Die vorliegenden Arbeit befaßt sich mit dem Zusammenspiel von Liebe und Gewalt in Heinrich von Kleists Werk der " Findling ". Um die Verknüpfung von Gewalt und Liebe im "Findling" besser erfassen zu können, müssen die Begriffe "Liebe" und "Gewalt" differenziert werden. Gewalt bei Heinrich von Kleist bedeutet nicht ausschließlich physische Gewalt, sondern kann in vielerlei Formen auftreten ( Obwohl nach Gerhard Gönner Kleists Werke beispielhaft für den literarischen Umgang mit "Gewalt" stehen könnten und durchaus den Vorstellungen der herkömmlichen Gewaltansicht entspricht1 ). Alle Formen von Gewalt entspringen dem Zwang, sich gesellschaftskonform zu verhalten, Gewalt stellt einen Ausbruch aus diesem Konformismus dar. Gewalt bei Kleist, und dies wird im Findling deutlich, kann auch als Produkt einer Identitätsfindung stehen. So sucht Nicolo trotz seiner Aufnahme in die Familie Piachi seine wahre Identität. Ginge es nach dem "Findling", so wäre diese an Elvires Seite. Doch diese Position ist schon durch den alten Piachi besetzt. So muß der Findling ausweichen, zu Xaviera Tartini, doch auch diese kann ihm nur als Ersatzbefriedigung dienen. Im Verlauf der Novelle schaukelt die Gewalt zwischen Nicolo und Piachi hoch, es kommt zu jenem grausamen Ende, daß kein Mitglied der Familie lebend übersteht. Im Laufe der Novelle wandelt sich Gewalt von einer rein psychischen Komponente zur physischen Handlung, die ihr Ende in der Übersprungsreaktion Piachis findet. Die Grausamkeiten, die in dieser Novelle sichtbar werden, sind initiiert durch persönlichen Mangel aller beteiligten Personen, der sich auf andere Personen überträgt, und somit auf diese Gewalt ausübt. Piachi findet keinen Familienersatz, Elvire verlor ihren wahren Liebhaber und Nicolo verlor seiner familiäre Identität und wird in seine neue Familie nur auf "wirtschaftlicher" Basis eingebunden. Die drei Protagonisten leiden an individuellen Mangelerscheinungen, die sie versuchen, auszugleichen. Diese Versuche tangieren einander, Machtbereiche werden überschritten, so daß sich eine Atmosphäre der Gewalt entwickelt.
Inhaltsverzeichnis
- Vorwort
- Forschungsstand
- Gewalt - Allgemeine Aspekte
- Externe Gewalt und Gewalt von Außen
- Interne Gewalt und Gewalt gegen sich selber
- Gewalt - Semantische Aspekte
- Die Liebe in Kleists Leben und Dichtung
- Kleists Familienmodell im Findling
- Der Findling
- Zentrale Aspekte der Gewalt im Findling
- Zum \"Findling\" allgemein
- Piachi Elvire
- Piachi Nicolo
- Elvire Nicolo
- Elvire Colino
- Nicolo Xaviera
- Nicolo Constanze
- Zusammenfassung
- Literaturliste
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Arbeit analysiert die komplexe Beziehung zwischen Liebe und Gewalt in Heinrich von Kleists Novelle "Der Findling". Durch die Unterscheidung verschiedener Formen von Gewalt und Liebe wird die Interaktion dieser beiden Kräfte im Werk beleuchtet.
- Die unterschiedlichen Ausdrucksformen von Gewalt bei Kleist
- Die Rolle der Liebe in Kleists Leben und Werk
- Das Familienmodell im "Findling" und seine Auswirkungen auf die Figuren
- Die Darstellung von Gewalt in verschiedenen Beziehungskonstellationen
- Die Verbindung von Gewalt und Liebe als Triebkräfte der Handlung
Zusammenfassung der Kapitel
Das Vorwort skizziert den Fokus der Arbeit auf die Interaktion von Liebe und Gewalt im "Findling" und erläutert die Notwendigkeit, die Begriffe "Liebe" und "Gewalt" im Kontext der Novelle zu differenzieren.
Der Forschungsstand beleuchtet die geringe Anzahl an wissenschaftlichen Arbeiten, die sich explizit mit der Beziehung von Liebe und Gewalt im "Findling" beschäftigen. Die Arbeit stützt sich daher größtenteils auf eigene Analysen und Erkenntnisse.
Das Kapitel "Gewalt - Allgemeine Aspekte" diskutiert verschiedene Erscheinungsformen von Gewalt und ihre Bedeutung im Kontext der Novelle. Besonderes Augenmerk liegt auf dem Konzept der "strukturellen Gewalt" nach J. Galtung.
Die Kapitel "Die Liebe in Kleists Leben und Dichtung" und "Kleists Familienmodell im Findling" erörtern den Einfluss von Kleists eigenen Erfahrungen und Ansichten auf die Darstellung von Liebe und Familienbeziehungen in der Novelle.
Das Kapitel "Der Findling" analysiert zentrale Aspekte der Gewalt im Werk und befasst sich mit den verschiedenen Beziehungskonstellationen der Figuren. Es werden die Interaktionen zwischen Piachi, Elvire und Nicolo sowie deren Auswirkungen auf die Entwicklung der Gewalt im Verlauf der Novelle untersucht.
Schlüsselwörter
Die Arbeit analysiert die komplexe Beziehung zwischen Liebe und Gewalt in Heinrich von Kleists Novelle "Der Findling". Zentrale Themen sind die Darstellung von Gewalt in ihren verschiedenen Ausdrucksformen, Kleists Familienmodell, die Rolle der Liebe in Kleists Werk und die Interaktion zwischen Liebe und Gewalt als Triebkräfte der Handlung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in Kleists Novelle "Der Findling"?
Die Novelle thematisiert die zerstörerische Dynamik innerhalb einer Familie, die durch die Aufnahme des Findlings Nicolo entsteht, und beleuchtet das Zusammenspiel von Liebe, Identitätsverlust und Gewalt.
Welche Formen der Gewalt treten im Werk auf?
Gewalt zeigt sich nicht nur physisch, sondern auch psychisch und strukturell, oft als Ausbruch aus gesellschaftlichem Konformismus oder als Folge individueller Mangelerscheinungen.
Welche Rolle spielt die Identität für Nicolo?
Nicolo leidet unter dem Verlust seiner familiären Identität und fühlt sich in seine neue Familie nur auf wirtschaftlicher Basis eingebunden, was schließlich in gewaltsamen Handlungen mündet.
Warum scheitert das Familienmodell im "Findling"?
Das Scheitern liegt an den unerfüllten Bedürfnissen aller Beteiligten: Piachi findet keinen echten Familienersatz, Elvire trauert ihrem Liebhaber nach und Nicolo bleibt ein Fremdkörper.
Wie wandelt sich die Gewalt im Verlauf der Novelle?
Sie entwickelt sich von einer rein psychischen Komponente hin zu einer eskalierenden physischen Gewalt, die in einem grausamen Ende für die gesamte Familie gipfelt.
- Quote paper
- Kristian Seewald (Author), 1995, Liebe und Gewalt im "Findling", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/15116