Das Problem, mit dem sich alle Moraltheorien konfrontiert sehen, ist das der Begründung und Legitimität ihrer Normativität. Dies resultiert aus dem Umstand, dass jede Moral gewisse Verpflichtungen und Einschränkungen mit sich bringt, denen sich ihre Mitglieder unterwerfen müssen. Im Gegensatz zu einer Despotie, in der Untertanen durch bloßen Zwang dazu genötigt werden können, ist es innerhalb von Moralgemeinschaften erforderlich, die Mitglieder durch Gründe davon zu überzeugen, es freiwillig zu tun. Dies kann nur geschehen, wenn die Mitglieder sowohl die Herrschaft als auch die Verpflichtungen als legitim ansehen. Auf welchem Wege dies geschehen soll, darüber herrscht jedoch Uneinigkeit.
Die meisten Legitimierungen sind laut Peter Stemmer wenig vielversprechend. Dem theonomen Moralverständnis, welches durch die lang zurückreichende Tradition tief im Gedankengut unserer Kultur verankert ist und noch immer stark unsere moralischen Begriffe prägt, wurde im Zuge der Aufklärung und der Etablierung der Evolutionstheorie die normative Kraft entzogen. Versuche, die tragenden Konzepte und die Leerstelle, die Gott als Gesetzgeber hinterlassen hat, mit Begriffen wie Gesellschaft, Gewissen oder Kants Vernunftbegriff zu füllen, scheitern seiner Ansicht nach, da Religion und Moral derart eng verknüpft sind, dass ein nachträglicher Austausch nicht ohne weiteres möglich ist. Auch Versuche, die eine radikale Revision unserer Moralvorstellungen betreiben und den Forderungs- und Verpflichtungscharakter zugunsten einer Mitleidsmoral oder dem Streben nach Glück fallen lassen, steht Stemmer skeptisch gegenüber. Für ihn liefert der Kontraktualismus die überzeugendsten Gründe, sich moralisch zu verhalten, da er allein auf Rationalität beruht. Die Fokussierung auf Rationalität birgt jedoch auch Nachteile, da sie einen zwingt, mit vielen durch die christliche Moral geprägten Intuitionen zu brechen. Dies kann dazu führen, dass Stemmers Vorschlag trotz oder gerade wegen seiner rationalen Begründung für viele unattraktiv erscheint. Ich möchte in dieser Arbeit speziell an diesem Punkt einhaken und betrachten, ob die negativen Konsequenzen wirklich so zwingend sind, wie Stemmer anführt, oder ob es vertretbare Alternativen gibt. Zunächst werde ich darauf eingehen, wie Stemmer seinen moralischen Kontraktualismus konzipiert. Im zweiten Teil werde ich zwei meiner Ansicht nach zentrale Kritikpunkte diskutieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Stemmers moralischer Kontraktualismus
2.1 Quelle und Status der moralischen Normativität
2.2 Umfang und Inhalt der Moral
2.3 Grenzen der Moralgemeinschaft
2.4 Altruismus und Quasi-Moral
3. Kritik und Alternativen
3.1 Die Prämisse des moralischen Skeptikers
3.2 Altruismus und Ideale als optionale Vereinbarung
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Peter Stemmers kontraktualistische Moralkonzeption kritisch im Hinblick auf deren Reichweite und die Integration altruistischer Ideale. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, ob die strenge rationale Begründung der moralischen Normativität, die Stemmer fordert, zwangsläufig zu einem Ausschluss zentraler sozialer und altruistischer Intuitionen führen muss oder ob alternative Begründungsmodelle eine umfassendere Moral ermöglichen würden.
- Analyse der kontraktualistischen Grundlagen und der Rolle des moralischen Skeptikers
- Untersuchung der Konsequenzen für die Abgrenzung der Moralgemeinschaft
- Kritische Würdigung der Quasi-Moral und des Status altruistischer Ideale
- Diskussion alternativer Wir-Verständnisse als moralische Handlungsmaxime
Auszug aus dem Buch
3.2 Altruismus und Ideale als optionale Vereinbarung
Wie beschrieben ordnet Stemmer alle sozialen Ideale und altruistischen Handlungen als rational möglich, aber nicht zwingend, dem Bereich der Quasi-Moral zu. Somit besitzen sie nur zwischen den Personen Gültigkeit, die die entsprechende Ideale teilen. Zu diesem Punkt kommt man, wenn man die Prämisse des Skeptikers zugunsten einer Moral, die vor jedem rechtfertigbar ist, folgt. An dieser Stelle ergibt sich eine weitere Schwierigkeit, deren Beantwortung meines Erachtens nicht so fraglos ist, wie Stemmer es ausführt.
„Ob und in welchem Maße wir uns zugunsten anderer verhalten, hängt […] weit mehr davon ab, Menschen welcher Art wir sind und sein wollen“81, erklärt Stemmer und will damit deutlich machen, dass „unser Verhalten zugunsten anderer in größerem Ausmaß als angenommen außerhalb der Grenzen der Moral angesiedelt ist“82. Dies soll zunächst einmal nur suggerieren, dass wir Moral für ein soziales Miteinander nicht unbedingt benötigen, es zieht aber noch weitere Konsequenzen nach sich. Wie vorangehend erwähnt (Kap. 2.4), ist der Status altruistischer Handlungen zugunsten anderer ein deutlich schwächerer als in anderen gängigen Moraltheorien, da sie nur optional sind. Selbst gegenüber jemandem, der sich strickt an die Vorgaben der Minimalmoral hält und darüber hinaus nicht ein einziges mal altruistisch handelt, hat man kein Recht, sich moralisch zu empören, da er nichts falsch gemacht hat. Es bleibt einem lediglich zu konstatieren, dass man selbst ein Ideal hat und der andere eben nicht.83 Damit reduziert Stemmer derartige Ideale und die damit verbundenen Werturteile auf die Qualität einer Geschmacksfrage, die ihrer Komplexität in meinen Augen nicht gerecht wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Problematik der moralischen Begründbarkeit und führt in die skeptische Position von Peter Stemmer ein, die den Kern der Untersuchung bildet.
2. Stemmers moralischer Kontraktualismus: Dieses Kapitel legt die theoretischen Grundlagen von Stemmers Kontraktualismus dar, insbesondere die Themen Normativität, Umfang der Moral und die Kriterien für die Zugehörigkeit zur Moralgemeinschaft.
3. Kritik und Alternativen: Der Autor hinterfragt die Prämisse des moralischen Skeptikers und diskutiert, inwiefern soziale Ideale und altruistisches Handeln auch ohne den Ausschluss aus der Moral oder die Degradierung zur Quasi-Moral integriert werden könnten.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht, dass alternative Perspektiven, wie ein Wir-Verständnis, die Konsistenz des Kontraktualismus wahren könnten, ohne dabei gängige moralische Intuitionen zu verwerfen.
Schlüsselwörter
Kontraktualismus, Peter Stemmer, Moraltheorie, Normativität, moralischer Skeptiker, altruistische Ideale, Quasi-Moral, Moralgemeinschaft, rationale Begründung, Wir-Verständnis, Gerechtigkeit, soziale Moral, Handlungsmaxime, Ethik, Vertragsmodell.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der kontraktualistischen Moraltheorie von Peter Stemmer und untersucht, wie diese den Begründungsanspruch von Moral interpretiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Rolle des moralischen Skeptikers, die Abgrenzung der Moralgemeinschaft sowie der Status, den Ideale wie Gleichheit und Gerechtigkeit im System von Stemmer einnehmen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es wird untersucht, ob Stemmers strikte Fokussierung auf rationale Begründbarkeit zwangsläufig zu einem Verlust sozialer und altruistischer Gehalte in der Moral führt und ob Alternativen existieren, die dies verhindern könnten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die kritische Exegese und philosophische Analyse von Textquellen, um Stemmers argumentatives System zu dekonstruieren und mit alternativen Ansätzen zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert schrittweise Stemmers Moralbegriff, diskutiert seine Kriterien für die Aufnahme in die Moralgemeinschaft und kritisiert die darauf aufbauende Unterteilung in Moral und Quasi-Moral.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Kontraktualismus, moralische Normativität, skeptische Prämisse und die Integration altruistischer Ideale geprägt.
Warum spielt der moralische Skeptiker eine so zentrale Rolle für Stemmer?
Der Skeptiker dient Stemmer als Maßstab für eine "vor jedem rechtfertigbare" Moral; nur Argumente, die auch einen Skeptiker überzeugen, gelten bei ihm als legitim.
Welche Kritik übt der Autor an der Idee der "Quasi-Moral"?
Der Autor bemängelt, dass durch die Einstufung altruistischer Ideale als "Quasi-Moral" diese als bloße Geschmacksfragen entwertet und ihrer notwendigen gesellschaftlichen Durchsetzungskraft beraubt werden.
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- Ella Blakefield (Author), 2016, Peter Stemmers moralischer Kontraktualismus. Überlegungen zur Integration altruistischer Ideale in eine kontraktualistische Moral, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1512140