Fernsehen als Ideologie - Eine Auseinandersetzung mit Adornos Fernsehanalysen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

22 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Ideologiebegriff

3. Fernsehen als Ideologie bei Adorno
3.1 Der formal-ideologische und der inhaltlich-ideologische Charakter des Fernsehens

4. Kritik an Adorno
4.1 Die inhaltlichen und formalen Ideologien des heutigen Unterhaltungsfernsehens
4.2 Die inhaltlichen und formalen Ideologien des heutigen Informationsfernsehens

5. Schluss

Anhang:

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit möchte ich mich mit Adornos Fernsehuntersuchungen beschäftigen, die er in den 50-iger und 60-iger Jahren durchführte. Adorno behauptet aufgrund dieser Untersuchungen, dass das Fernsehen Ideologie sei und Ideologie vermittle. In meiner Arbeit gehe ich deshalb erst auf den Begriff der Ideologie ein. Im darauf folgenden Schritt möchte ich erläutern, weshalb Adorno das Fernsehen und seine Inhalte mit Ideologien in Verbindung bringt. Dies tue ich anhand einer Darstellung und Deutung von Adornos Untersuchungen zum Fernsehen. Diese Darstellung bezieht sich auf Adornos Texte „Prolog zum Fernsehen“, „Fernsehen als Ideologie“, „Kulturindustrie“ und auf ein mit Adorno im Jahre 1963 geführtes Interview, das unter dem Namen „Fernsehen und Bildung“ erschien.

Im folgenden Teil setze ich mich dann mit Adornos Theorie und seiner These, Fernsehen sei und erzeuge Ideologien, auseinander. Dieses tue ich, in dem ich zwischen Unterhaltungs- und Informationsfernsehen differenziere. Adorno hat diese Unterscheidung nicht vorgenommen, doch sie erschien mir notwendig, um der heutigen Weiterentwicklung des Fernsehens gerecht zu werden. Darüber hinaus erscheint mir diese Differenzierung sinnvoll, um darzulegen, weshalb meiner Meinung nach nicht alle Ideologien, die im und durch das Fernsehen vermittelt werden, den Menschen in seiner Weltwahrnehmung beeinflussen. Die Differenzierung erleichtert mir anschließend auch die Erklärung, weshalb ich die Ideologien des Informationsfernsehens problematischer für das menschliche Bewusstsein von Realität halte, als die Ideologien des Unterhaltungsfernsehens.

2. Zum Ideologiebegriff

Adorno benutzt in seinen Ausführungen zum Fernsehen oft den Begriff der Ideologie. Um seine Position verstehen zu können, halte ich es für notwendig, vorab den Begriff der Ideologie zu erklären. Da Adorno selbst in seinen Texten keine Definition des Begriffes Ideologie anführt, stimme ich der Begriffsdefinition von Armin Puller zu, der unter dem Begriff der Ideologie ein „gesellschaftlich notwendiges und objektiv falsches Bewusstsein[1] versteht. Im Folgenden möchte ich diese Definition erläutern. Wie jedes Bewusstsein ist auch ideologisches Bewusstsein abhängig von gesellschaftlichen Verhältnissen. Es ist eine Bewusstseinsform, die Teile der Realität ausblendet, obwohl genug Möglichkeiten vorhanden wären, sich Kenntnisse über diese ausgeblendeten Aspekte zu beschaffen. Wenn im Jahre 2008 ein Mensch behauptet, die Erde sei in genau 7 Tagen von einem allmächtigen Gott erschaffen worden und Evolutionsprozesse ignoriert, dann ist sein Denken ideologisch, denn er klammert bewusst Wissen aus, das in unserer Gesellschaft schon lange allen Menschen zur Verfügung steht, bzw, aufgrund von vielen Informationsquellen jedem zugänglich sein könnte. Dagegen würden wir jedoch eine falsche physikalische Theorie aus dem Mittelalter nicht als ideologisch bezeichnen. Wenn ein Mensch im Mittelalter davon überzeugt war, dass die Form der Erde eine Scheibe gewesen sei, dann hatte er zu der Zeit keinerlei technisches Wissen, das ihn eines Besseren hätte belehren können. Die Gesellschaft war noch nicht so weit entwickelt, um zu erkennen, dass die Erde eine Kugelform hat. Auch würden wir in heutiger Zeit eine Theorie über physikalische Phänomene nicht als ideologisch bezeichnen, wenn sich herausstellt, dass ihr Erfinder versehentlich falsche Messergebnisse herausbekommen hat und sie in dem Glauben veröffentlicht hat, der Menschheit zu mehr Wissen zu verhelfen.

Weil Teile der Wirklichkeit ausgeblendet werden, obwohl das Wissen darüber zur Verfügung steht, sind Ideologien objektiv falsch. Daran ändert sich auch nichts, wenn einem die Ideologiehaftigkeit seines Bewusstseins nicht bewusst ist. Ich wage zu behaupten, dass eine alte Frau, die verzückt vor dem Fernseher einen Film von Rosamunde Pilcher anschaut und glaubt, dort werde ein realistisches Bild vom Verlauf menschlicher Beziehungen gezeigt, ebenso einer Ideologie verfallen ist, wie ein religiöser Sektenführer, der bewusst mit Hilfe einer bestimmten ideologischen Weltsicht eine Menge Leute an sich binden möchte. Egal, ob Ideologien bewusst oder unbewusst sind, sie sind immer objektiv falsch.

Eine Definition des Begriffes „Ideologie“, die diese als „ gesellschaftlich notwendig und objektiv falsch“ charakterisiert ist notwendig, wenn man Ideologiekritik verübt und Ideologien als falsch entlarven möchte Benutz man den Begriff „objektiv falsch“, dann impliziert das, dass es etwas gibt, was „objektiv richtig“ ist. Jegliche Ideologiekritik geht demnach davon aus, dass es etwas gibt, das für alle Menschen richtig ist. Auch Adorno schien dies voraus zu setzen, wenn er die Meinung vertrat, Fernsehen erzeuge und sei objektiv, falsches Bewusstsein. Es bleibt jedoch fraglich, ob und was es geben kann, das „objektiv richtig“ ist.

3. Fernsehen als Ideologie bei Adorno

Bevor ich näher auf Adornos Darlegung zum Fernsehen eingehe, halte ich es für wichtig, vorab zu bemerken, dass Adorno seine Ausführungen zum Fernsehen im Jahre 1953 durchgeführt hat. Daher sind einige seiner Begrifflichkeiten nicht direkt übertragbar in den heutigen technischen Kontext des Fernsehens, können aber dennoch an Phänomenen des heutigen Fernsehens erklärt werden.

Adornos Ausführungen zum Fernsehen lassen sich nicht erklären, wenn man nicht auch auf seine Begriffe von Kunst und Kulturindustrie zu sprechen kommt. Unter „Kulturindustrie“ versteht Adorno das industrielle Produzieren von Kunst, das wie am Fließband geschieht und den Aspekt der Qualität der Produkte zugunsten von Quantität opfert, da sich mit den fließbandartigen Kulturprodukten viel Geld verdienen lässt. Kunst und Fernsehen als ein mächtiger Faktor der Kulturindustrie scheinen bei Adorno dialektisch miteinander verknüpft zu sein. Je mächtiger die Kulturindustrie, desto weniger geringeren Stellenwert hat das Kunstwerk an sich.

Schon zu Beginn seines Textes „Fernsehen als Ideologie“ wird deutlich, dass Adorno Fernsehen nicht als künstlerisches Medium ansieht. Wirkliche Kunst muss nach Adorno losgelöst von menschlichen Maßstäben sein und kann für sich alleine stehen. Fernsehen dagegen fehle es an „ästhetischer Autonomie[2] Das Fernsehen ist immer an den Markt und somit an die Gesellschaft gebunden und kann nicht autonom für sich selbst stehen. Außerdem muss Kunst nach Adorno den Menschen befähigen, die ihn umgebende Gesellschaft kritisch zu sehen, zu hinterfragen. Genau das tut das Fernsehen nach Adorno jedoch nicht. Adorno ist der Meinung, dass genau das Gegenteil der Fall sei, denn das Fernsehen sorge als Ideologie dafür, dass eine kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft verhindert werde. Adorno geht also davon aus, dass Fernsehen Ideologie ist und Ideologien produziert, also falsches Bewusstsein ist und hervorruft. Er unterscheidet zwischen einen formal-ideologischen und einen inhaltlich- ideologischen Charakter des Fernsehens, die jedoch eng zusammen hängen.[3] Im Folgenden möchte ich beide Begriffe erklären.

3.1 Der formal-ideologische und der inhaltlich-ideologische Charakter des Fernsehens

Adorno erwähnt den formal-ideologischen Charakter des Fernsehens in einem Interview mit Hellmut Becker und erklärt ihn folgendermaßen:

„ …. Darüber hinaus gibt es noch etwas wie einen formal-ideologischen Charakter des Fernsehens, dass sich nämlich eine Art von Fernsehsüchtigkeit entwickelt, bei der schließlich das Fernsehen, wie andere Massenmedien auch, eigentlich durch seine bloße Existenz zum einzigen Bewusstseinsinhalt wird und durch die Fülle der Angebote die Menschen ablenkt von dem, was eigentlich ihre Sache wäre und was sie eigentlich angeht…“[4]

Wenn Adorno davon spricht, dass es einen formal ideologischen Charakter des Fernsehens gibt, der allein in der Tatsache begründet ist, dass es Fernsehen gibt, dann bedeutet dies, dass dieser formal-ideologische Charakter des Fernsehens unabhängig von allen Inhalten ist und sich auf die Beschaffenheit des Fernsehens bezieht. Der Fernsehapparat an sich lenkt demnach die Menschen von dem ab, „was eigentlich ihre Sache wäre und was sie eigentlich angeht.“[5] Diese etwas wage Formulierung ist bei Adorno nicht näher definiert, kann aber meines Erachtens auf zweierlei Art verstanden werden:

[...]


[1] http://evakreisky.at/2007-2008/Vorles_8_Ideologie_IIpdf, letzter Zugriff am 10.09.2008

[2] Theodor W. Adorno: Fernsehen als Ideologie: in: Eingriffe. Neun kritische Modelle, Frankfurt a.M.1963, S. 81

[3] Theodor W. Adorno: Fernsehen und Bildung: in: Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt a.M. 1971, S.57

[4] Ebda,

[5] Ebda

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Fernsehen als Ideologie - Eine Auseinandersetzung mit Adornos Fernsehanalysen
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Geschichtswissenschaft, Theologie und Philosophie- Abteilung Philosophie)
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
22
Katalognummer
V151199
ISBN (eBook)
9783640626045
ISBN (Buch)
9783640626113
Dateigröße
458 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fernsehen, Ideologie, Eine, Auseinandersetzung, Adornos, Fernsehanalysen
Arbeit zitieren
Anne-Kathrin Mische (Autor), 2009, Fernsehen als Ideologie - Eine Auseinandersetzung mit Adornos Fernsehanalysen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/151199

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