Geschichte
Note
1,2
Autor
Jahr
2010
Seiten
26
Katalognummer
V150985
ISBN (eBook)
9783640623495
ISBN (Buch)
9783640623617
Dateigröße
1923 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialismus, Jüdische Geschichte, Sozialismus in Osteuropa, Juden in Osteuropa, Schtetl
Arbeit zitieren
Dominik Esegovic (Autor), 2010, Vom Schtetl zum Sozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/150985

Kommentare

  • Gast am 17.5.2010

    Sehr gutes Literaturverzeichnis!

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Titel: Vom Schtetl zum Sozialismus


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