Das Undinenmotiv im Vergleich in "Undine" von Werner Bergengruen und "Undine" von Karl Krolow


Seminararbeit, 2009
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Undine von Werner Bergengruen
1. Elementarsymbolik
2. Die Begegnung zwischen Wasserwelt und Menschenwelt

III. Die Undine von Karl Krolow
1. Elementarsymbolik
2. Die Begegnung zwischen Wasserwelt und Menschenwelt

IV. Resümee - Das Undinenmotiv im Vergleich

V. Quellen- und Literaturverzeichnis

„Von allen Naturerscheinungen, kommt mir das Wasser als die wunderbarste vor, denn es ist nicht anders, wenn man recht darauf sieht und hört, als wohne in ihm ein uns befreundetes Wesen, das uns versteht und sich uns mittheilen möchte, so klar und lockend schaut es uns an […]. Wahrscheinlich, kein Glaube ist dem Menschen so natürlich, als der an Nixen und Wassernymphen, und ich meine auch, dass wir ihn nie ganz ablegen.“ (Ludwig Tieck)[1]

I. Einleitung

Die Figur oder das Motiv der Wasserfrau tauchte bereits in den Sagen, Mythen und Märchen zahlreicher Kulturen auf. Dabei findet sich nicht nur innerhalb der griechischen Mythologie das Bild der Nymphen durch die Okeaniden[2] und Nereiden[3] vertreten, sowie der Sirenen in dem griechischen Epos der Odyssee von Homer, sondern auch in der Darstellung der indischen Gottheit Vishnu als vierarmige Frau mit dem Unterleib eines Fisches.

Das mysteriöse Bild der Wasserwesen beschäftigte die Menschheit seit Jahrtausenden in einer Mischung aus Faszination und Dämonie, was auch die Literatur in unterschiedlicher Gestalt-ung widerspiegelt: So etwa die Figur der Lorelay, die durch ihren Gesang Fischer und See-männer anlockt und sitzend auf einem Felsen ihr Haar kämt und diese bei ihrem Anblick am Felsen zerschellen lässt. Ihr widmeten sich neben anderen auch Clemens Bretano in Lore Lay,

Erich Kästner in Der Handstand auf der Loreley und Heinrich Heine in Lore-Ley. Die Gestalt, halb Mensch halb Fisch, wie Paracelsus in seinem Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandris et de caeteris spiritibus oder Friedrich de la Motte-Fouqué in Undine 1811 verfasste, stellt neben der Figur der Melusine, halb Mensch halb Schlange, die im Bann mit dem Teufel steht, wie sie Thüring von Ringoltingen in Melusine beschrieb, nur eine kleine Auswahl der Werkfülle dar, die sich mit der Stofflichkeit der Wasserfrau beschäftigt.

Die vorliegende Arbeit widmet sich zwei Gedichten unter dem Titeln der Undine. Eine Version stammt von Werner Max Oskar Paul Bergengruen[4] und wurde 1950 in dem Gedichtband Die heile Welt publiziert. Die andere Fassung geht auf Karl Krolow[5] zurück und wurde 1952 im Sammelband Die Zeichen der Welt veröffentlicht. Dabei sollen Gemein-samkeiten und Unterschiede des Undinenmotivs herausgearbeitet werden, weshalb das Element des Wassers sowie die Begegnung zwischen Wasser- und Menschenwelt zwei wesentliche Aspekte der Untersuchungen darstellen.

Beim ersten Lesen wird bereits das Ineinandergreifen der beiden Elemente Wasser und Erde deutlich, was bei Bergengruen durch die Verknüpfung der Wortschatzkategorien aus beiden Materien realisiert wird und bei Krolow durch eine ausschweifende Beschreibung der die Undine umgebenden Natur. Es zeigt sich, dass Undine, als fremdartiges Wesen, zwar zweifellos dem Reich des Wassers zuzuordnen ist, doch eine Verbindung zur Erde und den dort lebenden Menschen sucht. Demnach sind beide Elemente nicht nur innerhalb der Vier-Elemente-Lehre,[6] sondern auch als ihr Umfeld untrennbar miteinander verbunden. Beide Werke konfrontieren ihren Leser nicht nur erneut mit der traditionellen Vorstellung der Undine[7], sondern sind auch weiteres Zeugnis für das magische Wirken, welches diese „unbekannte Welt“ auf die Menschen seit jeher ausübte.

II. Die Undine von Werner Bergengruen

Das Gedicht „Undine“ von Werner Bergengruen erzählt von einem Mann, der als Gelockter am Ufer steht und Undine erblickt. Aus den Worten „hat mir gegraut“ (Bergengruen:Vers 2) und „Ach, erschrick doch nur nicht, / Lieber“ (Vers 7f.) lässt sich folgern, dass ihn die Erscheinung der Nixe zunächst zwar beängstigt, doch äußert er gleichzeitig eine Faszination von ihrem Wesen: „eine schöne Jungfer da, / schillernd von Haut.“ (Vers 3f.). Undine spricht ihren Bewunderer an und fordert ihn auf, sie zur Braut zu nehmen und mit ihr ein Kind zu zeugen,[8] um danach auf „alle Zeit“ (Vers 47) mit ihr zusammen zu leben.[9]

Formal betrachtet handelt es sich bei dem vorliegenden Gedicht um eine Ballade, wofür neben der Dialogform auch die Typologie der naturmagischen Ballade steht.[10] Die Konzeption besteht aus dreizehn Quartetten mit ungleichmäßiger Verslänge. Das Endreim-schema ist dabei im Kreuzreim angeordnet und wird vorwiegend von männlichen Kadenzen in reinem Schema dominiert. Alle Verse setzen mit einem Daktylus ein und laufen mit zwei Trochäen aus.

Der Satzbau bei Bergengruen ist insgesamt sehr kurz und das Versende ist meist mit einem Komma gekennzeichnet. Dabei stimmen Satzende und Strophenende stets überein. In Strophe fünf bis zehn entspricht eine Strophe je einem Satz, wohingegen Strophe eins bis vier sowie zwölf und dreizehn jeweils aus zwei Sätzen besteht und nur Strophe elf aus drei Sätzen zusammengefügt ist. Dabei ist der erster Satz ist ein Zweizeiler, dem sich zwei Sätze im Imperativ anschließen.

Innerhalb der gesamten Ballade wechselt das lyrische Ich zweimal die Sprecherperspektive. So spricht in der ersten Strophe und den ersten beiden Versen der zweiten Strophe der Menschenmann, der die „schöne Jungfer da, / schillernd von Haut“ erblickt und zunächst vor ihr erschreckt, als diese zu ihm spricht: „Ach, erschrick doch nur nicht, / Lieber verweil.“ (Vers 7f.). An dieser Stelle wechselt die Sprecherperspektive das erste Mal. Nun wendet sich Undine in wörtlicher Rede bis einschließlich der zwölften Strophe an ihren Beobachter, womit die wörtliche Rede schließlich endet. In der dreizehnten Strophe erfolgt ein erneuter Wechsel zum männlichen Sprecher, was besonders deutlich wird an der Verwendung des Personalpronomens „sie“ mit Referenz zur Undine: „Kam eine weiße Welle gerollt, / nahm sie mit fort.“. (Vers 51f.). Damit verschwindet die Undine Bergengruens wieder allein zurück in ihr Elementarreich des Wassers.

1. Elementarsymbolik

Die Wassersymbolik taucht nicht nur direkt im ersten Vers auf, sondern durchzieht auch das gesamte Gedicht. Undine, als Angehörige des Wassergeisterreiches, verkörpert dieses Element in ihrer Erscheinung gegenüber den Menschen. Über ihr schöne Gestalt erfahren wir etwas in den ersten beiden Strophen: „Stand eine schöne Jungfer da, / schillernd von Haut. / Silbern von Angesicht, / schlank wie ein Pfeil.“ (Vers 3-6). Auffällig ist dabei nicht nur die Beschreibung ihres Aussehens in einem gewissen Glanz formuliert durch die Adjektive „schillernd“ und „Silbern“, sondern auch der Vergleich „wie ein Pfeil“ als wohlgestaltetes Wesen. Auf stilistischer Ebene kommt dies durch die Alliteration jeweils am Versanfang verstärkt zum Ausdruck.

Undine hat auf den Menschen eine magische Wirkung, was auch durch das Adverb „zauber-haft“ (Vers 13) und das Adjektiv „zauberisches Wort“ (Vers 50) zum Ausdruck kommt. So schrieb Fouqué seiner Undine bereits neben einer verführerischen Kraft durch ihre außer-ordentliche Schönheit und Anmut, auch die magischen Fähigkeiten von weißer Magie zu.[11] Aus diesem Attribut resultierte auch die Nachsagung einer dämonischen Verführerin,[12] obwohl diese Eigenschaft im Gedicht Bergengruens nicht erkennbar ist.

[...]


[1] Aus: Tieck, Ludwig: Phantasus. Eine Sammlung von Märchen, Erzählungen und Schauspielen, hrsg. von Ludwig Tieck. Zweite Ausgabe [in drei Bänden], Berlin: Druck und Verlag von G. Reimer, 1844. Zitiert nach Fassbinder-Eigenheer, S. 9.

[2] Die Okeaniden (lateinisch ‚Oceanides’) sind in der griechischen Mythologie die Töchter des Okeanos (lateinisch ‚Oceanus’), dem römischen Meeresgott, und der Tethys. Sie sind Nymphen, die über die Meere herrschen, mit Ausnahme des Mittelmeeres, das den Nereiden gehört.

[3] Nereiden (lateinisch ‚Nerines’) sind die fünfzig schönen, schwarzäugigen Töchter der Okeaniden Doris und des Meeresgottes Nereus. Diese fünzig Nymphen gelten als die Schutzpatrone der in Seenot geratenen Menschen.

[4] *1892 in Riga – † 1964 Baden-Baden

[5] *1915 in Hannover – †1999 in Darmstadt

[6] Die Ursprünge der Vier-Elemente-Lehre gehen vor allem auf die Naturphilosophen des antiken Griechenlands zurück. Zu den Vorgängern zählt auch Thales von Milet (*624-†546 v.Chr.). Er betrachte das Wasser als Urstoff der anderen drei Elemente, was jedoch von späteren Philosophen angefochten wurde. Die breiteste Wirkung hatte jedoch Empedokles, der im 5. Jahrhundert lebte und spätere Philosophen wie Platon inspirierte. Dabei sah er Liebe und Hass als Urkräfte an, welche die vier Elemente zusammenbringe und trenne. Dadurch entstünden Lebewesen immer wieder neu in der Welt. Weitere Vertiefung in: Böhme, Gernot/Böhme, Hartmut: Feuer, Wasser. Erde, Luft. Eine Kulturgeschichte der Elemente, München 1996.

[7] Der traditionelle Undinen-Begriff richtet sich in diesem Zusammenhang nach den Gesetzen, denen die Gestalt der Undine unterworfen ist und welche in der Darstellung bei Paracelsus Liber de nymphis und der Foquéschen Version deutlich zu erkennen ist: Eine Undine (auch ‚Undene’ oder ‚Ondine’ vom lateinischen Wort ‚unda’, was auf deutsch ‚Woge oder Welle’ bedeutet) ist ein weiblicher, jungfräulicher Wassergeist. Sie gehört zu den so genannten halbgöttlichen Elementargeistern, die keine Seele haben. Heiratet eine Wasserfrau aber einen Menschenmann, so wird ihr und auch ihren Nachfahren eine unsterbliche Seele zuteil, womit sie eine Eingliederung in die Menschenwelt erhält. Aus diesem Grund, suchen sie auch den Kontakt zur Menschenwelt: „Und damit wir der Dinge einen guten Bericht haben, sind die Wasserleute von den Menschen nicht allein mit den Augen gesehen worden, sondern auch mit ihnen vermählet und haben ihnen Kinder geboren….die Nymphen erscheinen uns aber wir ihnen nicht […].“, Paracelsus, S. 101. Wird aber das Treuegelübde gegenüber der Undine gebrochen oder sie von ihrem Ehemann auf dem Wasser beschimpft, so erfolgt die Trennung und sie muss in ihr Element zurückkehren. Der Verrat wird dabei in der Regel durch den Tod des menschlichen Partners bestraft. Vgl. Fouqué, S. 189, 200.

[8] Vgl. Bergengruen, Vers 41: „Bräutlich und mütterlich“.

[9] Ebd., Vers 41. Dabei hofft sie, den Darstellungen Paracelsus und Foqués entsprechend, auf das Erlangen einer Seele was anhand der folgenden Versen deutlich wird: „Greife mich, fasse mich! Gib mir Gestalt!“, ebd, Vers 43f.

[10] Die naturmagische Ballade ist eine Subkategorie der numinosen Ballade. Auf inhaltlicher Ebene werden Naturgewalten zu übermenschlichen Lebewesen personifiziert. Die naturmagische Komponente tritt bei Bergen-gruen in der Gestalt der Undine auf als Personifizierung des Wasserelementes auf. Vgl. Weißert, S. 14, 21-27.

[11] Vgl. Fouqué, S. 188: Undine holt aus dem Wasser ein wunderschönes Korallenhalsband hervor und wird später von Bertalda als Zauberin betitelt.

[12] Vgl. El Nawab, S. 23.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Undinenmotiv im Vergleich in "Undine" von Werner Bergengruen und "Undine" von Karl Krolow
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Undinen, Melusinen, Nixen. Zur Stoffgeschichte der Wasserfrau von der Romantik bis zur Gegenwart
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V151044
ISBN (eBook)
9783640631117
ISBN (Buch)
9783640630912
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Karl Krolow, Werner Bergengruen, Undinenmotiv, Undinen, Melusinen, Nixen, Elementarsymbolik, Wasser und Menschenwelt
Arbeit zitieren
Diana Ingeborg Klein (Autor), 2009, Das Undinenmotiv im Vergleich in "Undine" von Werner Bergengruen und "Undine" von Karl Krolow, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151044

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