Catilina vs Cicero vor dem Hintergrund der zweiten coniuratio


Seminararbeit, 2005
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Bedeutung eines sozialen Aufstieges innerhalb der res publica

III. Das Schlüsselereignis
III.I. Die zweite coniuratio
III.II. Mündung der Ereignisse

IV. Die Antagonisten in den Quellen
IV.I. Catilina bei Sallust
IV.II. Catilina bei Cicero
IV.III. Cicero in den Quellen
IV.IV. Ciceros Selbstdarstellung

V.I. Fazit: Disqualifikation Catilinas - Qualifikation Ciceros?

VI. Quellen- und Literaturverzeichnis
VI.I. Quellen
VI.II. Literatur

I. Einleitung

Die vorliegende Proseminarsarbeit beschäftigt sich mit der Konfrontation zwischen Lucius Sergius Catilina und Marcus Tullius Cicero vor dem Hintergrund der zweiten catilinar- ischen Verschwörung des Jahres 63 v.Chr. Hinsichtlich dessen, dass Catilina bis zum heu- tigen Tage als Inbegriff eines Verschwörers gilt und Cicero nicht nur Redner, Staatsmann und Philosoph war, sondern seine Werke in ihrem vorbildlich lateinischen Stil noch heute eine unbestritten große Wirkung auf das abendländische Denken haben, möchte ich mich auf den folgenden Seiten mit diesen beiden Persönlichkeiten befassen. Ist es möglich ihnen grundlegende Charaktereigenschaften mit Hilfe von historiographischen Quellen zuzuschrei- ben, um ihre Aktionen besser deuten zu können? Inwiefern unterschieden sie sich voneinan- der? Gibt es eventuell sogar Attribute, die beiden gemeinsam waren, wobei Catilina auf den ersten Blick doch eine pure Personifizierung des Bösen darstellt und Cicero als rechtschaffen- der Hirte und Hüter des Gesetzes erscheint. War das Schicksal beider vielleicht so miteinan- der verflochten, dass ihnen eine gleiche Machtposition nicht teil werden konnte? Zur Beantwortung dieser Fragen soll sich mit einem ersten Einblick auf die sozialen Gegeben- heiten im Alten Rom und dem darauf folgenden expliziten Eingang auf die Ausgangslage der verfügbaren Quellen im Verlauf dieser Studie genähert werden.

II. Die Bedeutung eines sozialen Aufstieges innerhalb der res publica

Die soziale Position eines cives romanus ist als Resultat eines Zusammenspiels verschiedener Faktoren wie Herkunft, politischer Ausbildung und Betätigung ,Agrarbesitz, Geld und per- sönlicher Ambition zu begreifen.1 Daraus ergibt sich eine grundlegende Unterscheidung der beiden Persönlichkeiten Lucius Sergius Catilina und Marcus Tullius Cicero; denn Catilina war bereits ein Abkömmling des verarmten patrizischen Geschlechts der Sergier, während Cicero aus dem zweiten Stand hervorging, dem der equites.2

Wie Polybios bereits formuliert hatte, so läge „(…) die Stärke der Römer zwar in der gesunden Verbindung monarchischer, aristokratischer und demokratischer Machtformen im System von Magistraten, Senat und Volksversammlung, aber in Wirklichkeit herrschte in Rom die Aristokratie.“3 Demnach blieb der Zugang zu den Magistraturen, hierarchisch geregelt durch den cursus honorum4, ein Privileg des Adels. Jene ehemaligen Magistrate bildeten ebenso den Senat und waren somit ein kompetenter Kreis von Fachpolitikern. So konnte eine Volksversammlung nur von Magistraten einberufen werden.

Wie konnte es dann zum Abstieg eines Mannes aus der nobilitas5 kommen, während ein Mann zweiten Ranges zum höchsten Amt und sogar zum pater patria6 ernannt wurde? Es blieb nicht dabei, dass man aufgrund seiner Herkunft zu einer immerwährenden gesellschaft- lichen Position „verdammt“ war, denn es gab die Möglichkeit für besonders tüchtige Männer aus nichtsenatorischen Familien in den adligen Kreis aufgenommen zu werden. Diesen kam dann die Bezeichnung der homines novi (neue Männer) zu, wie es auch bei Cicero der Fall war. Als entscheidende Voraussetzung dafür galten: Politisches Engagement und Reichtum. Was jedoch gab den Impuls zu einem sozialen Aufstieg und welche Früchte erhoffte man dadurch zu ernten? Von Reichtum kann hier in erster Linie nicht die Rede sein, denn es war bereits ein festgesetztes Mindestvermögen von zwei Millionen Sesterzen7 - bei Bewerbung auf das Konsulat - vorzuweisen, um damit einen finanziellen Rückhalt zu gewährleisten. Wie die Quellen bezeugen, hatte Catilina sich durch seine Proprätur in Afrika bereichert8 und Cicero brauchte dringend nach seiner Prätur die nötige Summe für das bevorstehende Konsulat.9

Es ging dabei also vielmehr um die Gier nach potestas (Macht), gloria (Ruhm), honor (Ehre) und den Besitz von noch mehr Geld. Viele waren bereit, diese Ziele mit allen Mitteln zu ver- folgen, auch wenn der Staat dabei in Trümmer gehen würde und dies zeigt sich auch an der catilinarischen Verschwörung. Nach der sullanischen Zeit waren tief greifende Veränder- ungen in der Ordnung Roms erfolgt und ein jeder beugte sich nicht mehr den Normen wie es einst der Fall gewesen war. Von den Anhängern wurde das Ansehen (dignitas) Catilinas je- doch als absolut gesetzt, obwohl keine eindeutigen Leistungen für die res publica vorlagen.10 So stilisierte Sallust die Menschen der späten Republik als Bürger mit „verdorbenen Sitten“11, die „Reichtum als Ehre“ betrachteten, welchem automatisch „Ruhm, Herrschaft und Macht folgten“, wodurch „die Tugend abgestumpft“ wurde und „Armut als Schande“ galt.12 Sind die Handlungen Catilinas also als Verzweiflungstat eines ambitionierten aber geschei- terten Politikers einzustufen? Hatte er vielleicht sogar eine Vision von einer sozial besseren Welt und sah seine letzte Chance darin diese mit gewalttätigen Mitteln durchzusetzen? Wie ist demgegenüber gestellt mit die Karriere Ciceros, die von politischem und gleichzeitig sozia- lem Erfolg gekrönt wurde, zu bewerten? Wäre er tatsächlich niemals über Leichen gegangen um seine eigene Stellung verbessern zu können, wie er stets beteuerte? Den möglichen Antworten auf diese Fragen soll sich anhand der bekannten Tatsachen in den folgenden Kapiteln angenähert werden.

III. Das Schlüsselereignis

In diesem Kapitel soll nicht die Fülle der Ereignisse der Jahre 64 beziehungsweise 63 v. Chr. im Vordergrund stehen13, sondern vielmehr die Tatsachen, die für den weiteren politischen und sozialen Werdegang Catilinas und Ciceros von zentraler Bedeutung waren. Dabei stellt die erste Verschwörung (coniuratio) keine Relevanz dar, weil eine Konfrontation zwischen Catilina und Cicero erst mit dem zweiten Putschversuch zustande kam.

III.I. Die zweite coniuratio

Im Jahre 64 v.Chr. schienen die Chancen Ciceros anfangs nicht besonders gut zu stehen, da er als homo novus somit zunächst als „unwürdig“14 galt. Dennoch erhielt er letztlich die Stimmen aller Centurien und Gaius Antonius wurde durch nur einige Stimmen der Centurien mehr als Catilina, zum zweiten Konsul gewählt.15

Im Oktober und November des Jahres 63 v.Chr., nachdem Catilina mehrmals16 vergeblich versucht hatte auf legalem Wege das höchste Staatsamt zu erreichen, wagte er nun einen zweiten Versuch,17 das Urteil mit Gewalt zu revidieren. Diesem Ziel eines zu Anfang per- sönlichen Kampfes - „die Macht im Staat an sich zu reißen“18 - schloss sich bald eine An- hängerschaft von Verbrechern und Übeltätern19 an. In einer gewissen Weise vergleichbare Ansprüche hegte auch Cicero, wenn auch durch andere Mittel strebte er ebenfalls das Kon- sulat an, aber dies, wie bereits erwähnt, mit Erfolg. Tatsächlich war er sogar so bestrebt, dass er jedes Amt im frühstmöglichen Lebensalter bekleidete.20

So fasste Catilina samt seiner Revolutionsarmee folgende illegalen Pläne: Mordanschlag auf Cicero, Ermordung von einigen Optimaten und Senatoren in Rom, Brandstiftung in Rom, unterlegt von bestimmten Taktiken wie das Schaffen von Verwirrung und Tumulten durch Truppenerhebungen in Etrurien und Gallia citerior, ebenso wie inszenierte Gladiatorenauf- stände in Campanien und Apulien.21 Diese Vorbereitungen dauerten den gesamten Oktober lang. Während dessen war der Konsul Cicero von jenem Vorhaben in Kenntnis gesetzt wor- den. Als er dem Senat Bericht erstattete ohne direkte Beweise vorzubringen, sprach ihm dieser zunächst nur geringen Wahrheitsgehalt zu. Als Informantin Ciceros galt Fluvia, die Geliebte eines Mitverschwörers namens Quintus Curius, die von der Verschwörung und deren Vorgänge “Wind bekommen“ hatte.22

In der Nacht vom 20. auf den 21. Oktober übergaben Crassus und zwei weitere Nobiles dem Konsul anonym adressierte Briefe23, die Warnungen über die geplanten Anschläge und die Brandstiftungen auf Rom enthielten. Cicero legte diese am folgenden Tag in einer Senats- sitzung vor und am selben Tag erreichte sie eine Meldung über die Truppensammlungen des Manlius in Etrurien. Der Senat erklärte darauf den Notstand (senatus consultum ultimum) und somit wurden Cicero und Antonius mit den nötigen Vollmachten ausgestattet.24 Ciceros Anklage der de vi gegen Catilina war somit unbestreitbar bestätigt. Damit sprach man ihm ein erhebliches Maß an Anerkennung zu und die catilinarischen Pläne wurden zunehmend trans- parenter. Den geplanten Anschlägen begegnete man mit starken Sicherheitsvorkehrungen, indem Cicero verstärkte Wachposten an den wichtigsten Stationen Roms aufstellen und nach den Verschwörern fahnden ließ. Den Catilinariern blieb daraufhin nichts anderes übrig als ihre Planung zu vertagen. Dennoch blieben sie ohne Erfolg, denn als sich Gaius Cornelius und Lucius Vargunteius zur Morgenvisite dem Hause des Konsuls näherten, erblickten sie die Wachmannschaften und zogen wieder davon. Der zweite Staatsstreich Catilinas samt seinen Verschwörern gegen den Konsul Cicero und die Republik war damit gescheitert.

III.II. Mündung der Ereignisse

Cicero ließ daraufhin25 den Senat im Tempel des Juppiter Stator einberufen und berichtete von den nächtlichen Vorgängen.

[...]


1 Vgl. G. Alföldy, 45.

2 Ebd. weitere Ausführungen zur sozialen Hierarchie im alten Rom.

3 Nach Alföldy, 38: Polybios 6, 11, 11 ff.

4 Die Ämterlaufbahn wurde durch die lex Villia Annalis, 180 v.Chr. erlassen und damit gesetzlich geregelt. Genauere Informationen in: J. Bleicken, 74 - 119.

5 P.A. Brunt, Nobilitas and Novitas, 1f.

6 Außer Cicero wurden nur Romulus und Augustus zum pater patria ernannt.

7 H.-J. Gehrke/ H. Schneider, 263.

8 Nachwort von K. Büchner in: Cic., 130f.

9 H. Eulenberg, 37.

10 K. Christ, Römische Geschichte, 128.

11 Sall. Cat., 32.

12 Ebd., 37.

13 Genaue Ausführungen bei Drexler und Sallust.

14 G. Wissowa, Sp. 1700. Vgl. auch Sall. Cat., 46.

15 Ebd., Sp. 1700.

16 Nach W. Dahlheim, 28: Hatte Catilina insgesamt viermal und nach der Wissowa, Sp. 1704 nur zweimal versucht das Konsulat zu bekleiden. Die Quellen widersprechen einander nicht, sondern de facto bewarb er sich viermal, wurde jedoch nur zweimal zugelassen

17 Die erste coniuratio fand laut Wissowa im Januar 65 v.Chr. statt und wurde wegen Aufdeckung auf den 5. Februar verschoben. Vgl. Sp. 1697.

18 Sall. Cat., 32; vgl. auch: K. Christ, Römische Geschichte, 129 und W. Dahlheim, 27.

19 Vertiefende Literatur zu den Anhängern Catilinas und deren Beweggründe in: L. Havas, Die Catilina- Bewegung und der Senatorenstand, ACD 1978 XIV: 25 - 36; Wissowa, Sp. 1701f.; Sall. Cat., 44.

20 M. Giebel, 39.

21 Wissowa, Sp.1704; Sall. Cat., 48, 52; W. Dahlheim, 130 und 144.

22 Vgl. H. Drexler, 140; Wissowa, Sp. 1703 und Sall. Cat., 46.

23 Man vermutete sogar, dass Cicero selbst die Briefe geschickt habe. So John nach H. Drexler, 129.

24 J.v. Ungern - Sternberg, Untersuchungen zum spätrepublikanischen Notstandsrecht, München 1970, 87 - 92.

25 Was das „Datum der ersten Catilinaria“ betrifft, so herrschen Unstimmigkeiten ob eine Datierung auf den 7. oder 8. November vorzunehmen ist. Vgl. Drexler, 141 - 150.

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Details

Titel
Catilina vs Cicero vor dem Hintergrund der zweiten coniuratio
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Seminar für Alte Geschichte und Epigraphik)
Veranstaltung
Die Verschwörung Catilinas
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V151025
ISBN (eBook)
9783640626663
ISBN (Buch)
9783640626977
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
zweite coniuratio, Catilina vs. Cicero, Catilina bei Sallust, Ciceros Selbstdarstellung, 63 v.Chr., catilinarische Verschwörung, Vier Reden gegen Catilina, Krise und Untergang der römischen Republik, homo nuvus, römische Sozialgeschichte, res publica
Arbeit zitieren
Diana Ingeborg Klein (Autor), 2005, Catilina vs Cicero vor dem Hintergrund der zweiten coniuratio , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151025

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