Zur Genese der griechischen Alphabetschrift

Die Herkunft des griechischen Alphabets und seine Bedeutung für die europäische Tradition


Hausarbeit, 2010

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition Alphabetschrift
2.1 Kulturtechnik - Schriftkultur
2.2 Logographische und phonographische Schriften

3. Das griechische Alphabet
3.1 Das phoinikische Schriftsystem
3.2 Die konsequente Verschriftung der Laute
3.3 Anpassungsprozesse im griechischen Kulturraum
3.4 Die „Überlegenheit“ des griechischen Alphabets

4. Dissens der historischen und linguistischen Wissenschaft zur Genese des griechischen Alphabets
4.1 Erfindung eines Genius
4.2 Historisch notwendiger Entwicklungsprozess

5. Wirkungen der griechischen Alphabetschrift
5.1 Die etruskische und lateinische Alphabetschrift im Kontext Alteuropa
5.2 Folgen für die europäische Tradition

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ziel der Ausarbeitung ist es, einen Überblick über die Entstehungsgeschichte des griechischen Alphabets zu geben unter Benennung seiner fundamentalen Bedeutung für die raumzeitliche Epoche Alteuropa. Einführend soll der Begriff der Schriftkultur als Kulturtechnik in seinen logographischen wie phonographischen Ausprägungen mit dem Ziel einer ersten Definition von Alphabetschrift skizziert werden. Vor dem Hintergrund der Entwicklung des griechischen Alphabets von seiner Herausbildung aus der phoinikischen Segmentalschrift zum maßgeblichen Schriftsystem des mediterranen Raumes zu Beginn der Antike und dessen Adaption und Weiterentwicklung durch die konsequente Verschriftung der vokalen Sprachelemente innerhalb des griechischen Kulturraumes unternimmt die Hausarbeit den Versuch, den grundlegenden Dissens in der wissenschaftlichen Wahrnehmung des Prozesses der Entstehung des griechischen Alphabets zu beleuchten. Hierin soll die vermeintliche „Überlegenheit“ gegenüber den semitischen Schriftsystemen nicht ausgeklammert werden (Havelock 1990, S.63). Die wesentlichen aus seiner Genese resultierenden Veränderungen im Verhältnis von Oralität zu Literalität sind sicher Teil dieser Betrachtung, können im Rahmen dieser Arbeit, subsumiert vor allem unter den Anmerkungen zur Schriftkultur, allerdings nicht mehr als begleitend erwähnt werden. Das Gewicht der Arbeit liegt insgesamt nicht in einer differenzierten linguistischen Betrachtung, sondern versucht sich an der Rekonstruktion und Gegenüberstellung historischer, soziokulturell relevanter Ereignisse. Abschließend wird in einem Fazit ein Ausblick auf das aus der griechischen Alphabetschrift entstandene und bis heute gebräuchlichste europäische Schriftsystem, das lateinische ABC und dessen Einfluss auf den kulturhistorischen Prozess im alteuropäischen Kontext, vorgenommen (Reinhard 2004, S.545 ff.).

2. Definition Alphabetschrift

2.1 Kulturtechnik – Schriftkultur

„ Die Sprache gibt nach Aristoteles, tà en psychê ( „das in der Seele “),

die Schrift dagegen tà en phonê ( „das in der Stimme“) wieder “ (Assmann 2007, S.265).

Zurückblickend auf die kulturelle Fortentwicklung der menschlichen Spezies stellt der Schriftgebrauch vor dem Hintergrund eines eingeschränkten Merkvermögens des menschlichen Gedächtnisses einen fundamentalen Umbruchprozess in der Bevorratung von Informationen und ihrer erneuten Zurverfügungstellung dar (Haarmann 2007, S.9). Nach HAVELOCK definiert sich homo sapiens als eine Gattung, welche die peripheren Sprechwerkzeuge des Kopfes benutzt, um miteinander in Beziehung zu treten. Er sieht dies als einen nicht zu hinterfragenden biologisch-geschichtlichen Fakt. Nach dieser Definition ist der Mensch kein originär schreibendes oder lesendes Wesen. Erst seit einem historisch kurzen Zeitraum vollbringt er das „nützliche Kunststück“, das Ausgesprochene oder noch Auszusprechende mit Hilfe eines Symbolsystems aufzuzeichnen (1990, S.46). So verdichtet sich das Wissen über unsere Welt in unmittelbarer Beziehung zum Gebrauch von „Schrift“ als technologische Komponente. Trotz fortschreitender Digitalisierung von Informationen werden Daten in Schrift umgesetzt, um sie der kognitiven Aufnahme durch den Menschen zugänglich zu machen. Schrift ist heute also kein reines Speichermedium mehr, sondern wandelt sich zum semiotischen Ausgabemedium (Haarmann 2007, S.10). „Wenn in einer bestimmten Gesellschaft Schriftlichkeit als elementare Kommunikationsform sozial realisiert ist, verfügt sie über Schriftkultur.“ Zur Begriffseinordnung sollten die vorgangsbezogenen Gesichtspunkte als Schriftlichkeit, das daraus resultierende Ergebnis und seine sozialen Hintergründe als Schriftkultur gekennzeichnet werden (Glück 1987, S.13). ASSMANN unterscheidet hier eindeutig zwischen „Schriftsystem“, welches den Aufgabenbereich und die Gliederung einer jeweiligen Schrift betrachtet, insbesondere ob diese ideographisch oder phonographisch agiert, syllabisch oder alphabetisch strukturiert ist und ob sie in der Lage ist syntaktische Einheiten einer anderen Sprache darzustellen und „Schriftkultur“, die sich mit den Einrichtungen und dem Vermächtnis des Schreibens, der Behandlung von Texten und der Implementierung von Schrift und textualisierten Inhalten in den sozialen Organismus befasst (2007, S. 264 f.). Mit der Technik des Schreibens ist der Mensch in der Lage seine steuerbare Wahrnehmung zu vervielfachen. Die daraus entstehende Distanz zu seiner vorgegebenen Umwelt erfüllt darin einen notwendigen Zweck. Zur grundsätzlichen Lebensgestaltung wie zu einem umfänglichen Verständnis seiner lebendigen Gegenwart ist diese durch das Schreiben entwickelte Distanz notwendig. Der Vorgang des Schreibens ermöglicht so, wie kaum eine andere Handlung, diese intellektuelle Reflexion (Ong 1987, S.85). Doch nicht einfach mit dem Gebrauch reduzierter semiotischer Grapheme gelang dem Menschen der Sprung auf eine neue Erkenntnisstufe. Erst die Kongruenz von der Fixierung der Zeichen und ihrer späteren Wahrnehmung auf der Bedeutungsebene in einem Text generierenden Zusammenhang präzisiert den heutigen Begriff des Schreibens (Ong 1987, S.87).

2.2 Logographische und phonographische Schriften

Schriften unterscheiden sich in ihrem Erscheinungsbild und folgen in ihrem Aufbau verschiedenen Grundsätzen. Nach H AARMANN existieren nur zwei maßgebliche Wege Schrift mit Sprache zu verbinden. Das ist zum einen die Orientierung an der Bedeutung der Worte und diese findet ihren Ausdruck in den logographischen Schriften (gr. logos – Gedanke, gr. graphein – schreiben), also der Wiedergabe von Wortbedeutungen durch Schriftzeichen. In der zweiten Form seiner Typologie der Schriftsysteme orientieren sich die Zeichen an der Lautstruktur der Sprache (gr. phonos - Ton, Laut). Dabei hat der Inhalt des Gedankens hinter dem Wort für das Aussehen der phonographischen Schriften keine Bedeutung. Die Existenz logographischer Schriften ging der Entstehung phonographischer Schriften meist voraus. Er spricht hier insgesamt von einer historischen Kontinuitätslinie beider Schreibsysteme (1990, S.16, S.147). Die Entstehung der logographischen Schriften ist entscheidend verknüpft mit Bildererzählungen. Ihre Schriftzeichen sind piktographische, ideographische oder in ihrer späteren Ausformung abstrakt-logographische Symbole. Ihre ältesten Symbole, die Piktogramme zeigen die Sache, die bezeichnet werden soll, durch ihre unmittelbare Abbildung. Als insgesamt nahezu weltweites Phänomen feststellbar, lagen die Kerne für diese Entwicklung in der Kultursphäre Alteuropa im östlichen Mittelmeerraum, Kleinasien und Mesopotamien. Die weitere Stilisierung und Abstrahierung der Zeichen führte von bislang piktographisch-ideographischen Symbolen zu abstrakt-logographischen Symbolen. Dadurch vollzieht sich eine Wandlung von einer Bilder- und Wortschrift zu einer Silbenschrift oder syllabischen Schrift. Diese Silbenschrift verfügte bereits über einige Zeichen für Einzellaute. Auf Kreta entwickelte sich eine Silbenschrift, gleichermaßen wandelten sich auch ägyptische Hieroglyphen von einer ideographischen zu einer Segmentalschrift mit Ein-Laut-Zeichen. Als prägende Entwicklung kann die phoenikische Silbenschrift mit kretischen und ägyptischen Bestandteilen genannt werden (Wendt 2009, S.26 f.). Im 2. Jahrtausend v. Chr. konnte dem westasiatischen Kulturraum die Nutzung oder zumindest die Kenntnis folgender Schriftsysteme zugeschrieben werden: „die logiko-syllabische Variante der babylonischen Keilschrift, die logiko-segmentalen Varianten der ägyptischen Schrift (hieroglyphisch, hieratisch) und die altägäischen syllabischen Schriftvarianten (logiko-syllabisches Linear A, rein syllabisches Kypro-Minoisch und Levanto-Minoisch)“ (Haarmann 1994, S.329). Der Vorgang der Entwicklung der ältesten Alphabetschriften war mittelbar oder unmittelbar, jedoch maßgeblich von diesen Schriftsystemen beeinflusst (1994, ebd.). Die damalige hieroglygphenhethitische Schrift erlangte hierbei nur einen marginalen Anteil. Die Frage in welcher Weise die genannten Schriftsysteme an der Wandlung der Silbenschrift zu einer phonemisch orientierten, Lettern gestützten Schrift mitgewirkt haben, kann dahingehend beantwortet werden, dass nach vorliegender Erkenntnis diese früheren Schriftarten, bei aller feststellbaren Wirkung der ägyptischen Schriftkultur ebenso wie des kretischen Linear A und B keinen wesentlichen Anteil daran hatten. Gegenüber den auf Lettern basierenden Schriften wirken die segmental und syllabisch orientierten Schriften wegen ihrer ideographischen Anteile eher träge in ihrer Handhabe, da sie auf der logographischen Wiedergabe von Wortzeichen und ihrer Zuordnung beruhen. Demgegenüber ersetzt eine Ordnung von kaum mehr als 20 klar identifizierbaren Graphemen, mit ihrem relativ unproblematisch nachvollziehbaren Erscheinungsbild, eine Vielzahl von der Darstellung wie von der Auslegung her diffiziler Symbole. Diese orientieren sich nicht mehr an der zugewiesenen Bedeutung, sondern allein am phonetischen Ausdruck der abgebildeten Worte (Haarmann 1990, S.267 f.). So besteht ONG darauf, dass eine Schrift im authentischen Vorgang ihres Entstehens nicht ausschließlich ein Abbild oder die Ersetzung von Gegenständen herstellt, sondern zwingend die Sprachhandlung wiedergibt, also Wörter, die real oder in der Vorstellung des Sprechenden zum Ausdruck gebracht werden (1987, S.86). GLÜCK geht davon aus, dass alphabetische Schriften zwei grundlegende technische Gesichtspunkte erfüllen sollten, zunächst den materialen Aspekt, die materielle Erscheinung der Schriftzeichen aus denen sich das spezifische Alphabet zusammensetzt und demgegenüber den relationalen Aspekt, meint die an diese einzelnen semiotischen Symbole direkt angebundenen Lauteinheiten oder -zonen (1987, S.18).

[...]

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Zur Genese der griechischen Alphabetschrift
Untertitel
Die Herkunft des griechischen Alphabets und seine Bedeutung für die europäische Tradition
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Historisches Institut / Arbeitsbereich Geschichte und Gegenwart Alteuropas)
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V151138
ISBN (eBook)
9783640624614
ISBN (Buch)
9783640624287
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Insgesamt vermag die Arbeit rundum zu überzeugen. Besonders hervorhebenswert sind zum einen die der Arbeit zugrunde liegende ausführliche Recherchearbeit sowie der souveräne Umgang mit der Forschungsliteratur und den dort ausgebreiteten Thesen sowie zum anderen die sehr problemorientierte, klar umrissene Erörterung.(...) Außerdem bewegt sich die Arbeit auf einem sehr guten sprachlichen Niveau,(...) Weiter so!" Korrektor 29.04.2010
Schlagworte
Alteuropa, Alphabetschrift, Genese, Schriftkultur, Überlegenheit, griechisch
Arbeit zitieren
Christian Brenneke (Autor), 2010, Zur Genese der griechischen Alphabetschrift, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151138

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