Das Plenum des Deutschen Bundestags ist an jenem Freitag, dem 14. März 2003, gut gefüllt, als Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) an das Rednerpult tritt. Eine Stunde und 25 Minuten redet Schröder über den „Mut zum Frieden und Mut zur Veränderung“ – so der Titel seiner Regierungserklärung. Der Bundeskanzler stellt dem Parlament das Gesetzespaket „Agenda 2010“ vor, die umfangreichste Reform der sozialen Sicherungssysteme in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Als einen der „großen Tage des Parlaments“ wird die Bundestagsverwaltung die Rede später auf ihrer Internetseite einordnen. Viele Abgeordnete, insbesondere aus der Kanzlerpartei SPD, sehen den 14. März 2003 jedoch alles andere als einen „großen Tag“ an, jedenfalls nicht im positiven Sinne. Teile der Öffentlichkeit und der Regierungsparteien lehnen bis heute die Reformen ab, trotz den durchaus zahlreichen Reden und Interviews, mit denen die Bundesregierung versucht, sie von ihrer Politik zu überzeugen.
Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit eben diesen Reden und Versuchen der SPD-Führung, die Agenda-Politik rhetorisch zu begründen. Vier Phasen der „Agenda-Rhetorik“ kristalisieren sich dabei heraus. Sie beginnen mit dem Versuch, die Reformen ohne größere Überzeugungsbemühungen durchzusetzen und setzen sich mit dem Einsatz einer überzeugenden Rhetorik sowie einer dann rechtfertigenden und ablenkenden Rhetorik fort. In der vierten Phase ist schließlich eine auch rhetorisch beginnende Abkehr von Teilen der Agenda-Gesetzen zu beobachten.
Alle vier Phasen werden in dieser Hausarbeit detailliert betrachtet und analysiert. Der Autor befasst sich dabei zunächst mit der rhetorischen Handhabe der gesamten Agenda 2010, betrachtet wird der Zeitraum vor und während der Agenda-Rede im März 2003. Ab dann geht er beispielhaft immer wieder auf die Diskussion um die Auszahlungsdauer des „Arbeitslosengeldes I“ ein, die beispielshaft den gesamten Prozess um die Agenda 2010 verdeutlicht. Zum besseren Verständnis der Diskussion gibt er zu Beginn der Arbeit einen Überblick über den arbeitsmarktpolitischen Teil der Agenda-Reformen.
Gliederung
A Einführung
B Die vier Phasen der Rhetorik um die Agenda 2010
I) Exkurs: Die Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010
II) Die vier Phasen der Agenda-Rhetorik
1) Dezember 2002 - Mai 2003: Phase der Begründungsrhetorik
2) Juni 2003 – Dezember 2004: Phase des Versuchs der Überzeugung
3) Januar 2005 – September 2007: Phase der Ablenkungs- und Rechtfertigungsrhetorik
4) Oktober 2007 – Januar 2010: Phase der beginnenden Abkehr von der Agenda 2010
C Resumée
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die rhetorischen Strategien der SPD-Führung im Umgang mit der Agenda 2010. Ziel ist es, den Wandel der Kommunikationspolitik von der ursprünglichen Begründung über Überzeugungsversuche bis hin zur schrittweisen rhetorischen Abkehr von den Reformen nachzuzeichnen.
- Rhetorische Analyse politischer Kommunikation
- Entwicklung der Agenda-Rhetorik in vier Phasen
- Strategien der SPD zur internen und externen Überzeugung
- Wandel von Rechtfertigungsdruck zu politischer Abkehr
Auszug aus dem Buch
1) Dezember 2002 - Mai 2003: Phase der Begründungsrhetorik
Es ist der Berliner „Tagesspiegel“ der am 20. Dezember 2002 erstmals Details der späteren Agenda 2010 enthüllt. „Kanzleramt plant radikale Reformen“ titelt die Zeitung. Mutmaßlich der damalige Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat ein Strategiepapier der Regierung an den Tagesspiegel überspielt. Der Tenor dieses Papiers: „Die an sich hervorragenden Systeme der sozialen Sicherung in Deutschland“ müssten „grundlegend reformiert“ werden. Mit der bisherigen sozialdemokratischen Politik bricht das Papier: „Der Königsweg für mehr Vertrauen und Beschäftigung ist eine Absenkung der Steuer- und Abgabenbelastung“, heißt es. „1 Prozent mehr Sozialversicherungsbeiträge kostet im ersten Jahr rund 20 000 und im dritten Jahr schon rund 100 000 Arbeitsplätze“, wird in dem Papier erklärt - bisher argumentierten so Wirtschaftsverbände sowie Union und FDP, keineswegs aber die Sozialdemokratie.
Manche Arbeitslose bekämen nach den gegenwärtigen Regelungen mehr staatliche Hilfen, als sie bei einem Arbeitsverhältnis im Niedriglohnsektor verdienen würden, heißt es in dem Papier weiter. Dies sei ein unhaltbarer Zustand. Strukturreformen seien nötig. Die SPD-Parteizentrale ist über Ausmaß und Richtung des Papiers nicht informiert, Gerhard Schröder selbst wird von Steinmeier erst unmittelbar zuvor von der Veröffentlichung informiert.
Auch wenn die konkreten Maßnahmen noch nicht genannt werden, begründet das Papier also schon die Notwendigkeit der drei Monate später vorgestellte Agenda 2010. Ausführlichst wird mit Zahlen und sachlichen Argumenten erklärt, warum ein Umdenken in der Sozialpolitik notwendig sei, warum eher Leistungen gekürzt als Beiträge erhöht werden müssen. Trotzdem erkennen Partei und Bevölkerung die Wichtigkeit des Papiers zunächst nicht. Schröder geht erst Mitte Februar in die Offensive, als der FDP-Fraktionsvorsitzende Wolfgang Gerhardt eine Regierungserklärung zur wirtschaftlichen Lage der Nation fordert.
Zusammenfassung der Kapitel
A Einführung: Die Einleitung skizziert die Ausgangslage der Agenda-Rede von 2003 und definiert den Fokus der Untersuchung auf die rhetorische Begleitung dieser Reformen durch die SPD.
B Die vier Phasen der Rhetorik um die Agenda 2010: Dieses Hauptkapitel gliedert die rhetorische Entwicklung in vier zeitliche Abschnitte, die von der initialen Begründung über Überzeugungs- und Rechtfertigungsphasen bis zur schrittweisen Abkehr führen.
I) Exkurs: Die Arbeitsmarktreformen der Agenda 2010: Dieses Kapitel erläutert die wesentlichen inhaltlichen Reformschritte der Agenda 2010, insbesondere die Änderungen im Arbeitslosengeldbezug und die Einführung von Hartz IV.
II) Die vier Phasen der Agenda-Rhetorik: Dieser Teil analysiert detailliert die vier aufeinanderfolgenden Phasen der politischen Kommunikation, die den rhetorischen Umgang mit den Reformen widerspiegeln.
1) Dezember 2002 - Mai 2003: Phase der Begründungsrhetorik: Beschreibt den Beginn der Reformdebatte und die Bemühungen, das notwendige Umdenken in der Sozialpolitik durch erste inhaltliche Argumente zu stützen.
2) Juni 2003 – Dezember 2004: Phase des Versuchs der Überzeugung: Dokumentiert, wie die SPD-Spitze versucht, durch prominente Fürsprecher und Verknüpfung mit Zukunfts-Visionen Akzeptanz in der eigenen Partei und Bevölkerung zu gewinnen.
3) Januar 2005 – September 2007: Phase der Ablenkungs- und Rechtfertigungsrhetorik: Analysiert den Umgang mit den negativen Folgen der Reformen und den Versuch, durch neue rhetorische Themen Schwerpunkte zu setzen.
4) Oktober 2007 – Januar 2010: Phase der beginnenden Abkehr von der Agenda 2010: Untersucht die rhetorische Distanzierung der SPD-Führung von Kernelementen der Agenda 2010 unter dem Druck sinkender Umfragewerte und parteiinterner Kritik.
C Resumée: Die Schlussbetrachtung bilanziert das rhetorische Scheitern der SPD, die Agenda 2010 nachhaltig positiv zu besetzen, und hält fest, dass die Partei sich weiterhin in einem Abkehrprozess befindet.
Schlüsselwörter
Agenda 2010, SPD, Rhetorik, Arbeitsmarktpolitik, Gerhard Schröder, Hartz IV, Sozialreformen, Parteikommunikation, Rechtfertigung, Überzeugung, Reformdebatte, politische Kommunikation, Agenda-Rhetorik, Arbeitslosengeld, Strukturreformen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die rhetorische Kommunikation der SPD-Führung im Zusammenhang mit der Einführung und Umsetzung der Agenda 2010-Reformen.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Untersuchung ab?
Thematisiert werden die politische Rhetorik, der Wandel innerhalb der SPD-Programmatik, die Auswirkungen der Arbeitsmarktreformen und die öffentliche sowie parteiinterne Akzeptanz der Agenda 2010.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den zeitlichen Verlauf der rhetorischen Strategie von der Begründung der Reformen bis zur heutigen Distanzierung in vier klaren Phasen zu identifizieren und zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine qualitative Analyse historisch-politischer Reden und relevanter Dokumente, um rhetorische Muster und Strategien im zeitlichen Kontext nachzuzeichnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen inhaltlichen Exkurs zu den Reformen selbst sowie eine chronologische Untersuchung der vier Phasen, in denen die SPD-Führung ihren rhetorischen Umgang mit der Agenda angepasst hat.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Agenda-Rhetorik, Rechtfertigung, Überzeugungsversuche, sozialdemokratische Programmatik und der Wandel der politischen Kommunikation.
Welche Rolle spielt die Person Gerhard Schröder im rhetorischen Konzept der Arbeit?
Schröder wird als zentrale Figur analysiert, deren rhetorische Handschrift – von der entschlossenen Begründung bis hin zu späteren, fast demonstrativen Abkehr-Signalen – den Prozess maßgeblich geprägt hat.
Wie beeinflussten die Umfragewerte die Rhetorik der SPD?
Die Arbeit zeigt auf, dass schlechte Wahlergebnisse und sinkende Zustimmung in der Bevölkerung die SPD-Führung dazu zwangen, ihre Rhetorik von einer offensiven Verteidigung hin zu einer zunehmenden Rechtfertigung und schließlich einer inhaltlichen Abkehr zu verschieben.
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- Peter Seybold (Autor), 2010, Die vier Phasen der Rhetorik um die Agenda 2010, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151114