1982 entschied sich Bruno Kreisky für eine Wiederkandidatur an der Spitze der SPÖ. Die Bedingungen für seine Kandidatur: Die SPÖ muss die absolute Mehrheit beibehalten, Anton Benya als ÖGB-Präsident im Amt bleiben und er selbst wollte freie Hand bei der Regierungsbildung.
Die SPÖ verlor die Nationalratswahl am 24. April 1983 und musste sich somit nach 13 Jahren Alleinregierung einen Koalitionspartner an die Seite nehmen. Die FPÖ erreichte lediglich fünf Prozent der Stimmen. Die Freiheitlichen erzielten somit das schwächste Ergebnis ihrer Geschichte, sollten es aber dennoch zum Juniorpartner und somit zu einer Regierungsbeteiligung schaffen. Als „Logik der Stunde“, wie es Anton Pelinka formulierte, galt damals die Bildung einer kleinen Koalition. Schon im Wahlkampf hatte sich abgezeichnet, dass die SPÖ, wenn sie denn die absolute Mehrheit verliert, die FPÖ ins Boot holen würde. Kreisky hatte schon 1970 eng mit der FPÖ zusammengearbeitet, um eine Minderheitsregierung bilden zu können und knüpfte enge Kontakte an den damaligen Obmann, Friedrich Peter. Zudem schloss die SPÖ im Vorfeld der Wahl eine Koalition mit der ÖVP dezidiert aus. Am 24. Mai 1983, also nur vier Wochen nach der geschlagenen Wahl, präsentierte Fred Sinowatz als Nachfolger Kreiskys ein politisches Experiment. Damit die ÖVP in Opposition und die SPÖ an der Macht bleibt, wagt Sinowatz erstmals in der Geschichte der Republik eine Koalition mit der FPÖ unter Norbert Steger. Kreisky, gesundheitlich bereits angeschlagen, hatte letztendlich entscheidend die Finger im Spiel und stellte den Motor für die erste rot-blaue Koalition dar.
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Für die SPÖ unter Fred Sinowatz war die kleine Koalition mit der FPÖ das kleinste von drei Übeln. Es galt, die Zeit, bis man wieder die absolute Mandatsmehrheit inne hatte, zu überbrücken. Für die FPÖ unter Norbert Steger war es die Chance, sich als moderne liberale Partei zu präsentieren und den Geist von 1945 abzuschütteln.
An dieser Entscheidung wird deutlich, welche Parteiziele in der SPÖ und der FPÖ verfolgt wurden. Dies ist der wesentliche Aspekt dieser Fallstudie. Ich möchte den Fokus meiner Untersuchung auf die Parteiziele und –strategien richten, die mit der Bildung der kleinen Koalition im Jahre 1983 verfolgt wurden und welche Gewichtung die einzelnen Ziele (votes, policy, office) jeweils hatten.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
1.1. Problemstellung und Relevanz des Themas
1.2. Forschungsfrage und Hypothesen
1.3. Methodik
1.4. Aufbau der Arbeit
2. THEORETISCHE BETRACHTUNG
2.1. Parteiverhalten und Kompromisse
2.1.1. office-, policy- und vote-seeking parties
2.1.2. trade-offs und Kompromisse
3. DIE SPÖ
3.1. Historische Entwicklung nach 1945
3.2. Die innerparteiliche Entwicklung der SPÖ
3.3. Die inhaltliche Positionierung der Partei
4. DIE FPÖ
4.1. Historische Entwicklung: Vom Vdu zur liberalen FPÖ
4.2. Die innerparteiliche Entwicklung der FPÖ
4.3. Die inhaltliche Positionierung der Partei
5. DIE BILDUNG DER KLEINEN KOALITION
5.1. Rot-blaue Annäherungen
5.2. Die Nationalratswahlen 1970
5.3. Die Nationalratswahlen 1983
5.4. Regierungsverhandlungen und Koalitionsoptionen
5.5. Einigung nach vier Wochen
6. KONKLUSION
6.1. Beantwortung der Forschungsfragen und der Hypothesen
6.2. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die kritischen Parteientscheidungen der SPÖ und FPÖ im Jahr 1983, die zur Bildung der ersten rot-blauen Koalition in Österreich führten, wobei der Fokus auf den zugrunde liegenden Parteizielen und Strategien liegt.
- Analyse des Parteiverhaltens (office-, policy-, vote-seeking) nach Strom und Müller
- Historische und innerparteiliche Entwicklung von SPÖ und FPÖ bis 1983
- Die Rolle von Bruno Kreisky als Architekt der Koalitionsbildung
- Untersuchung der Regierungsverhandlungen und der Ressortverteilung
- Verifizierung der Hypothesen zu den Motiven der Parteien
Auszug aus dem Buch
1.1. Problemstellung und Relevanz des Themas
1982 entschied sich der Sonnenkanzler Bruno Kreisky für eine Wiederkandidatur an der Spitze der SPÖ. Die Bedingungen für seine Kandidatur: Die SPÖ muss die absolute Mehrheit beibehalten, Anton Benya als ÖGB-Präsident im Amt bleiben und er selbst wollte freie Hand bei der Regierungsbildung (vgl. Gehler 2006, 42).
Die SPÖ verlor die Nationalratswahl am 24. April 1983 und musste sich somit nach 13 Jahren Alleinregierung einen Koalitionspartner an die Seite nehmen. Die FPÖ erreichte lediglich fünf Prozent der Stimmen. Die Freiheitlichen erzielten somit das schwächste Ergebnis ihrer Geschichte, sollten es aber dennoch zum Juniorpartner und somit zu einer Regierungsbeteiligung schaffen. Als „Logik der Stunde“, wie es Anton Pelinka formulierte, galt damals die Bildung einer kleinen Koalition. Schon im Wahlkampf hatte sich abgezeichnet, dass die SPÖ, wenn sie denn die absolute Mehrheit verliert, die FPÖ ins Boot holen würde.
Kreisky hatte schon 1970 eng mit der FPÖ zusammengearbeitet, um eine Minderheitsregierung bilden zu können und knüpfte enge Kontakte an den damaligen Obmann, Friedrich Peter. Zudem schloss die SPÖ im Vorfeld der Wahl eine Koalition mit der ÖVP dezidiert aus. Am 24. Mai 1983, also nur vier Wochen nach der geschlagenen Wahl, präsentierte Fred Sinowatz als Nachfolger Kreiskys ein politisches Experiment. Damit die ÖVP in Opposition und die SPÖ an der Macht bleibt, wagt Sinowatz erstmals in der Geschichte der Republik eine Koalition mit der FPÖ unter Norbert Steger. Kreisky, gesundheitlich bereits angeschlagen, hatte letztendlich entscheidend die Finger im Spiel und stellte den Motor für die erste rot-blaue Koalition dar.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Definiert die Problemstellung der SPÖ-Koalitionsentscheidung 1983, die Forschungsfrage sowie die angewandte Methodik.
2. THEORETISCHE BETRACHTUNG: Erläutert das Konzept von Strom und Müller zum Parteiverhalten hinsichtlich der Ziele office, policy und votes.
3. DIE SPÖ: Untersucht die historische, innerparteiliche und inhaltliche Entwicklung der Sozialdemokraten bis 1983.
4. DIE FPÖ: Analysiert die Genese der Freiheitlichen, ihre Positionierung als liberale Partei und innerparteiliche Strukturen.
5. DIE BILDUNG DER KLEINEN KOALITION: Dokumentiert den Prozess der rot-blauen Annäherungen, die Wahlen 1983 und die schließlichen Regierungsverhandlungen.
6. KONKLUSION: Führt die Ergebnisse zusammen, überprüft die Hypothesen und zieht ein Resümee über die Koalitionszeit.
Schlüsselwörter
SPÖ, FPÖ, kleine Koalition, Bruno Kreisky, Fred Sinowatz, Norbert Steger, Parteiziele, office-seeking, policy-seeking, vote-seeking, Regierungsbildung, politische Geschichte Österreichs, Nationalratswahl 1983, Parteiprogramme, Koalitionsverhandlungen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bakkalaureatsarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Beweggründe der SPÖ und FPÖ für die Bildung der sogenannten "kleinen Koalition" im Jahr 1983.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Parteistrategien, die historischen Hintergründe beider Parteien sowie die Rolle persönlicher Einflussnahmen, insbesondere durch Bruno Kreisky.
Welches primäre Ziel oder welche Forschungsfrage wird verfolgt?
Die zentrale Frage ist, welche Faktoren und Parteiziele (office, policy, votes) 1983 zur Entscheidung der SPÖ führten, eine Koalition mit der FPÖ zu bilden, und welche Überlegungen die FPÖ dazu bewegten.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit stützt sich auf eine Fallstudie unter Verwendung von Primär- und Sekundärliteratur sowie Parteidokumenten, basierend auf der Theorie von Strom und Müller.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Betrachtung, die historische Einordnung von SPÖ und FPÖ sowie die detaillierte Beschreibung des Koalitionsprozesses von 1983.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Machtbeibehaltung (office-seeking), rot-blaue Koalition, politische Isolation der FPÖ und das Erbe der Ära Kreisky.
Warum lehnte die SPÖ 1983 eine Koalition mit der ÖVP ab?
Die SPÖ sah in der ÖVP ein Hindernis für die politische Zielsetzung und verband mit ihr das historische Trauma der Ersten Republik sowie gegensätzliche wirtschaftspolitische Auffassungen.
Welche Rolle spielte Bruno Kreisky bei der Regierungsbildung 1983?
Kreisky fungierte als Ideologe und Motor der Koalition; er hatte die Weichen für ein Zusammenwirken mit der FPÖ bereits lange vor 1983 gestellt, um die ÖVP langfristig zu schwächen.
Was war das Hauptinteresse der FPÖ an der Koalition mit der SPÖ?
Für die FPÖ war die Regierungsbeteiligung eine historische Chance, ihre politische Isolation zu beenden und sich als moderne liberale Partei zu etablieren.
- Citation du texte
- BA Bakk.Komm. Heidi Huber (Auteur), 2009, Die Entscheidung der SPÖ bzw. FPÖ zur kleinen Koalition 1983, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151113