Klimakrise, Demokratiekrise, aufflammende Kriege – das 21. Jahrhundert ist gespickt mit akuten Krisenherden in Gestalt globaler Herausforderungen, die sich zum Teil potenziell existenzbedrohend für die Menschheit zeigen. Dieser permanente Krisenzustand ruft eine neue Aktualität der Angewandten Ethik ins Leben, die jedoch nicht unumstritten ist, denn der philosophischen Disziplin werden diverse Anwendungsprobleme attestiert. Daher intendiert die vorliegende Hausarbeit, die der Angewandten Ethik unterstellten Schwachstellen vorzustellen und hierbei der These nachzugehen, dass das wissenschaftliche Fachgebiet diese nicht zu bewältigen vermag.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Angewandte Ethik – Antwort auf ein „ethisches Vakuum“
2.1 Begriffliche Einordnung der philosophischen Disziplin
2.2 Das historisch bedingte Selbstverständnis der Angewandten Ethik
3. Die Anwendungsprobleme der Angewandten Ethik
3.1 Die Theorie-Praxis-Kluft
3.2 Die Problematik der Gewichtung
3.3 Der Moralische Relativismus
3.4 Der Sein-Sollens-Fehlschluss
4. Lösungsangebote der Angewandten Ethik – Doch lösen diese die Probleme tatsächlich?
4.1 Die Methode des Überlegungsgleichgewichts
4.2 Die Methode des Abwägens und der Spezifizierung
4.3 Eine Universalmoral als Minimalkonsens
4.4 Die Angewandte Ethik als Sonderfall
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Selbstverständnis und die Anwendungsprobleme der Angewandten Ethik, um der These nachzugehen, dass das Fachgebiet angesichts zentraler Schwächen nicht imstande ist, moralische Konflikte verlässlich zu lösen.
- Kritische Analyse von Anwendungsproblemen (Theorie-Praxis-Kluft, Gewichtung, Relativismus, Sein-Sollens-Fehlschluss)
- Untersuchung des historisch bedingten „ethischen Vakuums“ nach Hans Jonas
- Bewertung von Lösungsansätzen wie dem Überlegungsgleichgewicht und der Methode der Spezifizierung
- Diskussion über die Notwendigkeit einer Universalmoral als Minimalkonsens
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Theorie-Praxis-Kluft
Das erste Anwendungsproblem, welches die Hausarbeit unter dem Schlagwort „Theorie-Praxis-Kluft“ vorstellen möchte, speist sich aus der präsentierten Behauptung der Angewandten Ethik, sie könne ethisch solide Handlungsempfehlungen auf Grundlage allgemeiner Ethik-Theorien abgeben. Die Problematik basiert somit auf der typisch deduktiven Vorgehensweise der Angewandten Ethik. Moralisches Denken folgt generell einer deduktiven Struktur, das heißt, dass normative Urteile von übergeordneten Prinzipien abgeleitet werden. Dieser deduktiv-hierarchische Aufbau gewährleistet „[...] die Durchsichtigkeit, Nachvollziehbarkeit und Überprüfbarkeit des gesamten Systems“ einer ethischen Theorie (Bayertz 1991: 10).
Das sogenannte Top-Down-Modell, auf welches sich eine Vielzahl der Vertreter:innen der Angewandten Ethik hinsichtlich des Anwendungsprozesses beruft, baut auf eben dieser deduktiven Struktur. Wie der Name des Modells vermuten lässt, veranschaulicht es die Verfahrensweise, bei der ethische Prinzipien „von oben nach unten“ auf eine bestimmte Situation angewendet werden (vgl. Knoepffler 2010: 50). Einige Vertreter:innen der Angewandten Ethik sprechen in diesem Zusammenhang von einem Relevanzgefälle und bemängeln eine Abwertung der Praxis gegenüber der Theorie, die mit einer Geringschätzung der Angewandter Ethik einhergehe (vgl. Bayertz 1991: 12-13). Anhand des Top-Down-Ansatzes lässt sich gut die Theorie-Praxis-Kluft demonstrieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Krisenhaftigkeit des 21. Jahrhunderts und der daraus resultierenden Skepsis gegenüber der Angewandten Ethik.
2. Die Angewandte Ethik – Antwort auf ein „ethisches Vakuum“: Historische Einordnung des Fachbereichs und Analyse des Selbstverständnisses unter Bezugnahme auf Hans Jonas.
3. Die Anwendungsprobleme der Angewandten Ethik: Detaillierte Darstellung von vier zentralen Herausforderungen, die der Disziplin einen Rechtfertigungszwang auferlegen.
4. Lösungsangebote der Angewandten Ethik – Doch lösen diese die Probleme tatsächlich?: Kritische Prüfung verschiedener methodischer Ansätze zur Problemlösung auf ihre Wirksamkeit.
5. Fazit und Ausblick: Resümee der Arbeit mit der Prognose zur zukünftigen Relevanz der Angewandten Ethik trotz existierender Schwächen.
Schlüsselwörter
Angewandte Ethik, Theorie-Praxis-Kluft, Moral, Ethisches Vakuum, Hans Jonas, Normative Ethik, Moralische Dilemmata, Überlegungsgleichgewicht, Universalmoral, Moralische Tatsachen, Kulturrelativismus, Menschenrechte, Sein-Sollens-Fehlschluss, Verantwortungsethik, Diskurs.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Angewandte Ethik als wissenschaftliches Fachgebiet und hinterfragt kritisch, ob sie den an sie gestellten Anspruch, moralische Probleme praxistauglich zu lösen, tatsächlich erfüllen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Begründung von Moral, das Verhältnis von Theorie und Praxis, die Herausforderung durch moralische Konflikte in einer pluralistischen Gesellschaft sowie die Frage nach universeller Geltung von Werten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist die Untersuchung der vier zentralen Anwendungsprobleme des Fachbereichs und die Überprüfung, ob vorgeschlagene Lösungsmethoden die theoretischen Schwächen der Angewandten Ethik tatsächlich beseitigen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Hausarbeit, die methodisch durch eine Literaturanalyse der relevanten (meta-)ethischen Debatten sowie eine kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen Modellen wie dem Top-Down- und Bottom-Up-Ansatz erfolgt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil diagnostiziert das „ethische Vakuum“, erläutert die Theorie-Praxis-Kluft sowie Gewichtungs- und Relativismusprobleme und evaluiert Lösungsversuche wie das Überlegungsgleichgewicht und die Forderung nach einer Universalmoral.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Angewandte Ethik, Theorie-Praxis-Kluft, Moral, Normative Ethik, Relativismus, Universalmoral, Sein-Sollens-Fehlschluss.
Was genau bedeutet der Begriff „ethisches Vakuum“ in diesem Kontext?
Der Begriff, geprägt von Hans Jonas, beschreibt die historische Leerstelle, die entstanden ist, weil traditionelle moralische Konzepte auf die rasanten technologischen und ökologischen Herausforderungen der Moderne keine ausreichenden Antworten geben konnten.
Inwiefern ist das „Sein-Sollens-Problem“ für die Angewandte Ethik so brisant?
Weil es die Legitimität der Normativen Ethik als Wissenschaft grundsätzlich infrage stellt, indem es argumentiert, dass aus rein deskriptiven Aussagen über die Welt keine wertenden Anweisungen (Sollen) abgeleitet werden dürfen.
- Citation du texte
- Michelle Tannrath (Auteur), 2024, Die Angewandte Ethik als "Füllmasse" eines historisch gewachsenen "ethischen Vakuums"?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1511721