Liebe und Gewalt im "Findling"


Hausarbeit (Hauptseminar), 1995
24 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Forschungsstand

3. Gewalt - Allgemeine Aspekte
3. 1. 1 Externe Gewalt und Gewalt von Außen
3. 1. 2 Interne Gewalt und Gewalt gegen sich selber

4. Gewalt - Semantische Aspekte

5. Die Liebe in Kleists Leben und Dichtung

6. Kleists Familienmodell im Findling

7. Der Findling
7. 1 Zentrale Aspekte der Gewalt im Findling
7. 2 Zum " Findling " allgemein
7. 3 Piachi - Elvire
7. 4 Piachi - Nicolo
7. 5 Elvire - Nicolo
7. 6 Elvire - Colino
7. 7 Nicolo - Xaviera
7. 8 Nicolo - Constanze

8. Zusammenfassung

9. Literaturliste

1. Vorwort

Die vorliegenden Arbeit befaßt sich mit dem Zusammenspiel von Liebe und Gewalt in Heinrich von Kleists Werk der " Findling ". Um die Verknüpfung von Gewalt und Liebe im "Findling" besser erfassen zu können, müssen die Begriffe "Liebe" und "Gewalt" differenziert werden. Gewalt bei Heinrich von Kleist bedeutet nicht ausschließlich physische Gewalt, sondern kann in vielerlei Formen auftreten ( Obwohl nach Gerhard Gönner Kleists Werke beispielhaft für den literarischen Umgang mit "Gewalt" stehen könnten und durchaus den Vorstellungen der herkömmlichen Gewaltansicht entspricht[1]). Alle Formen von Gewalt entspringen dem Zwang, sich gesellschaftskonform zu verhalten, Gewalt stellt einen Ausbruch aus diesem Konformismus dar. Gewalt bei Kleist, und dies wird im Findling deutlich, kann auch als Produkt einer Identitätsfindung stehen. So sucht Nicolo trotz seiner Aufnahme in die Familie Piachi seine wahre Identität. Ginge es nach dem "Findling", so wäre diese an Elvires Seite. Doch diese Position ist schon durch den alten Piachi besetzt. So muß der Findling ausweichen, zu Xaviera Tartini, doch auch diese kann ihm nur als Ersatzbefriedigung dienen. Im Verlauf der Novelle schaukelt die Gewalt zwischen Nicolo und Piachi hoch, es kommt zu jenem grausamen Ende, daß kein Mitglied der Familie lebend übersteht. Im Laufe der Novelle wandelt sich Gewalt von einer rein psychischen Komponente zur physischen Handlung, die ihr Ende in der Übersprungsreaktion Piachis findet. Die Grausamkeiten, die in dieser Novelle sichtbar werden, sind initiiert durch persönlichen Mangel aller beteiligten Personen, der sich auf andere Personen überträgt, und somit auf diese Gewalt ausübt. Piachi findet keinen Familienersatz, Elvire verlor ihren wahren Liebhaber und Nicolo verlor seiner familiäre Identität und wird in seine neue Familie nur auf "wirtschaftlicher" Basis eingebunden. Die drei Protagonisten leiden an individuellen Mangelerscheinungen, die sie versuchen, auszugleichen. Diese Versuche tangieren einander, Machtbereiche werden überschritten, so daß sich eine Atmosphäre der Gewalt entwickelt

Eine Differenzierung von "Liebe" gestaltet sich, im Gegensatz zu der Definition von "Gewalt", einfacher. Kleist unterscheidet im "Findling" im Wesentlichen zwei Arten der Liebe, die physische und die psychische Liebe. Der Aspekt der physischen Liebe spielt dabei eine besondere Rolle im Verhältnis zwischen Elvire, Nicolo und Piachi. Situationen von physischer Liebe werden im Text kaum dargestellt, mit keiner Szene wird die Sexualität der Eheleuten Piachi beschrieben. Wo physische Liebe ansatzweise dargestellt wird, zwischen der Zoffe des Bischofs Xaviera Tartini und Nicolo, trägt sie ein deutlich negatives Moment. Psychische Liebe wird dagegen latent in den Vordergrund der Novelle gedrängt. So denkt Nicolo immanent an Elvire, während ihre Gedanken ausschließlich um ihren verstorbenen Rette kreisen. Diese beiden Gedankenkonstrukte bilden den Kern der Novelle, aus ihm entwickelt sich im Zusammenhang mit Piachi am Schluß das größte Gewaltpotential. Einzig die Liebe zwischen Colino und Elvire wird von Kleist positiv dargestellt, doch diese Liebe wird durch Naturgewalten zerrissen. "Liebe" stellt Kleist in diversen Abstufungen im "Findling" dar, sowohl als Negativum, als auch als Positivum . Das Elvires heimliche Liebe zu Colino negative Auswirkungen auf die physische und psychische "Liebe" zu ihrem Ehemann hat, ist eine Begleiterscheinung, die von Kleist negativ bewertet wird, die Liebe, die sie Colino zu seinen Lebzeiten entgegenbrachte, bewertet Kleist hingegen als sehr positiv. So hängen die Kausalverkettungen innerhalb der Bereiche "Liebe" und "Gewalt" des "Findlings" eng zusammen, und bilden ebenso eine interaktive Verknüpfung

Eine wichtige Rolle zum Thema "Liebe" im "Findling" spielen die Ansichten Kleists zur Familie. Eigene Erfahrungen, Erlebnisse und Ansichten, die Kleist in seiner individuellen Entwicklung geprägt haben, werden im "Findling" integriert. Um Problematik der Liebe im Zusammenhang mit der Person Heinrich von Kleist beurteilen zu können, wird ein Kapitel dem Verhältnis Heinrich von Kleists zur Liebe gewidmet

Unter Zuhilfenahme dieser Aspekte soll die Interaktion von Liebe und Gewalt im "Findling" dargestellt werden. Dabei ist zu klären, inwiefern sich Gewalt und Liebe in diesem Werk bedingen oder kausal verknüpft sind, und inwieweit diese konträre Gegensätze eigenständig stehen. Um dieses Verhältnis transparent darzustellen, müssen die verschiedenen Formen der Gewalt, ihre Auswirkungen und Ursachen, untersucht und dargestellt werden. Um diese Aufgabe zu erleichtern, gliedert sich die Arbeit im Hauptteil in einzelne Personenkonstellationen, anhand dieser der Bezug zwischen "Liebe" und "Gewalt" näher untersucht werden soll

2. Forschungsstand

Eine spezifische Untersuchung zum Konnex "Liebe und Gewalt" am Werk "Der Findling" von Heinrich von Kleist ist nach Erkenntnissen des Autors dieser Arbeit nicht verfaßt. Einzig das Werk "Von zerspaltenen Herzen und der gebrechlichen Einrichtung der Welt - Versuch einer Phänomenologie der Gewalt bei Kleist"[2] von Gerhard Gönner behandelt den "Findling" im Kontext der Erzählungen Kleists, dies aber auch nur partiell auf einen Gewaltaspekt bezogen. Desweiteren sind keine bekannten Werke ,die "Liebe" und "Gewalt" im thematischen Zusammenhang behandeln. Die erarbeiteten Interpretationen beruhen aus diesem Grund im wesentlichen auf eigenen Erkenntnissen, die durch Bezüge aus der Fachliteratur zum "Findling" gestützt werden

3. Gewalt - Allgemeine Aspekte

Äußere Erscheinungsweisen von Gewalt sind Reflexe von Bewegungen, deren Ursprünge, Strukturen und Tendenzen in der Geschichte, der Gesellschaft oder im individuellen Subjekt erst aufgedeckt werden müssen, wenn Gewalt in ihrer Grundverfassung und poetischen Wirkungsweise erfaßt werden soll. Dies gilt insbesondere für Phänomene, deren Auswirkungen oberflächlich nicht als Fälle von Gewalt zu erkennen sind, bei denen einzelne Subjekte unter bestimmten individuellen lebensweltlichen Umständen einem solchen gesellschaftlichem Druck ausgesetzt sind, daß sie sich und ihr Handeln als Opfer einer Gewalteinwirkung verstanden sehen. Traditionelle Gewalttheorien können den Komplex der individuellen Einwirkung von Außen nicht eingehend als Gewalt definieren und dessen Begrifflichkeit subsumieren. Anders J. Galtungs Theorie der "Strukturellen Gewalt", die im literarischen Bereich modifiziert in der Lage ist, gewaltspezifische Aspekte und Strukturen in literarischen Texten zu erfassen. Galtung definiert Gewalt "[ ...] als die Ursache für den Unterschied zwischen dem Potentiellen und dem Aktuellen", zwischen dem, was hätte sein können, und dem was im jetzigen Zustand Realität ist. Gewalt ist dabei als "Einfluß" vorhanden, der real abzuschalten sein muß

Die Einbeziehung der galtungschen Theorie ist bei der Analyse poetischer Texte der neueren Epochen geeignet, fingierte Schicksale dem Wirken einer bestimmten Gewalt zuzuschreiben, die an besonderer Lebenskonstellation leidvoll zugrunde geht, ohne daß eine tragische Verkettung unglücklicher Zustände eine angemessene Erklärung bieten könnte. Der Begriff "Zerbrechen" beschreibt zusammenfassend Potenz und Aktus, die Ursache und Wirkung einer schwer greifbaren Gewalt. Das griechische Lexem "diabole" umfaßt alle wichtigen semantischen Bezüge, die in einer systematische Textanalyse unter dem Leitbegriff "Zerbrechen" subsumierbar sind. Similar damit verbunden sind die Begriffe des "Auseinanderbrechens" und "Zerbrechens" im Sinne eines aktiv herbeigeführten Geschehens, eines "Zerbrechens" an seiner eigenen Persönlichkeit. Die Bedeutung dieses Wortes wird an den Stellen kleistscher Texte erhellend, wo mit diesem Begriff die Auflösung einer Identität beschrieben wird. "Zerbrechen" charakterisiert in diesen Fällen eine Entwicklung eines Individuums, daß sich von äußeren oder inneren Mächten an eine individuelle Grenze gedrängt sieht. Für das jeweilige "Ich" realisiert sich diese Erfahrung als permanent aktive Gewalt. Die im Zusammenhang mit Kleists Werken oft benutzten Begriffe "Zerrissenheit" und "Gefühlsverwirrung" leiten sich aus der psychologischen Beschreibung der bezeichneten Bewußstseinslage ab. Die Bedrohung des Subjekts oder der eigenen Identität geschieht stets in einem Umfeld, daß latent vom Terror bestimmt ist

3. 1 Gewalt als Diabole

Eine Form von diabolischer Gewalt ist das "In - sich - Zerbrechen", das Symbolon[3]. Die poetische Darstellung des Stoffs erhält die Form des symbolischen Ausdrucks, sie zeigt den thematischen Konflikt von zerbrechenden Identitätsbildern in derben Bildern. In diesem Konflikt wird das Geschehene der Diabole entsprechend den konkreten "szenischen" Gegebenheiten an die einzelnen Figuren weitergegeben. Der poetische Modus für ein Spiel mit derartigen Brechungen in Figuren und den damit verbundenen Konstellationen ist der des "Komischen". In diesem kleidet sich die "Diabole" in Masken, in die Sprache der Lüge, der Verdrehung und der Überredung, die sich des Zwangs bedient. Nicht nur in der Lüge, auch in unterschiedlichen Modi des Sprechens oder Verstummens zeigen sich differenzierte Formen von Gewalt, nach Helmut Arntzen sind in den Werken Heinrich von Kleists Gewalt und Sprache durchgängig miteinander verknüpft[4]

3. 1. 1 Externe Gewalt und der Reflex

An der Stelle, an der das Wort und der Diskurs zurücktreten und zerstörerische Mächte herbeinötigen, beginnt die Macht des "Dämonischen" zu Wirken, eine Gewalt, die erscheint, als komme sie unwiderstehlich über den Menschen und zerstöre sein Leben. "Was unter dem Dämonischen zerbricht, findet auch nicht mehr zur Sprache zurück"[5]. Der Übergang zum "Krieg" und der zugehörigen Form der physischen Destruktion ergibt sich immanent, wenn man sich diese als organisierte Form unter dem Menschengeschlecht vorstellt. Dieser Ansatz führt zur einer Form von Gewalt, der Individuen und Gruppen durch gesellschaftliche Antagonismen und Normen ausgesetzt sind. Walter Müller - Seidel bewertet die Tatsache des Gewaltmotivs in Kleist Textes als eine "Kritik der Gewalt"[6], die auf eine elementare Gesellschaftskritik zielt

3. 1. 2 Interne Gewalt und Gewalt gegen das Selbst

Gewalt von innen und Gewalt gegen sich selbst äußert sich in dieser Form als "Gewalt der Selbstzerstörung", als Kraft, die sich gegen das Individuum wendet und dieses daran zerbrechen läßt. Dies hängt eng zusammen mit einer reflexiven Auffassung des "Ich", vor allem dort, wo seine Identität in Frage stellt. Findet das Individuum nach außen keinen Ableiter für seine Identitätsprobleme, werden diese auf sich selbst reflektiert. Dies können Leistungs - oder Versagensängste sein, aus dessen Zwang das Individuum sich nicht entziehen kann, und daran zugrunde geht. Diese Gewalt ist ebenso wie die schon genannten Formen nicht unter dem traditionellem physischen Gewaltbegriff zu subsumieren, sie bedeutet für die jeweilige Persönlichkeit eine individuelle Einschränkung, die als Gewalt empfunden wird, aus der es für das "Ich" scheinbar kein entkommen gibt

4. Gewalt - Semantische Aspekte

Die traditionelle Diskussion über den Gewaltbegriff folgte bis in jüngste Zeit einem durch staats - und rechtsphilosophische Reflexionen bestimmen Weg. Bis ins 20. Jahrhundert sah man den begrifflichen Rahmen zwischen Staatsmacht ( potestas ) und äußerer Gewalt ( vis ), nach Grotius eine Definition von Gewalt als naturrechtlich gegebenen Eigenschaften jedes einzelnen, derer man sich bedienen kann solange man den Bereich eines anderen nicht tangiert. Zur Abwehr einer etwaigen Verletzung ist ebenfalls Gewalt notwendig, diese ist dann aber legitim und wird nur durch die Rechtsprechungen der Gerichte eingeschränkt. Die begriffliche Differenzierung nach Thomas Hobbes stellen der von den Bürger gefürchteten "vis" als einer Form der unberechenbaren Bedrohung die rechtliche, auf einem "Vertrag" basierenden Staatsgewalt, geschaffen durch das Individuum "Mensch" gegenüber. Zu Ihrer Funktion müssen die Bürger auf ihre "vis" verzichten, wenn ein konfliktfreies Leben im Staat möglich sein soll. Als Mittler zwischen Gesetz und Freiheit betrachtet Imanuel Kant den konstitutionellen Begriff der "Gewalt", er bezeichnet damit die dem Menschen garantierte, im freien Staat wirkende Gewalt, die allgemein wirkt, auch wenn einzelne Subjekte diesem Allgemeininteresse entgegenwirken. Fichte knüpft an Kants Denken an, spricht dem Volk allerdings ein Recht auf Gewalt im Sinne Rousseaus aus, nach diesem ist das Volk der eigentliche Souverän und ihm steht die Anwendung von Gewalt zu

Die Komponente aller Theorien beinhaltet einen gemeinsamen Aspekt. In allen dargelegten Theorien erscheint "Gewalt" als Komponente eines Individuums, die ihn in seiner Handlungsfähigkeit einschränkt, ihn verletzt oder im schlimmsten Fall vernichten kann. Die Form der Gewalt als "Eigentum" nach Marx und Engels steht für die Gewalt als revolutionäres Element ebenso wie für die Konzeption der Gewalt als elementares Element. Allen Konzeptionen läßt sich die dialektische Auffassung von Gewalt nach Hegel voranstellen: "Eine Gewaltform ist nicht ohne das zu verstehen, woran sie sich äußert"

Unter dem Einbezug von psychologischen und sprachtheoretischen Erkenntnissen schuf sich die wissenschaftliche Diskussion neue kategoriale Grundlagen, die den Begriff "Gewalt" transparenter, subsumierbarer machen. Die psychologisch ausgerichtete Seite faßt hierbei stärker das Bewußtsein des Opfers in das Blickfeld. Hierbei wird Gewalt im weitesten Sinne verstanden als eine Haltung gegen eine bestimmte Situation, die die Handelnden wiederum in eine bestimme Lage zwingt, die diese nicht freiwillig einnehmen. Ironie als Begleiterin dialektischer Gewaltkonzeptionen ist überall dort zu finden, wo sie in einer Handlung ein versöhnliches Ende herbeiführen, im Licht einer aufklärerisch - humanistischen Konzeption erscheinen

Gemeinsam ist allen Modi von Gewalt die Kategorie des "Zerbrechens", Diabole im engeren Sinn, deren Semantik eine angemessene Ergänzung im Begriff des "Erleidens" erfährt. J. Glenn Gray setzt diesen Begriff des "Erleidens" in das Zentrum seine phänomenologischen Analyse der Gewalt, er faßt den Menschen als ein der "Ekstasis" fähiges Wesen auf, das die individuelle Situation zu transzendieren vermag, und so außer sich in Raum und Zeit zu gelangen vermag. Erst in solcher Form, in dem völligen Heraustreten, erfahre der Mensch den existentiellen Spielraum für Individualität. Eine Beeinträchtigung dieser Möglichkeiten des Individuums schafft "Passion", nicht als "Ekstasis", sondern als eine Erfahrung, an der eigenen Individualität, an dem Spielraum gehindert, bzw. eingeengt zu werden. Diese Einschränkung erfährt der Mensch dann als individuelle "Gewalt"

5. Die Liebe in Kleists Leben und Dichtung

Um die Position Kleists in Bezug auf das " Thema " Liebe in der Novelle "Der Findling" besser beurteilen zu können, wird in diesem Kapitel auf die Beziehung Heinrich von Kleists zur Liebe näher eingegangen. Die Liebe nimmt in Kleists Leben einen keineswegs zentralen Punkt ein. Für Kleist gab es außer kleineren Jugendliebschaften nur die eine große Liebe seines Lebens, Wilhelmine von Zenge, Tochter des preußischen Generalmajors v. Zenge. Liebe bei Kleist bedeutet weniger physische Liebe, was in seinen Werken deutlich zum Ausdruck gebracht wird. Für Kleist bedeutet Liebe eine Vereinigung zweier Menschen auf einem höheren, sittlichem Niveau, auf dem die emotionale Komponente eine unbedeutendere Rolle spielt. Bei Kleist ist so auch nicht das überschwengliche Gefühl des "Verliebtseins" zu spüren, seine Liebe spielt sich auf kontrollierter rationaler Ebene ab, sein Liebesverhältnis zu Wilhelmine von Zenge ist so auch eher als "kameradschaftlich" denn als "verliebt" zu bezeichnen. Dabei divergieren die Liebesneigungen beider Partner, während Kleist sich zu Wilhelmine von Zengen gezogen fühlt, kann diese ihre Zuneigung zu Kleist nur schwer eingestehen, sie versucht seine Liebesbeweise nach ihren Möglichkeiten zu beantworten. Diese bestanden von Seiten Kleists zu einem großen Teil aus Denkübungen und schriftlichen Arbeiten[7], die Kleist ihr stellte. Und sie war dankbar, galt geistige Bildung als ein Ideal der damaligen Zeit und war für Kleist selber das höchst Lebensziel. Das Kleist dieses Ziel mit Wilhelmine von Zenge teilen konnte, daß sie von ihm verstanden wurde, machte sie für ihn attraktiv. Bildung als moralische Ausbildung des Individuums. Über ihre Liebe spricht Kleist: "Edler und besser wollen wir durch die Liebe werden"[8]. Kleists Wunsch in Bezug auf Wilhelmine von Zengen war die Eheschließung, die aber letztenendes nicht vollzogen wurde. Zu Beginn der Liebe wollen beide diese geheimhalten, erst mit Rücksicht auf seinen Ruf bricht Kleist das Schweigegelübde, bittet bei Wilhelmines Vater um die Hand seiner Tochter und erhält die Zusage einer Ehe, wenn Wilhelmine dies wolle. Dies war zu damaligen Zeiten ein unüblicher Vorgang, hatten die Eltern der Braut doch das Entscheidungsrecht über den Ehepartner, mit dem ihre Tochter liiert werden sollte. Die Liebe Kleists zu Wilhelmine besteht aus eher sittlichem Bestreben, es ist keine landläufige Verliebtheit spürbar, kein Rausch, alles ist in einen " schweren sittlichen Ernst getaucht"[9]. Nur eine Briefstelle weist auf sein sittliches Verlangen hin, da es die einzige dieser Art schriftlicher Überlieferung ist, wird von der Forschung vermutet, daß diese von Kleist absichtlich so konstruiert ist. In Kleists Liebe wiegt das sittliche Gefühl vor, es herrscht über seinen ganzen Gefühlshorizont. Sinnliche Liebe galt bei Kleist nicht als Maßstab, ein Grund, warum diese in seinen Novellen oft negativ beschrieben wird, beziehungsweise der sinnlichen Liebe kaum Stellenwert beigemessen wird. Kleists Liebe zu Wilhelmine ist die eines von der Aufklärung rationalistisch geprägten Individuums. Als Wilhelmine seinen Plan, in der Schweiz als Bauer seßhaft zu werden, nicht zustimmt, läßt er kompromißlos die Verlobung widerrufen und beendet die Beziehung zu Wilhelmine. Kleist kennt nur die große, idealisierte Liebe, die Ehe, die dauernde Gemeinschaft. Wilhelmines Abweisung bedeutet für ihn das Ende dieser Beziehung

In seinen Werken spielt die Liebe eine bedeutendere Rolle als in seinem Leben, Grundpfeiler dieser Liebe in seinen Werken sind Glaube, Vertrauen und Achtung, keinesfalls aber basieren diese Beziehungen auf ausschließlich physische Liebe. Auch im "Findling" gibt es nur die große Liebe ( Elvire liebt Paolo über seinen Tod hinaus; Nicolo versucht, sich seiner großen Liebe Elvire zu bemächtigen ). Diese äußert bei Elvire sich in sittlicher Vollkommenheit über die Schranken der Natur hinaus in einem tiefen Gefühl der Keuschheit, daß dem Ideal Kleists sehr nahe kommt . Nach Kleist ist die wahre Liebe in seinen Werken eine Liebe der Seele, nicht des Körpers, Kleist ist " der Dichter der Keuschheit "[10]

[...]


[1] Gönner, Gerhard: " Von zerspaltenen Herzen und der gebrechlichen Einrichtung der Welt - Versuch

Phänomenologie der Gewalt bei Kleist ". Stuttgart, 1989. S. 1

[2] Gönner, Gerhard: "Von zerspaltenen Herzen und der gebrechlichen Einrichtung der Welt - Versuch

Phänomenologie der Gewalt bei Kleist". Stuttgart, 1989

[3] Gönner, Gerhard: Von zerspaltenen Herzen und der gebrechlichen Einrichtung der Welt: Versuch

Phänomenologie der Gewalt bei Kleist. Stuttgart, 1989. S. 5

[4] Gönner, Gerhard: Von zerspaltenen Herzen und der gebrechlichen Einrichtung der Welt: Versuch

Phänomenologie der Gewalt bei Kleist. Stuttgart, 1989. S. 5

[5] Gönner, Gerhard: Von zerspaltenen Herzen und der gebrechlichen Einrichtung der Welt: Versuch

Phänomenologie der Gewalt bei Kleist. Stuttgart, 1989. S. 6

[6] Gönner, Gerhard: Von zerspaltenen Herzen und der gebrechlichen Einrichtung der Welt: Versuch

Phänomenologie der Gewalt bei Kleist. Stuttgart, 1989. S. 6

[7] Hieran erkennt man, auf welchem Niveau sich die Liebenanschauung Kleists bewegt. Er versuchte,

Wilhelmine von Zenge zu bilden, galt Bildung doch als das Ideal der Klassik. Dies verstand Kleist

Liebeszuneigung. Bei Kleist ist kein Drang zur Hingabe, einem wichtigem Element der Liebe, zu spüren

[8] Heinrich Meyer - Bensen: Die Liebe in Kleists Leben und Dichtung. Aus: Kleist Jahrbuch 1925

1926.Berlin, 1927. S. 73

[9] Heinrich Meyer - Bensen: Die Liebe in Kleists Leben und Dichtung. Aus: Kleist Jahrbuch 1925

1926.Berlin, 1927. S. 76

[10] Heinrich Meyer - Bensen: Die Liebe in Kleists Leben und Dichtung. Aus: Kleist Jahrbuch 1925

1926.Berlin, 1927. S. 95

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Liebe und Gewalt im "Findling"
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Germanistisches Seminar)
Veranstaltung
Das Werk Heinrich von Kleists
Note
1,5
Autor
Jahr
1995
Seiten
24
Katalognummer
V15116
ISBN (eBook)
9783638203319
ISBN (Buch)
9783656069232
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand.
Schlagworte
Liebe, Gewalt, Findling, Werk, Heinrich, Kleists
Arbeit zitieren
Kristian Seewald (Autor), 1995, Liebe und Gewalt im "Findling", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15116

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